Es geht um Golf. Das Spiel mit dem kleinen Ball, den vielen Schlägern und einem Loch im Rasen, das weit entfernt liegt und in das doch möglichst flott der kleine Ball hinein geschlagen werden soll, stammt vermutlich aus Schottland. Dort wurde es bereits verbürgt seit dem 16. Jahrhundert gespielt (wie auch immer man auf diese Idee kam – allerdings frage ich mich auch bis heute, wie man darauf kam, getrocknete Blätter aufzurollen, sie sich in den Mund zu stecken und anzuzünden …), wenn auch zum Unwillen der jeweiligen Herrscher. Warum? Weil die Herren Lairds und Clanchiefs, all die Earls und Barons ihre Zeit nicht mit dem Spiel verplempern, sondern lieber das Bogenschießen und Fechten üben sollten. Wobei: Die ersten Golfbälle wurden aus Buchsbaumholz gefertigt und das benötigte man auch für Bögen. Die Herstellung der Golfbälle kostete also auch Zeit und Material, was man als Herrscher lieber für Kriegsvorbereitungen verwendet hätte. Dennoch: Offenbar besaßen all die Jakobs (oder James‘, wenn wir sie bei ihrem englischen Namen nennen wollen) auf dem schottischen Thron zu wenig Fantasie, um sich auszumalen, wie man mit einem gezielten Schlag auf weite Entfernung den Gegner würde ausknocken können. Obwohl – an Fantasie mangelte es manchen Jakobs eigentlich nicht; wer an Hexen glaubte und an ihre Ausrottung ging, musste schon eine wirklich kranke Vorstellungskraft besessen haben. Aber darum kümmert sich Moira McLeod, nicht wahr? Also zurück zum Thema:

Die Zeit schritt voran und je mehr Menschen – sprich: Männer – es gab, die aufgrund von Landbesitz oder Geschäftserfolg Vermögen genug besaßen, um nicht ständig mit lästiger Arbeit beschäftigt sein zu müssen, desto populärer wurde es, die freie Zeit statt mit Langeweile mit sportlichen Aktivitäten auszufüllen. In Schottland war das sehr gerne Golf. Und Golf galt als so schottisch, dass in England, wo Sport ja nun besonders beliebt war, eben kaum Golf gespielt wurde. Was bitte kam schon Gutes aus Schottland? Außer Shortbread vielleicht und Tartanmuster und Whisky? Eben.
Ok, es gab durchaus den einen oder anderen Golfclub in England, aber dass Golf hier nicht so recht zum Durchbruch, mochte auch am zweiten Ballmodell liegen, das nach den Holzbällen über Dekaden modern war: Ein mit Federn gefüllter Lederball, der unglaublich teuer und bei feuchtem Wetter unberechenbar war. Wenn der Ball nämlich feucht wurde, verlor er die Form, wurde matschig und flog nicht, wie er fliegen sollte. In England war man also nicht sonderlich begeistert von diesem Sport.
Doch dann entdeckten Queen Victoria und ihr Gatte Albert (die beiden wieder mal – was sie mochten und nicht mochten, prägt England bis heute!) ihre Liebe zu Schottland und setzen damit einen Trend, zumal dank dem stetig wachsenden Gleisnetz eine Reise in die Highlands keine Expedition mehr war. Als dann auch noch der Golfball ein Makeover bekam und aus Guttapercha hergestellt wurde – er also formbeständiger, leichter und viel billiger wurde, da begeisterten sich die Engländer endlich für das Spiel. Schöne Landschaften, die sich für einen solchen Spielplatz eigneten, gab es genügende, und eine Vorliebe für Rasenpflege wird den Briten insgesamt schon von Asterix unterstellt. Auf jeden Fall entstand ein Golfplatz nach dem anderen; um 1890 sollen es etwa hundert gewesen sein. Zwanzig Jahre später waren es etwa 12.000. Wow. England überholte damit Schottland als das Land, in dem die meisten Plätze zu finden sind.
Aber weshalb Golf?
Golf hat einen Vorteil gegenüber anderen Sportarten: Man kann dabei so manches besprechen und das in freier Natur. Kein Publikum, keine Schiedsrichter, kein Lärm. Nur der Platz und die Person oder die Personen, mit denen man spielt und etwas besprechen mag. Perfekt für eine Gesellschaftsschicht, die es nicht mag, bei ihren Plänen und Ideen, bei ihren Abkommen und Mauscheleien belauscht zu werden. Na ja, ok, das ist jetzt übertrieben, das galt und gilt keinesfalls für die meisten der Spieler. Aber es erklärt, weshalb Golf im Vergleich zu Fußball oder Tennis bei manchen Männern besonders beliebt war. Unterhalte du dich mal beim Tennis über Goldminen in Afrika oder besteche einen korrupten Politiker beim Elfmeterschießen! Ha, ja, gar nicht so einfach, so ein bisschen Ruhe und Zweisamkeit wäre wünschenswert, wenn du solche Hobbys pflegst.
Da war Golf ein Geschenk. Dein Erbonkel will keinen Penny rausrücken, um dich von deinen albernen kleinen Schulden zu befreien? Begleite ihn für vier Stunden beim Golf, spiel den geläuterten Neffen, strenge dich an, versprich ihm alles, lass dir Standpauken predigen und gehe als schuldenfreier Mann vom Grün.
Dein Chef will den blöden Roderick befördern, nicht aber dich? Ein Glück, dass der Chef Golf spielt und meint, auf dem Platz ablesen zu können, wer der beste Mann für welchen Job ist. Rodericks Pech, dass er den Ball nicht trifft, während du lässig zu schwingen und einzulochen verstehst – gerade gut genug, um den Chef nicht zu überrunden. Drei oder vier Treffen auf dem Grün und Roderick ist Geschichte.
Du willst die schöne Rosamund heiraten, aber ihr Papa hält dich für einen unfähigen Tunichtgut? Beweis ihm an Loch neun, wie gut du für sie sorgen wirst und versprich ihm, ganz schnell für den Firmenerben zu sorgen.
Geschäftskonto, schwierige Beziehungen, Freunde, die sich sonst nichts zu sagen haben: Der Golfplatz ist das perfekte Refugium, der friedlichste Kampfplatz für all diese Männer.
Für Männer? Nur für Männer?
Ja und nein. Die Clubkultur in England ist bekanntermaßen eine ziemlich männliche Geschichte. Die meisten Clubhäuser, auch beim Golf, waren oft Orte, in denen die Herren ungestört von weiblicher Nörgelei (alles, was eine Frau sagt, muss ja nörgeln sein, nicht wahr?) dinieren, trinken, Karten spielen, Billard spielen und Zeitung lesen durften. War ihnen ja daheim sicherlich verboten, da musste man sich am Ende noch anhören, dass die Köchin kündigen will, der Sohn Ärger in der Schule macht oder die Schwiegereltern keine Lust mehr hätten, seine Rechnungen zu bezahlen. Kein Wunder also, dass der gewöhnliche Gentleman davon überzeugt war, es hätten Frauen auf dem Grün nichts zu suchen.
Andere Herren sahen das anders. Aus unterschiedlichen Gründen:. Manche fanden, dass es reizend wäre, hübsche Damen zuzusehen und mit ihnen anbandeln zu können, so ganz informell. Manche aber auch waren grundsätzlich der Meinung, dass es für jede Gesellschaft von Vorteil wäre, Frauen gleichberechtigt zu behandeln.

Und was sagten die Frauen, die es vermutlich satt hatten, dass über sie, aber nicht mit ihnen geredet wurde? Die gründeten eigene Clubs. Auch im Golf, der erste entstand um 1815 in Schottland; die Gründung der Ladies Golf Union folgte immerhin 1893 — die Zahl der Spielerinnen wuchs erheblich. Das schöne Geschlecht drängte also voran und bei der ständig wachsenden Zahl an Golfplätzen und Golfvereinen fand sich vermutlich für jede ambitionierte Sportlerin ein Ort, an dem sie den Schläger schwingen durfte. Anständig natürlich und angemessen. So soll ein schottischer Lord um 1900 herum öffentlich angeregt haben, Frauen sollten einen Golfball nicht weiter als 70 Yards schlagen — mit Verweis auf das „Unschickliche“ eines vollen Schwungs in modischer Damenkleidung. Was immer er damit meinte. Die sich drehende Hüfte vermutlich? Die Bewegung des weiblichen Hinterteils? Der fliegende Rock, der sich um die Beine wickelt? Heute wie damals jedenfalls möchte ich meinen, dass weder die Frau noch ihre Sportkleidung die Ursache sind, wenn sich ein Mann nicht benehmen kann. Frauen mal als Menschen zu betrachten, könnte helfen …
Aber logisch, bei solchen Debatten idiotischster Natur ging es immer auch um Kontrolle und darum, das aufmüpfige Weibsvolk daran zu erinnern, wer die Macht innehält. Eine Macht, die überall, eben auch auf dem Grün ein wenig ins Wanken geriet. Mit den Zwanzigern war es endgültig: Die perfekte Frau trieb Sport, um ihre schlanke Linie zu erhalten. Solange die Männerwelt glaubt, die Damen täten das, um ihnen zu gefallen (was ja leider allzu oft stimmte und stimmt), solange war Sport kein Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung, sondern ein Schönheitsmittel, bei dessen Verwendung man zusehen durfte. Hübsche Frauen, die in schmalen Röcken neben einem über den Platz zogen, denen man Komplimente machen und sie ungestraft betrachten konnte, das war sicherlich auch ein Grund, sich im Golfclub anzumelden.
Reizend, ganz reizend – und wenn man sich mal die Modezeitschriften jener Jahr ansieht, dann nahmen vor allem Schwimmsport, Tennis und Golf Einfluss auf das, was als schick und elegant galt. Draußen sein, sich bewegen, braun werden, schlank und beweglich bleiben, die Waden zeigen, selbstbewusst auftreten: Golf und die Neue Frau waren ein perfect match. Immer dann zumindest, wenn sie spielen durften; da gab es noch viele Clubs, die der Aufnahme zwar zustimmten, aber nur manche Tage und Tageszeiten für die Spielerinnen erlaubten. Gerne gab es auch getrennte Clubhäuser und getrennte Feiern. Weil ja Frauen immer nörgeln und Männer ein Schutzreservat benötigen. Aber immerhin: Spielen durften sie. Anständig gekleidet, lächelnd, freundlich, nicht fordernd. Kennt man ja. Taten sie auch, was vielleicht langsam dazu beitrug, Golfclubs von rein männlichen Domänen in gemischte gesellschaftliche Clubs zu verwandeln, in denen Frauen wahrhaftig in die Bar durften! Oha!
Die Sportswoman ist also nicht mehr shocking. Oder doch so ein bisschen?
So ein bisschen Skandal ging dann doch noch, sobald frau sich anders als erwartet zeigte. Wie es 1933 Gloria Minoprio tat. Die nämlich trat bei der British Ladies Championship in Hosen an — das erste Mal, dass eine Frau in Hosen auf einem britischen Golfplatz spielte. Nicht nur das: Ganz in Schwarz kam sie auch noch. Und zu spät. Man hatte sie aufgerufen, sie erschien nicht. Man rief sie erneut, nichts geschah. Erst, als man sie disqualifizieren wollte, sauste sie heran. In einem knallgelben Rolls Royce, dem sie entstieg. In Schwarz. Mit Hosen. Und wirklich nur mit einem einzigen Schläger für das gesamte Spiel. Das hatte sie am Tag zuvor angekündigt und damit schon für Aufregung gesorgt – es ist ja eine Wissenschaft für sich, für jeden Schlag, jedes Loch den passenden Schläger zu wählen. Sie gewann nicht, aber darauf kam es nicht an.

Jetzt halt noch die Frage: Warum redet die Frau Instone plötzlich über Golf?
Tja, wahrhaftig hat der Gatte mit diesem Sport begonnen. Full in, Hals über Kopf. An einem Samstagmorgen bin ich mal mit. Sehr ambivalent. Natürlich sehr schön, so viel gepflegtes Grün, viel Wasser, Hasen, Enten, Gänse. Schön, schön. Muss natürlich mit sehr viel Wasser erhalten werden. Das anderswo fehlen mag. Sehr ambivalent war das.
Und dann manche der Leute. Die Blicke. Ich wäre schon aus Trotz mit meinem alten Corsa hingefahren, das hätte geschockt. Wirklich. Und der Gatte hat seinen Doktortitel für die Anmeldung benutzt. Aus Gründen. Macht er nie; als ich ihn kennenlernte, war er Steve. Dass er den Luxus einen zweiten Vornamen plus eines erarbeiteten Doktortitels in Anspruch nimmt, erfuhr ich viel später, so kurz vor Hochzeit irgendwie :D Ist dort auf dem Golfplatz aber nicht unbedeutend.
Und nein, wir sind nicht reich. Ich selbst bin Autorin, also eher arm. Dem Gatten geht es gut. Den anderen dort eher übertrieben gut. Womit ein gewisses Selbstvertrauen einhergeht, dass eher selten gerechtfertigt scheint. Ich habe mich dennoch benommen und freundlich gelächelt. Der Gatte ignoriert das. Nicht mein Lächeln, obwohl: das auch meist. Aber in Australien ist Golf komplett anders. Lässig. Eher günstig. Ohne Mitgliedschaften. Nimm einen Schläger und leg los. Seine Freunde lachen sich krank über das Getue hier und ziehen ihn damit auf. Aber der Gatte will endlich wieder Golf spielen. Da müssen wir jetzt durch.
Und es brachte mich auf eine Idee …
Logisch, was auch sonst. Passt doch perfekt zu Mrs Beresford. Nicht das Golfspiel, nicht das drumherum. Aber das Setting. Lassen wir Emma ein wenig leiden und sich erneut fragen, ob Gefahr besteht, zum Snob zu werden. Dazu in ein paar Tagen mehr.
Quellen
Geschichte des Golfs:
https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_golf
https://golfbusinessnews.com/news/media/just-published-the-great-english-golf-boom-1864-1914-a-history/
Frauen und Golf:
https://www.scottishgolfhistory.org/early-womens-golf/womens-golf-the-fashion-pages/
Gloria Minoprio:
https://www.si.com/golf/news/the-story-of-gloria-minoprio-the-mysterious-golfer-in-black
https://sovereigngolfersociety.substack.com/p/gloria-minoprio-and-her-grand-illusion
Geschichte des Golfrocks:
https://www.anewgolfusa.com/blogs/news/history-of-the-golf-skirt-women


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