Ja, richtig gelesen. Heute ist National Nylon Stocking Day, wie man auf der anderen Seite des Atlantiks sagt. Es ist – natürlich – ein rein amerikanischer Gedenktag, denn DuPont war ein us-amerikanisches Unternehmen. Aber egal, egal, der Anlass ist doch wunderbar für einen Blogpost, denn selbstverständlich sind Strümpfe enorm wichtig für Emma: Diese Dinger waren Quell der Freude und ständiges Ärgernis.
Was Emma trägt

Wir sind bisher meinem Fräulein Schumacher bzw. meiner Mrs Beresford von ihren Anfängen im Spätsommer 1926 bis in den Herbst 1934 gefolgt und stellen fest: Noch gibt es kein Nylon. Nylon wird erst 1935 im DuPont-Labor von Wallace Carothers entwickelt. Bis man es der staunenden Öffentlichkeit im Jahr 1939 auf der Weltausstellung in New York vorstellt, wird also noch etwas Zeit vergehen, angefüllt mit vielen Versuchen und (so nehme ich an) viel, viel Marketing, denn am 15. Mai 1940, dem ersten Verkaufstag, werden in den USA vier Millionen Paar innerhalb weniger Stunden verkauft. Vier Tage später ist alles ausverkauft. In Deutschland übrigens entwickelte Paul Schlack bei der IG Farben 1938 unabhängig davon Perlon – dasselbe Prinzip, ein anderes Molekül. Aber daraus wollen wir vielleicht keinen Gedenktag machen. Aus guten Gründen.
Aber wie gesagt: Das mit dem Nylonstrumpf liegt noch in der Zukunft. Emma trägt also was? Seidenstrümpfe. Eine Frau von ihrer gesellschaftlichen Position trägt Seide. Punkt. Ok, nicht immer, wenn es schneit … Na, ich denke, zumindest Sybil wird selbst im eisigsten Winter lieber frieren, als ihre modische Eleganz zu verraten, und da mag es wohl sein, dass Emma sich gelegentlich zu ähnlichem hat verführen lassen.
Der Seidenstrumpf – schön, empfindlich & teuer

Seide war Luxus. Immer schon. Sie ist leicht, sie schimmert edel und fühlt sich oftmals wunderbar an (wobei: Ich erinnere mich an mein Kommunionskleid. Rohseide. Von der englischen Urgroßtante gesandt. Ein sehr eisigkalter Weißer Sonntag und eine ausgefallene Heizung. Und dann dort hinein müssen, in diese absolut frostige Kleid. Hölle! Und der Tag wurde kein bisschen besser, erzähle ich gerne ein anderes Mal.)
Wie auch immer: Das Rohmaterial kam damals fast ausschließlich aus Japan und China und wurde in England vor allem in Nottingham, dem traditionellen Zentrum der britischen Strumpfwarenindustrie, zu – surprise, surprise! – Strümpfen verarbeitet. Hauchzart, schmeichelnd, kostbar. Blöd nur: Seide war nicht nur teuer und für die meisten Frauen in den Zwischenkriegsjahren nahezu unerschwinglich. Nein, Seidenstrümpfe sind auch entsetzlich empfindlich. Laufmaschen? Ha, die rannten dir schneller das Bein hinauf und herab, als du gucken konntest. Eine raue Stelle an Ferse, ein Krümelchen im Schuh, ein kratziger Tweedrock? Zack, das war’s.
Doch nicht nur das machte Seidenstrümpfe zum Luxusgut, auch die Herstellung war eine Kunst für sich, denn Seide dehnt sich nicht. Ein Strumpf aus Seide muss passen. Sie wurden nach Schuhgrößen verkauft und wenn die verstärkte Ferse an der falschen Stelle saß, dann wurde es entweder sehr unbequem, weil die Zehen keinen Platz hatten, oder Strumpf hing labbrig im Schuh und warf Falten an der Fessel.
Und nicht nur die Schuhgröße musste stimmen, sondern – logisch – ebenso die Weite für die Wade und zumindest die ungefähre Beinlänge. Weshalb es pro Schuhgröße kurze, normale und lange Strümpfe gab und dann noch Modelle für das kräftigere Bein (in den USA sehr uncharmant outsized genannt).
Nicht ganz so passformsensibel war die Weite am Oberschenkel, denn hier kamen die Strumpfgürtel zum Einsatz, die in das obere, elastische Bündchen eingeklemmt wurden.
Ah ja und natürlich waren Seidenstrümpfe nicht rundgestrickt, obwohl es entsprechende Maschinen schon seit dem 18. Jahrhundert gab. Aber da Seide eben nicht sonderlich elastisch ist, musste flach gestrickt werden, um hernach die Strümpfe zusammenzunähen und zwar dem Bein in etwa folgend – also enger am Knöchel, runder an der Wade. Diese aufwendige Herstellung trieb den Preis natürlich zusätzlich in die Höhe. Das Ergebnis der Mühe war die berühmte rückwärtige Naht, die gemeinsam mit dem Fersenkäppchen gerne auch in einer anderen Farbe gesetzt wurde. Eine Naht übrigens, die schnurgerade sitzen musste, wollte man nicht als schlampig gelten. Wir kennen das aus alten Filmen, wie die charmante Heldin jede Gelegenheit nutzt, ihren Rock ein wenig anzuheben, sich anmutig um die eigene Achse drehte und kontrolliert, ob sie wohl noch als Dame gelten darf. War sie darauf aus, mit einem Gentleman zu flirten, so mochte sie ihn wohl bitten, den Sitz ihrer Strümpfe zu begutachten. Ich nehme an, dass die meisten Herren der Verantwortung gewachsen waren. James jedenfalls gewiss.


Was andere Frauen trugen
Wie ich bereits schrieb, konnten sich die wenigsten Frauen Seide leisten. Welche Möglichkeiten hatten sie also? Nun, da gab es die folgenden Varianten:
Rayon:
Die sogenannte „Kunst-“ oder „Mutterseide“, seit ca. 1912 auf dem Markt – sah der echten Seide täuschend ähnlich, war aber günstiger und weniger fein. Der Kompromiss für die aufstrebende Mittelklasse und die berufstätige Frau, die sich den Schein leisten musste, nicht aber die echte Seide.
Baumwolle:
Haltbarer, wärmer, aber ohne Schimmer. Für den Alltag, den Sport, für die Arbeiterin, für zuhause.
Wolle:
Im Winter, manchmal unter dem Seidenstrumpf getragen, um zu wärmen, ohne auf den Schimmer zu verzichten. Die meisten Frauen waren übrigens in der Lage, Strümpfe zu stricken. Eine Aufgabe, die in den Kriegsjahren wieder einmal zur nationalen Pflicht wurde – Stricken für die Front.
Die Strumpfflickerin
Nun waren diese Seidenstrümpfe aber durchaus auch ein teurer Posten für die vermögenden Damen, die ja, das sollte man nicht vergessen, selten über wirklich eigenes Geld verfügte. Ein Gatte, der strafen wollte oder grundsätzlich geizig war, sah eher nicht ein, für solchen durchsichtigen Tand ständige so viel auszugeben. Hell, no, das war mal wieder typisch Weib, nicht wahr? Seine Socken hielten schließlich auch lange, er kaufte auch nicht ständig neue Paare! Dass er selbst sicherlich lieber auf seidenbestrumpfte Frauenwaden blickte als auf solche in dicken Wollsocken – tja, das auf die Kosten gedanklich umzusetzen, war eine geistige Leistung, die wir vermutlich nicht jedem Ehemann zutrauen sollten ..
Aber gut, nun hattest du also ein solches Exemplar von Ehegespons daheim. Was tun also, wenn die Laufmasche kam? Und wir wissen ja schon, dass sie kam, und ebenso wussten das findige und geschickte Fräulein und Herren, die daher gerne für Hilfe sorgten. Es gab nämlich, so du nicht zu den ganz wenigen gehörtest, die in den Dreißigern noch eine echte Zofe mit allen dazugehörigen Talenten in deinen Diensten hattest, wahrhaftig Strumpfflickerinnen (Männer sind mitgemeint, logisch). Sie reparierten Laufmaschen mit winzigen Häkelnadeln mit Verschlusshaken, sogenannten Ladder Darners oder Latch Hooks – wer knüpft oder mit der Strickmaschine vertraut ist, kennt diese Geräte, die für Seidenstrümpfe allerdings noch viel, viel feiner waren. Sie fingen die gefallenen Maschen auf und strickten sie Reihe für Reihe hoch. Wer dieses Handwerk besonders gut beherrschte, dürfte sehr gefragt gewesen sein; eine gut gemachte Reparatur war kaum sichtbar.
ABER: Es ist ja der Tag des Nylonstrumpfs und wenn es für Emma und Sybil noch ein Weilchen hin ist, bis sie ein solches Exemplar in den Händen halten respektive an den Beinen tragen dürfen, wollen wir doch mal schnell schauen, was daran so wunderbar war.
Seide vs. Nylon – ein Vergleich
| Seide (1934) | Nylon (ab 1940) | |
|---|---|---|
| Material | Naturfaser, Japan/China | Synthetisch, Labor |
| Streckt sich | Nein | Ja |
| Haltbarkeit | Gering, läuft leicht | Deutlich besser |
| Pflege | Empfindlich | Waschbar, schnell trocknend |
| Größensystem | Schuhgröße + Körpergröße | Zunächst ähnlich, später vereinfacht |
| Naht | Ja, sichtbar („fully fashioned“) | Zunächst ja, später nahtlos |
| Preis | Teuer | Günstiger |
Der Nylonstrumpf ist also eine Sensation. Und dann kommt der Krieg. Fallschirme, Seile, Reifen – das Militär braucht Nylon für all das. Die Strümpfe werden erst zur Mangelware, dann sind sie gar nicht mehr zu bekommen. Um den gewohnten Schick zu erhalten, malen Frauen die Strumpfnaht mit einem Eyeliner auf die Wade. Gewärmt hat das natürlich nicht und bald schon gab es wirklich Wichtigeres als dieses Mimikri. In den frühen Vierzigern sehen wir nun auch an erwachsenen Frauenbeine Söckchen oder Kniestrümpfe aus Wolle – die passten auch gut zu den flacheren Schuhen und den nur noch knapp übers Knie reichenden Röcken.
Aber all das kann Emma noch nicht ahnen. Sie arrangiert sich mit den Seidenstrümpfen, freut sich darüber, dass sie sich diesen Luxus fürs Bein leisten kann, und hat ansonsten wirklich andere Sorgen.

Quellen:


Schreibe einen Kommentar