Andrea Instone

Licht & Schatten

Ein mörderischer Fall für Frl. Schumacher

RP P 2009 4182 18B

Der verschwundene Professor ist der erste Roman, den ich geschrieben habe. Aus einer Laune heraus – die allerdings auf einer Idee beruhte, die seit zehn Jahren bereits immerzu in meinem Kopf lebte. Eine junge Frau sollte zur Ermittlerin werden, obwohl nichts an ihr dafür sprach. Schüchtern, vielleicht sogar ängstlich und viel zu unerfahren sollte sie sein. Gelegentlich schrieb ich eine Szene, einmal ein ganzes Kapitel. Und legte es immer wieder beiseite. Mit kleinen Kindern – meine Söhne waren damals drei und anderthalb Jahre jung – kam ich eh zu nichts.

Und dann im Sommer 2017 setzte ich mich in den Garten und fing an, fest überzeugt, ich würde bestimmt wie auch sonst nach drei, vier Seiten aufgeben. Es wurden zehn, zwanzig, fünfzig. Ab da war ich drin und kann bis heute nicht aufhören. Ich schreibe schnell und ich schreibe täglich viel und lang. Da kommt was zusammen. Zum Beispiel eine vollständige Welt, in der meine Emma lebt. Eine Welt, die ihr viele, viele Möglichkeiten bot, erwachsen zu werden, selbstbewusst und eigenständig. Eine Welt, die dann so richtig vor die Hunde ging. Was ich niemals aussparen wollte. Die Weimarer Republik war Hintergrund und Nebendarstellerin zugleich – und immer auch Grund für viele Entwicklungen: in Emmas Leben, in ihren Beziehungen, in ihren Fällen.

Emmas Leben bis zu ihrem ersten Auftritt

Geboren am 31. Oktober 1906 in Bonn am Rhein sieht die Welt gut aus für das kleine Mädchen: Sie ist die Tochter von Heinrich August Schumacher, seines Zeichens Ägyptologe, und Charlotte, einer deutlich jüngeren Engländerin von bescheidenem Adel, die in Bonn all das findet, was sie immer wollte: Echte Liebe, echte Freiheit, echte Entfaltung. Die kleine Emma wächst dementsprechend recht frei auf – mit Klavier und ägyptischen Göttern, Lexika und Romanen, mitten in der Stadt und doch nah an der Natur, nicht sehr reich, aber ausreichend wohlhabend. Ihre Eltern sehen in ihr nicht eine zukünftige Ehefrau, sondern ein Menschenkind, das sich entfalten soll nach eigenem Tempo und eigenem Geschmack.

Doch der Krieg bricht aus, dazu zum Ende hin noch die Spanische Grippe, an der das Mädchen heftig erkrankt – vor allem junge Menschen sind es, die von der Epidemie dahingerafft werden. Doch das Kind gesundet und Charlotte möchte Emmas Geburtstag, der der vollständigen Genesung vorangeht, feierlich begehen. Sie bricht auf, alles für einen Kuchen zu besorgen; kein leichtes Unterfangen in den letzten Kriegstagen.

Zugleich verirrt sich, so nimmt man heute an, ein englischer Flieger, der ganz woanders hätte sein sollen. Warum er seine Bomben auf Bonn fallen lässt, ist nicht recht klar. Sie fallen auf den heutigen Friedensplatz und töten knapp zwanzig Menschen, die die Warnsirenen nicht ernstgenommen hatten und auch gar nicht rasch genug hätten fliehen können, hätten sie es gewollt. So oft war der Alarm losgegangen, doch nie war etwas geschehen – und lag es nicht schon in der Luft, dass es doch zu einem, wenn auch von den Verblendeten der Deutschen als schändlich empfundenen Frieden kommen würde?

Charlotte war unter den Toten. Emmas Geburtstag und der Todestag ihrer Mutter waren nun für immer verbunden. Und acht Jahre später Anlass, nach Bonn zurückzukehren. Heinrich nämlich, gramgebeugt und kaum fähig, mit seinem Kummer zurechtzukommen, gab dem Drängen der Schwiegermutter nach: Emma wurde nach England gebracht, um dort zur jungen Dame erzogen zu werden, die nicht die Last der deutschen Schuld würde tragen müssen. Ein reger Briefwechsel beginnt zwischen Vater und Tochter – offen, freundschaftlich, intensiv. Und als einer seiner Briefe so gänzlich verkehrt klingt, macht sich Emma – schüchtern, tollpatschig, unsicher und unerfahren – nach Bonn auf, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Aufbruch, der alles verändern wird für sie.

Noch gerät Emma unversehens in Kriminalfälle / 1926 – 27

Emma hat kaum herausgefunden, was mit ihrem Vater geschehen ist, da schlittert sie schon in den nächsten Fall: Eine Stelle in einem Schönheitsinstitut tritt sie an und bald darauf liegt eine Tote in ihren Armen. Und von dort aus wird es nur schlimmer und schlimmer und schlimmer.

Doch auch das wird überstanden, eine zweite Stellung soll nun Sicherheit und ein ausreichendes Auskommen bringen. Und es beginnt sehr gut, wenn auch etwas peinlich: Nette Kolleginnen, ein charmanter Chef und eine Direktrice, die Emma sehr bewundert. Doch die Mode des Hauses ist nicht nur schick, sondern totschick. Und der Krieg, den so viele längst vergessen haben, zeigt noch jetzt seine Wirkung.

Kurz vor Emmas Geburtstag: In der Tanzschule ihrer Tante kommt es zu einem Zwischenfall, dessen Folgen fast so weit reichen wie dessen Ursache.

Nicht mehr ganz so zufällig mischt sich Emma ab nun ein / 1928 – 1929

Das Fräulein Schumacher, das längst kein Fräulein mehr ist, geht auf Hochzeitsreise – dort begegnen die Beresfords einem alten Bekannten – nach dem sie bald schon suchen müssen. Ziemlich abenteuerlich wird es unter der südlichen Sonne.

Schlag auf Schlag geht es: In Emmas Leben tut sich einiges, beruflich kommt sie voran und als Ermittlerin ist sie längst von einem Selbstbewusstsein, das wir auch als leichtsinnig und unvorsichtig bezeichnen dürfen. Sie ist jung, sie ist neugierig, gelegentlich vergisst sie, was sie ihrer Erziehung schuldig ist. Doch damenhaftes Verhalten und niedliche Naivität passen eh nicht mehr in diese Zeit, findet nicht nur Emma. Die politischen Kontroversen, die ständigen Reichstagswahlen, das Gerede mancher Leute, das hasserfüllter wird – nein, Emma hält sich nicht auf mit Zurückhaltung. Sie will eine bessere Welt und Gerechtigkeit für die Opfer der Verbrechen, mit denen sie zu tun bekommt.

Reifer, als ihre Jahre es verlangen, ist Emma bereits / 1930 – 33

Das Ende der Zwanzigerjahre – und wirklich das Ende einer Zeit, in der Emma als Frau an eine gleichberechtigte Zukunft glauben konnte. Den Menschen geht es schlecht; Arbeitslosigkeit und Inflation kehren zurück, das Leben wird teurer und beschwerlicher in jeder Hinsicht. Das merken auch die jungen Beresfords, die trotz harter Arbeit und durchaus großzügiger Hilfe der reichen Verwandten recht bequem über die Runden kommen könnten – wenn sie sich nur für sich und nicht auch für andere interessierten.

Und mit dem Januar 1933 verändert sich alles rasant – Angst und Hass und Wut sind die bestimmenden Gefühle in Emma. Menschen, von denen sie es nie erwartet hätte, jubeln dem neuen Reichskanzler zu und zucken achtlos mit den Schultern ob der Morde an Andersdenkenden, die ohne besondere Mühe um Glaubhaftigkeit als Unfälle oder Suizide ausgegeben werden.

Bald steht es also fest: Hier können wir und wollen wir nicht bleiben! Aber wie gehen, wenn man Freunde und Freundinnen zurücklässt, die mehr Grund als die Beresfords haben, die neuen Machthaber zu fürchten? Und was ist mit dem Mörder, der sein Unwesen treibt?

Mrs Beresford auf heißer Spur

Nicht nur das Land wechselt Emma, nein, ihre Umstände ändern sich völlig. Erst hier in London erfasst sie, wie vermögend die Schwiegereltern sind – und wie reizend. Als Enkelin Lady Mitfords und Schwiegertochter eines Verlegers und Nichte von Sybil, die gemeinsam mit Alexej in kürzester Zeit einen Nachtclub zum Erfolg führt – nun, da bleibt es nicht aus, dass die junge Mrs Beresford in das Licht der Öffentlichkeit gerät. Ein wenig zumindest.

Und all das Geld, all der Luxus: Das gefällt Emma durchaus. Doch das ist nur die eine Seite, denn es gibt so vieles zu tun, so vieles hat sich geändert und so vieles und so viele muss sie vermissen. Eines allerdings nicht: Auch hier gerät sie kurz nach der Ankunft in einen Mordfall …

Eine echte Ermittlerin / 1933 – ?

Ja, es geht also weiter mit Emma. Erwachsen ist sie, eine Dame der Gesellschaft, eine berufstätige Frau, ein Glamourgirl, eine Ermittlerin und einiges mehr. Ihre größte Angst sind die Faschisten, die auch in Großbritannien an die Macht drängen, ihre größte Freude sind ihre Familie und zwei Freunde, die nach London ziehen. Es könnte alles so herrlich sein, nicht wahr?


Emma Charlotte Schumacher wartet auf dich.


Und wenn du Emma irgendwann gut kennst und mehr über das eine oder andere wissen möchtest, was den historischen Hintergrund angeht oder Emmas privates Leben, dann komm noch einmal hierher zurück :=

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