Andrea als Kind

Das Schreiben in bedrohlichen Zeiten

Vor längerem schon hatte ich darüber geschrieben, wie es mir bei dem Gedanken geht, Emma – meine erste und fleißigste Heldin – in das Dritte Reich zu führen. Ich glaube, damals hatte ich sogar vor, sie länger als bis zum Sommer 1936 in Bonn bleiben zu lassen. Zumindest hatte ich das vor, als ich merkte, dass ich dieses erste Buch nicht nur zu Ende schreiben, sondern die Geschichte fortführen würde.

Doch als Emma in die 1930er eintrat, da hatte sich schon unsere Gegenwart so sehr verändert, dass mir wahrhaftig Mut und Puste ausgingen, die Jahre bis zu Hitlers Regierungsübernahme zu schildern. Ich machte einen Sprung vom Herbst 1930 in den Sommer 1933 – und floh. Halbwegs zumindest, denn natürlich begleite ich Emma nun in England und obwohl sich die Vorzeichen ihres Alltags vollkommen gewandelt haben und Bonn zunächst weit fort erscheint, hat sich die Welt um sie herum nicht im Geringsten verbessert. Die Bedrohung durch den Faschismus ist allgegenwärtig und so, wie ich Emma nicht in Bonn weitermachen lassen konnte, so gelingt es mir nun nicht, sie in London nichts als Glamour, Luxus und Jazz erleben zu lassen – mit dem einen oder anderen schicken Mord zwischen zwei gesellschaftlichen Ereignissen. Ihre Fälle haben sich verändert und ich versichere, ich bin darüber sehr erstaunt, verweigere mich dem Geschehen aber nicht. Auch deshalb nicht, weil die frühen Dreißiger in England unseren Zeiten jetzt und hier ähneln.

So wie man von London aus nach Deutschland, Italien und Spanien blickte und befürchtete, ahnte und erwartete, es würde sich auch das eigene Land in eine Diktatur verwandeln, so schauen wir in die USA vor allem, aber auch viele andere Staaten – und auf die wöchentlich aktualisierten Wahlprognosen (die ich zumindest für gefährlich halte, wir schaffen damit das Gefühl, resignieren zu müssen, weil ja eh alles schon entschieden wäre). Dass all das unsere Wirklichkeit ist, dass zu viele Menschen ihr Glück darin sehen, dass es anderen schlecht und schlechter geht, obwohl ihr eigenes Leben dadurch nicht besser wird, dass es Mitbürger gibt, die aufrichtig entsetzt sind von Krieg, Faschismus und Shoah und dennoch bei jeder Gelegenheit darüber schwafeln, wie sie sich hier von Fremden überrannt fühlen oder andere für den Zustand unserer Gesellschaft machen – ach, ich kann das alles nicht fassen und nicht verstehen. Und ich kann es nicht ertragen. Es schnürt mir die Kehle zu.

Aber der Faschismus, die Entmenschlichung, der zunehmende Egoismus sind nicht das Einzige, was uns bedroht. Auch den steigenden Frauenhass wollen wir nicht vergessen. Aber fast noch dringlicher ist das ‚Wetter‘: Wer nach dieser Woche nicht verstanden hat, was Klimawandel bedeutet, dass es längst eine Klimakatastrophe ist, wer jetzt noch immer meint, der Mensch hätte damit nichts zu tun und es wäre immer schon heiß gewesen, Sommer halt, haha – ehrlich gesagt: Da fällt der Autorin auch nichts anderes mehr ein als ein herzliches Fuck off! Sorry, not sorry.

Was also fange ich damit an? Als eben jene Autorin, deren Wortgewandtheit sich gerade in einem Fuck off erschöpft hat?

Tja. Im Augenblick scheue ich davor zurück – das ganze Jahr eigentlich schon – mit dem siebten Band von Nadel, Faden & Mord zu beginnen. Weil es düster ist. Weil es traurig werden mag. Weil es schmerzt. Und weil ich weiß, ich werde, bin ich einmal in Alice‘ Welt, eintauchen. Alles, was düster und angstmachend ist, werde ich irgendwie, meist unbewusst, zwischen die Zeilen schreiben. Ich werde mich durchaus freischreiben, das wird guttun, es wird mir leicht von der Hand gehen – aber ich werde nicht viel Schönes und Gutes in dieser Zeit sehen können, ich werde mit noch mehr Verzweiflung und Ekel auf diese Welt blicken. Und das lässt mich gerade scheuen.

Viel leichter wäre es, den dritten Emma-Band in diesem Jahr zu beginnen; ich bin da sehr inspiriert. Emma hält, bei aller Trauer und allem Schrecken, die ich auch ihr und uns zumute, immer ein Tässchen Hoffnung bereit, da wird es immer etwas Zuversicht und Harmonie geben. Da ist mehr ‚Wir schaffen das‘ drin als bei Alice. Alice schafft auch alles, keine Frage, sie ist keine, die aufgibt. Aber es ist Kampf, es ist Mühe, es ist Zynismus, was sie ausmacht,

Noch viel viel leichter wäre die dritte Option: Mit meiner Rachehexe Moira auf Tour gehen – durch die 1920er in Edinburgh. Da gibt es viel Elend und viel Grausamkeit. Aber auch Magie und die Fähigkeit, all das zu vergelten. Das macht Freude, das täte gut. Das Entscheidende aber ist, dass sich diese Zeit für mich so anfühlt, als hätte ich nur zwei Optionen: Aufgeben, nie mehr schreiben, auf dem Sofa vegetieren. Oder aber weiter, weiter, weiter schreiben, um dem Wahnsinn für viele Stunden des Tages zu entfliehen.

Tja. Warum eigentlich ist mein sehr viel jüngeres Ich (ich denke, ich war vier oder fünf Jahre alt) zum Beitragsbild für diesen wenig fröhlichen Text geworden? Weil ich, bevor die Pubertät kam und alles danach, ein gar nicht so schüchternes Kind war. Also schon, ich war in der Schule zu still, ich verstummte in Gruppen. Aber ich kam ganz gut mit mir klar und hatte einen sturen Kopf, den ich oft durchsetzte. All das sehe ich in diesem Bild. Keck, würde Emma sagen, keck sieht die Kleine aus. Und weil die Kleine ziemlich enttäuscht wäre, wenn sie mich aufgeben sieht, wähle ich also das Zweite und schreibe weiter. Schnell, viel, ausdauernd. Sonst ist das alles für mich gar nicht zu ertragen. Und da ich weiß, dass es einige, wenn auch keine Heerscharen, an Lesefreundinnen und Lesefreunden gibt, die durch meine Romane eben auch ein bisschen fliehen können und ein wenig gestärkter in die Realität zurückkehren, ergibt mein Tun eben auch in diesen Zeiten Sinn.


2 Kommentare
  1. Avatar von Bettina
    Bettina

    Hallo Andrea,
    „wenn [es] auch keine Heerscharen, an Lesefreundinnen und Lesefreunden gibt“, also ich reihe mich gerne in diese Heerscharen ein und das seit deinem allerersten Emma-Roman. Und ich bin definitiv eine von denen, die mit deinen Romanen ganz wunderbar der Wirklichkeit entfliehen kann. Manchmal ist das einfach überlebenswichtig sich mit anderen, schöneren Dingen zu beschäftigen, um nicht an der Realität zu verzweifeln. Also bitte, bitte weiterschreiben, wir brauchen dich.
    ganz liebe Grüße und eine dicke Umarmung
    von einem Fan der ersten Stunde
    Bettina

    1. Avatar von Andrea Instone

      Liebe Bettina,

      sitze hier auf meinem Sofa, habe leider Kopfhörer gegen den Baulärm auf den Ohren und suche deshalb nach der Energie, endlich mit der Schreibarbeit anzufangen – die ist nämlich leichter zu bewältigen, wenn es still ist und nichts auf die Ohren drückt.
      Aber dein Kommentar jetzt und das enthaltene Lob, deine Liebenswürdigkeit, die sorgen jetzt doch dafür, dass ich ganz frohgemut loslege. Danke dir dafür <3

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