Bleiben wir noch ein gutes Weilchen in London, aber bevor es weiter durch die Stadt, ihre Geschichte und den Alltag geht, machen wir Pause. Leckere Pause. Wir trinken mit Emma einen Tee.
Das hat unsere Freundin immer schon getan; sie liebt Tee jeder Art: Tante Tinni bereitete Kamillentee, hatte das Mädchen Bauchschmerzen. Einen Kräutertee gab es zum Abendbrot. Einen süßen Früchtetee entweder kalt im Sommer oder aber dampfend-heiß bei der Arbeit im Kommissariat. Und wann immer die Zeit ausreichte, dann genoss Emma eine russische Teezeremonie, hatte Alexej (ehemaliger Fürst und der jüngere Ehemann von Emmas zweiter Tante, der formidablen Sybil) doch wahrhaftig einen Samowar nach Deutschland retten können. Prioritäten, nicht wahr? Oder aber – ob in Bonn oder in London – einen Afternoon Tea mit allem Drum und Dran.
Wobei: So viel Drum und Dran hat ein Afternoon oder auch Low Tea gar nicht. Hmm …
Eine Herzogin und ihr Hunger

Die Geschichte des Afternoon Tea beginnt, wie so viele englische Geschichten, mit den bewegenden Sorgen und Nöten eines Mitglieds der Upper Class. In diesem Fall war es eine Dame, die entsetzlich litt.
Anna, Duchess of Bedford, litt um 1840 nämlich unter dem, was sie selbst als sinking feeling beschrieb – jenes unangenehme Leeregefühl am Nachmittag, wenn das Mittagessen längst verdaut und das Abendessen noch Stunden entfernt ist. In englischen Haushalten der besseren Gesellschaft wurde damals erst gegen acht Uhr abends gespeist, so war es vornehm, so war es modern. Aber verteufelt, das Mittagessen lag irgendwo zwischen zwölf und vierzehn Uhr (wobei letzteres wohl zu ertragen gewesen wäre, ich nehme also ganz großzügig und verständnisvoll an, dass die Duchess um zwölf Uhr aß und somit völlig zu Recht von einem Verlangen nach einen Krümelchen erfasst und geschüttelt wurde.
Die Herzogin ließ sich also Tee, Brot und Butter auf ihr Zimmer bringen – so semi heimlich vermutlich, denn wir wissen ja: Frauen müssen unbedingt verbergen, Menschen zu sein. Wie unfein, dass wir essen müssen. Aber Anna aß und bald wurde es ihr zur lieben Gewohnheit. Die mit Freundinnen teilte. Ein Essen, irgendwie intim und gemütlich, ganz unter Frauen, das musste ja ein Renner werden und so verbreitete sich die Gewohnheit der Duchess. Ob es wirklich so war, ist nicht gesichert, aber es ist eine reizende Geschichte.
Jedenfalls wurde der Afternoon Tea bald eine gesellschaftliche Institution – und damit in viktorianischen Zeiten mit Regeln, Ritualen und Rangordnungen belegt. Was auch sonst?
(Kurzer Einwurf: Die Herzogin könnte sehr gut auch wegen Alice Beaumont aus meiner Serie Nadel, Faden & Mord Erwähnung finden, war sie doch eine Hofdame und Freundin der Königin. Was aus Gründen von Bedeutung ist für Alice.)
Bitte nicht verwechseln: Low Tea & High Tea
High Tea – das klingt doch unbedingt nach mehr, oder? Das ist feiner, das ist Luxus im Alltag, das ist Aristokratie in Tassen. Sozusagen. Aber nein. Ist es aber nicht. Ähm, ja. Und ich muss gestehen, das war mir ganz lange nicht bekannt, und ich kann es nicht beschwören, aber es mag durchaus sein, dass ich irgendwann und irgendwo in irgendeinem meiner Romane vom High Tea gesprochen habe, als ich anderes meinte. I am so sorry!

Der Low oder Afternoon Tea war der vornehme Tee der Oberschicht, serviert gegen vier Uhr entweder im privaten Zimmer oder im Salon, waren Gäste geladen. Man nahm ihn zu sich, bevor man mit dem Vierspänner zum Spaziergang im Hyde Park aufbrach, um sich zu präsentieren, oder vor dem Besuch einer Ausstellung. Oder weil man eben die Freundinnen zu einem Wissensaustausch geladen hatte, den wir keinesfalls Klatsch nennen wollen – Gerüchte nämlich entschieden über deinen Aufstieg oder deinen Fall; das war Politik vom Feinsten und Gemeinsten. Der Tee kam edel daher: Feine Porzellantassen, silberne Teekannen, dreistöckige Etageren mit Finger Sandwiches, Scones und kleinen Gebäcken wurden aufgetragen, alles aufs Schönste angerichtet.
Der High Tea hingegen war der Tee der Arbeiter- und Mittelklasse, der eher zwischen fünf und sechs Uhr serviert wurde. Als vollwertige Mahlzeit, als Abendessen. Womit es im Grunde dem deutschen Abendbrot durchaus ähnelte, denn es war herzhafter, auf Sättigung ausgerichtet und gar nicht zeremoniell.
Woher stammen allerdings die Bezeichnungen, die so irreführend sind? Weshalb trinkt die hohe Gesellschaft den ’niedrigen‘ Tee und die untere Klasse den ‚hohen‘?
Wenn es keine Legende ist, dann liegt es einfach daran, auf welchem Möbel der Tee serviert wurde. In einem Salon sitzt man nicht auf Stühlen, sondern auf Sofas, auf Sesseln, auf gepolstertem Mobiliar, das Platz genug bietet für weite Röcke oder voluminöse Turnüren. Und zu solchen Sitzgelegenheiten gehört ein niedriger Tisch auf Kniehöhe etwa. Low Tea also.
In einem einfachen Haushalt war man hingegen schon froh, mehr als ein Zimmer zu haben. Gegessen wurde in der Küche oder, war man etwas weiter vorangekommen, im Esszimmer. Dort standen Stühle, dort standen Tische. High Tea demnach.
Heute haben sich die Begriffe gedreht: Fährt man nach England, so steht auf den Karten entweder Afternoon oder High Tea.
Was dabei auf den Tisch kam und kommt

Bestand der Tee der Herzogin zunächst nur aus Tee und etwas Gebäck, so mag es vielleicht den unterschiedlichen Geschmäckern der geladenen Freundinnen zu verdanken sein, dass bald auch Sandwiches und Törtchen neben den traditionellen Scones gereicht wurden.
Heute und vermutlich auch schon zu Emmas Zeiten folgt der Afternoon Tea einer festen Reihenfolge, die man nicht durcheinanderbringen sollte: erst die herzhaften, in schmale Streifen (Finger) geschnittenen Sandwiches – hauchdünn, ohne Kruste, mit Gurke, Eiaufstrich oder Lachs –, dann die Scones, dann die kleinen Kuchen und Törtchen. Die Scones werden übrigens mit den Händen gebrochen, nie mit dem Messer geschnitten (Eine Sünde, der ich mich unbedingt schuldig gemacht habe, weil ein halber Scone eben doppelt so viel Platz für das Topping bietet – win-win. Sagt meine Waage auch … ürks).
Und mit dem Topping sind wir dann auch schon bei dem großen englischen Streit, der seit Generationen ungelöst ist und vermutlich auch ungelöst bleiben wird: erst Clotted Cream, dann Marmelade – oder erst Marmelade, dann Cream? Devon besteht auf Ersteres. Cornwall auf Letzteres. Beide Seiten sind kompromisslos. Beide haben natürlich recht.
Emmas Tee daheim in Hampstead

Für Emma ist der Afternoon Tea eine Selbstverständlichkeit – wenn genügend Zeit dafür da ist. Was sie in Bonn zur typischen Britin machte, nämlich das ständige Teetrinken, macht sie in England, so man sie nah genug kennt, zur Deutschen, denn sie trinkt, siehe oben, Tee in allen Varianten. Etwas, was auch James sich in Bonn angewöhnt hat.
Gleichzeitig kommt es vor, dass dieses Ritual des Low Tea für Emma sozusagen Arbeitswerkzeug wird, denn noch immer erfuhr und erfährt man beim gemeinsamen Tee, was man sonst nicht erfährt. Klatsch, Gerüchte, Andeutungen. Wer wen besucht hat. Wer nicht mehr eingeladen wird. Welcher Ehemann plötzlich viel in der Stadt übernachtet. Oder aber wer den Nazis besonders nahe steht …
Sind wir aber ganz entspannt in Emmas Heim zu Gast, dann dürfen wir uns vermutlich entspannt zurücklehnen und uns bedienen lassen – es ist die Hausherrin selbst, die einschenkt, und ich kann versichern, das immerhin bekommt unsere Freundin mittlerweile ohne tollpatschige Versehen hin. Und auch Scones kann sie backen. Es ist also absolut ungefährlich für uns, sie zu besuchen.
Es sei denn, wir wollen ein Geheimnis für uns behalten. Dann könnte es kritisch werden!
Ein kleines Extra: Vegane Scones
(Vegan, weil ich, die Autorin, ziemlich vegan lebt, und das Rezept deshalb, weil Emma das hinbekommt. Garantiert essbar!)
- 250 g Weizenmehl
- 3 TL Backpulver
- 125 g vegane Blockbutter, kalt oder sogar tiefgefroren, dann gewürfelt (z.B. Meggle Pflanzlich oder Violife Vioblock)
- 40 g feiner Zucker
- 120–140 ml ungesüßte Pflanzenmilch
- für die Glasur 1 EL Pflanzenmilch + ½ EL Ahornsirup
Zubereitung:
- Ofen auf 220°C (Umluft 200°C) vorheizen, Backblech mit Backpapier auslegen
- Mehl und Backpulver mischen
- Kalte Butterwürfel mit den Fingerspitzen einarbeiten, bis der Teig krümelig ist. Wie für Streuselkuchen, wenn ich mich nicht irre; ich kann – wie Emma – nicht wirklich backen, nur Scones und Waffeln!
- Zucker einrühren
- Pflanzenmilch mit einem Messerrücken nach und nach unterrühren bis ein weicher, leicht klebriger Teig entsteht – nicht kneten!
- Teig ca. 4cm dick formen, Kreise ausstechen (ca. 6cm). Ich habe irgendwo gelesen, man soll den Ausstecher dabei nicht drehen, weil das Gebäck sonst nicht aufgeht. Habe mich daran gehalten, aber ob das nötig war …? Ich kann halt nicht backen :D
- Mit Glasur bestreichen – nur oben, nicht die Seiten
- Sofort in den Ofen – 15–18 Minuten bis goldbraun
- Ganz schnell essen!
Dazu: Gute Marmelade (Erdbeere oder Himbeere) und vegane Schlagsahne oder – auch lecker – vegane Creme, die an Sauercreme oder Frischkäse erinnert.
Ein wichtiger Hinweis für alle, die sich fragen, ob das wirklich schmeckt: Ja. Vegane Scones sind von der nicht-veganen Variante kaum zu unterscheiden, wenn man das Rezept befolgt. Das Geheimnis liegt in der kalten Blockbutter – keine Streichmargarine aus dem Becher – und darin, den Teig wirklich nur so lange zu bearbeiten, bis er zusammenhält. Scones mögen keine Ungeduld. (Weshalb es ein echtes Wunder ist, dass ich das schon mal geschafft habe …)


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