Es ist nun Mai 1935 und Emma findet sich auf einem Golfplatz wieder. Mit diesem Sport hat sie nicht viel zu tun, aber ihr Schwiegervater spielt nicht nur sehr gut, er tut es auch, um seinen Einfluss zu vergrößern. Als Gegner der Faschisten unternimmt er alles, was ihm legal und moralisch anständig möglich ist, um seine Stimme noch hörbarer zu machen. Als wirklich erfolgreicher Verleger diverser Zeitungen und Magazine gelang ihm da immer schon, doch andere schreien lauter und lauter – ein Wettkampf der Lügen und Verleumdungen, in den er nicht einsteigen will. Persönlich und privat, charmant und clever, gesellschaftlich gewandt und grundsätzlich generös – so sieht sein Vorgehen aus. Dass er dabei Kontakte beim Golfen pflegt, versteht sich für einen Mann seiner Position von selbst.

Golf ist in England mittlerweile, das erzähle ich im ersten Beitrag schon, kein Nischensport mehr, kein schottisches Kuriosum. Es ist der Sport der Geschäftswelt, der Aristokratie und der Politik. Nicht alle spielen, weil sie Golf lieben. Sie spielen auch, weil sie wissen, wie wichtig es ist, auch hier dazuzugehören. Und für einen Londoner Verleger wie Henry Beresford ist es eine Selbstverständlichkeit, einem Club anzugehören, der Prestige mit sich bringt, aber dennoch ein gewisses Verständnis für soziale Gerechtigkeit zeigt.
Der Royal Mid-Surry Golf Club
Dieser Verein liegt im Old Deer Park in Richmond, etwa neun Meilen südwestlich der Londoner Innenstadt – das wäre für Henry Beresford bei nicht zu viel Verkehr eine gute Stunde Fahrt (und für Sybil Mallaby kaum eine Dreiviertelstunde!), bis er frische Luft schnuppern und seinem Hobby, das nicht wirklich eines ist, nachgehen kann.
Das Gelände, auf dem der Platz liegt, ist Krongut, gehört also der königlichen Familie. Im Norden grenzt es an Kew Gardens, im Westen läuft die Themse. Eine schöne Gegend also, grün, angenehm kühl und frei verglichen mit der drückenden Atmosphäre der Hauptstadt.
Unbedingt auch ein netter Ausflug für Emma, die stets gut zu Fuß war und gelegentlich die Ausflüge auf den Drachenfels und in den Kottenforst vermisst. Bestimmt gefällt ihr der Golfplatz mit seinen zwei 18-Loch-Kursen, wenn er auch nicht ganz so natürlich ist, wie er erscheint; künstlich aufgeschüttete Hügel machten aus dem flachen Gelände eine Landschaft mit mehr Charakter und Herausforderung.
Wie sah es hier mit Frauen im Club aus?
Royal Mid-Surrey nahm von seiner Gründung 1892 an Frauen als Mitglieder auf — das war selten und fortschrittlich; der innere Kurs wurde explizit als Damenkurs angelegt. Man spielte gemeinsam und doch getrennt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass es bis 1936 zwei separate Gebäude gab: Das Hauptclubhaus gehörte den Männern — Bar, Speisesaal, Kartenraum, Umkleide. Die Frauen hatten ihren eigenen (natürlich kleineren) Pavillon. Man wollte es mit diesen modernen Sitten sicherlich nicht übertreiben. Ein gemeinsames Clubhaus war also noch nicht vorhanden, als Emma ihren Schwiegervater zum ersten Mal hierher begleitet. Gewiss aber fanden Bälle, Diners und Preisverleihungen nicht getrennt statt – vielleicht gab es sogar wilde Parties im Clubhaus. Vermute ich aus einem Grund, zu dem ich gleich noch komme. Ich mag mich da aber auch irren.
Mitgliedschaft
Das Privileg, Mitglied im RMS zu sein, hatte Henry sich nicht erkauft. Das ging nicht. Oder vielleicht gelang es doch mal dem einen oder anderen, wer weiß? Aber die Regel lautete: Wer hinein will, benötigt eine Einladung von einem Mitglied, das außerdem für einen bürgt. Ein zweites Mitglied muss die Einladung unterstützen und dann stimmt ein Komitee ab. Natürlich geht das nicht flott. Im Gegenteil. Geduld ist eine Tugend und es braucht halt seine Zeit, bis man sich von der Würdigkeit des Eingeladenen überzeugt hat. Und von seiner Zahlungskräftigkeit vermutlich auch. Aber erhielt man die Zusage, dann war Stolz angebracht.
Na ja, wenn man all das braucht und in Ordnung findet. Henry war nicht unbedingt stolz. Oder nicht mehr; er ist seit zwanzig Jahren Clubmitglied und durfte miterleben, wie der RMS zu höchsten Ehren kam.
Wo kommt das Royal her?
König Georg V. verlieh dem Club 1926 diesen Status — auf Wunsch seines Sohnes, des Prince of Wales, der in jenem Jahr Kapitän des Clubs wurde. Neun Jahre später, im Sommer 1935, ist Edward immer noch Mitglied. Er spielt Golf bei Fort Belvedere in Windsor, seinem privaten Rückzugsort, aber gelegentlich spielt er auch noch in Richmond, meist wohl informell, als Golfer und Golfen. Und die, de wir Emma kennen, wissen, sie hofft sehr, ihm nicht zu begegnen. Was aber doch immer wieder der Fall sein wird. Eigentlich sollte sie die alte Geschichte längst vergessen haben; er erwähnt sie jedenfalls nicht mehr. Aber wenn er ihr zuzwinkert, ist doch klar, er erinnert sich bestens.
Tja. Edward. Oder eigentlich David, wie ihn sein engster Kreis nennt. Könnte sein, dass er eine Rolle spielen wird. Vielleicht auch nicht. Er ist ja sehr beschäftigt. Mit Wallis Simpson, über die ich vor vielen, vielen Jahren etwas geschrieben habe, wobei ich ihre politischen Ansichten aus Gründen ausgeblendet habe, mein Ansatz war ein völlig anderer. Einer, den Emma und Henry nicht teilen müssen. Wir schauen mal, was daraus wird …
Die etwas sozialere Seite des Clubs: Die Artisan Section
Die was bitte?
Die Artisan Section bei Royal Mid-Surrey war etwas Besonderes, auf das man vermutlich heute noch stolz ist. Was versteht man unter Artisan: „Artisan“ kommt aus dem Lateinischen und bezeichnete im englischen Klassensystem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die qualifizierten Handwerker — nicht die ungelernten Arbeiter, nicht die Mittelklasse, sondern Handwerker an der Grenze zum Künstlerischen; Männer, die in der Lage waren, die Visionen von Herrenhausbesitzern oder Golfclubvorständen umzusetzen: Gärtner, Maurer, Schreiner. Der Begriff war würdevoll, aber wie mit den Frauen kam man hier ohne klare Trennung und Abgrenzung nicht aus. Doch immerhin: Jene höheren Arbeiter, die den Platz pflegten, erhielten Spielrechte. Sie spielten auf demselben Rasen wie die regulären Mitglieder — zu anderen Zeiten natürlich, dafür aber auch mit einem eigenen kleinen Clubhaus.
Ja, das ist also der erste Schauplatz vom nächsten Fall meiner Mrs Beresford. Was dort geschieht, wie oft wir dort sein werden, wer mitspielt? Wie immer habe ich keine Ahnung, das wird sich ergeben .)
Quellen
Royal Mid-Surrey Golf Club:
https://www.rmsgc.co.uk/about/our-heritage/
https://en.wikipedia.org/wiki/Royal_Mid-Surrey_Golf_Club


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