In London zu leben, das musste man sich vermutlich immer schon leisten können. Heute ebenso sehr wie in jenen Tagen, an denen Emma durch die Hauptstadt eilte, um harmlose Fragen zu stellen und einem Mörder auf die Pelle zu rücken. Was sie, das wissen wir, sooo nun auch wieder nicht vorhatte. Manches ergibt sich einfach ungünstig, da kann sie leider nichts für. Deshalb wollen wir dieses Thema jetzt auch gar nicht vertiefen. Wir wollen uns einmal anschauen, was das Leben damals kostete.
Die Löhne
Wie viel Geld jemand verdiente (und leider verdient, wir sind so viel schlauer nicht geworden …), bestimmte über alles: Ob man sich gute Nahrung leisten konnte beispielsweise und bequeme Kleidung, ob es im Winter kuschlig warm in der Wohnung war oder ob das Zimmerchen im Keller oder unterm Dach einfror, ob am ins Kino gehen konnte oder sogar ins Theater, ob man Bücher kaufte, lieh oder gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Und es entschied, ob man als Mensch wahrgenommen wurde oder nicht. (Auf das notorisch unübersichtliche britische Währungssystem mag ich jetzt nicht eingehen, das nehmen wir einfach mal so hin, ja?)
Also: Ein ungelernter Arbeiter verdiente Mitte der 1930er zwischen £2 10s und £2 15s pro Woche. Ein Facharbeiter kam auf £3 5s bis £3 15s. Das klingt jetzt nicht eben dolle viel, was zum einen daran liegt, dass wir heute andere Zahlen gewohnt sind. Wir erinnern uns an Jane Austens Mr Darcy, der 10.000 pro Jahr hatte. Klingt auch bescheidener, als es war. Ich glaube, ich hatte es im letzten Londonbeitrag schon mal erwähnt (oder ich habe es geträumt, auf jeden Fall bin ich jetzt zu bequem, nachzuschauen :D), dass heutige Serien und Filme gerne heutige Zahlen für Geschichten in der Vergangenheit wählen, damit wir uns besser vorstellen können, von welchen Werten die Rede ist. Was leider ziemlich irritierend für diejenigen ist, die eine ungefähre Ahnung von den wirklichen Zahlen haben.
Aber klar: Der Lohn des Arbeiters klingt auch deshalb niedrig, weil er es war. Auch da hat sich bis heute nicht viel geändert und bislang ist es noch niemandem gelungen, mir schlüssig zu erklären, weshalb ein Fußballspieler so viel mehr verdient als eine Erzieherin im Kindergarten oder ein Angestellter, der sich um die Kanalisation kümmert. Ob Bayern schon wieder Meister wird, beeinflusst mein Wohlbefinden exakt null …
Doch genug des Abschweifens. Wenn ich den Inflationsrechner der Bank of England korrekt bedient habe, dann entspricht £1 von 1934 heute etwa £80–85. Das heißt, ein Facharbeiterlohn von £3 10s entspräche heute etwa £280 pro Woche oder rund €330. Versuch damit mal, in London zu überleben. Oder hier bei uns.
Gut. Weiter. Interessiert uns der Arbeiter eigentlich?
Na ja, so halbwegs schon, natürlich. Doch interessanter ist natürlich, wie sich die Lage für Frauen darstellte, zumal, das sollten wir nicht vergessen, viele Männer den Großen Krieg nicht überlebt hatten. Männer im Alter von 18 bis 40, so meine ich mich zu erinnern, waren wehrpflichtig. Das heißt, Frauen, die Anfang der Dreißiger in ihren Dreißigern bis Fünfzigern waren, hatten es schwer, der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen und zu heiraten – was nach wie vor die sicherste Möglichkeit war, um sich vor Armut zu schützen. Die arbeitende Frau war noch lange nicht der Regelfall und wenn eine keinen Mann abbekommen hatte, nun, mit der musste doch etwas nicht stimmen, oder? (Das ist Boys Math, so möchte ich meinen – man kann sich ja auch immer fragen, wie der Wunsch nach Jungfräulichkeit bei der Frau mit der irren Erfahrung zwischen den Laken beim Mann zusammenkommen soll – no pun intended, haha).
Wie sah es also für Frauen aus? Ja, super natürlich, was auch sonst?
Frauen verdienten generell die Hälfte ihrer männlichen Kollegen. Wenn sie Glück hatten, denn oft war es noch weniger. Eine Sekretärin oder Schreibkraft – der Modeberuf der Zwanziger und Dreißiger, den ja auch Emma ergriffen hatte – kam auf ca. £130 pro Jahr, also grob £2 10s pro Woche. Eine Gouvernante erhielt etwa 3 Guineen pro Woche (£3 3s) – aber dafür wohnte und aß sie beim Arbeitgeber, was den Wert ihres Einkommens erheblich veränderte. Das Gefühl für Freiheit und Selbstbestimmung allerdings auch. Mitglied der Familie warst du halt nur, wenn es darum ging, dir wenig zu bezahlen. Bei Parties und Reisen warst du dann doch nur eine Last, die sich vorrechnen lassen musste, wie dankbar sie zu sein hatte. Aber immerhin gestand man dir einen gewissen Wert zu. Mehr als einer Fabrikarbeiterin oder einer Hausangestellten (von denen es mittlerweile sehr viel weniger gab als vor dem Krieg – wer wollte sich diese Plackerei schon antut?) – diese Berufsgruppen verdienten selbstverständlich weit weniger.
Vielleicht warst du besonders fleißig, hattest eine besonders gute Ausbildung, womöglich auch Beziehungen? Dann konnte es dir gelingen, für die Stadt zu arbeiten. Dann lag dein Jahresgehalt wie bei der Sekretärin um die £130–150, dafür aber mit der Chance auf eine, wenn auch deines Geschlechts wegen begrenzte, Karriere. Dieser Lohn entspräche heut etwa £10.000–12.000. Ja. Damit kommst du in London nicht weit, damit bist du arm, arm, arm. Wer heute in London für dieses Gehalt arbeitet, ist arm. In den Dreißigern war das auch weit entfernt von Reichtum, aber auch entfernt von abgrundtiefer Verzweiflung und nagendem Hunger. Was nämlich Inflationsrechner nicht gut aufzeigen können, das ist der wahre Wert des Geldes oder wie sich die Preise für Waren und Dienstleistungen verschoben haben..
Die Preise
Ich habe mal einige Daten herausgesucht, die hoffentlich auch korrekt sind – manches stammt aus den frühen, anderes aus den späten Dreißigern – wie sehr sich die Preise über die Dekade verändert haben, das habe ich jetzt nicht herausgefunden (will ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern zusammenfassen, was ich für meine Romane zusammengetragen hatte).
Die Zeitung: Der Daily Telegraph kostete 1 Penny, das entspräche heute etwa 35 Pence oder 0,40 €. Verkauft wird er aktuell für das Doppelte. Sich zu informieren, war damals also relativ betrachtet günstiger. Wenn da nicht andere Kosten wären …
Das Zimmer: Ein möbliertes Zimmer in ordentlicher Londoner Lage kostete 10–15 Shilling pro Woche. Das sind 12–18% eines Facharbeiterwochenlohns. Ein Zimmer fraß also knapp ein Fünftel des Einkommens. Heute kostet ein WG-Zimmer in London £250–400 pro Woche – bei einem Medianlohn von ca. £600 pro Woche sind das 40–65% des Einkommens. Wohnen war also in den Dreißigern deutlich günstiger. Was jedoch genau wie heute von der Wohnlage abhing, das hatte ich beim letzten Mal schon angerissen. Aber schauen wir mal genauer:
Eine kleine Wohnung in Chelsea – nichts Extravagantes, ein Zimmer mit Küche und Bad – kostete um die 3 Guineen pro Woche (£3 3s), das wären umgerechnet mit dem Inflationsrechner etwa £255 oder €300. Ein Zimmer in Chelsea heute? Ich habe mal nachgeschaut. Ja, £255 mag schon mal möglich sein. Für 12 Quadratmeter und geteilter Küche und geteiltem Bad. Oder aber £380 für 16 Quadratmeter, auf denen dann Kitchenette, Bad und Wohn-/Schlafraum untergebracht sind. Knapp 1800,- € für 16 Quadratmeter. Ein Schnäppchen!
Aber wir schauen ja zurück und stellen fest: Hey cool – Zeitung und Zimmer, das kann man irgendwie bezahlen und es bleibt noch was. Ja …
Das Essen: Da dreht es sich nun. Ein Laib Brot kostete etwa 4 Pence – das klingt günstig, war es aber nicht. Die klassischen Grundnahrungsmittel waren im Schnitt deutlich teurer als heute. Wenn wir dann noch bedenken, dass es absolut keine Selbstverständlichkeit war, einen Kühlschrank zu besitzen, oder als Untermieterin auch nur Platz genug für Vorräte zu haben, dann ahnen wir, dass das Leben damals – zumal in Zeiten einer globalen Wirtschaftskrise – alles andere als einfach oder gar bezahlbar war.
Zu guter Letzt:
Die Mode: Obwohl – nein. Es ging den meisten nicht um Mode, sondern darum, anständig, sauber und warm gekleidet zu sein. Damenratgeber und Frauenzeitschriften zeigten immer wieder auf, wie man als sparsame Hausfrau und kluge Stenotypistin mit einem kleinen Kleiderschrank dennoch angemessen angezogen sein konnte – das abendliche Auswaschen der Strümpfe und der Wäschegarnitur gehörte selbstverständlich dazu. Mode hingegen? Das war für die Wohlhabenden und jene, die geschickt genug waren, aus Stoff und Wolle die Pariser Modelle nachzuarbeiten.
Was also zahlte man? Viel, viel mehr als heute (und damit ist kein Vergleich zu Fast Fashion gemeint). Ein eleganter Mantel kostete 6½ Guineen – also knapp £7. Nach Inflation heute etwa £560 oder €660. Ein Abendkleid von Norman Hartnell im Ausverkauf: £15 – heute nach Inflation über €1.400. Das war für die Sekretärin nicht drin, sie musste auf ein praktisches Kostüm, einen schlichten Mantel und vernünftige Schuhe sparen und sich mit Tüchlein und Broschen daran machen, der Langeweile einen Hauch von Schick zu verleihen.
Emma, das hatte ich schon erwähnt, hatte Glück: Für sie zählten elegante Kleider, Röcke, Blusen, Hosen und Mäntel für absolut jede Gelegenheit sozusagen als Arbeitskleidung. Sie musste gut aussehen, musste sich immerzu modisch präsentieren. Das mochte gewiss auch mal Druck bedeuten, aber so überheblich, dass sie sich über den Luxus beschwert hätte, war sie nie. Eher plagte sie das schlechte Gewissen ob ihres Schicksals. Vielleicht deshalb kann sie auch in London nicht aufhören, für mehr Gerechtigkeit sorgen zu wollen.
Quellen:
- Cost of living 1930s vs today: https://moneyquestioner.co.uk/money/cost-living-cheaper-today-80-years-ago/
- Housing costs 1939: https://chrisdillow.substack.com/p/housing-costs-now-vs-1939
- Bank of England Inflation Calculator: https://www.bankofengland.co.uk/monetary-policy/inflation/inflation-calculator
- Working Classes 1900–1950: https://discoveringleeds.wordpress.com/poverty-and-riches-the-working-classes-1900-1950/


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