Eine Stadt der Gegensätze
In den meisten meiner Romane spielt Bonn, meine Heimatstadt am Rhein, eine wichtige Rolle. Hier hatte ich auch meine erste Geschichte angesiedelt: Fräulein Emma Charlotte Schumacher, Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Dame, ist gebürtige Bonnerin, muss mit zwölf Deutschland verlassen, lebt bis neunzehn bei der Großmutter Lady Milford in London, Edinburgh und Cornwall – um dann bis in den Sommer 1933 ihr Glück in Bonn zu finden. Aus allbekannten Gründen kehrt sie dann nach London zurück.
Womit London zum neuen Schauplatz der Serie wird – als Mrs Beresford wird Emma rasch wieder heimisch auf der Insel. Auch eine andere Heldin ist dort daheim: Alice Beaumont, meine etwas andere Hauptdarstellerin; sie jedoch lebt fast einhundert Jahre vor Emma dort. Wie es also nun so ist, musste ich mich London etwas intensiver befassen – ja, eigentlich sollte ich noch mal eben flott dorthin, um mein Wissen und meine Erinnerungen aufzufrischen. Zwei Besuche und das nur kurz, das reicht eigentlich nicht.

Aber gut. Emma Beresford also. Sie wohnt mit James, Carly und Mellow in Hampstead, NW3. Das ist eine der vornehmeren Adressen Londons und das hat sie sich nach den mageren Jahren auch verdient. Vermutlich kann sie von ihrem Schlafzimmerfenster im oberen Stockwerke auf die grünen Hügel, die Wiesen, Wälder und Teiche des Hampstead Heath blicken – damals mehr noch als heute eine grüne Lunge, weniger ein Park als ein Gebiet ungezähmter Natur. Vielleicht auch deshalb, wegen dieser Verbindung zwischen Stadt und Natur, zieht es so viele Intellektuelle und Künstler in dieses Viertel – Daphne Du Maurier, Emmas Freundin seit acht Jahren, wohnt ebenfalls hier, schräg gegenüber.
Doch nur zwanzig Minuten Fahrt mit der Northern Line nach Süden und schon sind wir in einer anderen Welt, denn London war und ist eine Stadt der Gegensätze. In der Vergangheit auf eine Weise, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Eine Stadt, die nie aufgehört hat zu wachsen
Zunächst einmal: London ist riesig. Was immer der Grund dafür war (die Themse allein mag es nicht gewesen sein, ich müsste ja mal in die Tiefe gehen und nach Gründen forschen …): London wächst, seit die Römer den ersten Pfahl in den Erdboden getrieben haben. Schon zu Alice‘ Zeiten wuchs die Bevölkerung rasant an. Um 1800 lebten knapp 900.000 Menschen in der Stadt; um 1845 herum waren es bereits fast zwei Millionen – und London galt damals als die größte Stadt, die die Welt je gesehen hatte. Zum Vergleich:Paris hatte eine Million Einwohner, New York kaum 400.000. London war schlicht eine andere Kategorie.
Aber mehr Menschen benötigen mehr Platz – und es wird sich wohl nie ändern: Wer sich besonders wichtig fühlt und über Geld, Titel oder Macht verfügt, will besonders viel davon. So werden Paläste auf der einen Seite gebaut, mit Blick auf die Parks, mit breiten Straßen und neuen Krankenhäusern, während auf der anderen Seite der Stadt der Platz immer enger und enger wird und Menschen auf der Straße sterben. Was man allgemein als gerecht ansah: Wer ein guter Mensch ist, kann ja nicht arm und verzweifelt sein, da hat das Schicksal schon richtig entschieden. Eine Ansicht, über die man auch in London hinwegkommt, wenn vielleicht zu Beginn auch eher aus gesundheitlichen Gründen: Typhus, Cholera und Syphilis haben die blöde Angewohnheit, sich ebenso auszubreiten wie die wachsende Stadt. Die grauenvollen Zustände im East End werden über die Jahrzehnte deutlich verbessert. Doch bis heute ist deutlich sichtbar, wo Geld daheim ist und wo es mangelt.

Zu Emmas Zeiten wächst London schneller als je zuvor – und schneller als danach je wieder; die Bevölkerungszahlen steigen rasant; 1934 sind es acht Millionen und man ist auf dem Weg zum historischen Höchststand von 8,6 Millionen, der 1939 erreicht wird. Kein Wunder, dass sich nun die Vororte in die Nachbarlandkreise hineinfressen – Essex, Hertfordshire, Kent, Middlesex, Surrey; überall entstehen neue Siedlungen, die sich London zugehörig fühlen. Möglich ist das nur durch den technischen Fortschritt – die U-Bahn macht es möglich. Wer früher im Zentrum wohnen musste, weil er sich eine gesunde Umgebung und damit einen weiten Weg zur Arbeit nicht leisten konnte, pendelt nun. Die Zahl der Einpendler hat sich in zwanzig Jahren verdoppelt. Und weil vor der Stadt Platz ist und die Ansprüche steigen, entstehen dort die typischen halb freistehenden Häuschen mit kleinem Garten – das Ideal der aufstrebenden Mittelklasse, weit weg vom viktorianischen Mietshaus. My home is my castle. Sozusagen.
Ein Nebeneffekt dieses Wachstums während Zwischenkriegsjahre ist die Modernisierung: Das Art Deco findet in London eine Heimat. Man muss sich nur die Serie Poirot anschauen – vermutlich so ziemlich jedes Gebäude jener Jahre dürfte als Location genutzt worden sein. London in den 1930ern ist also nicht nur modern, sondern auch modern anzuschauen.
Arm und reich, Tür an Tür

Doch wie ich sagte: Man sieht noch immer, wo wer wie lebt. Und das sorgt, wir sehen es heute weltweit wieder, für Spannungen, die sich leicht entladen können. In kaum einer Stadt mag das so greifbar und erlebbar gewesen sein wie im London der Vergangenheit. Heute sind Viertel wie Shoreditch und Hoxton, die im tiefsten East End liegen und ewig als Armenhaus der Stadt galten, bekannt für ihre Galerien, viele Startups (wobei: Ist die Zeit nicht vorbei? Da muss ich demnächst auch noch mal genauer schauen, aber das Heute interessiert mich schreibend nur selten von daher …) und natürlich für London-typische astronomische Mieten. Ebenso sind andere Stadtteile ihren ärmlichen Ruf losgeworden und für den Durchschnittsbürger kaum noch bezahlbar. Das gilt z. B. für Bermondsey, wo einst Fabriken und Gerbereien standen und sich Boutique-Restaurants und Kunstgalerien aneinandereihen oder für Orte wie Dalston und Hackney, die sogar noch vor dreißig Jahren berüchtigt waren. Und klar: Wenn man aus einem Haus, in dem sich früher vierzig Leute drängeln mussten, ein schickes Atelier mit Loft und Luxusbad macht, dann sehen enge Gassen und der Mangel an Grün gar nicht mehr so viel aus, das ist dann urban und schick.
Geschieht das auch andersherum? Nun ja, nicht in dem Maße. Natürlich gibt es Moden, mal gilt es als cool, nahbei zu wohnen, dann wieder ist es spießig, nicht weiter draußen zu wohnen. In den vornehmen Viertel ist das Problem heute, dass zu viele Häuser nichts weiter als Objekte sind, in die man investiert hat und die sogar im Leerstand noch Vorteile bringen. Aber das war in Emmas Zeiten eher weniger ein Problem.
In den Londoner Kriminalfällen bekommt es Emma mit anderen Dingen zu tun – und mit anderen Menschen – als in Bonn. Ging sie am Rhein mit einfachen wie mit gebildeten Personen um, mit armen und mit reichen, so ist sie London deutlich stärker auf ihre eigene Gesellschaftsschicht beschränkt – eine Schicht, der sie von der englischen Großmutter her angehört haben mag, aber durch den Mangel an Geld und ihre Jugend nie wirklich kennengelernt hat; am Hofe wurde sie nie vorgestellt. Doch durch die sehr vermögende und sehr bekannte Verwandtschaft ist Mrs Beresford nun ein Jemand – und da es nun immer öfter um Spionage und Verschwörung geht, in der ein Mord quasi Beiwerk ist, sehen wir uns in London meist, nicht immer, in den feinen Vierteln um.
Wo Emma lebt und arbeitet

Das West End – Mayfair, Belgravia, Kensington, Chelsea – ist die elegante Schauseite der Stadt. Hier residieren in den 1930er noch immer die alten Familien, die neuen Reichen, die Diplomaten. Emmas Detektivbüro in der South Audley Street liegt mitten in Mayfair, um der feinen Kundschaft den Zugang zu erleichtern. Das Viertel ist in diesen Jahren im Wandel: Die großen Stadtpaläste der Aristokratie werden abgerissen, weil ihre Besitzer sie nach Krieg und Depression nicht mehr halten können und neue Käufer nicht so leicht zu finden sind – zumal zugleich auch die Landsitze unter den Hammer gelangen. Statt Wohnstätten für eine Familie und ihre Dienstboten entstehen mehr und mehr Hotels und moderne Apartmenthäuser. Die Oberschicht zieht sich in kleinere, aber immer noch tadellos gelegene Wohnungen zurück, und tut oftmals so, als wäre diese Entscheidung kein Muss, sondern ein Frage der Bequemlichkeit und der Moderne. Vermutlich wird die oft bemühte Klage, man fände ja kaum noch gutes Personal, auch hier als Ausrede herhalten müssen.
Hampstead, wo Emma wohnt, ist – ich sagte es schon – etwas anderes: vornehm und intellektuell zugleich. Die Häuser wirken bescheiden, besitzen jedoch einen Garten, Bäder, moderne Annehmlichkeiten. Schriftstellerinnen, Akademiker, Künstler – das kann man nicht oft genug sagen – prägen den Stadtteil und vermutlich hielten sich viele für völlig normale Menschen; vielleicht sogar für bessere, weil man keine Paläste braucht, weil man so naturverbunden ist und nicht drei Automobile vor der Tür hat und meist nicht einmal ‚echtes‘ Personal. Die Haushaltshilfe, die täglich kommt, die Nanny, die neben dem Kinderzimmer residiert, die Leihköchin, der Gärtner, der all drei Tage nach dem Rechten sieht – nun das sind Helfer und Helferinnen, das sind Leute, mit denen man sich unterhält und die man schätzt und die man nur zufällig dafür bezahlt, dass sie tun, was sie tun sollen. Man könnte auch befreundet sein, wären diese Leute nur gebildeter, klüger, vornehmer. Ganz leicht mag auch Emma eine Tendenz in diese Richtung haben – wie auch nicht, wenn man auf einmal Bedeutung besitzt und Geld genug, jeden Wunsch zu erfüllen? Doch sie arbeitet an sich; ihre größte Angst in London ist es, ein Snob zu sein.
Eine Sorge, die vermutlich bald von anderen Sorgen überdeckt werden wird, denn seit Hitler an der Macht ist, treffen mehr und mehr deutsch Exilanten ein – Wissenschaftler, Verleger, Journalisten, die ihr Land verlassen mussten und in Hampstead und Bloomsbury eine neue Heimat finden. Über kurz oder lang wird das eine Rolle spielen in dieser Serie: Auch Emmas deutsche Hälfte mag noch ein Problem werden. Doch gemach, gemacht, so weit sind wir noch nicht!


Schreibe einen Kommentar