Kategorie: Mrs Beresford

  • Emmas London in den 1930ern – Zweiter Teil

    Emmas London in den 1930ern – Zweiter Teil

    In London zu leben, das musste man sich vermutlich immer schon leisten können. Heute ebenso sehr wie in jenen Tagen, an denen Emma durch die Hauptstadt eilte, um harmlose Fragen zu stellen und einem Mörder auf die Pelle zu rücken. Was sie, das wissen wir, sooo nun auch wieder nicht vorhatte. Manches ergibt sich einfach ungünstig, da kann sie leider nichts für. Deshalb wollen wir dieses Thema jetzt auch gar nicht vertiefen. Wir wollen uns einmal anschauen, was das Leben damals kostete.


    Wie viel Geld jemand verdiente (und leider verdient, wir sind so viel schlauer nicht geworden …), bestimmte über alles: Ob man sich gute Nahrung leisten konnte beispielsweise und bequeme Kleidung, ob es im Winter kuschlig warm in der Wohnung war oder ob das Zimmerchen im Keller oder unterm Dach einfror, ob am ins Kino gehen konnte oder sogar ins Theater, ob man Bücher kaufte, lieh oder gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Und es entschied, ob man als Mensch wahrgenommen wurde oder nicht. (Auf das notorisch unübersichtliche britische Währungssystem mag ich jetzt nicht eingehen, das nehmen wir einfach mal so hin, ja?)

    Also: Ein ungelernter Arbeiter verdiente Mitte der 1930er zwischen £2 10s und £2 15s pro Woche. Ein Facharbeiter kam auf £3 5s bis £3 15s. Das klingt jetzt nicht eben dolle viel, was zum einen daran liegt, dass wir heute andere Zahlen gewohnt sind. Wir erinnern uns an Jane Austens Mr Darcy, der 10.000 pro Jahr hatte. Klingt auch bescheidener, als es war. Ich glaube, ich hatte es im letzten Londonbeitrag schon mal erwähnt (oder ich habe es geträumt, auf jeden Fall bin ich jetzt zu bequem, nachzuschauen :D), dass heutige Serien und Filme gerne heutige Zahlen für Geschichten in der Vergangenheit wählen, damit wir uns besser vorstellen können, von welchen Werten die Rede ist. Was leider ziemlich irritierend für diejenigen ist, die eine ungefähre Ahnung von den wirklichen Zahlen haben.

    Aber klar: Der Lohn des Arbeiters klingt auch deshalb niedrig, weil er es war. Auch da hat sich bis heute nicht viel geändert und bislang ist es noch niemandem gelungen, mir schlüssig zu erklären, weshalb ein Fußballspieler so viel mehr verdient als eine Erzieherin im Kindergarten oder ein Angestellter, der sich um die Kanalisation kümmert. Ob Bayern schon wieder Meister wird, beeinflusst mein Wohlbefinden exakt null …
    Doch genug des Abschweifens. Wenn ich den Inflationsrechner der Bank of England korrekt bedient habe, dann entspricht £1 von 1934 heute etwa £80–85. Das heißt, ein Facharbeiterlohn von £3 10s entspräche heute etwa £280 pro Woche oder rund €330. Versuch damit mal, in London zu überleben. Oder hier bei uns.

    Gut. Weiter. Interessiert uns der Arbeiter eigentlich?
    Na ja, so halbwegs schon, natürlich. Doch interessanter ist natürlich, wie sich die Lage für Frauen darstellte, zumal, das sollten wir nicht vergessen, viele Männer den Großen Krieg nicht überlebt hatten. Männer im Alter von 18 bis 40, so meine ich mich zu erinnern, waren wehrpflichtig. Das heißt, Frauen, die Anfang der Dreißiger in ihren Dreißigern bis Fünfzigern waren, hatten es schwer, der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen und zu heiraten – was nach wie vor die sicherste Möglichkeit war, um sich vor Armut zu schützen. Die arbeitende Frau war noch lange nicht der Regelfall und wenn eine keinen Mann abbekommen hatte, nun, mit der musste doch etwas nicht stimmen, oder? (Das ist Boys Math, so möchte ich meinen – man kann sich ja auch immer fragen, wie der Wunsch nach Jungfräulichkeit bei der Frau mit der irren Erfahrung zwischen den Laken beim Mann zusammenkommen soll – no pun intended, haha).

    Wie sah es also für Frauen aus? Ja, super natürlich, was auch sonst?
    Frauen verdienten generell die Hälfte ihrer männlichen Kollegen. Wenn sie Glück hatten, denn oft war es noch weniger. Eine Sekretärin oder Schreibkraft – der Modeberuf der Zwanziger und Dreißiger, den ja auch Emma ergriffen hatte – kam auf ca. £130 pro Jahr, also grob £2 10s pro Woche. Eine Gouvernante erhielt etwa 3 Guineen pro Woche (£3 3s) – aber dafür wohnte und aß sie beim Arbeitgeber, was den Wert ihres Einkommens erheblich veränderte. Das Gefühl für Freiheit und Selbstbestimmung allerdings auch. Mitglied der Familie warst du halt nur, wenn es darum ging, dir wenig zu bezahlen. Bei Parties und Reisen warst du dann doch nur eine Last, die sich vorrechnen lassen musste, wie dankbar sie zu sein hatte. Aber immerhin gestand man dir einen gewissen Wert zu. Mehr als einer Fabrikarbeiterin oder einer Hausangestellten (von denen es mittlerweile sehr viel weniger gab als vor dem Krieg – wer wollte sich diese Plackerei schon antut?) – diese Berufsgruppen verdienten selbstverständlich weit weniger.

    Vielleicht warst du besonders fleißig, hattest eine besonders gute Ausbildung, womöglich auch Beziehungen? Dann konnte es dir gelingen, für die Stadt zu arbeiten. Dann lag dein Jahresgehalt wie bei der Sekretärin um die £130–150, dafür aber mit der Chance auf eine, wenn auch deines Geschlechts wegen begrenzte, Karriere. Dieser Lohn entspräche heut etwa £10.000–12.000. Ja. Damit kommst du in London nicht weit, damit bist du arm, arm, arm. Wer heute in London für dieses Gehalt arbeitet, ist arm. In den Dreißigern war das auch weit entfernt von Reichtum, aber auch entfernt von abgrundtiefer Verzweiflung und nagendem Hunger. Was nämlich Inflationsrechner nicht gut aufzeigen können, das ist der wahre Wert des Geldes oder wie sich die Preise für Waren und Dienstleistungen verschoben haben..


    Ich habe mal einige Daten herausgesucht, die hoffentlich auch korrekt sind – manches stammt aus den frühen, anderes aus den späten Dreißigern – wie sehr sich die Preise über die Dekade verändert haben, das habe ich jetzt nicht herausgefunden (will ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern zusammenfassen, was ich für meine Romane zusammengetragen hatte).

    Die Zeitung: Der Daily Telegraph kostete 1 Penny, das entspräche heute etwa 35 Pence oder 0,40 €. Verkauft wird er aktuell für das Doppelte. Sich zu informieren, war damals also relativ betrachtet günstiger. Wenn da nicht andere Kosten wären …

    Das Zimmer: Ein möbliertes Zimmer in ordentlicher Londoner Lage kostete 10–15 Shilling pro Woche. Das sind 12–18% eines Facharbeiterwochenlohns. Ein Zimmer fraß also knapp ein Fünftel des Einkommens. Heute kostet ein WG-Zimmer in London £250–400 pro Woche – bei einem Medianlohn von ca. £600 pro Woche sind das 40–65% des Einkommens. Wohnen war also in den Dreißigern deutlich günstiger. Was jedoch genau wie heute von der Wohnlage abhing, das hatte ich beim letzten Mal schon angerissen. Aber schauen wir mal genauer:
    Eine kleine Wohnung in Chelsea – nichts Extravagantes, ein Zimmer mit Küche und Bad – kostete um die 3 Guineen pro Woche (£3 3s), das wären umgerechnet mit dem Inflationsrechner etwa £255 oder €300. Ein Zimmer in Chelsea heute? Ich habe mal nachgeschaut. Ja, £255 mag schon mal möglich sein. Für 12 Quadratmeter und geteilter Küche und geteiltem Bad. Oder aber £380 für 16 Quadratmeter, auf denen dann Kitchenette, Bad und Wohn-/Schlafraum untergebracht sind. Knapp 1800,- € für 16 Quadratmeter. Ein Schnäppchen!

    Aber wir schauen ja zurück und stellen fest: Hey cool – Zeitung und Zimmer, das kann man irgendwie bezahlen und es bleibt noch was. Ja …

    Das Essen: Da dreht es sich nun. Ein Laib Brot kostete etwa 4 Pence – das klingt günstig, war es aber nicht. Die klassischen Grundnahrungsmittel waren im Schnitt deutlich teurer als heute. Wenn wir dann noch bedenken, dass es absolut keine Selbstverständlichkeit war, einen Kühlschrank zu besitzen, oder als Untermieterin auch nur Platz genug für Vorräte zu haben, dann ahnen wir, dass das Leben damals – zumal in Zeiten einer globalen Wirtschaftskrise – alles andere als einfach oder gar bezahlbar war.
    Zu guter Letzt:

    Die Mode: Obwohl – nein. Es ging den meisten nicht um Mode, sondern darum, anständig, sauber und warm gekleidet zu sein. Damenratgeber und Frauenzeitschriften zeigten immer wieder auf, wie man als sparsame Hausfrau und kluge Stenotypistin mit einem kleinen Kleiderschrank dennoch angemessen angezogen sein konnte – das abendliche Auswaschen der Strümpfe und der Wäschegarnitur gehörte selbstverständlich dazu. Mode hingegen? Das war für die Wohlhabenden und jene, die geschickt genug waren, aus Stoff und Wolle die Pariser Modelle nachzuarbeiten.
    Was also zahlte man? Viel, viel mehr als heute (und damit ist kein Vergleich zu Fast Fashion gemeint). Ein eleganter Mantel kostete 6½ Guineen – also knapp £7. Nach Inflation heute etwa £560 oder €660. Ein Abendkleid von Norman Hartnell im Ausverkauf: £15 – heute nach Inflation über €1.400. Das war für die Sekretärin nicht drin, sie musste auf ein praktisches Kostüm, einen schlichten Mantel und vernünftige Schuhe sparen und sich mit Tüchlein und Broschen daran machen, der Langeweile einen Hauch von Schick zu verleihen.

    Emma, das hatte ich schon erwähnt, hatte Glück: Für sie zählten elegante Kleider, Röcke, Blusen, Hosen und Mäntel für absolut jede Gelegenheit sozusagen als Arbeitskleidung. Sie musste gut aussehen, musste sich immerzu modisch präsentieren. Das mochte gewiss auch mal Druck bedeuten, aber so überheblich, dass sie sich über den Luxus beschwert hätte, war sie nie. Eher plagte sie das schlechte Gewissen ob ihres Schicksals. Vielleicht deshalb kann sie auch in London nicht aufhören, für mehr Gerechtigkeit sorgen zu wollen.


    Quellen:

    Fediverse-Reaktionen
  • Der Tag des Nylonstrumpfs

    Der Tag des Nylonstrumpfs

    Ja, richtig gelesen. Heute ist National Nylon Stocking Day, wie man auf der anderen Seite des Atlantiks sagt. Es ist – natürlich – ein rein amerikanischer Gedenktag, denn DuPont war ein us-amerikanisches Unternehmen. Aber egal, egal, der Anlass ist doch wunderbar für einen Blogpost, denn selbstverständlich sind Strümpfe enorm wichtig für Emma: Diese Dinger waren Quell der Freude und ständiges Ärgernis.


    1 Der verschwundene Professor
    1 Der verschwundene Professor

    Wir sind bisher meinem Fräulein Schumacher bzw. meiner Mrs Beresford von ihren Anfängen im Spätsommer 1926 bis in den Herbst 1934 gefolgt und stellen fest: Noch gibt es kein Nylon. Nylon wird erst 1935 im DuPont-Labor von Wallace Carothers entwickelt. Bis man es der staunenden Öffentlichkeit im Jahr 1939 auf der Weltausstellung in New York vorstellt, wird also noch etwas Zeit vergehen, angefüllt mit vielen Versuchen und (so nehme ich an) viel, viel Marketing, denn am 15. Mai 1940, dem ersten Verkaufstag, werden in den USA vier Millionen Paar innerhalb weniger Stunden verkauft. Vier Tage später ist alles ausverkauft. In Deutschland übrigens entwickelte Paul Schlack bei der IG Farben 1938 unabhängig davon Perlon – dasselbe Prinzip, ein anderes Molekül. Aber daraus wollen wir vielleicht keinen Gedenktag machen. Aus guten Gründen.

    Aber wie gesagt: Das mit dem Nylonstrumpf liegt noch in der Zukunft. Emma trägt also was? Seidenstrümpfe. Eine Frau von ihrer gesellschaftlichen Position trägt Seide. Punkt. Ok, nicht immer, wenn es schneit … Na, ich denke, zumindest Sybil wird selbst im eisigsten Winter lieber frieren, als ihre modische Eleganz zu verraten, und da mag es wohl sein, dass Emma sich gelegentlich zu ähnlichem hat verführen lassen.


    Seide war Luxus. Immer schon. Sie ist leicht, sie schimmert edel und fühlt sich oftmals wunderbar an (wobei: Ich erinnere mich an mein Kommunionskleid. Rohseide. Von der englischen Urgroßtante gesandt. Ein sehr eisigkalter Weißer Sonntag und eine ausgefallene Heizung. Und dann dort hinein müssen, in diese absolut frostige Kleid. Hölle! Und der Tag wurde kein bisschen besser, erzähle ich gerne ein anderes Mal.)
    Wie auch immer: Das Rohmaterial kam damals fast ausschließlich aus Japan und China und wurde in England vor allem in Nottingham, dem traditionellen Zentrum der britischen Strumpfwarenindustrie, zu – surprise, surprise! – Strümpfen verarbeitet. Hauchzart, schmeichelnd, kostbar. Blöd nur: Seide war nicht nur teuer und für die meisten Frauen in den Zwischenkriegsjahren nahezu unerschwinglich. Nein, Seidenstrümpfe sind auch entsetzlich empfindlich. Laufmaschen? Ha, die rannten dir schneller das Bein hinauf und herab, als du gucken konntest. Eine raue Stelle an Ferse, ein Krümelchen im Schuh, ein kratziger Tweedrock? Zack, das war’s.

    Doch nicht nur das machte Seidenstrümpfe zum Luxusgut, auch die Herstellung war eine Kunst für sich, denn Seide dehnt sich nicht. Ein Strumpf aus Seide muss passen. Sie wurden nach Schuhgrößen verkauft und wenn die verstärkte Ferse an der falschen Stelle saß, dann wurde es entweder sehr unbequem, weil die Zehen keinen Platz hatten, oder Strumpf hing labbrig im Schuh und warf Falten an der Fessel.
    Und nicht nur die Schuhgröße musste stimmen, sondern – logisch – ebenso die Weite für die Wade und zumindest die ungefähre Beinlänge. Weshalb es pro Schuhgröße kurze, normale und lange Strümpfe gab und dann noch Modelle für das kräftigere Bein (in den USA sehr uncharmant outsized genannt).
    Nicht ganz so passformsensibel war die Weite am Oberschenkel, denn hier kamen die Strumpfgürtel zum Einsatz, die in das obere, elastische Bündchen eingeklemmt wurden.

    Ah ja und natürlich waren Seidenstrümpfe nicht rundgestrickt, obwohl es entsprechende Maschinen schon seit dem 18. Jahrhundert gab. Aber da Seide eben nicht sonderlich elastisch ist, musste flach gestrickt werden, um hernach die Strümpfe zusammenzunähen und zwar dem Bein in etwa folgend – also enger am Knöchel, runder an der Wade. Diese aufwendige Herstellung trieb den Preis natürlich zusätzlich in die Höhe. Das Ergebnis der Mühe war die berühmte rückwärtige Naht, die gemeinsam mit dem Fersenkäppchen gerne auch in einer anderen Farbe gesetzt wurde. Eine Naht übrigens, die schnurgerade sitzen musste, wollte man nicht als schlampig gelten. Wir kennen das aus alten Filmen, wie die charmante Heldin jede Gelegenheit nutzt, ihren Rock ein wenig anzuheben, sich anmutig um die eigene Achse drehte und kontrolliert, ob sie wohl noch als Dame gelten darf. War sie darauf aus, mit einem Gentleman zu flirten, so mochte sie ihn wohl bitten, den Sitz ihrer Strümpfe zu begutachten. Ich nehme an, dass die meisten Herren der Verantwortung gewachsen waren. James jedenfalls gewiss.

    Modified
    Original

    Wie ich bereits schrieb, konnten sich die wenigsten Frauen Seide leisten. Welche Möglichkeiten hatten sie also? Nun, da gab es die folgenden Varianten:

    Rayon:
    Die sogenannte „Kunst-“ oder „Mutterseide“, seit ca. 1912 auf dem Markt – sah der echten Seide täuschend ähnlich, war aber günstiger und weniger fein. Der Kompromiss für die aufstrebende Mittelklasse und die berufstätige Frau, die sich den Schein leisten musste, nicht aber die echte Seide.

    Baumwolle:
    Haltbarer, wärmer, aber ohne Schimmer. Für den Alltag, den Sport, für die Arbeiterin, für zuhause.

    Wolle:
    Im Winter, manchmal unter dem Seidenstrumpf getragen, um zu wärmen, ohne auf den Schimmer zu verzichten. Die meisten Frauen waren übrigens in der Lage, Strümpfe zu stricken. Eine Aufgabe, die in den Kriegsjahren wieder einmal zur nationalen Pflicht wurde – Stricken für die Front.


    Nun waren diese Seidenstrümpfe aber durchaus auch ein teurer Posten für die vermögenden Damen, die ja, das sollte man nicht vergessen, selten über wirklich eigenes Geld verfügte. Ein Gatte, der strafen wollte oder grundsätzlich geizig war, sah eher nicht ein, für solchen durchsichtigen Tand ständige so viel auszugeben. Hell, no, das war mal wieder typisch Weib, nicht wahr? Seine Socken hielten schließlich auch lange, er kaufte auch nicht ständig neue Paare! Dass er selbst sicherlich lieber auf seidenbestrumpfte Frauenwaden blickte als auf solche in dicken Wollsocken – tja, das auf die Kosten gedanklich umzusetzen, war eine geistige Leistung, die wir vermutlich nicht jedem Ehemann zutrauen sollten ..

    Aber gut, nun hattest du also ein solches Exemplar von Ehegespons daheim. Was tun also, wenn die Laufmasche kam? Und wir wissen ja schon, dass sie kam, und ebenso wussten das findige und geschickte Fräulein und Herren, die daher gerne für Hilfe sorgten. Es gab nämlich, so du nicht zu den ganz wenigen gehörtest, die in den Dreißigern noch eine echte Zofe mit allen dazugehörigen Talenten in deinen Diensten hattest, wahrhaftig Strumpfflickerinnen (Männer sind mitgemeint, logisch). Sie reparierten Laufmaschen mit winzigen Häkelnadeln mit Verschlusshaken, sogenannten Ladder Darners oder Latch Hooks – wer knüpft oder mit der Strickmaschine vertraut ist, kennt diese Geräte, die für Seidenstrümpfe allerdings noch viel, viel feiner waren. Sie fingen die gefallenen Maschen auf und strickten sie Reihe für Reihe hoch. Wer dieses Handwerk besonders gut beherrschte, dürfte sehr gefragt gewesen sein; eine gut gemachte Reparatur war kaum sichtbar.

    ABER: Es ist ja der Tag des Nylonstrumpfs und wenn es für Emma und Sybil noch ein Weilchen hin ist, bis sie ein solches Exemplar in den Händen halten respektive an den Beinen tragen dürfen, wollen wir doch mal schnell schauen, was daran so wunderbar war.


    Seide (1934)Nylon (ab 1940)
    MaterialNaturfaser, Japan/ChinaSynthetisch, Labor
    Streckt sichNeinJa
    HaltbarkeitGering, läuft leichtDeutlich besser
    PflegeEmpfindlichWaschbar, schnell trocknend
    GrößensystemSchuhgröße + KörpergrößeZunächst ähnlich, später vereinfacht
    NahtJa, sichtbar („fully fashioned“)Zunächst ja, später nahtlos
    PreisTeuerGünstiger

    Der Nylonstrumpf ist also eine Sensation. Und dann kommt der Krieg. Fallschirme, Seile, Reifen – das Militär braucht Nylon für all das. Die Strümpfe werden erst zur Mangelware, dann sind sie gar nicht mehr zu bekommen. Um den gewohnten Schick zu erhalten, malen Frauen die Strumpfnaht mit einem Eyeliner auf die Wade. Gewärmt hat das natürlich nicht und bald schon gab es wirklich Wichtigeres als dieses Mimikri. In den frühen Vierzigern sehen wir nun auch an erwachsenen Frauenbeine Söckchen oder Kniestrümpfe aus Wolle – die passten auch gut zu den flacheren Schuhen und den nur noch knapp übers Knie reichenden Röcken.

    Aber all das kann Emma noch nicht ahnen. Sie arrangiert sich mit den Seidenstrümpfen, freut sich darüber, dass sie sich diesen Luxus fürs Bein leisten kann, und hat ansonsten wirklich andere Sorgen.

    Frau beim Picknick in den Kriegsjahren
By FOTO:FORTEPAN / Lissák Tivadar, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50798989
    By FOTO:FORTEPAN / Lissák Tivadar, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50798989

    Quellen:

  • Die Mitford-Schwestern

    Die Mitford-Schwestern

    Englischer geht es kaum

    Schwestern scheinen für jede Gesellschaft schon immer von Interesse gewesen zu sein – also zumindest dann, wenn sie irgendwie anders, irgendwie besonders, irgendwie aus der Art geschlagen sind. Da gab es die sieben (7 fürwahr!) Nichten von Kardinal Mazarin – sehr originell die Mazarinetten genannt. Insbesondere die fünf Schwestern Mancini besaßen Schönheit, Intelligenz, Temperament und Abenteuerlust, wenn auch gewiss im unterschiedlichen Ausmaß. Frankreich war fasziniert und der junge Louis XIV erst recht.
    Sein Urenkel Louis XV verliebte sich übrigens in nicht eine, nicht zwei und nicht drei der Urenkelinnen einer der Mancinis, sondern gleich in vier von fünfen der SchwesternMailly-Nesle. Vielleicht auch in alle fünf, aber ich müsste noch mal nachlesen, warum nur (höhö) vier von ihnen seine Maitresse wurden. Auf jeden Fall war den Damen die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung gewiss.
    In Preußen waren es die Schwestern Luise und Friederike, die offenbar die It-Girls von Sturm und Drang waren und mit ihren Ideen, ihrem Stil, ihrer Ungezwungenheit die Mode bestimmten; erst recht, nachdem Luise zur Königin geworden war.
    Dann sind da die Brontë-Schwestern, die hoch oben in Yorkshire recht still lebten und ziemlich aufsehenerregende Romane schrieben; hätten sie anderswo gewohnt als im höchst ungesunden Haworth, so wären sie womöglich zu einer Londoner Sensation geworden – Interesse genug bestand an ihnen, nachdem bekannt wurde, dass es mitnichten drei Brüder waren, die diese ungewöhnlichen Debüts verfasst hatten.

    Und jetzt also die Mitfords. Gut, mit jetzt meine ich die Zeit, in der der dritte Mrs Beresford-Roman spielt. 1934. London. Glamour. Armut. Aufbruch. Resignation. Kommunismus. Tradition. Faschismus. Art Deco. Literatur. Tanz. Fotografie. Ja, das ist eine bunte Mischung an Wörtern, die mir jetzt spontan einfielen. Aber irgendwie passt all das zu diesen Schwestern. Als Hintergrund. Als Beweggrund. Alles einfach :)


    Fangen wir vorne an, denn ich glaube, ohne diese Eltern wären die Mitfords nicht die geworden, die sie waren. Ok, kann man vermutlich über die meisten Eltern und ihre Kinder sagen, aber die Mitfords waren schon besonders. Oder anders. Oder besonders anders. Oder einfach nur sehr englisch-eigen.

    David Freeman-Mitford, 2nd Baron Redesdale – von seinen Kindern „Farve“ genannt– war ein Mann des 19. Jahrhunderts, der das 20. mit großem Misstrauen betrachtete. Sein Weltbild war einfach, sein Temperament legendär unberechenbar. Er hielt Bücher für gefährlich, Schulbildung und Sport für Töchter und spätere Ehefrauen waren entbehrlich, Universitäten gleichbedeutend mit Verschwendung und Ausländer waren ihm generell suspekt; die Deutschen hasste er besonders, was es umso erstaunlicher macht, was später geschah.
    „Muv“, Sydney Bowles, war das Gegenteil: ruhig, pragmatisch, ein wenig distanziert. Sie ließ die Kinder gewähren, mehr als man es erwartete. Solange sie gesund waren und keinen Ärger machten, war sie zufrieden. So zumindest scheint es, wenn man von heute zu ihr hinschaut. Da aber die Finanzen immer schon prekär waren – vor allem, wenn man leben wollte, wie man es für Adlige angemessen hielt – und David alles andere als ein begabter Finanzjongleur war, könnte es gut sein, dass Sidney existenziellere Sorgen drückten als die Befürchtung, es könnten die wilden Kinder in das falsche Buch schauen oder in schmutzigen Socken herumlaufen.
    Die sechs Mädchen und ihr Bruder Tom wuchsen daher relativ unbeschwert in Asthall Manor und später in Swinbrook auf, weitgehend ohne Schule, dafür mit einer Gouvernante und viel Zeit füreinander. Sie entwickelten eine eigene Sprache, eigene Spitznamen, eine eigene Welt – und sie erlebten ihre Eltern sehr, sehr unterschiedlich. Man mag in derselben Familie leben, aber erleben ist für jedes Mitglied völlig anders. Das war bei den Mitfords nicht anders. Es dürfte die Geschwister jedoch die latente Angst vor Farve geeint haben, der rasend schnell in Wut geriet, mit Verboten nur so um sich warf, und später nicht mehr zu wissen schien, was der Anlass war – oder was er verboten hatte.
    Sicherheit und emotionale Stabilität dürften jedenfalls nicht die Pfeiler der Mitfordschen Erziehung gewesen sein.

    Wer waren die Geschwister in Kürze?
    Nancy „Naunce“ war die Älteste; sie besaß einen scharfen Blick und eine scharfe Zunge und erwartete, dass die jüngeren ihren Anweisungen folgten.
    Pamela, „Woman“ genannt, war still, zurückhaltend und liebte das Landleben – Wald, Feld und Tier.
    Tom war der einzige Bruder und als Erbe von Titel und Landsitz war er genauso gebildet und charmant, wie man sich das für einen jungen Mann nur wünschen konnte. Was ihn nicht davon abhielt, in Hitlers Deutschland ein Vorbild zu sehen.
    Diana „Honks“ galt als die Schönste – James Lees-Milne beschrieb sie als „das Nächste, was ich je zu Botticellis Venus gesehen habe.“ (Ich persönlich finde auf den Fotografien Nancy sehr viel attraktiver und interessanter, das nur mal nebenbei; allerdings sieht Diana umwerfend aus in den wenigen Filmchen, die ich gefunden hatte.)
    Unity „Bobo“ hatte eine Neigung zu Fanatismus und reagierte oft unberechenbar, und wenn man sieht, was sie tat, wohin es sie zog, dann könnte man meinen, ihr zweiter Vorname war entweder in Voraussicht gewählt worden oder aber hat erst dafür gesorgt, wohin es die junge Frau brachte. Valkyrie – na, ich hätte mich bedankt!
    Jessica, „Decca“, die Rebellin, die früh ganz weit links ihre Heimat fand und seit jungen Jahren alles Geld, das sie bekam, für einen Weglauffonds beiseitelegte – und es dann auch genau dafür nutzte.
    Und Deborah, „Nine“ – so getauft von Nancy, die damit ihr mentales Alter meinte. Aus ihr würde später eine Herzogin werden, die viel für den Erhalt englischer Kulturtümer tat


    Cover vom Sketch, vier der Mitford Sisters
    Sketch 6 January 1932 cover. Nancy, Diana, Unity and Jessica Mitford.

    In den 1920ern gehörten Nancy und Diana zu jenem Kreis, den die Presse „Bright Young Things“ nannte: junge Aristokraten, die in Londoner Stadthäusern Kostümpartys feierten, Champagner tranken und sich vom Rest der Welt belustigt distanzierten. Evelyn Waugh war dabei und nutzte seine Freunde und Freundinnen als Inspiration für seine Romane. Harold Acton, ein heute eher vergessener Schriftsteller, Cecil Beaton, damals schon erfolgreicher Fotograf, und Tallulah Bankhead, amerikanische Schauspielerin, gehörten ebenfalls dazu. Es war eine kurze, glänzende Zeit.

    Diana heiratete 1929 mit achtzehn Jahren Bryan Guinness – Erbe der Guinness-Brauerei, reich, kultiviert, gutmütig. Sie waren das Paar der Saison. Das Haus in London war immer offen, die Gästeliste glänzend – Winston Churchill ist ein guter Freund der Familie – und das Leben scheinbar perfekt. Schnell kommen zwei Söhne auf die Welt. Diana sollte nach den Regeln der Upper Class, den Regeln auch für Ehefrauen, absolut glücklich sein. Sie war es nicht. Etwas fehlte. Oder etwas war zu viel. Sie sah die Welt anders als ihr Ehemann, anders als ihre Schwester Nancy. Noch suchte sie sich, suchte einen Sinn.


    Ich springe jetzt einfach mal in das Jahr, das mich augenblicklich am meisten interessiert, weil ich, wie erwähnt, gerade am 3. Band der Beresford-Reihe schreibe. Und – wer hätte es geahnt? – die Mitfords eine Rolle darin spielen.

    Nancy Mitford, Porträt
    Nancy Mitford

    Nancy lebt und schreibt in London. Sie hat 1933 Peter Rodd geheiratet – eine Entscheidung, über die sie bald nicht mal mehr böse Witze machen mag. Peter kann charmant sein, aber er ist unzuverlässig, neigt dazu, zu viel zu trinken, er ist bald schon untreu und recht Lust auf einen festen Job hat er auch nicht. Er hat nichts dagegen, dass Nancy schreibt; er hofft, dass dadurch bald Geld ins Haus kommt. Sein Vater steuert nicht viel zum Unterhalt der jungen Rodds bei und Farve fehlt längst das Geld, seine Tochter zu unterstützen. Nancy und Peter sind im Vergleich zu Diana recht arm.
    Nancy schreibt also. Ihr scharfer Blick und ihre scharfe Zunge zahlen sich aus. Highland Fling (1931) und Christmas Pudding (1932) haben den Lesern und Leserinnen Freude bereitet; eine Adlige, die sich über ihre eigene Klasse lustig macht, es dabei aber nicht an echter Heiterkeit und ein wenig heiler Welt missen lässt. Das kommt an.
    1934 jedoch arbeitet sie an etwas, das ihre Beziehung zu Diana und Unity zerrütten wird: einem Roman über die britische Faschismus-Bewegung, direkt inspiriert von dem, was sie bei Unity, Diana und Oswald Mosley beobachtet. Wigs on the Green erscheint 1935 und Diana spricht jahrelang nicht mehr mit ihr.

    Um was also ging es? Was haben Unity und Diana verbrochen, dass sie – wie sie es empfinden – in der Öffentlichkeit von der eigenen Schwester der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Und wer ist Oswald Mosley?

    Diana Mosley Porträt
    Diana Mosley

    Diana ist 1934 die mehr oder minder heimliche Geliebte von Oswald Mosley, der nichts weniger ist als Anführer der British Union of Fascists. Für ihn hat sie ihr perfektes Leben hinter sich gelassen. Hat sich ein Jahr zuvor scheiden lassen. Diese Scheidung war nicht nur ein gesellschaftlicher Skandal; es war in Farves Augen eine Sünde. Er wollte nichts mehr mit seiner Tochter zu tun haben, er tobte und brüllte und verbat der Familie jeglichen Kontakt mit der Verworfenen. Was nicht ewig so bleiben würde; wie ich sagte, er neigte dazu, zu vergessen, was er verboten hatte.
    Aber es sind nicht Scheidung und Affäre, die Nancy zum Thema macht; derlei schockiert sie nicht, zumal gerade Diana und sie besonders innig miteinander sind. Es ist die Tatsache, mit wem die Schwester ins Bett steigt. Und welche Sprüche sie fortan von sich gibt. Ihre Schwester eine stramme Faschistin?
    Dass Unity völlig unbegreiflich für Adolf Hitler schwärmt und es geschafft hat, vor allem Muv davon zu überzeugen, sie auf eine Finishing School in München gehen zu lassen – ja, das ist schon schlimm genug. Doch Unity ist jung und übertreibt es in allem, sie wird bestimmt bald begreifen, wie widerwärtig der kleine Mann mit Schnurrbart ist.
    Aber Diana? Mit Mosley? Zu dessen Rede im Olympia Peter und Nancy im Juni 34 gegangen waren, um zu begreifen, was Diana so sehr begeisterte. Es kam zu Schlägereien, die Mosley angefeuert hatte, und dieser unglaubliche Hass, diese Unmenschlichkeit – nein, es konnte nicht sein, dass Diana das nicht nur nicht sah, sondern gut hieß! Doch es kam noch schlimmer, denn bald darauf reiste Diana zum erneuten Male nach Deutschland und besucht gemeinsam mit Unity erneut den Nürnberger Parteitag; dort war sie im Jahr zuvor bereits gewesen. „Es war wie ein elektrischer Schlag, der durch die Menge fuhr“, wird sie später über Hitlers Auftritt sagen.

    Nancy ist entsetzt. Und beginnt mit Wigs on the green. Ganz wohl ist ihr dabei nicht und so gibt sie Diana Teile davon zum Lesen. Ein Ulk sei es, der vermutlich nur von wenigen gelesen und gekauft werden würden.
    Nun ist Diana entsetzt. Sie verlangt, Nancy soll den Vertrag auflösen, solle das Manuskript vernichten. Dass das die Lebensgrundlage der Schwester ist, akzeptiert sie nicht.

    Und das in etwa ist die Situation, in der Emma Beresford aus Gründen Dianas Freundin werden soll. Mit Nancy versteht sie sich bereits hervorragend, aber das dürfte ihr nun kaum noch zum Vorteil gereichen.


    Illustriertes Kriminalromancover. London 1934, Emma, rothaarig, Mantel, Kleid, Tasche. Es regnet am späten Nachmittag
    3 Der Club der Verräter

    Weil Emma in ihrer neuen gesellschaftlichen Position überhaupt nicht an ihnen vorbeikommen könnte. Weil Diana ab diesem Zeitpunkt etwa ihrer häufigen Reisen nach Deutschland und ihrer noch geheimgehaltenen Verbindung zu Mosley wegen von Interesse wurde für den damals noch eher belächelten MI5. Weil diese Serie rund um Emma nun, da die Zeiten sich gewandelt haben und London statt Bonn der Tatort ist, weniger den Mordfall als vielmehr die Atmosphäre des Misstrauens zum eigentlichen Krimielement macht – und dafür ist diese Familie, sind diese Schwestern der allerbeste Hintergrund.

  • Emmas London in den 1930ern – Erster Teil

    Emmas London in den 1930ern – Erster Teil

    Eine Stadt der Gegensätze

    In den meisten meiner Romane spielt Bonn, meine Heimatstadt am Rhein, eine wichtige Rolle. Hier hatte ich auch meine erste Geschichte angesiedelt: Fräulein Emma Charlotte Schumacher, Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Dame, ist gebürtige Bonnerin, muss mit zwölf Deutschland verlassen, lebt bis neunzehn bei der Großmutter Lady Milford in London, Edinburgh und Cornwall – um dann bis in den Sommer 1933 ihr Glück in Bonn zu finden. Aus allbekannten Gründen kehrt sie dann nach London zurück.

    Womit London zum neuen Schauplatz der Serie wird – als Mrs Beresford wird Emma rasch wieder heimisch auf der Insel. Auch eine andere Heldin ist dort daheim: Alice Beaumont, meine etwas andere Hauptdarstellerin; sie jedoch lebt fast einhundert Jahre vor Emma dort. Wie es also nun so ist, musste ich mich London etwas intensiver befassen – ja, eigentlich sollte ich noch mal eben flott dorthin, um mein Wissen und meine Erinnerungen aufzufrischen. Zwei Besuche und das nur kurz, das reicht eigentlich nicht.

    Aber gut. Emma Beresford also. Sie wohnt mit James, Carly und Mellow in Hampstead, NW3. Das ist eine der vornehmeren Adressen Londons und das hat sie sich nach den mageren Jahren auch verdient. Vermutlich kann sie von ihrem Schlafzimmerfenster im oberen Stockwerke auf die grünen Hügel, die Wiesen, Wälder und Teiche des Hampstead Heath blicken – damals mehr noch als heute eine grüne Lunge, weniger ein Park als ein Gebiet ungezähmter Natur. Vielleicht auch deshalb, wegen dieser Verbindung zwischen Stadt und Natur, zieht es so viele Intellektuelle und Künstler in dieses Viertel – Daphne Du Maurier, Emmas Freundin seit acht Jahren, wohnt ebenfalls hier, schräg gegenüber.

    Doch nur zwanzig Minuten Fahrt mit der Northern Line nach Süden und schon sind wir in einer anderen Welt, denn London war und ist eine Stadt der Gegensätze. In der Vergangheit auf eine Weise, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.


    Eine Stadt, die nie aufgehört hat zu wachsen

    Zunächst einmal: London ist riesig. Was immer der Grund dafür war (die Themse allein mag es nicht gewesen sein, ich müsste ja mal in die Tiefe gehen und nach Gründen forschen …): London wächst, seit die Römer den ersten Pfahl in den Erdboden getrieben haben. Schon zu Alice‘ Zeiten wuchs die Bevölkerung rasant an. Um 1800 lebten knapp 900.000 Menschen in der Stadt; um 1845 herum waren es bereits fast zwei Millionen – und London galt damals als die größte Stadt, die die Welt je gesehen hatte. Zum Vergleich:Paris hatte eine Million Einwohner, New York kaum 400.000. London war schlicht eine andere Kategorie.

    Aber mehr Menschen benötigen mehr Platz – und es wird sich wohl nie ändern: Wer sich besonders wichtig fühlt und über Geld, Titel oder Macht verfügt, will besonders viel davon. So werden Paläste auf der einen Seite gebaut, mit Blick auf die Parks, mit breiten Straßen und neuen Krankenhäusern, während auf der anderen Seite der Stadt der Platz immer enger und enger wird und Menschen auf der Straße sterben. Was man allgemein als gerecht ansah: Wer ein guter Mensch ist, kann ja nicht arm und verzweifelt sein, da hat das Schicksal schon richtig entschieden. Eine Ansicht, über die man auch in London hinwegkommt, wenn vielleicht zu Beginn auch eher aus gesundheitlichen Gründen: Typhus, Cholera und Syphilis haben die blöde Angewohnheit, sich ebenso auszubreiten wie die wachsende Stadt. Die grauenvollen Zustände im East End werden über die Jahrzehnte deutlich verbessert. Doch bis heute ist deutlich sichtbar, wo Geld daheim ist und wo es mangelt.

    Zu Emmas Zeiten wächst London schneller als je zuvor – und schneller als danach je wieder; die Bevölkerungszahlen steigen rasant; 1934 sind es acht Millionen und man ist auf dem Weg zum historischen Höchststand von 8,6 Millionen, der 1939 erreicht wird. Kein Wunder, dass sich nun die Vororte in die Nachbarlandkreise hineinfressen – Essex, Hertfordshire, Kent, Middlesex, Surrey; überall entstehen neue Siedlungen, die sich London zugehörig fühlen. Möglich ist das nur durch den technischen Fortschritt – die U-Bahn macht es möglich. Wer früher im Zentrum wohnen musste, weil er sich eine gesunde Umgebung und damit einen weiten Weg zur Arbeit nicht leisten konnte, pendelt nun. Die Zahl der Einpendler hat sich in zwanzig Jahren verdoppelt. Und weil vor der Stadt Platz ist und die Ansprüche steigen, entstehen dort die typischen halb freistehenden Häuschen mit kleinem Garten – das Ideal der aufstrebenden Mittelklasse, weit weg vom viktorianischen Mietshaus. My home is my castle. Sozusagen.

    Ein Nebeneffekt dieses Wachstums während Zwischenkriegsjahre ist die Modernisierung: Das Art Deco findet in London eine Heimat. Man muss sich nur die Serie Poirot anschauen – vermutlich so ziemlich jedes Gebäude jener Jahre dürfte als Location genutzt worden sein. London in den 1930ern ist also nicht nur modern, sondern auch modern anzuschauen.


    Arm und reich, Tür an Tür

    1 Das toedliche Willkommen

    Doch wie ich sagte: Man sieht noch immer, wo wer wie lebt. Und das sorgt, wir sehen es heute weltweit wieder, für Spannungen, die sich leicht entladen können. In kaum einer Stadt mag das so greifbar und erlebbar gewesen sein wie im London der Vergangenheit. Heute sind Viertel wie Shoreditch und Hoxton, die im tiefsten East End liegen und ewig als Armenhaus der Stadt galten, bekannt für ihre Galerien, viele Startups (wobei: Ist die Zeit nicht vorbei? Da muss ich demnächst auch noch mal genauer schauen, aber das Heute interessiert mich schreibend nur selten von daher …) und natürlich für London-typische astronomische Mieten. Ebenso sind andere Stadtteile ihren ärmlichen Ruf losgeworden und für den Durchschnittsbürger kaum noch bezahlbar. Das gilt z. B. für Bermondsey, wo einst Fabriken und Gerbereien standen und sich Boutique-Restaurants und Kunstgalerien aneinandereihen oder für Orte wie Dalston und Hackney, die sogar noch vor dreißig Jahren berüchtigt waren. Und klar: Wenn man aus einem Haus, in dem sich früher vierzig Leute drängeln mussten, ein schickes Atelier mit Loft und Luxusbad macht, dann sehen enge Gassen und der Mangel an Grün gar nicht mehr so viel aus, das ist dann urban und schick.

    Geschieht das auch andersherum? Nun ja, nicht in dem Maße. Natürlich gibt es Moden, mal gilt es als cool, nahbei zu wohnen, dann wieder ist es spießig, nicht weiter draußen zu wohnen. In den vornehmen Viertel ist das Problem heute, dass zu viele Häuser nichts weiter als Objekte sind, in die man investiert hat und die sogar im Leerstand noch Vorteile bringen. Aber das war in Emmas Zeiten eher weniger ein Problem.

    In den Londoner Kriminalfällen bekommt es Emma mit anderen Dingen zu tun – und mit anderen Menschen – als in Bonn. Ging sie am Rhein mit einfachen wie mit gebildeten Personen um, mit armen und mit reichen, so ist sie London deutlich stärker auf ihre eigene Gesellschaftsschicht beschränkt – eine Schicht, der sie von der englischen Großmutter her angehört haben mag, aber durch den Mangel an Geld und ihre Jugend nie wirklich kennengelernt hat; am Hofe wurde sie nie vorgestellt. Doch durch die sehr vermögende und sehr bekannte Verwandtschaft ist Mrs Beresford nun ein Jemand – und da es nun immer öfter um Spionage und Verschwörung geht, in der ein Mord quasi Beiwerk ist, sehen wir uns in London meist, nicht immer, in den feinen Vierteln um.


    Wo Emma lebt und arbeitet

    Illustriertes Kriminalromancover. London 1934, Emma, rothaarig, Mantel, Kleid, Tasche. Es regnet am späten Nachmittag

    Das West End – Mayfair, Belgravia, Kensington, Chelsea – ist die elegante Schauseite der Stadt. Hier residieren in den 1930er noch immer die alten Familien, die neuen Reichen, die Diplomaten. Emmas Detektivbüro in der South Audley Street liegt mitten in Mayfair, um der feinen Kundschaft den Zugang zu erleichtern. Das Viertel ist in diesen Jahren im Wandel: Die großen Stadtpaläste der Aristokratie werden abgerissen, weil ihre Besitzer sie nach Krieg und Depression nicht mehr halten können und neue Käufer nicht so leicht zu finden sind – zumal zugleich auch die Landsitze unter den Hammer gelangen. Statt Wohnstätten für eine Familie und ihre Dienstboten entstehen mehr und mehr Hotels und moderne Apartmenthäuser. Die Oberschicht zieht sich in kleinere, aber immer noch tadellos gelegene Wohnungen zurück, und tut oftmals so, als wäre diese Entscheidung kein Muss, sondern ein Frage der Bequemlichkeit und der Moderne. Vermutlich wird die oft bemühte Klage, man fände ja kaum noch gutes Personal, auch hier als Ausrede herhalten müssen.

    Hampstead, wo Emma wohnt, ist – ich sagte es schon – etwas anderes: vornehm und intellektuell zugleich. Die Häuser wirken bescheiden, besitzen jedoch einen Garten, Bäder, moderne Annehmlichkeiten. Schriftstellerinnen, Akademiker, Künstler – das kann man nicht oft genug sagen – prägen den Stadtteil und vermutlich hielten sich viele für völlig normale Menschen; vielleicht sogar für bessere, weil man keine Paläste braucht, weil man so naturverbunden ist und nicht drei Automobile vor der Tür hat und meist nicht einmal ‚echtes‘ Personal. Die Haushaltshilfe, die täglich kommt, die Nanny, die neben dem Kinderzimmer residiert, die Leihköchin, der Gärtner, der all drei Tage nach dem Rechten sieht – nun das sind Helfer und Helferinnen, das sind Leute, mit denen man sich unterhält und die man schätzt und die man nur zufällig dafür bezahlt, dass sie tun, was sie tun sollen. Man könnte auch befreundet sein, wären diese Leute nur gebildeter, klüger, vornehmer. Ganz leicht mag auch Emma eine Tendenz in diese Richtung haben – wie auch nicht, wenn man auf einmal Bedeutung besitzt und Geld genug, jeden Wunsch zu erfüllen? Doch sie arbeitet an sich; ihre größte Angst in London ist es, ein Snob zu sein.

    Eine Sorge, die vermutlich bald von anderen Sorgen überdeckt werden wird, denn seit Hitler an der Macht ist, treffen mehr und mehr deutsch Exilanten ein – Wissenschaftler, Verleger, Journalisten, die ihr Land verlassen mussten und in Hampstead und Bloomsbury eine neue Heimat finden. Über kurz oder lang wird das eine Rolle spielen in dieser Serie: Auch Emmas deutsche Hälfte mag noch ein Problem werden. Doch gemach, gemacht, so weit sind wir noch nicht!

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  • Der Club der Verräter

    Der Club der Verräter

    Was ich nun schon verraten kann: Es wird dieses Mal in zumindest einer Hinsicht etwas traurig werden. Das hatte ich natürlich nicht geplant – wie auch, wenn ich nicht plotte? Aber wie das immer so ist, wenn ich voller Vertrauen sowohl in Emma wie auch in meine Fantasie starte, dann ergibt sich immer etwas für mich Unerwartetes.

    (Weshalb ich heute noch grinsen muss, wenn ich an die zwei oder drei Rezis zu dem einen oder anderen Krimi denke, in denen gesagt wurde, es wäre auch deshalb so langatmig und öde gewesen, weil man von Anfang gewusst habe, wie es ausgeht – und das bei Geschichten, in denen ich mit allen Regeln breche und einen Mörder mehr oder weniger aus dem Hut zaubere. Ich kann solche Hellsicht nur bewundern und rate dringend zu einer Karriere in Zirkus, Kaberett oder Varieté)

    Nun, dieser dritte Roman, der Emma bei ihren Ermittlungen in London begleitet, beginnt ruhig. Also langatmig. Total öde. Emma würde widersprechen, sie empfindet ihren Wochenstart als sehr hektisch und stressig und zwar so sehr, dass sie dankbar dafür ist, sich um Lohntüten und Buchhaltung kümmern zu müssen, da hat sie für drei Stündchen ihren Frieden und ihre Freude. Nicht unbedingt eine Ansicht, die ich mit meiner Heldin teile.

    Ja, das wollte ich nur mal kurz mitteilen. Und hey, bestellt vor – bei Amazon oder über einen der Läden der Tolino-Allianz (ich finde Hugendubel irgendwie am sympathischsten). Schubst mich, drängelt mich und unterstützt mich gerne. Sehr wahrscheinlich wird das Buch Anfang Juni erscheinen. Also los jetzt, kauft mich! Oder ähm, nein, das Buch, kauft das Buch, sorgt dafür, dass ich mir Brot leisten kann. :D

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  • Die Tote im Hyde Park

    Die Tote im Hyde Park

    Frisch geschrieben, frisch geteilt: Die erste Szene des ersten Kapitels.


    05. Juli 1934, London, England

    Seit bald einem Jahr lebten die Beresfords nun wieder in England und doch war Emma nach wie vor unentschieden, ob der Vorzug, ein recht unbeschwertes Leben im Luxus zu führen, mehr wog als das Heimweh nach Freundinnen und Kollegen in Bonn. Immer wieder überkam sie das Verlangen, einen Spaziergang am Rhein machen zu wollen – insbesondere nun, da der Sommer London eine ungewöhnliche Hitze bescherte, die wahrlich an die schwülen Tage der alten Heimat erinnerte. Eine Erinnerung, die sie belastete. Aus vielen, vielen Gründen.
    Erst gestern Abend hatte James gefragt, ob sie, sollten sich die Umstände in Deutschland grundlegend ändern, wieder würde zurückgehen wollen. »Ernsthaft, Darling, würdest du es nicht vermissen, Kleider ohne Ende schneidern lassen zu können? Und dein Automobil – du fährst gar zu gerne durch die Gegend, um das wieder aufgeben zu wollen, ist es nicht so?«
    »Das klingt, als wäre ich scheußlich materialistisch. Ich meine, wir kamen ziemlich gut zurecht auch ohne all das Geld deines Vaters.«
    »Ohne Sybils Geld wären wir oft in arger Bedrängnis gewesen.«
    »Schön und gut, aber sie hat uns geholfen. Und uns ja nicht eben wenig dafür schuften lassen.«
    »Schuften! Die paar Tanzstunden.«
    »Und die Buchhaltung. Und die kleinen Erledigungen. Und überhaupt –«
    »Und überhaupt hat sich das nicht geändert; Sybil findet immer etwas für alle zu tun.«
    »Das macht ihren Charme aus.«
    »So verrückt es ist, aber das ist wohl wahr. Goodness, welche Frau Mitte vierzig kann schon von sich behaupten, ganz London um den Finger gewickelt zu haben?«
    »Mitte vierzig? Ich bitte dich, sage das nur nie, wenn sie in der Nähe ist. Noch möchte ich nicht zur Witwe werden.«
    »Was soll das denn heißen? Was soll dieses noch bedeuten? Hast du Pläne, von denen ich nichts weiß?«
    Emma lachte und warf sich dem geliebten Gatten in die Arme, was den, der mit so viel Schwung nicht gerechnet hatte, rückwärts aufs Sofa kippen ließ. So zum Liegen zu kommen, das mißfiel ihm eindeutig nicht. Ja, er wusste mit der neuen Lage auch gleich etwas anzufangen. Sein treues Weib jedoch machte sich gleich los und sprang auf die Füße. »So leid es mir tut, jetzt nicht. Die Frau, die trotz ihres hohen Alters ganz London um den Finger wickelt, erwartet uns immerhin zu einem köstlichen Mahl und so reich kann ich gar nicht werden, dass ich mir das entgehen lasse.«
    James rollte mit den Augen, war dann aber doch verblüffend rasch wieder in der Senkrechten – ein Schäferstündchen mit Emma ließ sich eben doch leichter aufschieben als ein Dinner bei der Schwipptante und ihrem russischen Ehemann. Bei den Gregorins ging es meist hoch her; ihre privaten Parties waren stets einen Artikel in sämtlichen Zeitungen wert, nicht nur in jenen, die James‘ Vater gehörten.
    Und der Abend enttäuschte nicht: Wieder waren die interessantesten Leute dort gewesen, wieder hatte man über alles Mögliche bis in den frühen Morgen hinein geredet, man hatte gelacht und getanzt und ganz ausgezeichnet gespeist. Als James die Gattin daher fragte, ob sie Bonn denn noch immer so schrecklich vermisse, antwortete sie mit einem sehr entschiedenen Nein. Und einem ebenso entschiedenen Ja.
    »Damit ist es geklärt«, befand James und überzeugte Emma davon, dass man zwar zu Bett gehen könne, aber nicht mehr unbedingt schlafen müsse. »Lohnt sich doch kaum, der Wecker klingelt in einer halben Stunde eh.«
    »Ah ja. Eine halbe Stunde also kannst du für mich erübrigen, wenn es gerade mal so passt? Das will ich mir merken. Gewiss hilft mir das über die Trauer hinweg, wenn ich zur Witwe geworden sein werde.«
    »Jag mir keine Angst ein, Darling.«
    Sie kicherte und machte sich daran, seine unberechtigten Sorgen fortzuküssen. Das gelang ihr ziemlich gut.

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