Die Mitfords vor ihren Anwesen

Die Mitford-Schwestern

Englischer geht es kaum

Schwestern scheinen für jede Gesellschaft schon immer von Interesse gewesen zu sein – also zumindest dann, wenn sie irgendwie anders, irgendwie besonders, irgendwie aus der Art geschlagen sind. Da gab es die sieben (7 fürwahr!) Nichten von Kardinal Mazarin – sehr originell die Mazarinetten genannt. Insbesondere die fünf Schwestern Mancini besaßen Schönheit, Intelligenz, Temperament und Abenteuerlust, wenn auch gewiss im unterschiedlichen Ausmaß. Frankreich war fasziniert und der junge Louis XIV erst recht.
Sein Urenkel Louis XV verliebte sich übrigens in nicht eine, nicht zwei und nicht drei der Urenkelinnen einer der Mancinis, sondern gleich in vier von fünfen der SchwesternMailly-Nesle. Vielleicht auch in alle fünf, aber ich müsste noch mal nachlesen, warum nur (höhö) vier von ihnen seine Maitresse wurden. Auf jeden Fall war den Damen die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung gewiss.
In Preußen waren es die Schwestern Luise und Friederike, die offenbar die It-Girls von Sturm und Drang waren und mit ihren Ideen, ihrem Stil, ihrer Ungezwungenheit die Mode bestimmten; erst recht, nachdem Luise zur Königin geworden war.
Dann sind da die Brontë-Schwestern, die hoch oben in Yorkshire recht still lebten und ziemlich aufsehenerregende Romane schrieben; hätten sie anderswo gewohnt als im höchst ungesunden Haworth, so wären sie womöglich zu einer Londoner Sensation geworden – Interesse genug bestand an ihnen, nachdem bekannt wurde, dass es mitnichten drei Brüder waren, die diese ungewöhnlichen Debüts verfasst hatten.

Und jetzt also die Mitfords. Gut, mit jetzt meine ich die Zeit, in der der dritte Mrs Beresford-Roman spielt. 1934. London. Glamour. Armut. Aufbruch. Resignation. Kommunismus. Tradition. Faschismus. Art Deco. Literatur. Tanz. Fotografie. Ja, das ist eine bunte Mischung an Wörtern, die mir jetzt spontan einfielen. Aber irgendwie passt all das zu diesen Schwestern. Als Hintergrund. Als Beweggrund. Alles einfach :)


Fangen wir vorne an, denn ich glaube, ohne diese Eltern wären die Mitfords nicht die geworden, die sie waren. Ok, kann man vermutlich über die meisten Eltern und ihre Kinder sagen, aber die Mitfords waren schon besonders. Oder anders. Oder besonders anders. Oder einfach nur sehr englisch-eigen.

David Freeman-Mitford, 2nd Baron Redesdale – von seinen Kindern „Farve“ genannt– war ein Mann des 19. Jahrhunderts, der das 20. mit großem Misstrauen betrachtete. Sein Weltbild war einfach, sein Temperament legendär unberechenbar. Er hielt Bücher für gefährlich, Schulbildung und Sport für Töchter und spätere Ehefrauen waren entbehrlich, Universitäten gleichbedeutend mit Verschwendung und Ausländer waren ihm generell suspekt; die Deutschen hasste er besonders, was es umso erstaunlicher macht, was später geschah.
„Muv“, Sydney Bowles, war das Gegenteil: ruhig, pragmatisch, ein wenig distanziert. Sie ließ die Kinder gewähren, mehr als man es erwartete. Solange sie gesund waren und keinen Ärger machten, war sie zufrieden. So zumindest scheint es, wenn man von heute zu ihr hinschaut. Da aber die Finanzen immer schon prekär waren – vor allem, wenn man leben wollte, wie man es für Adlige angemessen hielt – und David alles andere als ein begabter Finanzjongleur war, könnte es gut sein, dass Sidney existenziellere Sorgen drückten als die Befürchtung, es könnten die wilden Kinder in das falsche Buch schauen oder in schmutzigen Socken herumlaufen.
Die sechs Mädchen und ihr Bruder Tom wuchsen daher relativ unbeschwert in Asthall Manor und später in Swinbrook auf, weitgehend ohne Schule, dafür mit einer Gouvernante und viel Zeit füreinander. Sie entwickelten eine eigene Sprache, eigene Spitznamen, eine eigene Welt – und sie erlebten ihre Eltern sehr, sehr unterschiedlich. Man mag in derselben Familie leben, aber erleben ist für jedes Mitglied völlig anders. Das war bei den Mitfords nicht anders. Es dürfte die Geschwister jedoch die latente Angst vor Farve geeint haben, der rasend schnell in Wut geriet, mit Verboten nur so um sich warf, und später nicht mehr zu wissen schien, was der Anlass war – oder was er verboten hatte.
Sicherheit und emotionale Stabilität dürften jedenfalls nicht die Pfeiler der Mitfordschen Erziehung gewesen sein.

Wer waren die Geschwister in Kürze?
Nancy „Naunce“ war die Älteste; sie besaß einen scharfen Blick und eine scharfe Zunge und erwartete, dass die jüngeren ihren Anweisungen folgten.
Pamela, „Woman“ genannt, war still, zurückhaltend und liebte das Landleben – Wald, Feld und Tier.
Tom war der einzige Bruder und als Erbe von Titel und Landsitz war er genauso gebildet und charmant, wie man sich das für einen jungen Mann nur wünschen konnte. Was ihn nicht davon abhielt, in Hitlers Deutschland ein Vorbild zu sehen.
Diana „Honks“ galt als die Schönste – James Lees-Milne beschrieb sie als „das Nächste, was ich je zu Botticellis Venus gesehen habe.“ (Ich persönlich finde auf den Fotografien Nancy sehr viel attraktiver und interessanter, das nur mal nebenbei; allerdings sieht Diana umwerfend aus in den wenigen Filmchen, die ich gefunden hatte.)
Unity „Bobo“ hatte eine Neigung zu Fanatismus und reagierte oft unberechenbar, und wenn man sieht, was sie tat, wohin es sie zog, dann könnte man meinen, ihr zweiter Vorname war entweder in Voraussicht gewählt worden oder aber hat erst dafür gesorgt, wohin es die junge Frau brachte. Valkyrie – na, ich hätte mich bedankt!
Jessica, „Decca“, die Rebellin, die früh ganz weit links ihre Heimat fand und seit jungen Jahren alles Geld, das sie bekam, für einen Weglauffonds beiseitelegte – und es dann auch genau dafür nutzte.
Und Deborah, „Nine“ – so getauft von Nancy, die damit ihr mentales Alter meinte. Aus ihr würde später eine Herzogin werden, die viel für den Erhalt englischer Kulturtümer tat


Cover vom Sketch, vier der Mitford Sisters
Sketch 6 January 1932 cover. Nancy, Diana, Unity and Jessica Mitford.

In den 1920ern gehörten Nancy und Diana zu jenem Kreis, den die Presse „Bright Young Things“ nannte: junge Aristokraten, die in Londoner Stadthäusern Kostümpartys feierten, Champagner tranken und sich vom Rest der Welt belustigt distanzierten. Evelyn Waugh war dabei und nutzte seine Freunde und Freundinnen als Inspiration für seine Romane. Harold Acton, ein heute eher vergessener Schriftsteller, Cecil Beaton, damals schon erfolgreicher Fotograf, und Tallulah Bankhead, amerikanische Schauspielerin, gehörten ebenfalls dazu. Es war eine kurze, glänzende Zeit.

Diana heiratete 1929 mit achtzehn Jahren Bryan Guinness – Erbe der Guinness-Brauerei, reich, kultiviert, gutmütig. Sie waren das Paar der Saison. Das Haus in London war immer offen, die Gästeliste glänzend – Winston Churchill ist ein guter Freund der Familie – und das Leben scheinbar perfekt. Schnell kommen zwei Söhne auf die Welt. Diana sollte nach den Regeln der Upper Class, den Regeln auch für Ehefrauen, absolut glücklich sein. Sie war es nicht. Etwas fehlte. Oder etwas war zu viel. Sie sah die Welt anders als ihr Ehemann, anders als ihre Schwester Nancy. Noch suchte sie sich, suchte einen Sinn.


Ich springe jetzt einfach mal in das Jahr, das mich augenblicklich am meisten interessiert, weil ich, wie erwähnt, gerade am 3. Band der Beresford-Reihe schreibe. Und – wer hätte es geahnt? – die Mitfords eine Rolle darin spielen.

Nancy Mitford, Porträt
Nancy Mitford

Nancy lebt und schreibt in London. Sie hat 1933 Peter Rodd geheiratet – eine Entscheidung, über die sie bald nicht mal mehr böse Witze machen mag. Peter kann charmant sein, aber er ist unzuverlässig, neigt dazu, zu viel zu trinken, er ist bald schon untreu und recht Lust auf einen festen Job hat er auch nicht. Er hat nichts dagegen, dass Nancy schreibt; er hofft, dass dadurch bald Geld ins Haus kommt. Sein Vater steuert nicht viel zum Unterhalt der jungen Rodds bei und Farve fehlt längst das Geld, seine Tochter zu unterstützen. Nancy und Peter sind im Vergleich zu Diana recht arm.
Nancy schreibt also. Ihr scharfer Blick und ihre scharfe Zunge zahlen sich aus. Highland Fling (1931) und Christmas Pudding (1932) haben den Lesern und Leserinnen Freude bereitet; eine Adlige, die sich über ihre eigene Klasse lustig macht, es dabei aber nicht an echter Heiterkeit und ein wenig heiler Welt missen lässt. Das kommt an.
1934 jedoch arbeitet sie an etwas, das ihre Beziehung zu Diana und Unity zerrütten wird: einem Roman über die britische Faschismus-Bewegung, direkt inspiriert von dem, was sie bei Unity, Diana und Oswald Mosley beobachtet. Wigs on the Green erscheint 1935 und Diana spricht jahrelang nicht mehr mit ihr.

Um was also ging es? Was haben Unity und Diana verbrochen, dass sie – wie sie es empfinden – in der Öffentlichkeit von der eigenen Schwester der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Und wer ist Oswald Mosley?

Diana Mosley Porträt
Diana Mosley

Diana ist 1934 die mehr oder minder heimliche Geliebte von Oswald Mosley, der nichts weniger ist als Anführer der British Union of Fascists. Für ihn hat sie ihr perfektes Leben hinter sich gelassen. Hat sich ein Jahr zuvor scheiden lassen. Diese Scheidung war nicht nur ein gesellschaftlicher Skandal; es war in Farves Augen eine Sünde. Er wollte nichts mehr mit seiner Tochter zu tun haben, er tobte und brüllte und verbat der Familie jeglichen Kontakt mit der Verworfenen. Was nicht ewig so bleiben würde; wie ich sagte, er neigte dazu, zu vergessen, was er verboten hatte.
Aber es sind nicht Scheidung und Affäre, die Nancy zum Thema macht; derlei schockiert sie nicht, zumal gerade Diana und sie besonders innig miteinander sind. Es ist die Tatsache, mit wem die Schwester ins Bett steigt. Und welche Sprüche sie fortan von sich gibt. Ihre Schwester eine stramme Faschistin?
Dass Unity völlig unbegreiflich für Adolf Hitler schwärmt und es geschafft hat, vor allem Muv davon zu überzeugen, sie auf eine Finishing School in München gehen zu lassen – ja, das ist schon schlimm genug. Doch Unity ist jung und übertreibt es in allem, sie wird bestimmt bald begreifen, wie widerwärtig der kleine Mann mit Schnurrbart ist.
Aber Diana? Mit Mosley? Zu dessen Rede im Olympia Peter und Nancy im Juni 34 gegangen waren, um zu begreifen, was Diana so sehr begeisterte. Es kam zu Schlägereien, die Mosley angefeuert hatte, und dieser unglaubliche Hass, diese Unmenschlichkeit – nein, es konnte nicht sein, dass Diana das nicht nur nicht sah, sondern gut hieß! Doch es kam noch schlimmer, denn bald darauf reiste Diana zum erneuten Male nach Deutschland und besucht gemeinsam mit Unity erneut den Nürnberger Parteitag; dort war sie im Jahr zuvor bereits gewesen. „Es war wie ein elektrischer Schlag, der durch die Menge fuhr“, wird sie später über Hitlers Auftritt sagen.

Nancy ist entsetzt. Und beginnt mit Wigs on the green. Ganz wohl ist ihr dabei nicht und so gibt sie Diana Teile davon zum Lesen. Ein Ulk sei es, der vermutlich nur von wenigen gelesen und gekauft werden würden.
Nun ist Diana entsetzt. Sie verlangt, Nancy soll den Vertrag auflösen, solle das Manuskript vernichten. Dass das die Lebensgrundlage der Schwester ist, akzeptiert sie nicht.

Und das in etwa ist die Situation, in der Emma Beresford aus Gründen Dianas Freundin werden soll. Mit Nancy versteht sie sich bereits hervorragend, aber das dürfte ihr nun kaum noch zum Vorteil gereichen.


Illustriertes Kriminalromancover. London 1934, Emma, rothaarig, Mantel, Kleid, Tasche. Es regnet am späten Nachmittag
3 Der Club der Verräter

Weil Emma in ihrer neuen gesellschaftlichen Position überhaupt nicht an ihnen vorbeikommen könnte. Weil Diana ab diesem Zeitpunkt etwa ihrer häufigen Reisen nach Deutschland und ihrer noch geheimgehaltenen Verbindung zu Mosley wegen von Interesse wurde für den damals noch eher belächelten MI5. Weil diese Serie rund um Emma nun, da die Zeiten sich gewandelt haben und London statt Bonn der Tatort ist, weniger den Mordfall als vielmehr die Atmosphäre des Misstrauens zum eigentlichen Krimielement macht – und dafür ist diese Familie, sind diese Schwestern der allerbeste Hintergrund.


3 Kommentare
  1. Avatar von Dagmar Maria Wagener
    Dagmar Maria Wagener

    Liebe Andrea Instone,
    Vielen Dank für die vielen historischen Informationen, es ist wunderbar, diese Zusammenhänge kennenzulernen.
    Ich bin noch nicht so fit mit allen IT Angeboten, taste mich aber ran.
    Kleine Anmerkung: die Moira McLeod Bücher haben mir-wider erwarten- sehr viel Spaß gemacht, sie sind so wunderbar frech.
    Ich freue mich auf jedes weitere Buch 🧙‍♀️

    1. Avatar von Andrea Instone

      Liebe Dagmar,

      jetzt muss ich dich aber fragen: Wider Erwarten? Ich bin ganz, ganz neugierig. Weshalb du sie doch gelesen hast. Was du erwartet hattest. Was dir gefallen hat (ok, wunderbar frech – Moira grinst und winkt und meint zu mir, sie hätte es mir gesagt, dass sie damit durchkäme, wie sie halt nun mal ist)

      Hoffe, du liest meine Antwort :)

      LG
      Andrea

  2. Avatar von Dagmar Maria Wagener
    Dagmar Maria Wagener

    Liebe Andrea Instone,
    Vielen Dank für die vielen unterhaltsamen Bücher und ebenso für die historischen Infos.
    Die Moira McLeod Reihe hat mir übrigens auch sehr gefallen, sie ist so schön unkonventionell.
    Ich freue mich auf‘s nächste Buch.
    Liebe Grüße

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