Blog

  • Noch einmal Golf …

    Noch einmal Golf …

    Es ist nun Mai 1935 und Emma findet sich auf einem Golfplatz wieder. Mit diesem Sport hat sie nicht viel zu tun, aber ihr Schwiegervater spielt nicht nur sehr gut, er tut es auch, um seinen Einfluss zu vergrößern. Als Gegner der Faschisten unternimmt er alles, was ihm legal und moralisch anständig möglich ist, um seine Stimme noch hörbarer zu machen. Als wirklich erfolgreicher Verleger diverser Zeitungen und Magazine gelang ihm da immer schon, doch andere schreien lauter und lauter – ein Wettkampf der Lügen und Verleumdungen, in den er nicht einsteigen will. Persönlich und privat, charmant und clever, gesellschaftlich gewandt und grundsätzlich generös – so sieht sein Vorgehen aus. Dass er dabei Kontakte beim Golfen pflegt, versteht sich für einen Mann seiner Position von selbst.

    Cover Mrs Beresford 4, Illustration, Golfplatz, Emma in Pulli und Rock, 1935

    Golf ist in England mittlerweile, das erzähle ich im ersten Beitrag schon, kein Nischensport mehr, kein schottisches Kuriosum. Es ist der Sport der Geschäftswelt, der Aristokratie und der Politik. Nicht alle spielen, weil sie Golf lieben. Sie spielen auch, weil sie wissen, wie wichtig es ist, auch hier dazuzugehören. Und für einen Londoner Verleger wie Henry Beresford ist es eine Selbstverständlichkeit, einem Club anzugehören, der Prestige mit sich bringt, aber dennoch ein gewisses Verständnis für soziale Gerechtigkeit zeigt.


    Dieser Verein liegt im Old Deer Park in Richmond, etwa neun Meilen südwestlich der Londoner Innenstadt – das wäre für Henry Beresford bei nicht zu viel Verkehr eine gute Stunde Fahrt (und für Sybil Mallaby kaum eine Dreiviertelstunde!), bis er frische Luft schnuppern und seinem Hobby, das nicht wirklich eines ist, nachgehen kann.
    Das Gelände, auf dem der Platz liegt, ist Krongut, gehört also der königlichen Familie. Im Norden grenzt es an Kew Gardens, im Westen läuft die Themse. Eine schöne Gegend also, grün, angenehm kühl und frei verglichen mit der drückenden Atmosphäre der Hauptstadt.
    Unbedingt auch ein netter Ausflug für Emma, die stets gut zu Fuß war und gelegentlich die Ausflüge auf den Drachenfels und in den Kottenforst vermisst. Bestimmt gefällt ihr der Golfplatz mit seinen zwei 18-Loch-Kursen, wenn er auch nicht ganz so natürlich ist, wie er erscheint; künstlich aufgeschüttete Hügel machten aus dem flachen Gelände eine Landschaft mit mehr Charakter und Herausforderung.


    Royal Mid-Surrey nahm von seiner Gründung 1892 an Frauen als Mitglieder auf — das war selten und fortschrittlich; der innere Kurs wurde explizit als Damenkurs angelegt. Man spielte gemeinsam und doch getrennt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass es bis 1936 zwei separate Gebäude gab: Das Hauptclubhaus gehörte den Männern — Bar, Speisesaal, Kartenraum, Umkleide. Die Frauen hatten ihren eigenen (natürlich kleineren) Pavillon. Man wollte es mit diesen modernen Sitten sicherlich nicht übertreiben. Ein gemeinsames Clubhaus war also noch nicht vorhanden, als Emma ihren Schwiegervater zum ersten Mal hierher begleitet. Gewiss aber fanden Bälle, Diners und Preisverleihungen nicht getrennt statt – vielleicht gab es sogar wilde Parties im Clubhaus. Vermute ich aus einem Grund, zu dem ich gleich noch komme. Ich mag mich da aber auch irren.


    Das Privileg, Mitglied im RMS zu sein, hatte Henry sich nicht erkauft. Das ging nicht. Oder vielleicht gelang es doch mal dem einen oder anderen, wer weiß? Aber die Regel lautete: Wer hinein will, benötigt eine Einladung von einem Mitglied, das außerdem für einen bürgt. Ein zweites Mitglied muss die Einladung unterstützen und dann stimmt ein Komitee ab. Natürlich geht das nicht flott. Im Gegenteil. Geduld ist eine Tugend und es braucht halt seine Zeit, bis man sich von der Würdigkeit des Eingeladenen überzeugt hat. Und von seiner Zahlungskräftigkeit vermutlich auch. Aber erhielt man die Zusage, dann war Stolz angebracht.
    Na ja, wenn man all das braucht und in Ordnung findet. Henry war nicht unbedingt stolz. Oder nicht mehr; er ist seit zwanzig Jahren Clubmitglied und durfte miterleben, wie der RMS zu höchsten Ehren kam.


    König Georg V. verlieh dem Club 1926 diesen Status — auf Wunsch seines Sohnes, des Prince of Wales, der in jenem Jahr Kapitän des Clubs wurde. Neun Jahre später, im Sommer 1935, ist Edward immer noch Mitglied. Er spielt Golf bei Fort Belvedere in Windsor, seinem privaten Rückzugsort, aber gelegentlich spielt er auch noch in Richmond, meist wohl informell, als Golfer und Golfen. Und die, de wir Emma kennen, wissen, sie hofft sehr, ihm nicht zu begegnen. Was aber doch immer wieder der Fall sein wird. Eigentlich sollte sie die alte Geschichte längst vergessen haben; er erwähnt sie jedenfalls nicht mehr. Aber wenn er ihr zuzwinkert, ist doch klar, er erinnert sich bestens.

    Tja. Edward. Oder eigentlich David, wie ihn sein engster Kreis nennt. Könnte sein, dass er eine Rolle spielen wird. Vielleicht auch nicht. Er ist ja sehr beschäftigt. Mit Wallis Simpson, über die ich vor vielen, vielen Jahren etwas geschrieben habe, wobei ich ihre politischen Ansichten aus Gründen ausgeblendet habe, mein Ansatz war ein völlig anderer. Einer, den Emma und Henry nicht teilen müssen. Wir schauen mal, was daraus wird …


    Die was bitte?
    Die Artisan Section bei Royal Mid-Surrey war etwas Besonderes, auf das man vermutlich heute noch stolz ist. Was versteht man unter Artisan: „Artisan“ kommt aus dem Lateinischen und bezeichnete im englischen Klassensystem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die qualifizierten Handwerker — nicht die ungelernten Arbeiter, nicht die Mittelklasse, sondern Handwerker an der Grenze zum Künstlerischen; Männer, die in der Lage waren, die Visionen von Herrenhausbesitzern oder Golfclubvorständen umzusetzen: Gärtner, Maurer, Schreiner. Der Begriff war würdevoll, aber wie mit den Frauen kam man hier ohne klare Trennung und Abgrenzung nicht aus. Doch immerhin: Jene höheren Arbeiter, die den Platz pflegten, erhielten Spielrechte. Sie spielten auf demselben Rasen wie die regulären Mitglieder — zu anderen Zeiten natürlich, dafür aber auch mit einem eigenen kleinen Clubhaus.

    Ja, das ist also der erste Schauplatz vom nächsten Fall meiner Mrs Beresford. Was dort geschieht, wie oft wir dort sein werden, wer mitspielt? Wie immer habe ich keine Ahnung, das wird sich ergeben .)


    Quellen

    Royal Mid-Surrey Golf Club:
    https://www.rmsgc.co.uk/about/our-heritage/
    https://en.wikipedia.org/wiki/Royal_Mid-Surrey_Golf_Club


  • Den Schläger schwingen!

    Den Schläger schwingen!

    Es geht um Golf. Das Spiel mit dem kleinen Ball, den vielen Schlägern und einem Loch im Rasen, das weit entfernt liegt und in das doch möglichst flott der kleine Ball hinein geschlagen werden soll, stammt vermutlich aus Schottland. Dort wurde es bereits verbürgt seit dem 16. Jahrhundert gespielt (wie auch immer man auf diese Idee kam – allerdings frage ich mich auch bis heute, wie man darauf kam, getrocknete Blätter aufzurollen, sie sich in den Mund zu stecken und anzuzünden …), wenn auch zum Unwillen der jeweiligen Herrscher. Warum? Weil die Herren Lairds und Clanchiefs, all die Earls und Barons ihre Zeit nicht mit dem Spiel verplempern, sondern lieber das Bogenschießen und Fechten üben sollten. Wobei: Die ersten Golfbälle wurden aus Buchsbaumholz gefertigt und das benötigte man auch für Bögen. Die Herstellung der Golfbälle kostete also auch Zeit und Material, was man als Herrscher lieber für Kriegsvorbereitungen verwendet hätte. Dennoch: Offenbar besaßen all die Jakobs (oder James‘, wenn wir sie bei ihrem englischen Namen nennen wollen) auf dem schottischen Thron zu wenig Fantasie, um sich auszumalen, wie man mit einem gezielten Schlag auf weite Entfernung den Gegner würde ausknocken können. Obwohl – an Fantasie mangelte es manchen Jakobs eigentlich nicht; wer an Hexen glaubte und an ihre Ausrottung ging, musste schon eine wirklich kranke Vorstellungskraft besessen haben. Aber darum kümmert sich Moira McLeod, nicht wahr? Also zurück zum Thema:

    Die Zeit schritt voran und je mehr Menschen – sprich: Männer – es gab, die aufgrund von Landbesitz oder Geschäftserfolg Vermögen genug besaßen, um nicht ständig mit lästiger Arbeit beschäftigt sein zu müssen, desto populärer wurde es, die freie Zeit statt mit Langeweile mit sportlichen Aktivitäten auszufüllen. In Schottland war das sehr gerne Golf. Und Golf galt als so schottisch, dass in England, wo Sport ja nun besonders beliebt war, eben kaum Golf gespielt wurde. Was bitte kam schon Gutes aus Schottland? Außer Shortbread vielleicht und Tartanmuster und Whisky? Eben.
    Ok, es gab durchaus den einen oder anderen Golfclub in England, aber dass Golf hier nicht so recht zum Durchbruch, mochte auch am zweiten Ballmodell liegen, das nach den Holzbällen über Dekaden modern war: Ein mit Federn gefüllter Lederball, der unglaublich teuer und bei feuchtem Wetter unberechenbar war. Wenn der Ball nämlich feucht wurde, verlor er die Form, wurde matschig und flog nicht, wie er fliegen sollte. In England war man also nicht sonderlich begeistert von diesem Sport.

    Doch dann entdeckten Queen Victoria und ihr Gatte Albert (die beiden wieder mal – was sie mochten und nicht mochten, prägt England bis heute!) ihre Liebe zu Schottland und setzen damit einen Trend, zumal dank dem stetig wachsenden Gleisnetz eine Reise in die Highlands keine Expedition mehr war. Als dann auch noch der Golfball ein Makeover bekam und aus Guttapercha hergestellt wurde – er also formbeständiger, leichter und viel billiger wurde, da begeisterten sich die Engländer endlich für das Spiel. Schöne Landschaften, die sich für einen solchen Spielplatz eigneten, gab es genügende, und eine Vorliebe für Rasenpflege wird den Briten insgesamt schon von Asterix unterstellt. Auf jeden Fall entstand ein Golfplatz nach dem anderen; um 1890 sollen es etwa hundert gewesen sein. Zwanzig Jahre später waren es etwa 12.000. Wow. England überholte damit Schottland als das Land, in dem die meisten Plätze zu finden sind.


    Aber weshalb Golf?

    Golf hat einen Vorteil gegenüber anderen Sportarten: Man kann dabei so manches besprechen und das in freier Natur. Kein Publikum, keine Schiedsrichter, kein Lärm. Nur der Platz und die Person oder die Personen, mit denen man spielt und etwas besprechen mag. Perfekt für eine Gesellschaftsschicht, die es nicht mag, bei ihren Plänen und Ideen, bei ihren Abkommen und Mauscheleien belauscht zu werden. Na ja, ok, das ist jetzt übertrieben, das galt und gilt keinesfalls für die meisten der Spieler. Aber es erklärt, weshalb Golf im Vergleich zu Fußball oder Tennis bei manchen Männern besonders beliebt war. Unterhalte du dich mal beim Tennis über Goldminen in Afrika oder besteche einen korrupten Politiker beim Elfmeterschießen! Ha, ja, gar nicht so einfach, so ein bisschen Ruhe und Zweisamkeit wäre wünschenswert, wenn du solche Hobbys pflegst.

    Da war Golf ein Geschenk. Dein Erbonkel will keinen Penny rausrücken, um dich von deinen albernen kleinen Schulden zu befreien? Begleite ihn für vier Stunden beim Golf, spiel den geläuterten Neffen, strenge dich an, versprich ihm alles, lass dir Standpauken predigen und gehe als schuldenfreier Mann vom Grün.
    Dein Chef will den blöden Roderick befördern, nicht aber dich? Ein Glück, dass der Chef Golf spielt und meint, auf dem Platz ablesen zu können, wer der beste Mann für welchen Job ist. Rodericks Pech, dass er den Ball nicht trifft, während du lässig zu schwingen und einzulochen verstehst – gerade gut genug, um den Chef nicht zu überrunden. Drei oder vier Treffen auf dem Grün und Roderick ist Geschichte.
    Du willst die schöne Rosamund heiraten, aber ihr Papa hält dich für einen unfähigen Tunichtgut? Beweis ihm an Loch neun, wie gut du für sie sorgen wirst und versprich ihm, ganz schnell für den Firmenerben zu sorgen.
    Geschäftskonto, schwierige Beziehungen, Freunde, die sich sonst nichts zu sagen haben: Der Golfplatz ist das perfekte Refugium, der friedlichste Kampfplatz für all diese Männer.

    Für Männer? Nur für Männer?

    Ja und nein. Die Clubkultur in England ist bekanntermaßen eine ziemlich männliche Geschichte. Die meisten Clubhäuser, auch beim Golf, waren oft Orte, in denen die Herren ungestört von weiblicher Nörgelei (alles, was eine Frau sagt, muss ja nörgeln sein, nicht wahr?) dinieren, trinken, Karten spielen, Billard spielen und Zeitung lesen durften. War ihnen ja daheim sicherlich verboten, da musste man sich am Ende noch anhören, dass die Köchin kündigen will, der Sohn Ärger in der Schule macht oder die Schwiegereltern keine Lust mehr hätten, seine Rechnungen zu bezahlen. Kein Wunder also, dass der gewöhnliche Gentleman davon überzeugt war, es hätten Frauen auf dem Grün nichts zu suchen.
    Andere Herren sahen das anders. Aus unterschiedlichen Gründen:. Manche fanden, dass es reizend wäre, hübsche Damen zuzusehen und mit ihnen anbandeln zu können, so ganz informell. Manche aber auch waren grundsätzlich der Meinung, dass es für jede Gesellschaft von Vorteil wäre, Frauen gleichberechtigt zu behandeln.

    Und was sagten die Frauen, die es vermutlich satt hatten, dass über sie, aber nicht mit ihnen geredet wurde? Die gründeten eigene Clubs. Auch im Golf, der erste entstand um 1815 in Schottland; die Gründung der Ladies Golf Union folgte immerhin 1893 — die Zahl der Spielerinnen wuchs erheblich. Das schöne Geschlecht drängte also voran und bei der ständig wachsenden Zahl an Golfplätzen und Golfvereinen fand sich vermutlich für jede ambitionierte Sportlerin ein Ort, an dem sie den Schläger schwingen durfte. Anständig natürlich und angemessen. So soll ein schottischer Lord um 1900 herum öffentlich angeregt haben, Frauen sollten einen Golfball nicht weiter als 70 Yards schlagen — mit Verweis auf das „Unschickliche“ eines vollen Schwungs in modischer Damenkleidung. Was immer er damit meinte. Die sich drehende Hüfte vermutlich? Die Bewegung des weiblichen Hinterteils? Der fliegende Rock, der sich um die Beine wickelt? Heute wie damals jedenfalls möchte ich meinen, dass weder die Frau noch ihre Sportkleidung die Ursache sind, wenn sich ein Mann nicht benehmen kann. Frauen mal als Menschen zu betrachten, könnte helfen …
    Aber logisch, bei solchen Debatten idiotischster Natur ging es immer auch um Kontrolle und darum, das aufmüpfige Weibsvolk daran zu erinnern, wer die Macht innehält. Eine Macht, die überall, eben auch auf dem Grün ein wenig ins Wanken geriet. Mit den Zwanzigern war es endgültig: Die perfekte Frau trieb Sport, um ihre schlanke Linie zu erhalten. Solange die Männerwelt glaubt, die Damen täten das, um ihnen zu gefallen (was ja leider allzu oft stimmte und stimmt), solange war Sport kein Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung, sondern ein Schönheitsmittel, bei dessen Verwendung man zusehen durfte. Hübsche Frauen, die in schmalen Röcken neben einem über den Platz zogen, denen man Komplimente machen und sie ungestraft betrachten konnte, das war sicherlich auch ein Grund, sich im Golfclub anzumelden.

    Reizend, ganz reizend – und wenn man sich mal die Modezeitschriften jener Jahr ansieht, dann nahmen vor allem Schwimmsport, Tennis und Golf Einfluss auf das, was als schick und elegant galt. Draußen sein, sich bewegen, braun werden, schlank und beweglich bleiben, die Waden zeigen, selbstbewusst auftreten: Golf und die Neue Frau waren ein perfect match. Immer dann zumindest, wenn sie spielen durften; da gab es noch viele Clubs, die der Aufnahme zwar zustimmten, aber nur manche Tage und Tageszeiten für die Spielerinnen erlaubten. Gerne gab es auch getrennte Clubhäuser und getrennte Feiern. Weil ja Frauen immer nörgeln und Männer ein Schutzreservat benötigen. Aber immerhin: Spielen durften sie. Anständig gekleidet, lächelnd, freundlich, nicht fordernd. Kennt man ja. Taten sie auch, was vielleicht langsam dazu beitrug, Golfclubs von rein männlichen Domänen in gemischte gesellschaftliche Clubs zu verwandeln, in denen Frauen wahrhaftig in die Bar durften! Oha!


    So ein bisschen Skandal ging dann doch noch, sobald frau sich anders als erwartet zeigte. Wie es 1933 Gloria Minoprio tat. Die nämlich trat bei der British Ladies Championship in Hosen an — das erste Mal, dass eine Frau in Hosen auf einem britischen Golfplatz spielte. Nicht nur das: Ganz in Schwarz kam sie auch noch. Und zu spät. Man hatte sie aufgerufen, sie erschien nicht. Man rief sie erneut, nichts geschah. Erst, als man sie disqualifizieren wollte, sauste sie heran. In einem knallgelben Rolls Royce, dem sie entstieg. In Schwarz. Mit Hosen. Und wirklich nur mit einem einzigen Schläger für das gesamte Spiel. Das hatte sie am Tag zuvor angekündigt und damit schon für Aufregung gesorgt – es ist ja eine Wissenschaft für sich, für jeden Schlag, jedes Loch den passenden Schläger zu wählen. Sie gewann nicht, aber darauf kam es nicht an.


    Jetzt halt noch die Frage: Warum redet die Frau Instone plötzlich über Golf?
    Tja, wahrhaftig hat der Gatte mit diesem Sport begonnen. Full in, Hals über Kopf. An einem Samstagmorgen bin ich mal mit. Sehr ambivalent. Natürlich sehr schön, so viel gepflegtes Grün, viel Wasser, Hasen, Enten, Gänse. Schön, schön. Muss natürlich mit sehr viel Wasser erhalten werden. Das anderswo fehlen mag. Sehr ambivalent war das.
    Und dann manche der Leute. Die Blicke. Ich wäre schon aus Trotz mit meinem alten Corsa hingefahren, das hätte geschockt. Wirklich. Und der Gatte hat seinen Doktortitel für die Anmeldung benutzt. Aus Gründen. Macht er nie; als ich ihn kennenlernte, war er Steve. Dass er den Luxus einen zweiten Vornamen plus eines erarbeiteten Doktortitels in Anspruch nimmt, erfuhr ich viel später, so kurz vor Hochzeit irgendwie :D Ist dort auf dem Golfplatz aber nicht unbedeutend.
    Und nein, wir sind nicht reich. Ich selbst bin Autorin, also eher arm. Dem Gatten geht es gut. Den anderen dort eher übertrieben gut. Womit ein gewisses Selbstvertrauen einhergeht, dass eher selten gerechtfertigt scheint. Ich habe mich dennoch benommen und freundlich gelächelt. Der Gatte ignoriert das. Nicht mein Lächeln, obwohl: das auch meist. Aber in Australien ist Golf komplett anders. Lässig. Eher günstig. Ohne Mitgliedschaften. Nimm einen Schläger und leg los. Seine Freunde lachen sich krank über das Getue hier und ziehen ihn damit auf. Aber der Gatte will endlich wieder Golf spielen. Da müssen wir jetzt durch.

    Und es brachte mich auf eine Idee …
    Logisch, was auch sonst. Passt doch perfekt zu Mrs Beresford. Nicht das Golfspiel, nicht das drumherum. Aber das Setting. Lassen wir Emma ein wenig leiden und sich erneut fragen, ob Gefahr besteht, zum Snob zu werden. Dazu in ein paar Tagen mehr.


    Quellen

    Geschichte des Golfs:
    https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_golf
    https://golfbusinessnews.com/news/media/just-published-the-great-english-golf-boom-1864-1914-a-history/

    Frauen und Golf:
    https://www.scottishgolfhistory.org/early-womens-golf/womens-golf-the-fashion-pages/

    Gloria Minoprio:
    https://www.si.com/golf/news/the-story-of-gloria-minoprio-the-mysterious-golfer-in-black
    https://sovereigngolfersociety.substack.com/p/gloria-minoprio-and-her-grand-illusion

    Geschichte des Golfrocks:
    https://www.anewgolfusa.com/blogs/news/history-of-the-golf-skirt-women

  • Das Schreiben in bedrohlichen Zeiten

    Das Schreiben in bedrohlichen Zeiten

    Vor längerem schon hatte ich darüber geschrieben, wie es mir bei dem Gedanken geht, Emma – meine erste und fleißigste Heldin – in das Dritte Reich zu führen. Ich glaube, damals hatte ich sogar vor, sie länger als bis zum Sommer 1936 in Bonn bleiben zu lassen. Zumindest hatte ich das vor, als ich merkte, dass ich dieses erste Buch nicht nur zu Ende schreiben, sondern die Geschichte fortführen würde.

    Doch als Emma in die 1930er eintrat, da hatte sich schon unsere Gegenwart so sehr verändert, dass mir wahrhaftig Mut und Puste ausgingen, die Jahre bis zu Hitlers Regierungsübernahme zu schildern. Ich machte einen Sprung vom Herbst 1930 in den Sommer 1933 – und floh. Halbwegs zumindest, denn natürlich begleite ich Emma nun in England und obwohl sich die Vorzeichen ihres Alltags vollkommen gewandelt haben und Bonn zunächst weit fort erscheint, hat sich die Welt um sie herum nicht im Geringsten verbessert. Die Bedrohung durch den Faschismus ist allgegenwärtig und so, wie ich Emma nicht in Bonn weitermachen lassen konnte, so gelingt es mir nun nicht, sie in London nichts als Glamour, Luxus und Jazz erleben zu lassen – mit dem einen oder anderen schicken Mord zwischen zwei gesellschaftlichen Ereignissen. Ihre Fälle haben sich verändert und ich versichere, ich bin darüber sehr erstaunt, verweigere mich dem Geschehen aber nicht. Auch deshalb nicht, weil die frühen Dreißiger in England unseren Zeiten jetzt und hier ähneln.

    So wie man von London aus nach Deutschland, Italien und Spanien blickte und befürchtete, ahnte und erwartete, es würde sich auch das eigene Land in eine Diktatur verwandeln, so schauen wir in die USA vor allem, aber auch viele andere Staaten – und auf die wöchentlich aktualisierten Wahlprognosen (die ich zumindest für gefährlich halte, wir schaffen damit das Gefühl, resignieren zu müssen, weil ja eh alles schon entschieden wäre). Dass all das unsere Wirklichkeit ist, dass zu viele Menschen ihr Glück darin sehen, dass es anderen schlecht und schlechter geht, obwohl ihr eigenes Leben dadurch nicht besser wird, dass es Mitbürger gibt, die aufrichtig entsetzt sind von Krieg, Faschismus und Shoah und dennoch bei jeder Gelegenheit darüber schwafeln, wie sie sich hier von Fremden überrannt fühlen oder andere für den Zustand unserer Gesellschaft machen – ach, ich kann das alles nicht fassen und nicht verstehen. Und ich kann es nicht ertragen. Es schnürt mir die Kehle zu.

    Aber der Faschismus, die Entmenschlichung, der zunehmende Egoismus sind nicht das Einzige, was uns bedroht. Auch den steigenden Frauenhass wollen wir nicht vergessen. Aber fast noch dringlicher ist das ‚Wetter‘: Wer nach dieser Woche nicht verstanden hat, was Klimawandel bedeutet, dass es längst eine Klimakatastrophe ist, wer jetzt noch immer meint, der Mensch hätte damit nichts zu tun und es wäre immer schon heiß gewesen, Sommer halt, haha – ehrlich gesagt: Da fällt der Autorin auch nichts anderes mehr ein als ein herzliches Fuck off! Sorry, not sorry.

    Was also fange ich damit an? Als eben jene Autorin, deren Wortgewandtheit sich gerade in einem Fuck off erschöpft hat?

    Tja. Im Augenblick scheue ich davor zurück – das ganze Jahr eigentlich schon – mit dem siebten Band von Nadel, Faden & Mord zu beginnen. Weil es düster ist. Weil es traurig werden mag. Weil es schmerzt. Und weil ich weiß, ich werde, bin ich einmal in Alice‘ Welt, eintauchen. Alles, was düster und angstmachend ist, werde ich irgendwie, meist unbewusst, zwischen die Zeilen schreiben. Ich werde mich durchaus freischreiben, das wird guttun, es wird mir leicht von der Hand gehen – aber ich werde nicht viel Schönes und Gutes in dieser Zeit sehen können, ich werde mit noch mehr Verzweiflung und Ekel auf diese Welt blicken. Und das lässt mich gerade scheuen.

    Viel leichter wäre es, den dritten Emma-Band in diesem Jahr zu beginnen; ich bin da sehr inspiriert. Emma hält, bei aller Trauer und allem Schrecken, die ich auch ihr und uns zumute, immer ein Tässchen Hoffnung bereit, da wird es immer etwas Zuversicht und Harmonie geben. Da ist mehr ‚Wir schaffen das‘ drin als bei Alice. Alice schafft auch alles, keine Frage, sie ist keine, die aufgibt. Aber es ist Kampf, es ist Mühe, es ist Zynismus, was sie ausmacht,

    Noch viel viel leichter wäre die dritte Option: Mit meiner Rachehexe Moira auf Tour gehen – durch die 1920er in Edinburgh. Da gibt es viel Elend und viel Grausamkeit. Aber auch Magie und die Fähigkeit, all das zu vergelten. Das macht Freude, das täte gut. Das Entscheidende aber ist, dass sich diese Zeit für mich so anfühlt, als hätte ich nur zwei Optionen: Aufgeben, nie mehr schreiben, auf dem Sofa vegetieren. Oder aber weiter, weiter, weiter schreiben, um dem Wahnsinn für viele Stunden des Tages zu entfliehen.

    Tja. Warum eigentlich ist mein sehr viel jüngeres Ich (ich denke, ich war vier oder fünf Jahre alt) zum Beitragsbild für diesen wenig fröhlichen Text geworden? Weil ich, bevor die Pubertät kam und alles danach, ein gar nicht so schüchternes Kind war. Also schon, ich war in der Schule zu still, ich verstummte in Gruppen. Aber ich kam ganz gut mit mir klar und hatte einen sturen Kopf, den ich oft durchsetzte. All das sehe ich in diesem Bild. Keck, würde Emma sagen, keck sieht die Kleine aus. Und weil die Kleine ziemlich enttäuscht wäre, wenn sie mich aufgeben sieht, wähle ich also das Zweite und schreibe weiter. Schnell, viel, ausdauernd. Sonst ist das alles für mich gar nicht zu ertragen. Und da ich weiß, dass es einige, wenn auch keine Heerscharen, an Lesefreundinnen und Lesefreunden gibt, die durch meine Romane eben auch ein bisschen fliehen können und ein wenig gestärkter in die Realität zurückkehren, ergibt mein Tun eben auch in diesen Zeiten Sinn.

  • Emmas London in den 1930ern – Zweiter Teil

    Emmas London in den 1930ern – Zweiter Teil

    In London zu leben, das musste man sich vermutlich immer schon leisten können. Heute ebenso sehr wie in jenen Tagen, an denen Emma durch die Hauptstadt eilte, um harmlose Fragen zu stellen und einem Mörder auf die Pelle zu rücken. Was sie, das wissen wir, sooo nun auch wieder nicht vorhatte. Manches ergibt sich einfach ungünstig, da kann sie leider nichts für. Deshalb wollen wir dieses Thema jetzt auch gar nicht vertiefen. Wir wollen uns einmal anschauen, was das Leben damals kostete.


    Wie viel Geld jemand verdiente (und leider verdient, wir sind so viel schlauer nicht geworden …), bestimmte über alles: Ob man sich gute Nahrung leisten konnte beispielsweise und bequeme Kleidung, ob es im Winter kuschlig warm in der Wohnung war oder ob das Zimmerchen im Keller oder unterm Dach einfror, ob am ins Kino gehen konnte oder sogar ins Theater, ob man Bücher kaufte, lieh oder gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Und es entschied, ob man als Mensch wahrgenommen wurde oder nicht. (Auf das notorisch unübersichtliche britische Währungssystem mag ich jetzt nicht eingehen, das nehmen wir einfach mal so hin, ja?)

    Also: Ein ungelernter Arbeiter verdiente Mitte der 1930er zwischen £2 10s und £2 15s pro Woche. Ein Facharbeiter kam auf £3 5s bis £3 15s. Das klingt jetzt nicht eben dolle viel, was zum einen daran liegt, dass wir heute andere Zahlen gewohnt sind. Wir erinnern uns an Jane Austens Mr Darcy, der 10.000 pro Jahr hatte. Klingt auch bescheidener, als es war. Ich glaube, ich hatte es im letzten Londonbeitrag schon mal erwähnt (oder ich habe es geträumt, auf jeden Fall bin ich jetzt zu bequem, nachzuschauen :D), dass heutige Serien und Filme gerne heutige Zahlen für Geschichten in der Vergangenheit wählen, damit wir uns besser vorstellen können, von welchen Werten die Rede ist. Was leider ziemlich irritierend für diejenigen ist, die eine ungefähre Ahnung von den wirklichen Zahlen haben.

    Aber klar: Der Lohn des Arbeiters klingt auch deshalb niedrig, weil er es war. Auch da hat sich bis heute nicht viel geändert und bislang ist es noch niemandem gelungen, mir schlüssig zu erklären, weshalb ein Fußballspieler so viel mehr verdient als eine Erzieherin im Kindergarten oder ein Angestellter, der sich um die Kanalisation kümmert. Ob Bayern schon wieder Meister wird, beeinflusst mein Wohlbefinden exakt null …
    Doch genug des Abschweifens. Wenn ich den Inflationsrechner der Bank of England korrekt bedient habe, dann entspricht £1 von 1934 heute etwa £80–85. Das heißt, ein Facharbeiterlohn von £3 10s entspräche heute etwa £280 pro Woche oder rund €330. Versuch damit mal, in London zu überleben. Oder hier bei uns.

    Gut. Weiter. Interessiert uns der Arbeiter eigentlich?
    Na ja, so halbwegs schon, natürlich. Doch interessanter ist natürlich, wie sich die Lage für Frauen darstellte, zumal, das sollten wir nicht vergessen, viele Männer den Großen Krieg nicht überlebt hatten. Männer im Alter von 18 bis 40, so meine ich mich zu erinnern, waren wehrpflichtig. Das heißt, Frauen, die Anfang der Dreißiger in ihren Dreißigern bis Fünfzigern waren, hatten es schwer, der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen und zu heiraten – was nach wie vor die sicherste Möglichkeit war, um sich vor Armut zu schützen. Die arbeitende Frau war noch lange nicht der Regelfall und wenn eine keinen Mann abbekommen hatte, nun, mit der musste doch etwas nicht stimmen, oder? (Das ist Boys Math, so möchte ich meinen – man kann sich ja auch immer fragen, wie der Wunsch nach Jungfräulichkeit bei der Frau mit der irren Erfahrung zwischen den Laken beim Mann zusammenkommen soll – no pun intended, haha).

    Wie sah es also für Frauen aus? Ja, super natürlich, was auch sonst?
    Frauen verdienten generell die Hälfte ihrer männlichen Kollegen. Wenn sie Glück hatten, denn oft war es noch weniger. Eine Sekretärin oder Schreibkraft – der Modeberuf der Zwanziger und Dreißiger, den ja auch Emma ergriffen hatte – kam auf ca. £130 pro Jahr, also grob £2 10s pro Woche. Eine Gouvernante erhielt etwa 3 Guineen pro Woche (£3 3s) – aber dafür wohnte und aß sie beim Arbeitgeber, was den Wert ihres Einkommens erheblich veränderte. Das Gefühl für Freiheit und Selbstbestimmung allerdings auch. Mitglied der Familie warst du halt nur, wenn es darum ging, dir wenig zu bezahlen. Bei Parties und Reisen warst du dann doch nur eine Last, die sich vorrechnen lassen musste, wie dankbar sie zu sein hatte. Aber immerhin gestand man dir einen gewissen Wert zu. Mehr als einer Fabrikarbeiterin oder einer Hausangestellten (von denen es mittlerweile sehr viel weniger gab als vor dem Krieg – wer wollte sich diese Plackerei schon antut?) – diese Berufsgruppen verdienten selbstverständlich weit weniger.

    Vielleicht warst du besonders fleißig, hattest eine besonders gute Ausbildung, womöglich auch Beziehungen? Dann konnte es dir gelingen, für die Stadt zu arbeiten. Dann lag dein Jahresgehalt wie bei der Sekretärin um die £130–150, dafür aber mit der Chance auf eine, wenn auch deines Geschlechts wegen begrenzte, Karriere. Dieser Lohn entspräche heut etwa £10.000–12.000. Ja. Damit kommst du in London nicht weit, damit bist du arm, arm, arm. Wer heute in London für dieses Gehalt arbeitet, ist arm. In den Dreißigern war das auch weit entfernt von Reichtum, aber auch entfernt von abgrundtiefer Verzweiflung und nagendem Hunger. Was nämlich Inflationsrechner nicht gut aufzeigen können, das ist der wahre Wert des Geldes oder wie sich die Preise für Waren und Dienstleistungen verschoben haben..


    Ich habe mal einige Daten herausgesucht, die hoffentlich auch korrekt sind – manches stammt aus den frühen, anderes aus den späten Dreißigern – wie sehr sich die Preise über die Dekade verändert haben, das habe ich jetzt nicht herausgefunden (will ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern zusammenfassen, was ich für meine Romane zusammengetragen hatte).

    Die Zeitung: Der Daily Telegraph kostete 1 Penny, das entspräche heute etwa 35 Pence oder 0,40 €. Verkauft wird er aktuell für das Doppelte. Sich zu informieren, war damals also relativ betrachtet günstiger. Wenn da nicht andere Kosten wären …

    Das Zimmer: Ein möbliertes Zimmer in ordentlicher Londoner Lage kostete 10–15 Shilling pro Woche. Das sind 12–18% eines Facharbeiterwochenlohns. Ein Zimmer fraß also knapp ein Fünftel des Einkommens. Heute kostet ein WG-Zimmer in London £250–400 pro Woche – bei einem Medianlohn von ca. £600 pro Woche sind das 40–65% des Einkommens. Wohnen war also in den Dreißigern deutlich günstiger. Was jedoch genau wie heute von der Wohnlage abhing, das hatte ich beim letzten Mal schon angerissen. Aber schauen wir mal genauer:
    Eine kleine Wohnung in Chelsea – nichts Extravagantes, ein Zimmer mit Küche und Bad – kostete um die 3 Guineen pro Woche (£3 3s), das wären umgerechnet mit dem Inflationsrechner etwa £255 oder €300. Ein Zimmer in Chelsea heute? Ich habe mal nachgeschaut. Ja, £255 mag schon mal möglich sein. Für 12 Quadratmeter und geteilter Küche und geteiltem Bad. Oder aber £380 für 16 Quadratmeter, auf denen dann Kitchenette, Bad und Wohn-/Schlafraum untergebracht sind. Knapp 1800,- € für 16 Quadratmeter. Ein Schnäppchen!

    Aber wir schauen ja zurück und stellen fest: Hey cool – Zeitung und Zimmer, das kann man irgendwie bezahlen und es bleibt noch was. Ja …

    Das Essen: Da dreht es sich nun. Ein Laib Brot kostete etwa 4 Pence – das klingt günstig, war es aber nicht. Die klassischen Grundnahrungsmittel waren im Schnitt deutlich teurer als heute. Wenn wir dann noch bedenken, dass es absolut keine Selbstverständlichkeit war, einen Kühlschrank zu besitzen, oder als Untermieterin auch nur Platz genug für Vorräte zu haben, dann ahnen wir, dass das Leben damals – zumal in Zeiten einer globalen Wirtschaftskrise – alles andere als einfach oder gar bezahlbar war.
    Zu guter Letzt:

    Die Mode: Obwohl – nein. Es ging den meisten nicht um Mode, sondern darum, anständig, sauber und warm gekleidet zu sein. Damenratgeber und Frauenzeitschriften zeigten immer wieder auf, wie man als sparsame Hausfrau und kluge Stenotypistin mit einem kleinen Kleiderschrank dennoch angemessen angezogen sein konnte – das abendliche Auswaschen der Strümpfe und der Wäschegarnitur gehörte selbstverständlich dazu. Mode hingegen? Das war für die Wohlhabenden und jene, die geschickt genug waren, aus Stoff und Wolle die Pariser Modelle nachzuarbeiten.
    Was also zahlte man? Viel, viel mehr als heute (und damit ist kein Vergleich zu Fast Fashion gemeint). Ein eleganter Mantel kostete 6½ Guineen – also knapp £7. Nach Inflation heute etwa £560 oder €660. Ein Abendkleid von Norman Hartnell im Ausverkauf: £15 – heute nach Inflation über €1.400. Das war für die Sekretärin nicht drin, sie musste auf ein praktisches Kostüm, einen schlichten Mantel und vernünftige Schuhe sparen und sich mit Tüchlein und Broschen daran machen, der Langeweile einen Hauch von Schick zu verleihen.

    Emma, das hatte ich schon erwähnt, hatte Glück: Für sie zählten elegante Kleider, Röcke, Blusen, Hosen und Mäntel für absolut jede Gelegenheit sozusagen als Arbeitskleidung. Sie musste gut aussehen, musste sich immerzu modisch präsentieren. Das mochte gewiss auch mal Druck bedeuten, aber so überheblich, dass sie sich über den Luxus beschwert hätte, war sie nie. Eher plagte sie das schlechte Gewissen ob ihres Schicksals. Vielleicht deshalb kann sie auch in London nicht aufhören, für mehr Gerechtigkeit sorgen zu wollen.


    Quellen:

    Fediverse-Reaktionen
  • Der Tag des Nylonstrumpfs

    Der Tag des Nylonstrumpfs

    Ja, richtig gelesen. Heute ist National Nylon Stocking Day, wie man auf der anderen Seite des Atlantiks sagt. Es ist – natürlich – ein rein amerikanischer Gedenktag, denn DuPont war ein us-amerikanisches Unternehmen. Aber egal, egal, der Anlass ist doch wunderbar für einen Blogpost, denn selbstverständlich sind Strümpfe enorm wichtig für Emma: Diese Dinger waren Quell der Freude und ständiges Ärgernis.


    1 Der verschwundene Professor
    1 Der verschwundene Professor

    Wir sind bisher meinem Fräulein Schumacher bzw. meiner Mrs Beresford von ihren Anfängen im Spätsommer 1926 bis in den Herbst 1934 gefolgt und stellen fest: Noch gibt es kein Nylon. Nylon wird erst 1935 im DuPont-Labor von Wallace Carothers entwickelt. Bis man es der staunenden Öffentlichkeit im Jahr 1939 auf der Weltausstellung in New York vorstellt, wird also noch etwas Zeit vergehen, angefüllt mit vielen Versuchen und (so nehme ich an) viel, viel Marketing, denn am 15. Mai 1940, dem ersten Verkaufstag, werden in den USA vier Millionen Paar innerhalb weniger Stunden verkauft. Vier Tage später ist alles ausverkauft. In Deutschland übrigens entwickelte Paul Schlack bei der IG Farben 1938 unabhängig davon Perlon – dasselbe Prinzip, ein anderes Molekül. Aber daraus wollen wir vielleicht keinen Gedenktag machen. Aus guten Gründen.

    Aber wie gesagt: Das mit dem Nylonstrumpf liegt noch in der Zukunft. Emma trägt also was? Seidenstrümpfe. Eine Frau von ihrer gesellschaftlichen Position trägt Seide. Punkt. Ok, nicht immer, wenn es schneit … Na, ich denke, zumindest Sybil wird selbst im eisigsten Winter lieber frieren, als ihre modische Eleganz zu verraten, und da mag es wohl sein, dass Emma sich gelegentlich zu ähnlichem hat verführen lassen.


    Seide war Luxus. Immer schon. Sie ist leicht, sie schimmert edel und fühlt sich oftmals wunderbar an (wobei: Ich erinnere mich an mein Kommunionskleid. Rohseide. Von der englischen Urgroßtante gesandt. Ein sehr eisigkalter Weißer Sonntag und eine ausgefallene Heizung. Und dann dort hinein müssen, in diese absolut frostige Kleid. Hölle! Und der Tag wurde kein bisschen besser, erzähle ich gerne ein anderes Mal.)
    Wie auch immer: Das Rohmaterial kam damals fast ausschließlich aus Japan und China und wurde in England vor allem in Nottingham, dem traditionellen Zentrum der britischen Strumpfwarenindustrie, zu – surprise, surprise! – Strümpfen verarbeitet. Hauchzart, schmeichelnd, kostbar. Blöd nur: Seide war nicht nur teuer und für die meisten Frauen in den Zwischenkriegsjahren nahezu unerschwinglich. Nein, Seidenstrümpfe sind auch entsetzlich empfindlich. Laufmaschen? Ha, die rannten dir schneller das Bein hinauf und herab, als du gucken konntest. Eine raue Stelle an Ferse, ein Krümelchen im Schuh, ein kratziger Tweedrock? Zack, das war’s.

    Doch nicht nur das machte Seidenstrümpfe zum Luxusgut, auch die Herstellung war eine Kunst für sich, denn Seide dehnt sich nicht. Ein Strumpf aus Seide muss passen. Sie wurden nach Schuhgrößen verkauft und wenn die verstärkte Ferse an der falschen Stelle saß, dann wurde es entweder sehr unbequem, weil die Zehen keinen Platz hatten, oder Strumpf hing labbrig im Schuh und warf Falten an der Fessel.
    Und nicht nur die Schuhgröße musste stimmen, sondern – logisch – ebenso die Weite für die Wade und zumindest die ungefähre Beinlänge. Weshalb es pro Schuhgröße kurze, normale und lange Strümpfe gab und dann noch Modelle für das kräftigere Bein (in den USA sehr uncharmant outsized genannt).
    Nicht ganz so passformsensibel war die Weite am Oberschenkel, denn hier kamen die Strumpfgürtel zum Einsatz, die in das obere, elastische Bündchen eingeklemmt wurden.

    Ah ja und natürlich waren Seidenstrümpfe nicht rundgestrickt, obwohl es entsprechende Maschinen schon seit dem 18. Jahrhundert gab. Aber da Seide eben nicht sonderlich elastisch ist, musste flach gestrickt werden, um hernach die Strümpfe zusammenzunähen und zwar dem Bein in etwa folgend – also enger am Knöchel, runder an der Wade. Diese aufwendige Herstellung trieb den Preis natürlich zusätzlich in die Höhe. Das Ergebnis der Mühe war die berühmte rückwärtige Naht, die gemeinsam mit dem Fersenkäppchen gerne auch in einer anderen Farbe gesetzt wurde. Eine Naht übrigens, die schnurgerade sitzen musste, wollte man nicht als schlampig gelten. Wir kennen das aus alten Filmen, wie die charmante Heldin jede Gelegenheit nutzt, ihren Rock ein wenig anzuheben, sich anmutig um die eigene Achse drehte und kontrolliert, ob sie wohl noch als Dame gelten darf. War sie darauf aus, mit einem Gentleman zu flirten, so mochte sie ihn wohl bitten, den Sitz ihrer Strümpfe zu begutachten. Ich nehme an, dass die meisten Herren der Verantwortung gewachsen waren. James jedenfalls gewiss.

    Modified
    Original

    Wie ich bereits schrieb, konnten sich die wenigsten Frauen Seide leisten. Welche Möglichkeiten hatten sie also? Nun, da gab es die folgenden Varianten:

    Rayon:
    Die sogenannte „Kunst-“ oder „Mutterseide“, seit ca. 1912 auf dem Markt – sah der echten Seide täuschend ähnlich, war aber günstiger und weniger fein. Der Kompromiss für die aufstrebende Mittelklasse und die berufstätige Frau, die sich den Schein leisten musste, nicht aber die echte Seide.

    Baumwolle:
    Haltbarer, wärmer, aber ohne Schimmer. Für den Alltag, den Sport, für die Arbeiterin, für zuhause.

    Wolle:
    Im Winter, manchmal unter dem Seidenstrumpf getragen, um zu wärmen, ohne auf den Schimmer zu verzichten. Die meisten Frauen waren übrigens in der Lage, Strümpfe zu stricken. Eine Aufgabe, die in den Kriegsjahren wieder einmal zur nationalen Pflicht wurde – Stricken für die Front.


    Nun waren diese Seidenstrümpfe aber durchaus auch ein teurer Posten für die vermögenden Damen, die ja, das sollte man nicht vergessen, selten über wirklich eigenes Geld verfügte. Ein Gatte, der strafen wollte oder grundsätzlich geizig war, sah eher nicht ein, für solchen durchsichtigen Tand ständige so viel auszugeben. Hell, no, das war mal wieder typisch Weib, nicht wahr? Seine Socken hielten schließlich auch lange, er kaufte auch nicht ständig neue Paare! Dass er selbst sicherlich lieber auf seidenbestrumpfte Frauenwaden blickte als auf solche in dicken Wollsocken – tja, das auf die Kosten gedanklich umzusetzen, war eine geistige Leistung, die wir vermutlich nicht jedem Ehemann zutrauen sollten ..

    Aber gut, nun hattest du also ein solches Exemplar von Ehegespons daheim. Was tun also, wenn die Laufmasche kam? Und wir wissen ja schon, dass sie kam, und ebenso wussten das findige und geschickte Fräulein und Herren, die daher gerne für Hilfe sorgten. Es gab nämlich, so du nicht zu den ganz wenigen gehörtest, die in den Dreißigern noch eine echte Zofe mit allen dazugehörigen Talenten in deinen Diensten hattest, wahrhaftig Strumpfflickerinnen (Männer sind mitgemeint, logisch). Sie reparierten Laufmaschen mit winzigen Häkelnadeln mit Verschlusshaken, sogenannten Ladder Darners oder Latch Hooks – wer knüpft oder mit der Strickmaschine vertraut ist, kennt diese Geräte, die für Seidenstrümpfe allerdings noch viel, viel feiner waren. Sie fingen die gefallenen Maschen auf und strickten sie Reihe für Reihe hoch. Wer dieses Handwerk besonders gut beherrschte, dürfte sehr gefragt gewesen sein; eine gut gemachte Reparatur war kaum sichtbar.

    ABER: Es ist ja der Tag des Nylonstrumpfs und wenn es für Emma und Sybil noch ein Weilchen hin ist, bis sie ein solches Exemplar in den Händen halten respektive an den Beinen tragen dürfen, wollen wir doch mal schnell schauen, was daran so wunderbar war.


    Seide (1934)Nylon (ab 1940)
    MaterialNaturfaser, Japan/ChinaSynthetisch, Labor
    Streckt sichNeinJa
    HaltbarkeitGering, läuft leichtDeutlich besser
    PflegeEmpfindlichWaschbar, schnell trocknend
    GrößensystemSchuhgröße + KörpergrößeZunächst ähnlich, später vereinfacht
    NahtJa, sichtbar („fully fashioned“)Zunächst ja, später nahtlos
    PreisTeuerGünstiger

    Der Nylonstrumpf ist also eine Sensation. Und dann kommt der Krieg. Fallschirme, Seile, Reifen – das Militär braucht Nylon für all das. Die Strümpfe werden erst zur Mangelware, dann sind sie gar nicht mehr zu bekommen. Um den gewohnten Schick zu erhalten, malen Frauen die Strumpfnaht mit einem Eyeliner auf die Wade. Gewärmt hat das natürlich nicht und bald schon gab es wirklich Wichtigeres als dieses Mimikri. In den frühen Vierzigern sehen wir nun auch an erwachsenen Frauenbeine Söckchen oder Kniestrümpfe aus Wolle – die passten auch gut zu den flacheren Schuhen und den nur noch knapp übers Knie reichenden Röcken.

    Aber all das kann Emma noch nicht ahnen. Sie arrangiert sich mit den Seidenstrümpfen, freut sich darüber, dass sie sich diesen Luxus fürs Bein leisten kann, und hat ansonsten wirklich andere Sorgen.

    Frau beim Picknick in den Kriegsjahren
By FOTO:FORTEPAN / Lissák Tivadar, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50798989
    By FOTO:FORTEPAN / Lissák Tivadar, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50798989

    Quellen:

  • Yummy yummy – Der Afternoon Tea

    Yummy yummy – Der Afternoon Tea

    Bleiben wir noch ein gutes Weilchen in London, aber bevor es weiter durch die Stadt, ihre Geschichte und den Alltag geht, machen wir Pause. Leckere Pause. Wir trinken mit Emma einen Tee.
    Das hat unsere Freundin immer schon getan; sie liebt Tee jeder Art: Tante Tinni bereitete Kamillentee, hatte das Mädchen Bauchschmerzen. Einen Kräutertee gab es zum Abendbrot. Einen süßen Früchtetee entweder kalt im Sommer oder aber dampfend-heiß bei der Arbeit im Kommissariat. Und wann immer die Zeit ausreichte, dann genoss Emma eine russische Teezeremonie, hatte Alexej (ehemaliger Fürst und der jüngere Ehemann von Emmas zweiter Tante, der formidablen Sybil) doch wahrhaftig einen Samowar nach Deutschland retten können. Prioritäten, nicht wahr? Oder aber – ob in Bonn oder in London – einen Afternoon Tea mit allem Drum und Dran.
    Wobei: So viel Drum und Dran hat ein Afternoon oder auch Low Tea gar nicht. Hmm …


    Die Herzogin von Bedford, Porträt, um 1840

    Die Geschichte des Afternoon Tea beginnt, wie so viele englische Geschichten, mit den bewegenden Sorgen und Nöten eines Mitglieds der Upper Class. In diesem Fall war es eine Dame, die entsetzlich litt.
    Anna, Duchess of Bedford, litt um 1840 nämlich unter dem, was sie selbst als sinking feeling beschrieb – jenes unangenehme Leeregefühl am Nachmittag, wenn das Mittagessen längst verdaut und das Abendessen noch Stunden entfernt ist. In englischen Haushalten der besseren Gesellschaft wurde damals erst gegen acht Uhr abends gespeist, so war es vornehm, so war es modern. Aber verteufelt, das Mittagessen lag irgendwo zwischen zwölf und vierzehn Uhr (wobei letzteres wohl zu ertragen gewesen wäre, ich nehme also ganz großzügig und verständnisvoll an, dass die Duchess um zwölf Uhr aß und somit völlig zu Recht von einem Verlangen nach einen Krümelchen erfasst und geschüttelt wurde.
    Die Herzogin ließ sich also Tee, Brot und Butter auf ihr Zimmer bringen – so semi heimlich vermutlich, denn wir wissen ja: Frauen müssen unbedingt verbergen, Menschen zu sein. Wie unfein, dass wir essen müssen. Aber Anna aß und bald wurde es ihr zur lieben Gewohnheit. Die mit Freundinnen teilte. Ein Essen, irgendwie intim und gemütlich, ganz unter Frauen, das musste ja ein Renner werden und so verbreitete sich die Gewohnheit der Duchess. Ob es wirklich so war, ist nicht gesichert, aber es ist eine reizende Geschichte.
    Jedenfalls wurde der Afternoon Tea bald eine gesellschaftliche Institution – und damit in viktorianischen Zeiten mit Regeln, Ritualen und Rangordnungen belegt. Was auch sonst?

    (Kurzer Einwurf: Die Herzogin könnte sehr gut auch wegen Alice Beaumont aus meiner Serie Nadel, Faden & Mord Erwähnung finden, war sie doch eine Hofdame und Freundin der Königin. Was aus Gründen von Bedeutung ist für Alice.)


    High Tea – das klingt doch unbedingt nach mehr, oder? Das ist feiner, das ist Luxus im Alltag, das ist Aristokratie in Tassen. Sozusagen. Aber nein. Ist es aber nicht. Ähm, ja. Und ich muss gestehen, das war mir ganz lange nicht bekannt, und ich kann es nicht beschwören, aber es mag durchaus sein, dass ich irgendwann und irgendwo in irgendeinem meiner Romane vom High Tea gesprochen habe, als ich anderes meinte. I am so sorry!

    Elegantly furnished drawing room with vintage decor in England, featuring a fireplace and classic furniture.

    Der Low oder Afternoon Tea war der vornehme Tee der Oberschicht, serviert gegen vier Uhr entweder im privaten Zimmer oder im Salon, waren Gäste geladen. Man nahm ihn zu sich, bevor man mit dem Vierspänner zum Spaziergang im Hyde Park aufbrach, um sich zu präsentieren, oder vor dem Besuch einer Ausstellung. Oder weil man eben die Freundinnen zu einem Wissensaustausch geladen hatte, den wir keinesfalls Klatsch nennen wollen – Gerüchte nämlich entschieden über deinen Aufstieg oder deinen Fall; das war Politik vom Feinsten und Gemeinsten. Der Tee kam edel daher: Feine Porzellantassen, silberne Teekannen, dreistöckige Etageren mit Finger Sandwiches, Scones und kleinen Gebäcken wurden aufgetragen, alles aufs Schönste angerichtet.

    Der High Tea hingegen war der Tee der Arbeiter- und Mittelklasse, der eher zwischen fünf und sechs Uhr serviert wurde. Als vollwertige Mahlzeit, als Abendessen. Womit es im Grunde dem deutschen Abendbrot durchaus ähnelte, denn es war herzhafter, auf Sättigung ausgerichtet und gar nicht zeremoniell.

    Woher stammen allerdings die Bezeichnungen, die so irreführend sind? Weshalb trinkt die hohe Gesellschaft den ’niedrigen‘ Tee und die untere Klasse den ‚hohen‘?
    Wenn es keine Legende ist, dann liegt es einfach daran, auf welchem Möbel der Tee serviert wurde. In einem Salon sitzt man nicht auf Stühlen, sondern auf Sofas, auf Sesseln, auf gepolstertem Mobiliar, das Platz genug bietet für weite Röcke oder voluminöse Turnüren. Und zu solchen Sitzgelegenheiten gehört ein niedriger Tisch auf Kniehöhe etwa. Low Tea also.
    In einem einfachen Haushalt war man hingegen schon froh, mehr als ein Zimmer zu haben. Gegessen wurde in der Küche oder, war man etwas weiter vorangekommen, im Esszimmer. Dort standen Stühle, dort standen Tische. High Tea demnach.

    Heute haben sich die Begriffe gedreht: Fährt man nach England, so steht auf den Karten entweder Afternoon oder High Tea.


    A beautiful dessert table with teapot and tiered stand featuring sweets and sandwiches.

    Bestand der Tee der Herzogin zunächst nur aus Tee und etwas Gebäck, so mag es vielleicht den unterschiedlichen Geschmäckern der geladenen Freundinnen zu verdanken sein, dass bald auch Sandwiches und Törtchen neben den traditionellen Scones gereicht wurden.
    Heute und vermutlich auch schon zu Emmas Zeiten folgt der Afternoon Tea einer festen Reihenfolge, die man nicht durcheinanderbringen sollte: erst die herzhaften, in schmale Streifen (Finger) geschnittenen Sandwiches – hauchdünn, ohne Kruste, mit Gurke, Eiaufstrich oder Lachs –, dann die Scones, dann die kleinen Kuchen und Törtchen. Die Scones werden übrigens mit den Händen gebrochen, nie mit dem Messer geschnitten (Eine Sünde, der ich mich unbedingt schuldig gemacht habe, weil ein halber Scone eben doppelt so viel Platz für das Topping bietet – win-win. Sagt meine Waage auch … ürks).
    Und mit dem Topping sind wir dann auch schon bei dem großen englischen Streit, der seit Generationen ungelöst ist und vermutlich auch ungelöst bleiben wird: erst Clotted Cream, dann Marmelade – oder erst Marmelade, dann Cream? Devon besteht auf Ersteres. Cornwall auf Letzteres. Beide Seiten sind kompromisslos. Beide haben natürlich recht.


    Das Cover zu Das Tödliche Willkommen

    Für Emma ist der Afternoon Tea eine Selbstverständlichkeit – wenn genügend Zeit dafür da ist. Was sie in Bonn zur typischen Britin machte, nämlich das ständige Teetrinken, macht sie in England, so man sie nah genug kennt, zur Deutschen, denn sie trinkt, siehe oben, Tee in allen Varianten. Etwas, was auch James sich in Bonn angewöhnt hat.
    Gleichzeitig kommt es vor, dass dieses Ritual des Low Tea für Emma sozusagen Arbeitswerkzeug wird, denn noch immer erfuhr und erfährt man beim gemeinsamen Tee, was man sonst nicht erfährt. Klatsch, Gerüchte, Andeutungen. Wer wen besucht hat. Wer nicht mehr eingeladen wird. Welcher Ehemann plötzlich viel in der Stadt übernachtet. Oder aber wer den Nazis besonders nahe steht …

    Sind wir aber ganz entspannt in Emmas Heim zu Gast, dann dürfen wir uns vermutlich entspannt zurücklehnen und uns bedienen lassen – es ist die Hausherrin selbst, die einschenkt, und ich kann versichern, das immerhin bekommt unsere Freundin mittlerweile ohne tollpatschige Versehen hin. Und auch Scones kann sie backen. Es ist also absolut ungefährlich für uns, sie zu besuchen.
    Es sei denn, wir wollen ein Geheimnis für uns behalten. Dann könnte es kritisch werden!


    • 250 g Weizenmehl
    • 3 TL Backpulver
    • 125 g vegane Blockbutter, kalt oder sogar tiefgefroren, dann gewürfelt (z.B. Meggle Pflanzlich oder Violife Vioblock)
    • 40 g feiner Zucker
    • 120–140 ml ungesüßte Pflanzenmilch
    • für die Glasur 1 EL Pflanzenmilch + ½ EL Ahornsirup

    Zubereitung:

    1. Ofen auf 220°C (Umluft 200°C) vorheizen, Backblech mit Backpapier auslegen
    2. Mehl und Backpulver mischen
    3. Kalte Butterwürfel mit den Fingerspitzen einarbeiten, bis der Teig krümelig ist. Wie für Streuselkuchen, wenn ich mich nicht irre; ich kann – wie Emma – nicht wirklich backen, nur Scones und Waffeln!
    4. Zucker einrühren
    5. Pflanzenmilch mit einem Messerrücken nach und nach unterrühren bis ein weicher, leicht klebriger Teig entsteht – nicht kneten!
    6. Teig ca. 4cm dick formen, Kreise ausstechen (ca. 6cm). Ich habe irgendwo gelesen, man soll den Ausstecher dabei nicht drehen, weil das Gebäck sonst nicht aufgeht. Habe mich daran gehalten, aber ob das nötig war …? Ich kann halt nicht backen :D
    7. Mit Glasur bestreichen – nur oben, nicht die Seiten
    8. Sofort in den Ofen – 15–18 Minuten bis goldbraun
    9. Ganz schnell essen!

    Dazu: Gute Marmelade (Erdbeere oder Himbeere) und vegane Schlagsahne oder – auch lecker – vegane Creme, die an Sauercreme oder Frischkäse erinnert.

    Ein wichtiger Hinweis für alle, die sich fragen, ob das wirklich schmeckt: Ja. Vegane Scones sind von der nicht-veganen Variante kaum zu unterscheiden, wenn man das Rezept befolgt. Das Geheimnis liegt in der kalten Blockbutter – keine Streichmargarine aus dem Becher – und darin, den Teig wirklich nur so lange zu bearbeiten, bis er zusammenhält. Scones mögen keine Ungeduld. (Weshalb es ein echtes Wunder ist, dass ich das schon mal geschafft habe …)

  • Die Mitford-Schwestern

    Die Mitford-Schwestern

    Englischer geht es kaum

    Schwestern scheinen für jede Gesellschaft schon immer von Interesse gewesen zu sein – also zumindest dann, wenn sie irgendwie anders, irgendwie besonders, irgendwie aus der Art geschlagen sind. Da gab es die sieben (7 fürwahr!) Nichten von Kardinal Mazarin – sehr originell die Mazarinetten genannt. Insbesondere die fünf Schwestern Mancini besaßen Schönheit, Intelligenz, Temperament und Abenteuerlust, wenn auch gewiss im unterschiedlichen Ausmaß. Frankreich war fasziniert und der junge Louis XIV erst recht.
    Sein Urenkel Louis XV verliebte sich übrigens in nicht eine, nicht zwei und nicht drei der Urenkelinnen einer der Mancinis, sondern gleich in vier von fünfen der SchwesternMailly-Nesle. Vielleicht auch in alle fünf, aber ich müsste noch mal nachlesen, warum nur (höhö) vier von ihnen seine Maitresse wurden. Auf jeden Fall war den Damen die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung gewiss.
    In Preußen waren es die Schwestern Luise und Friederike, die offenbar die It-Girls von Sturm und Drang waren und mit ihren Ideen, ihrem Stil, ihrer Ungezwungenheit die Mode bestimmten; erst recht, nachdem Luise zur Königin geworden war.
    Dann sind da die Brontë-Schwestern, die hoch oben in Yorkshire recht still lebten und ziemlich aufsehenerregende Romane schrieben; hätten sie anderswo gewohnt als im höchst ungesunden Haworth, so wären sie womöglich zu einer Londoner Sensation geworden – Interesse genug bestand an ihnen, nachdem bekannt wurde, dass es mitnichten drei Brüder waren, die diese ungewöhnlichen Debüts verfasst hatten.

    Und jetzt also die Mitfords. Gut, mit jetzt meine ich die Zeit, in der der dritte Mrs Beresford-Roman spielt. 1934. London. Glamour. Armut. Aufbruch. Resignation. Kommunismus. Tradition. Faschismus. Art Deco. Literatur. Tanz. Fotografie. Ja, das ist eine bunte Mischung an Wörtern, die mir jetzt spontan einfielen. Aber irgendwie passt all das zu diesen Schwestern. Als Hintergrund. Als Beweggrund. Alles einfach :)


    Fangen wir vorne an, denn ich glaube, ohne diese Eltern wären die Mitfords nicht die geworden, die sie waren. Ok, kann man vermutlich über die meisten Eltern und ihre Kinder sagen, aber die Mitfords waren schon besonders. Oder anders. Oder besonders anders. Oder einfach nur sehr englisch-eigen.

    David Freeman-Mitford, 2nd Baron Redesdale – von seinen Kindern „Farve“ genannt– war ein Mann des 19. Jahrhunderts, der das 20. mit großem Misstrauen betrachtete. Sein Weltbild war einfach, sein Temperament legendär unberechenbar. Er hielt Bücher für gefährlich, Schulbildung und Sport für Töchter und spätere Ehefrauen waren entbehrlich, Universitäten gleichbedeutend mit Verschwendung und Ausländer waren ihm generell suspekt; die Deutschen hasste er besonders, was es umso erstaunlicher macht, was später geschah.
    „Muv“, Sydney Bowles, war das Gegenteil: ruhig, pragmatisch, ein wenig distanziert. Sie ließ die Kinder gewähren, mehr als man es erwartete. Solange sie gesund waren und keinen Ärger machten, war sie zufrieden. So zumindest scheint es, wenn man von heute zu ihr hinschaut. Da aber die Finanzen immer schon prekär waren – vor allem, wenn man leben wollte, wie man es für Adlige angemessen hielt – und David alles andere als ein begabter Finanzjongleur war, könnte es gut sein, dass Sidney existenziellere Sorgen drückten als die Befürchtung, es könnten die wilden Kinder in das falsche Buch schauen oder in schmutzigen Socken herumlaufen.
    Die sechs Mädchen und ihr Bruder Tom wuchsen daher relativ unbeschwert in Asthall Manor und später in Swinbrook auf, weitgehend ohne Schule, dafür mit einer Gouvernante und viel Zeit füreinander. Sie entwickelten eine eigene Sprache, eigene Spitznamen, eine eigene Welt – und sie erlebten ihre Eltern sehr, sehr unterschiedlich. Man mag in derselben Familie leben, aber erleben ist für jedes Mitglied völlig anders. Das war bei den Mitfords nicht anders. Es dürfte die Geschwister jedoch die latente Angst vor Farve geeint haben, der rasend schnell in Wut geriet, mit Verboten nur so um sich warf, und später nicht mehr zu wissen schien, was der Anlass war – oder was er verboten hatte.
    Sicherheit und emotionale Stabilität dürften jedenfalls nicht die Pfeiler der Mitfordschen Erziehung gewesen sein.

    Wer waren die Geschwister in Kürze?
    Nancy „Naunce“ war die Älteste; sie besaß einen scharfen Blick und eine scharfe Zunge und erwartete, dass die jüngeren ihren Anweisungen folgten.
    Pamela, „Woman“ genannt, war still, zurückhaltend und liebte das Landleben – Wald, Feld und Tier.
    Tom war der einzige Bruder und als Erbe von Titel und Landsitz war er genauso gebildet und charmant, wie man sich das für einen jungen Mann nur wünschen konnte. Was ihn nicht davon abhielt, in Hitlers Deutschland ein Vorbild zu sehen.
    Diana „Honks“ galt als die Schönste – James Lees-Milne beschrieb sie als „das Nächste, was ich je zu Botticellis Venus gesehen habe.“ (Ich persönlich finde auf den Fotografien Nancy sehr viel attraktiver und interessanter, das nur mal nebenbei; allerdings sieht Diana umwerfend aus in den wenigen Filmchen, die ich gefunden hatte.)
    Unity „Bobo“ hatte eine Neigung zu Fanatismus und reagierte oft unberechenbar, und wenn man sieht, was sie tat, wohin es sie zog, dann könnte man meinen, ihr zweiter Vorname war entweder in Voraussicht gewählt worden oder aber hat erst dafür gesorgt, wohin es die junge Frau brachte. Valkyrie – na, ich hätte mich bedankt!
    Jessica, „Decca“, die Rebellin, die früh ganz weit links ihre Heimat fand und seit jungen Jahren alles Geld, das sie bekam, für einen Weglauffonds beiseitelegte – und es dann auch genau dafür nutzte.
    Und Deborah, „Nine“ – so getauft von Nancy, die damit ihr mentales Alter meinte. Aus ihr würde später eine Herzogin werden, die viel für den Erhalt englischer Kulturtümer tat


    Cover vom Sketch, vier der Mitford Sisters
    Sketch 6 January 1932 cover. Nancy, Diana, Unity and Jessica Mitford.

    In den 1920ern gehörten Nancy und Diana zu jenem Kreis, den die Presse „Bright Young Things“ nannte: junge Aristokraten, die in Londoner Stadthäusern Kostümpartys feierten, Champagner tranken und sich vom Rest der Welt belustigt distanzierten. Evelyn Waugh war dabei und nutzte seine Freunde und Freundinnen als Inspiration für seine Romane. Harold Acton, ein heute eher vergessener Schriftsteller, Cecil Beaton, damals schon erfolgreicher Fotograf, und Tallulah Bankhead, amerikanische Schauspielerin, gehörten ebenfalls dazu. Es war eine kurze, glänzende Zeit.

    Diana heiratete 1929 mit achtzehn Jahren Bryan Guinness – Erbe der Guinness-Brauerei, reich, kultiviert, gutmütig. Sie waren das Paar der Saison. Das Haus in London war immer offen, die Gästeliste glänzend – Winston Churchill ist ein guter Freund der Familie – und das Leben scheinbar perfekt. Schnell kommen zwei Söhne auf die Welt. Diana sollte nach den Regeln der Upper Class, den Regeln auch für Ehefrauen, absolut glücklich sein. Sie war es nicht. Etwas fehlte. Oder etwas war zu viel. Sie sah die Welt anders als ihr Ehemann, anders als ihre Schwester Nancy. Noch suchte sie sich, suchte einen Sinn.


    Ich springe jetzt einfach mal in das Jahr, das mich augenblicklich am meisten interessiert, weil ich, wie erwähnt, gerade am 3. Band der Beresford-Reihe schreibe. Und – wer hätte es geahnt? – die Mitfords eine Rolle darin spielen.

    Nancy Mitford, Porträt
    Nancy Mitford

    Nancy lebt und schreibt in London. Sie hat 1933 Peter Rodd geheiratet – eine Entscheidung, über die sie bald nicht mal mehr böse Witze machen mag. Peter kann charmant sein, aber er ist unzuverlässig, neigt dazu, zu viel zu trinken, er ist bald schon untreu und recht Lust auf einen festen Job hat er auch nicht. Er hat nichts dagegen, dass Nancy schreibt; er hofft, dass dadurch bald Geld ins Haus kommt. Sein Vater steuert nicht viel zum Unterhalt der jungen Rodds bei und Farve fehlt längst das Geld, seine Tochter zu unterstützen. Nancy und Peter sind im Vergleich zu Diana recht arm.
    Nancy schreibt also. Ihr scharfer Blick und ihre scharfe Zunge zahlen sich aus. Highland Fling (1931) und Christmas Pudding (1932) haben den Lesern und Leserinnen Freude bereitet; eine Adlige, die sich über ihre eigene Klasse lustig macht, es dabei aber nicht an echter Heiterkeit und ein wenig heiler Welt missen lässt. Das kommt an.
    1934 jedoch arbeitet sie an etwas, das ihre Beziehung zu Diana und Unity zerrütten wird: einem Roman über die britische Faschismus-Bewegung, direkt inspiriert von dem, was sie bei Unity, Diana und Oswald Mosley beobachtet. Wigs on the Green erscheint 1935 und Diana spricht jahrelang nicht mehr mit ihr.

    Um was also ging es? Was haben Unity und Diana verbrochen, dass sie – wie sie es empfinden – in der Öffentlichkeit von der eigenen Schwester der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Und wer ist Oswald Mosley?

    Diana Mosley Porträt
    Diana Mosley

    Diana ist 1934 die mehr oder minder heimliche Geliebte von Oswald Mosley, der nichts weniger ist als Anführer der British Union of Fascists. Für ihn hat sie ihr perfektes Leben hinter sich gelassen. Hat sich ein Jahr zuvor scheiden lassen. Diese Scheidung war nicht nur ein gesellschaftlicher Skandal; es war in Farves Augen eine Sünde. Er wollte nichts mehr mit seiner Tochter zu tun haben, er tobte und brüllte und verbat der Familie jeglichen Kontakt mit der Verworfenen. Was nicht ewig so bleiben würde; wie ich sagte, er neigte dazu, zu vergessen, was er verboten hatte.
    Aber es sind nicht Scheidung und Affäre, die Nancy zum Thema macht; derlei schockiert sie nicht, zumal gerade Diana und sie besonders innig miteinander sind. Es ist die Tatsache, mit wem die Schwester ins Bett steigt. Und welche Sprüche sie fortan von sich gibt. Ihre Schwester eine stramme Faschistin?
    Dass Unity völlig unbegreiflich für Adolf Hitler schwärmt und es geschafft hat, vor allem Muv davon zu überzeugen, sie auf eine Finishing School in München gehen zu lassen – ja, das ist schon schlimm genug. Doch Unity ist jung und übertreibt es in allem, sie wird bestimmt bald begreifen, wie widerwärtig der kleine Mann mit Schnurrbart ist.
    Aber Diana? Mit Mosley? Zu dessen Rede im Olympia Peter und Nancy im Juni 34 gegangen waren, um zu begreifen, was Diana so sehr begeisterte. Es kam zu Schlägereien, die Mosley angefeuert hatte, und dieser unglaubliche Hass, diese Unmenschlichkeit – nein, es konnte nicht sein, dass Diana das nicht nur nicht sah, sondern gut hieß! Doch es kam noch schlimmer, denn bald darauf reiste Diana zum erneuten Male nach Deutschland und besucht gemeinsam mit Unity erneut den Nürnberger Parteitag; dort war sie im Jahr zuvor bereits gewesen. „Es war wie ein elektrischer Schlag, der durch die Menge fuhr“, wird sie später über Hitlers Auftritt sagen.

    Nancy ist entsetzt. Und beginnt mit Wigs on the green. Ganz wohl ist ihr dabei nicht und so gibt sie Diana Teile davon zum Lesen. Ein Ulk sei es, der vermutlich nur von wenigen gelesen und gekauft werden würden.
    Nun ist Diana entsetzt. Sie verlangt, Nancy soll den Vertrag auflösen, solle das Manuskript vernichten. Dass das die Lebensgrundlage der Schwester ist, akzeptiert sie nicht.

    Und das in etwa ist die Situation, in der Emma Beresford aus Gründen Dianas Freundin werden soll. Mit Nancy versteht sie sich bereits hervorragend, aber das dürfte ihr nun kaum noch zum Vorteil gereichen.


    Illustriertes Kriminalromancover. London 1934, Emma, rothaarig, Mantel, Kleid, Tasche. Es regnet am späten Nachmittag
    3 Der Club der Verräter

    Weil Emma in ihrer neuen gesellschaftlichen Position überhaupt nicht an ihnen vorbeikommen könnte. Weil Diana ab diesem Zeitpunkt etwa ihrer häufigen Reisen nach Deutschland und ihrer noch geheimgehaltenen Verbindung zu Mosley wegen von Interesse wurde für den damals noch eher belächelten MI5. Weil diese Serie rund um Emma nun, da die Zeiten sich gewandelt haben und London statt Bonn der Tatort ist, weniger den Mordfall als vielmehr die Atmosphäre des Misstrauens zum eigentlichen Krimielement macht – und dafür ist diese Familie, sind diese Schwestern der allerbeste Hintergrund.

  • Emmas London in den 1930ern – Erster Teil

    Emmas London in den 1930ern – Erster Teil

    Eine Stadt der Gegensätze

    In den meisten meiner Romane spielt Bonn, meine Heimatstadt am Rhein, eine wichtige Rolle. Hier hatte ich auch meine erste Geschichte angesiedelt: Fräulein Emma Charlotte Schumacher, Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Dame, ist gebürtige Bonnerin, muss mit zwölf Deutschland verlassen, lebt bis neunzehn bei der Großmutter Lady Milford in London, Edinburgh und Cornwall – um dann bis in den Sommer 1933 ihr Glück in Bonn zu finden. Aus allbekannten Gründen kehrt sie dann nach London zurück.

    Womit London zum neuen Schauplatz der Serie wird – als Mrs Beresford wird Emma rasch wieder heimisch auf der Insel. Auch eine andere Heldin ist dort daheim: Alice Beaumont, meine etwas andere Hauptdarstellerin; sie jedoch lebt fast einhundert Jahre vor Emma dort. Wie es also nun so ist, musste ich mich London etwas intensiver befassen – ja, eigentlich sollte ich noch mal eben flott dorthin, um mein Wissen und meine Erinnerungen aufzufrischen. Zwei Besuche und das nur kurz, das reicht eigentlich nicht.

    Aber gut. Emma Beresford also. Sie wohnt mit James, Carly und Mellow in Hampstead, NW3. Das ist eine der vornehmeren Adressen Londons und das hat sie sich nach den mageren Jahren auch verdient. Vermutlich kann sie von ihrem Schlafzimmerfenster im oberen Stockwerke auf die grünen Hügel, die Wiesen, Wälder und Teiche des Hampstead Heath blicken – damals mehr noch als heute eine grüne Lunge, weniger ein Park als ein Gebiet ungezähmter Natur. Vielleicht auch deshalb, wegen dieser Verbindung zwischen Stadt und Natur, zieht es so viele Intellektuelle und Künstler in dieses Viertel – Daphne Du Maurier, Emmas Freundin seit acht Jahren, wohnt ebenfalls hier, schräg gegenüber.

    Doch nur zwanzig Minuten Fahrt mit der Northern Line nach Süden und schon sind wir in einer anderen Welt, denn London war und ist eine Stadt der Gegensätze. In der Vergangheit auf eine Weise, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.


    Eine Stadt, die nie aufgehört hat zu wachsen

    Zunächst einmal: London ist riesig. Was immer der Grund dafür war (die Themse allein mag es nicht gewesen sein, ich müsste ja mal in die Tiefe gehen und nach Gründen forschen …): London wächst, seit die Römer den ersten Pfahl in den Erdboden getrieben haben. Schon zu Alice‘ Zeiten wuchs die Bevölkerung rasant an. Um 1800 lebten knapp 900.000 Menschen in der Stadt; um 1845 herum waren es bereits fast zwei Millionen – und London galt damals als die größte Stadt, die die Welt je gesehen hatte. Zum Vergleich:Paris hatte eine Million Einwohner, New York kaum 400.000. London war schlicht eine andere Kategorie.

    Aber mehr Menschen benötigen mehr Platz – und es wird sich wohl nie ändern: Wer sich besonders wichtig fühlt und über Geld, Titel oder Macht verfügt, will besonders viel davon. So werden Paläste auf der einen Seite gebaut, mit Blick auf die Parks, mit breiten Straßen und neuen Krankenhäusern, während auf der anderen Seite der Stadt der Platz immer enger und enger wird und Menschen auf der Straße sterben. Was man allgemein als gerecht ansah: Wer ein guter Mensch ist, kann ja nicht arm und verzweifelt sein, da hat das Schicksal schon richtig entschieden. Eine Ansicht, über die man auch in London hinwegkommt, wenn vielleicht zu Beginn auch eher aus gesundheitlichen Gründen: Typhus, Cholera und Syphilis haben die blöde Angewohnheit, sich ebenso auszubreiten wie die wachsende Stadt. Die grauenvollen Zustände im East End werden über die Jahrzehnte deutlich verbessert. Doch bis heute ist deutlich sichtbar, wo Geld daheim ist und wo es mangelt.

    Zu Emmas Zeiten wächst London schneller als je zuvor – und schneller als danach je wieder; die Bevölkerungszahlen steigen rasant; 1934 sind es acht Millionen und man ist auf dem Weg zum historischen Höchststand von 8,6 Millionen, der 1939 erreicht wird. Kein Wunder, dass sich nun die Vororte in die Nachbarlandkreise hineinfressen – Essex, Hertfordshire, Kent, Middlesex, Surrey; überall entstehen neue Siedlungen, die sich London zugehörig fühlen. Möglich ist das nur durch den technischen Fortschritt – die U-Bahn macht es möglich. Wer früher im Zentrum wohnen musste, weil er sich eine gesunde Umgebung und damit einen weiten Weg zur Arbeit nicht leisten konnte, pendelt nun. Die Zahl der Einpendler hat sich in zwanzig Jahren verdoppelt. Und weil vor der Stadt Platz ist und die Ansprüche steigen, entstehen dort die typischen halb freistehenden Häuschen mit kleinem Garten – das Ideal der aufstrebenden Mittelklasse, weit weg vom viktorianischen Mietshaus. My home is my castle. Sozusagen.

    Ein Nebeneffekt dieses Wachstums während Zwischenkriegsjahre ist die Modernisierung: Das Art Deco findet in London eine Heimat. Man muss sich nur die Serie Poirot anschauen – vermutlich so ziemlich jedes Gebäude jener Jahre dürfte als Location genutzt worden sein. London in den 1930ern ist also nicht nur modern, sondern auch modern anzuschauen.


    Arm und reich, Tür an Tür

    1 Das toedliche Willkommen

    Doch wie ich sagte: Man sieht noch immer, wo wer wie lebt. Und das sorgt, wir sehen es heute weltweit wieder, für Spannungen, die sich leicht entladen können. In kaum einer Stadt mag das so greifbar und erlebbar gewesen sein wie im London der Vergangenheit. Heute sind Viertel wie Shoreditch und Hoxton, die im tiefsten East End liegen und ewig als Armenhaus der Stadt galten, bekannt für ihre Galerien, viele Startups (wobei: Ist die Zeit nicht vorbei? Da muss ich demnächst auch noch mal genauer schauen, aber das Heute interessiert mich schreibend nur selten von daher …) und natürlich für London-typische astronomische Mieten. Ebenso sind andere Stadtteile ihren ärmlichen Ruf losgeworden und für den Durchschnittsbürger kaum noch bezahlbar. Das gilt z. B. für Bermondsey, wo einst Fabriken und Gerbereien standen und sich Boutique-Restaurants und Kunstgalerien aneinandereihen oder für Orte wie Dalston und Hackney, die sogar noch vor dreißig Jahren berüchtigt waren. Und klar: Wenn man aus einem Haus, in dem sich früher vierzig Leute drängeln mussten, ein schickes Atelier mit Loft und Luxusbad macht, dann sehen enge Gassen und der Mangel an Grün gar nicht mehr so viel aus, das ist dann urban und schick.

    Geschieht das auch andersherum? Nun ja, nicht in dem Maße. Natürlich gibt es Moden, mal gilt es als cool, nahbei zu wohnen, dann wieder ist es spießig, nicht weiter draußen zu wohnen. In den vornehmen Viertel ist das Problem heute, dass zu viele Häuser nichts weiter als Objekte sind, in die man investiert hat und die sogar im Leerstand noch Vorteile bringen. Aber das war in Emmas Zeiten eher weniger ein Problem.

    In den Londoner Kriminalfällen bekommt es Emma mit anderen Dingen zu tun – und mit anderen Menschen – als in Bonn. Ging sie am Rhein mit einfachen wie mit gebildeten Personen um, mit armen und mit reichen, so ist sie London deutlich stärker auf ihre eigene Gesellschaftsschicht beschränkt – eine Schicht, der sie von der englischen Großmutter her angehört haben mag, aber durch den Mangel an Geld und ihre Jugend nie wirklich kennengelernt hat; am Hofe wurde sie nie vorgestellt. Doch durch die sehr vermögende und sehr bekannte Verwandtschaft ist Mrs Beresford nun ein Jemand – und da es nun immer öfter um Spionage und Verschwörung geht, in der ein Mord quasi Beiwerk ist, sehen wir uns in London meist, nicht immer, in den feinen Vierteln um.


    Wo Emma lebt und arbeitet

    Illustriertes Kriminalromancover. London 1934, Emma, rothaarig, Mantel, Kleid, Tasche. Es regnet am späten Nachmittag

    Das West End – Mayfair, Belgravia, Kensington, Chelsea – ist die elegante Schauseite der Stadt. Hier residieren in den 1930er noch immer die alten Familien, die neuen Reichen, die Diplomaten. Emmas Detektivbüro in der South Audley Street liegt mitten in Mayfair, um der feinen Kundschaft den Zugang zu erleichtern. Das Viertel ist in diesen Jahren im Wandel: Die großen Stadtpaläste der Aristokratie werden abgerissen, weil ihre Besitzer sie nach Krieg und Depression nicht mehr halten können und neue Käufer nicht so leicht zu finden sind – zumal zugleich auch die Landsitze unter den Hammer gelangen. Statt Wohnstätten für eine Familie und ihre Dienstboten entstehen mehr und mehr Hotels und moderne Apartmenthäuser. Die Oberschicht zieht sich in kleinere, aber immer noch tadellos gelegene Wohnungen zurück, und tut oftmals so, als wäre diese Entscheidung kein Muss, sondern ein Frage der Bequemlichkeit und der Moderne. Vermutlich wird die oft bemühte Klage, man fände ja kaum noch gutes Personal, auch hier als Ausrede herhalten müssen.

    Hampstead, wo Emma wohnt, ist – ich sagte es schon – etwas anderes: vornehm und intellektuell zugleich. Die Häuser wirken bescheiden, besitzen jedoch einen Garten, Bäder, moderne Annehmlichkeiten. Schriftstellerinnen, Akademiker, Künstler – das kann man nicht oft genug sagen – prägen den Stadtteil und vermutlich hielten sich viele für völlig normale Menschen; vielleicht sogar für bessere, weil man keine Paläste braucht, weil man so naturverbunden ist und nicht drei Automobile vor der Tür hat und meist nicht einmal ‚echtes‘ Personal. Die Haushaltshilfe, die täglich kommt, die Nanny, die neben dem Kinderzimmer residiert, die Leihköchin, der Gärtner, der all drei Tage nach dem Rechten sieht – nun das sind Helfer und Helferinnen, das sind Leute, mit denen man sich unterhält und die man schätzt und die man nur zufällig dafür bezahlt, dass sie tun, was sie tun sollen. Man könnte auch befreundet sein, wären diese Leute nur gebildeter, klüger, vornehmer. Ganz leicht mag auch Emma eine Tendenz in diese Richtung haben – wie auch nicht, wenn man auf einmal Bedeutung besitzt und Geld genug, jeden Wunsch zu erfüllen? Doch sie arbeitet an sich; ihre größte Angst in London ist es, ein Snob zu sein.

    Eine Sorge, die vermutlich bald von anderen Sorgen überdeckt werden wird, denn seit Hitler an der Macht ist, treffen mehr und mehr deutsch Exilanten ein – Wissenschaftler, Verleger, Journalisten, die ihr Land verlassen mussten und in Hampstead und Bloomsbury eine neue Heimat finden. Über kurz oder lang wird das eine Rolle spielen in dieser Serie: Auch Emmas deutsche Hälfte mag noch ein Problem werden. Doch gemach, gemacht, so weit sind wir noch nicht!

    Fediverse-Reaktionen
  • Zu Gast im Podcast

    Zu Gast im Podcast

    Es naht die Walpurgisnacht. Die Nacht der Hexen. Ha – wenn das nicht der passende Tag ist, um einen Podcast auszustrahlen, in dem ich viel zu viel rede. Oder halt: Heißt das nicht heute schnattern? Da müssen wir Ben fragen, der mein absolut wunderbarer Gastgeber war (und länger mit mir zu tun hatte, als er hätte ahnen können. Mea culpa!).

    Aber jetzt fragt ihr euch zu Recht – falls ihr Ben noch nicht kennen solltet, was wiederum nur ein grobes Versehen des Schicksals sein kann! – , wer dieser Herr wohl sein mag. Sein Podcast heißt dailyklappentext und wahrhaftig schafft er es mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen, euch täglich Wissenswertes, Lustiges, Charmantes oder sonstwie Interessantes rund ums Buch zu servieren. Kleine Häppchen wechseln sich ab mit langen Gesprächen (erneut: Mea culpa!!), es geht um Hörspiele, Pläne für den Podcast, um Autorinnen und Autoren, um Lieblingsbücher und Neuentdeckungen, um Tipps und zwischendurch auch um leckere Getränke (als Nordlicht fehlt Tee eher selten :) ).

    Aber was soll ich lange reden? Lieber lasse ich Ben selbst zu Wort kommen und habe ihm daher die Fragen eingestellt, die mir während unseres Gesprächs eingefallen sind. Ich finde ja, es wird auch Zeit, dass man ihn im Podcast erzählen lässt, aber fangen wir mal schriftlich an:


    Gibt es ein Buch, das du allen empfehlen möchtest?

    Weshalb liest du, weshalb bringst du dich so sehr ein – was bewegt dich dazu?

    Vielen Dank. Ich sehe mich als privilegierten, nachdenklichen und sehr neugierigen Mann, der das unschätzbare Glück hat, einen großen weiblichen Freundeskreis zu haben, und der jeden Menschen so akzeptiert, wie er ist. Weshalb sollten alle deinen Podcast abonnieren und hören?

    Hast du Pläne, die du teilen magst?

    Wenn du das ideale Buch für deinen Ferientag ganz nach deinen Wünschen zusammenstellen könntest, was gehört rein? Welcher Ort, welche Figuren, welcher Ton? Was bitte auf gar keinen Fall?


    Logisch, jetzt wollt ihr natürlich gleich mal schauen und hören, was Ben so im Angebot hat. Einiges! Also:

    Dailyklappentext <- Klickt den Link und dann schaut mal, über welchen Anbieter ihr dem Podcast folgen wollt.

  • Welttag des Buches 2026

    Welttag des Buches 2026

    Als Autorin muss man dazu natürlich etwas schreiben, oder? Zumindest immer mal wieder, so alle Jubeljahre. Nur was? In Zeiten, in denen immerzu zu hören ist, dass niemand mehr liest? Stimmt das wirklich? Ich höre auch, dass es zunehmend schwieriger wird, gute Filme oder Serien zu finden – mitreißend, originell, lustig, spannend, was auch immer man möchte. Mir zumindest geht es so. Erst recht, seit Netflix öffentlich zugegeben hat, es den Zuschauern angeblich leichter zu machen: Indem in den Dialogen wieder und wieder das Gleiche gesagt wird, damit man den Plot kapiert, wenn man zugleich am Handy daddelt. Ähm, ne, will ich nicht. Obwohl ich oftmals etwas schaue und gleichzeitig arbeite.

    Nicht schreibend natürlich, dabei kann ich nicht mal Musik ertragen. In meine Geschichten muss ich völlig eintauchen, muss mit Emma, Alice oder Sandberg durch die Gassen rennen, mich mit Swanhild oder Moira in die Lüfte erheben, mit Lily lachen und mit Hedwig träumen. Und ich glaube, das ist eben auch der Vorteil eines Buchs: Du kannst dabei nicht wirklich vieles tun und das tut gut. Kein Multitasking, keine Ablenkung, keine vier Bildschirme zugleich aus Angst, etwas zu verpassen.
    Klar, da ist das Hörbuch. Finde ich toll bei so Aufgaben wie Wändestreichen oder Putzen oder Kleiderschrank aufräumen. Fürs Bügeln ist mir ein Film schon lieber, aber da sind wir wieder beim oben Genannten angelangt. Also zurück zum Buch.

    Aber was könnte ich da jetzt sagen? Lest mehr? Lest mich? Schreibt mir? Ja, warum nicht?
    Lest mehr! Lest mich! Schreibt mir! Ha!

×