Andrea Instone

Licht & Schatten

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  • Maria Stuart oder des Zwistes 1. Teil

    Maria Stuart oder des Zwistes 1. Teil

    Ich möchte mit zwei Feststellungen und einer Aussage  beginnen, dir mir wichtig ist: Ich bin keine Historikerin, bin nicht der Objektivität und der Überprüfung aller Quellen verpflichtet; es ist einfach ein Essay, zu dem mich diese Damen angeregt haben.

    Gut, das habe ich erledigt, um was geht es (mir)? Es geht um zwei Königinnen, es geht um Schönheit, um Weiblichkeit, um Machtstreben, Kontrolle, Gefühl und um die Wahrnehmung dieser beiden Frauen. Und es geht um den Streit, den viele zum Mittelpunkt ihrer Betrachtung und Bewertung machen. Aber so versucht ich bin, jetzt schon genau zu erklären, was ich meine: das muss bis zum dritten Teil warten. Erst einmal sollten wir beide Frauen kennen lernen.

    Zu Elisabeth I. von England werden wohl die meisten etwas zu sagen wissen, bei Maria Stuart, Königin von Schottland, sieht es schon anders aus; selbst die (deutschen) google-Seiten listen mehr Schiller als Maria auf. Schiller hatte sich übrigens vor dem Schreiben seines Stückes intensiv vor allem mit Maria beschäftigt und eine Vorliebe für die romantische Verliererin spricht aus seinen Zeilen. Allerdings hat er aus dramaturgischen Gründen (und vielleicht aus männlicher Überheblichkeit heraus?) die Wahrheit beiseite geschoben und genau jenen Zwist zum Kern seines Stückes gemacht und im Grunde genau das heraus gefiltert, was beiden Frauen bis heute unterstellt wird. Aber dazu mehr im dritten Teil.

    Chronologisch müsste ich mit Elisabeth als der Älteren beginnen, aber da ich meine Schönheitsreihe assoziativ zusammen gestellt habe, lasse ich Maria den Vortritt. Denn von Anne Boleyn zu Maria Stuart lässt sich der Bogen leichter schlagen als zu ihrer Tochter.

    Maria Stuart im Alter von ~ 11-13 Jahren

    Maria wurde am 8. Dezember 1542 in Schottland als Tochter von König Jakob IV. von Schottland und seiner zweiten Frau Marie de Guise geboren; nur wenige Tage darauf verstarb ihr Vater und Mary Stewart wurde zur Königin gekrönt. Doch Schottland war ein raues Land mit rauen Sitten und der Thron umkämpft. So ließ Marie de Guise die Tochter in ihr Heimatland Frankreich verbringen – in Sicherheit und als zukünftige Braut des französischen Dauphins, mit dem zusammen sie erzogen wurde; aus Mary Stewart wurde Maria Stuart.
    Wie auch Anne Boleyn genoß sie eine hervorragende Ausbildung, sprach mehrere Sprachen fließend, dichtete, musizierte, stickte, war eine gute Reiterin und Falknerin und wuchs recht glücklich heran, während es in Schottland drunter und drüber ging. Ihr Schwiegervater sagte von der Elfjährigen, sie sei gebildet und belesen wie eine 25jährige, er schätzte ihre Konversation sehr. Zeitgenossen beschrieben sie als lebhaft, freundlich, intelligent, temperamentvoll und hübsch mit dunklen Augen, roten Locken und zarter Haut.

    Maria mit ihrem Mann Dauphin François

    Im Alter von fünfzehn Jahren wurde sie mit Dauphin Franz vermählt; beide waren sich von Kindheit an sehr zugetan. Ein Jahr später starb der König und Franz und Maria bestiegen den Thron. Franz war von kränklicher Natur und überließ seiner Gattin weitestgehend die Regierung. Ein weiteres Jahr danach schon starb der junge König und ließ eine untröstliche Witwe zurück, der schnell klar wurde: sie hatte nicht nur einen geliebten Ehemann verloren, sondern auch Frankreich, das Land, das ihr Heimat war und blieb. Ihre Schwiegermutter, Katharina de Medici, war ihr nicht wohlgesonnen; ein Gefühl, das wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein gutes halbes Jahr nach dem Tode ihres Mannes verließ die Neunzehnjährige Frankreich, um nach Schottland zurück zu kehren.

    Maria als neunzehnjährige Witwe

    Und jetzt stellen wir uns das vor: eine sehr junge Frau, hübsch, gebildet, selbstbewußt, katholisch, kehrt nach Jahren in ein Land zurück, das von sich bekriegenden, größtenteils protestantischen Lords zerrissen wird. Empfangen von einem nicht thronberechtigten und neidischen Halbbruder einerseits und einem fanatischen Religionsführer namens John Knox andererseits. Von den Renaissancepalästen Frankreichs in die kalten Burgen Schottlands.
    Mehrere Male muss sie sich mit John Knox auseinander setzen, der gegen sie als „Buhlerin Roms“ hetzt. Und sie verweigert den Dialog nicht, gibt gelassen Antwort, ist rhethorisch geschickt und sichert aus fester eigener Überzeugung zu, dem Volk keine Religion aufzuzwingen, erbittet sich dabei selbiges Recht für ihre Person aus. Sie möchte keine Blutige Maria werden, wie es Königin Maria Tudor für England war, als sie mit allen Mitteln versuchte, den Katholizismus wieder zu etablieren. Obwohl selbst eine gläubige Katholikin ist sie für Toleranz in dieser für Europa so explosiven Frage. Doch das Mißtrauen ihr gegenüber bleibt: eine junge Frau mit einer Wirkung auf Männer, mit ihren französischen Sitten und der unverständlichen Liebe zu Musik, Tanz und Literatur, ist nicht das, was die Lords sich wünschen: wenn sie schon bleiben muss, dann soll sie heiraten.

    Hier haben wir also zum ersten Mal in meiner kleinen Serie eine Frau, wie sie doch eigentlich sein sollte:
    Schlank, groß, schön, feminin, dem Guten und Schönen zugewandt, freundlich, entgegenkommend, von Kopf bis Fuß königlich und bestrebt, ihr Land mit Milde und Güte in eine neue Zeit zu führen, dabei aber doch fest an ihr Königsrecht denkend – nun müssten doch wirklich alle glücklich sein? In der Tat bestreiten weder Freund noch Feind ihre schöne Erscheinung, nein, es wird immer wieder betont, keines ihrer Bilder sei ihr jemals gerecht geworden. Man ist hingerissen von ihrer Anmut, ihrer Konversation, ihrem Auftreten. Aber kaum hat eine Frau alles, was sie haben soll, was an anderen als fehlend bemängelt wird, so gerät sie in die nächste Falle: Hexe, Hure oder Heilige. Und hier wird Maria scheitern.

    Während Wallis Simpson und Anne Boleyn von Um- und Nachwelt als hurende Hexen und hexende Huren gebrandmarkt wurden, wird Maria Stuart zwischen den Polen Heilige und Hure treiben und vielen, wenn nicht den meisten Biographien ist zu eigen, dass sie entweder als das Eine oder das Andere vom Schreiber gesehen wird: die aufrechte Katholikin, die sich in einer Männerwelt zum Scheitern verurteilt sieht aka die Heilige oder die dekadente Herrscherin mit Männerverschleiß und beschränktem Horizont genannt die Hure.

    Gut, Maria soll heiraten und im Gegensatz zu ihrer Cousine Elisabeth ist sie dazu bereit, steht aber vor den gleichen Schwierigkeiten: welchen Lord sie auch nähme, die anderen sähen darin einen Affront und ein Bürgerkrieg bräche los. Diverse Könige und Prinzen stünden bereit, nähmen aber zu viel Einfluß auf das kleine Land und würden neue Abhängigkeiten schaffen. Sie entscheidet sich für ihren Cousin Henry Stuart, Lord Darnley. Und ich kann nur sagen: wir haben wohl alle einmal in jungen Jahren einen Typen ganz, ganz toll gefunden, der es nicht wert war; bei dem wir uns noch heute fragen, wie das nur passieren konnte – wir mussten den aber nicht gleich heiraten …

    Maria mit ihrem zweiten Mann Lord Darnley

    Darnley war im gleichen Alter und sein größter Vorzug war offenbar seine Größe: endlich einmal ein Mann, der nicht von Maria überragt wurde. Er schien ihr zugetan und an den schönen Künsten interessiert, gehörte keiner Fraktion an und war ein Verwandter. Doch schon bald nach der Hochzeit dürfte Maria mit Entsetzen festgestellt haben, dass ihr Gatte nicht nur oberflächlich, sondern auch kindisch, egoistisch und eifersüchtig war, dazu trank er mehr, als ihm gut tat und benahm sich insgesamt so, dass man an seinem Verstand und seiner Einsicht zweifeln musste. Sein ständiges wehleidiges Gejammere, er wolle mehr Anteil an den Staatsgeschäften, half ihm in ihren Augen nicht: sie wandte sich innerlich von ihm ab.

    Darnley war leicht zu beeinflußen und das nutzten die Lords: sie redeten ihm ein, so dürfe ein niederes Weib ihren Mann nicht behandeln und stachelten ihn auf, darauf vertrauend, ihn als König leichter lenken zu können als Maria. Maria hatte sich einen kleinen Hofstaat geschaffen bestehend aus Menschen, denen sie vertraute und die die gleichen Werte und Vorlieben hatten wie sie; viele sollten bis zu ihrem Ende treu zu ihr stehen. Unter anderem hatte sie einen italienischen Sekretär namens David Rizzio, der des öfteren mit ihr musizierte.
    Der italienische Mann an sich wird ja von Geschlechtsgenossen anderer Herkunft ganz gerne einmal mißtrauisch beäugt; Darnley machte da keine Ausnahme. Ob Maria eine Beziehung zu ihm unterhielt oder nicht – man weiß es nicht; ähnliches wird man sich zwei Jahrhunderte später bei Marie Antoinette und Axel von Fersen fragen. Da Königinnen selten unbeobachtet sind, spricht einiges dagegen, allerdings lässt sich für willige und clevere Liebende ja immer eine Möglichkeit finden. Doch wo selbst ein Heinrich VIII ungeniert und offen eine Hofdame nach der anderen auf sein königliches Lager ziehen durfte und ihn das zu noch mehr Mann machte, galt das für eine Königin aus eigenem Recht nicht (für royal consorts, wie Anne bewies, natürlich noch viel weniger – das war Hochverrat. Hat natürlich überhaupt rein gar nichts mit zweierlei Maß oder so zu tun …). Allein der Verdacht, Maria könne in einem anderen Mann mehr sehen als in ihrem eigenen, reichte schon aus, um sie zur männermordenden Verführerin zu stempeln.

    David Rizzio, Dichter, Musiker, Sekretär

    Das mit dem männermordend ist so eine Sache: Darnley, dumm, eifersüchtig und ehrgeizig, stürmte eines Abends in Begleitung einiger seiner Trinkkumpane bzw. einigen Schottlands Wohl im Auge habenden Lords das Gemach seiner hochschwangeren Frau, die mit Rizzio UND einigen Freunden in ihrem Gemach musizierte und erzählte.
    Rizzio wurde gegriffen und vor den Augen Marias erstochen; in ihrem Blutrausch wandten sich einige der Verschwörer auch gegen Maria selbst. Das war Darnley zu heftig, er stellte sich rettend vor sie. Man vermutet, er wollte sein ungeborenes Kind und damit sein Anrecht auf den Thron schützen. Maria wurde unter Hausarrest gestellt, doch – böse Verführerin, die sie war – gelang es ihr, den Gatten zu erweichen: ihr Gefährte solle er sein, König aus eigenem Recht werden, alles versprach sie ihm und er glaubte es gerne und so entflohen sie gemeinsam.

    Die schottischen Lords – manchmal möchte man meinen, es ging ihnen nur um Zank und Streit und Intrige an sich: Darnley hatten bei ihnen verspielt und zählte nichts mehr. Untereinander waren sie sich eh nicht grün. Und so boten sich nun einige von ihnen der Königin an, die ihren Abscheu vor Darnley gar nicht mehr verbergen konnte und mochte – was diesen sehr erschütterte; er hatte sich nicht vorstellen können, dass so eine Kleinigkeit wie die blutige Ermordung eines Freundes solch eine Wirkung auf seine Frau haben konnte. Dass Frauen sich auch immer so haben müssen …

    Ob Maria von den Lords eingeweiht wurde, ob sie maßgeblich beteiligt war oder von nichts etwas ahnte – nix genaues weiß man nicht und je nachdem, als was man Maria Stuart sehen will, möchte man auch nichts wissen. Für die einen hat sie es geplant und gefordert, für die anderen war sie unschuldig wie ein Lämmchen. Wie so oft wird die Wahrheit in der Mitte liegen: sie mag es geahnt haben, sie mag es nicht verhindert haben, aber willentlich das Folgende herbeigeführt haben wird sie eher nicht.
    Die Entfremdung zwischen Maria und Darnley war offensichtlich, ihr Abscheu groß, seine Verzweiflung um seiner selbst willen und an der bösen Welt, die ihm so garstig gegenüber stand, riesig. So verließ er das böse Edinburgh und kehrte nach Glasgow zu seinem Vater zurück. Wo er erkrankte. Entweder an den Pocken oder (gemein: was besser zu ihm passen würde) an Syphillis. Weshalb Maria ihn bat, zurück zu kehren – erneut ein großes Fragezeichen. Doch sie tat es, er kehrte zurück, jedoch nicht ins Schloß, sondern in ein Haus außerhalb der Stadt, wo er genesen sollte. Und dieses Haus flog in die Luft und mit ihm Darnley. Oder so ähnlich, denn er wurde im Garten gefunden, kaum bekleidet und unverletzt. Doch tot. Vermutlich erdrosselt. Hmmm …

    James Hepburn, Earl of Bothwell

    Unter den Verschwörern befand sich James Hepburn, Earl Bothwell, der sich mehr als nur ein wenig für Maria interessierte. Es gab einen Prozess um die Ermordung Darnleys, Bothwell stand vor Gericht und wurde freigesprochen. Und drei Monate später war er Marias dritter Mann. Der Weg dahin wird ganz unterschiedlich geschildert:
    Maria und er seien schon ein Liebespaar gewesen, als Darnley noch lebte und hätten gemeinsam seinen Tod beschlossen; sie habe dafür gesorgt, dass er freigesprochen werden würde. Danach hätten sie die Entführung und das gewaltsame Festhalten Marias inszeniert, um die Königin als Opfer und nicht als Täterin erscheinen zu lassen.
    Oder aber Bothwell habe um jedem Preis sowohl König als auch Liebhaber Marias werden wollen, habe ohne ihr Wissen den kranken Gatten entsorgt, brachte hernach die Königin in seine Gewalt, zwang sie über drei Tage und Nächte in sein Bett und gab ihr ihre Freiheit nur für das Versprechen, ihn zu heiraten.

    Wir sehen, wieder einmal dürfen wir uns nur zwischen Heilige und Hure entscheiden.

    Maria Stuart hatte eine enorme Anziehungskraft auf Männer, was in allen Beschreibungen durchschimmert und was sie verdächtig macht: ist eine Frau nicht schön, so ist es ihr Fehler. Ist sie es: umso schlimmer. Sie war gerade einmal 25 und hatte schon zwei Thronbesteigungen, zwei Ehen und zwei Morde erlebt. Von solch einer Frau zu erwarten, dass sie ruhig und gefasst und moralisch unberührt bleibt, ist schon stark. Bothwell wird oft  als eher grob, übermännlich und überwältigend beschrieben – zumindest dann, wenn der Fokus des Berichtes auf Maria liegt. Denn wenn sie solch einen Mann ehelicht, kann doch was mit ihr nicht stimmen. Geht es aber um Bothwell selbst, dann ist das Bild ein anderes:

    Acht Jahre älter als Maria war er maßgeblich an ihrer Rückkehr nach Schottland beteiligt. Obwohl Protestant hielt er dem Thron die Treue, schlug den Aufstand ihres Halbbruders nieder und gehörte zu denjenigen, die Mäßigung und Toleranz im Lande wollten. Auch die Ermordung Darnleys erscheint anders, wenn Maria nur Nebenfigur in der Biographie eines Mannes ist; dann auf einmal kommt der Verdacht auf, Darnley sei von Mitgliedern seiner eigenen Familie getötet worden, um die Königin zu diffamieren und ihrem Halbbruder doch noch den Weg zur Macht zu ebnen. Dieser Unterschied in der Darstellung gleicher Ereignisse, wenn es sich um weibliche oder männliche Protagonisten handelt, ist frappant – das zeigt sich später auch in dem Konflikt zwischen Elisabeth und Maria sehr schön.

    Bothwell scheint also vielen im Wege zu stehen und viele Strippen scheinen gezogen zu werden, um ihn zu beseitigen – dieses Mal durch Rufschädigung. Maria ist also zu Besuch auf seinem Schloß, er bittet sie um ihre Hand und sie stimmt zu, nachdem sie einige Zeit zuvor einmal abgelehnt hatte. Beim ersten Antrag war er fern, beim zweiten nah. Da liegt für manche Historiker der Verdacht nahe, dass seine umwerfende und virile Männlichkeit wohl den Ausschlag gab und da schwingt für mich mit, dass viele den Wunsch hatten, ihr Lieblingsklischee erfüllt zu sehen: eine Frau, die nein sagt, meint ja und nachdem der Mann sich sein von der Natur gegebenes Recht genommen hat, ist sie glücklich und ganz sein … um es konkret zu sagen: gerade in älteren Biographien findet sich die Darstellung einer Frau, die entführt und von einem Grobian vergewaltigt nichts besseres zu tun hat, als ihn zu ehelichen, wenn auch erzwungenermaßen. Und da mischen sich Hure und Heilige aufs Schönste.
    Die Vorstellung, auch Maria Stuart könne politisch gehandelt haben, könne versucht haben, einen (vordergründig) zwischen Katholizismus und Protestantismus zerriebenen Staat stabil zu halten, in dem sie einen Protestanten aus eigenen Landen zum Mann nahm – nein, diese Idee ist lachhaft, denn Maria war ja der Inbegriff des Weiblichen, so weit hätte sie nicht denken können.
    Ob sie es tat, was wirklich geschah – wieder einmal: man weiß es nicht. Doch Maria – wir wiederholen es noch einmal – war klug, gebildet, tolerant, machtbewusst, lebenserfahren, war Ehefrau, Mutter, Königin. Das häufig gezeichnete Bild einer törichten Frau, die Männer ins Verderben riss und von diesen in selbiges gestürzt wurde, weil sie zu schwach war zu widerstehen: das kann ich einfach nicht in ihr sehen. Wie immer überlege ich, wie ich mich gefühlt hätte in der einen oder anderen Situation, versuche mir vorzustellen, diese oder jene Eigenschaft zu besitzen oder denke an Frauen, die ich kannte und an deren Handlungsweise.

    Maria Stuart, Königin von Schottland

    Wie nun auch immer, Bothwells Heirat war ein Fehler, nun wurde er als Königsmörder, Vergewaltiger, Thronräuber und Landesverräter hingestellt – hinter dieser Aktion steckte wieder eimal der Halbbruder Marias, den ich bislang nicht einmal mit Namen nannte. Das bleibt auch so, denn allem Anschein nach war das eine wirklich miese Type, an der Hollywood seine Freude hätte. A propos Hollywood: gestern abend erst wurde ich auf eine Serie aufmerksam, die gerade läuft. Ich sah einen Trailer und meinte, es müsse wohl eine Art Games of Thrones-Abklatsch sein, mit all diesen Fantasykostümen und den dramatischen Gesichstausdrücken. Bis der Titel erschien: Mary Stewart … auch ohne das zu schauen, bin ich sehr sicher, dass DAS absolut NICHTS mit der echten Maria zu tun hat. Die Serie „Die Tudors“ war schon übel, aber offenbar doch noch zu überbieten. Als Geschichtsfreak und -snob kann ich solch grobe Geschlichtsklitterung gar nicht ertragen.

    Zurück nach Schottland: alles erhob sich, alles kämpfte, alles wollte die Macht und es endete damit, dass Bothwell in die Niederlande und Maria ohne ihren Sohn nach England floh. Zu ihrer Cousine Elisabeth I., von der sie Hilfe erwartete …

    Und weil es mir ab hier unmöglich ist, Elisabeth weiter aus dem Spiel zu halten – was bis hierher schon schwierig genug war – ist nun endlich, endlich Schluß. Ich weiß jetzt auch wieder, weshalb die Sache mit „Ich schreibe meinen kleinen Krimi bestimmt bald mal“ nie was wird: vor drei Tagen habe ich diesen Beitrag begonnen und nach zwei Stunden entschieden, doch noch schlafen zu können. Heute sitze ich schon seit kurz nach drei daran und habe jetzt Hunger. Fünf Stunden für so ein bißchen … nach Rechtschreibfehlern suche ich später, für heute reicht es. Hoffentlich nicht zu weit hinaus geht es dann um Elisabeth, die in den Augen von Zeitgenossen und Biographen unter einem Mangel an Schönheit und Weiblichkeit und damit unter einem Mangel der 6 weiblichen Buchstaben litt: Hexe, Heilige, Hure, Kinder, Küche, Kirche. Wieder eine Frau, die es nur falsch machen konnte.

  • Anne Boleyn

    Anne Boleyn

    Nach dem Beitrag über Wallis Simpson überlegte ich, ob ich daraus nicht eine Serie machen könne und als erste Nachfolgerin fiel mir Anne Boleyn ein. Auf den ersten Blick mögen Wallis und Anne nicht viel gemein haben: die eine starb in dem Lebensalter, in dem die andere erst in der Öffentlichkeit auftauchte; eine wurde Königin, die andere nicht und vier trennende Jahrhunderte liegen ebenfalls zwischen ihnen.

    Aber die Gemeinsamkeiten sind stärker: beide wurden von einem König umworben und konnten sich dem nicht entziehen. Beide werden bis heute mit ganz ähnlichen Kommentaren und Ausdrücken bedacht. Und beide waren stilvoll, elegant, eloquent, scharfzüngig, lebhaft und respektlos. Diese grauenvolle Mischung weiblicher Eigenschaften lässt nur einen Ausruf zu: „Verbrennt die Hexe!“

    Anne wurde wahrscheinlich 1501 in eine – von mütterlicher Seite her-  hochadelige Familie geboren; 1513 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester zur weiteren Ausbildung (also um einen einflußreichen, wohlhabenden und möglichst noch höheradeligen Ehemann zu finden) als Hofdame zunächst zur Statthalterin der Niederlande nach Flandern gesandt. Zwei Jahre später übersiedelten die Schwestern nach Frankreich, um dort den Königstöchtern Claude und Renée zu dienen.

    Die vier Mädchen waren in einem ähnlichen Alter, besonders Renée und Anne scheinen eine recht tiefe Freundschaft geschlossen zu haben. Über Mary Boleyn weiß man nicht viel; von Anne ist ihr Interesse an Kultur, Literatur und Musik bekannt: sie schrieb Gedichte, verfasste Sonette und Lieder und erwarb sich sogar am eleganten und geistreichen Hof Frankreichs den Ruf einer umfassend gebildeten, charmanten und gutgekleideten jungen Dame.
    Mary verlässt Frankreich 1520, um an den englischen Hof zurück zu kehren, wo sie Hofdame der Königin Katarina von Aragon wird und den Höfling William Carey heiratet. Der König ist bei dieser Zeremonie anwesend und es wird vermutet, dass schon bald nach diesem Ereignis Heinrich VIII. Mary zu seiner Mätresse macht; zwei Kinder werden ihm, nicht dem Ehemann William zugerechnet. Diese Affäre soll nicht lange angehalten haben, weshalb Mary all die Eigenschaften angedichtet wurden und werden, die Anne vermissen lässt: anschmiegsamer und dümmer, freundlicher und anspruchsloser, langweiliger und verträglicher, blonder, molliger, träger. Nunja … irgendetwas ist ja immer falsch mit den Frauen.
    Immerhin hat Mary es nach dem Tode ihres Gatten gewagt, ohne die Erlaubnis des Königs aus Liebe zu heiraten – kein Höfling durfte das wagen. Sie wurde vom Hofe verbannt, ihre Einkünfte gestrichen und dafür wurde natürlich Anne verantwortlich gemacht, die im Jahre 1534 Königin von England war. Aber langsam, langsam, dahin kommen wir noch. Was ich sagen will: Mary musste für diese Handlung nicht unbedingt dumm gewesen sein; es mag sein, dass sie verliebt, unbekümmert und freiheitsliebend war – wer kann das schon wissen?

    Anne Boleyn kam ein Jahr später, 1521, zurück und war offenbar nicht bereit, sofort zu heiraten – in einer Zeit, in der Ehen unter den vornehmen und weniger vornehmen Familien arrangiert wurden, ist wohl anzunehmen, dass eine hübsche junge Frau mit Bildung und französischem Schliff, aus einer einflußreichen Sippe stammend, leicht loszuschlagen gewesen wäre. Anne aber galt schon als junges Mädchen als eigensinnig, temperamentvoll und störrisch; es mag also sein, dass sie sich das Auswählen eines Ehemannes verbeten hat. Viel wissen wir nicht, denn selbst Geburt und Tod waren so selbstverständlich in dieser Gesellschaft, dass man das Notieren solcher Ereignisse kaum für nötig hielt; umso weniger neigte man dazu, allzu viel über die weiblichen Mitglieder einer Familie fest zu halten.

    Nun, Anne kam an den englischen Hof zurück, ebenfalls als Hofdame Katarinas, war die am elegantesten gekleidetete Dame des Hofes, sie tanzte vorzüglich, ließ bon mots von ihren Lippen perlen und verhielt sich ansonsten, wie es sich gebührte: unauffällig. Doch Heinrich – der seine (darf ich gemein sein?) kleinen gierigen Schweinsäuglein immer umherstreifen ließ – fiel sie auf. Man kann wohl sagen: leider …

    Heinrich VIII – eines der schöneren Bilder seiner selbst

    So also sah er aus im Jahre 1531 – wer könnte widerstehen? Sechs Jahre zuvor soll Anne ihm aufgefallen sein, seit 1525 sei er in sie verliebt gewesen. Auch hier weiß man nichts zu genaues: wann genau sie sich wo und wie sahen, seit wann er versuchte, sie in seinen königlichen Alkoven zu ziehen. Aber seit 1525 begann er, Anne zu belagern; sie mit Briefen und Geschenken, überraschenden Besuchen, wann immer sie sich auf den Familiensitz in Hever zurück gezogen hatte, zu bedenken. Anne lehnt ab. Wieder und wieder und wieder. Entzieht sich, beantwortet Briefe nur kühl, erklärt recht deutlich, dass sie keinerlei Interesse daran hat, eine königliche Mätresse zu werden, sagt wohl auch, dass für sie nur eine standesgemäße Heirat in Frage kommt. Ob sie damit ihn meinte oder ob sie nach etwas verlangte, was nicht erreichbar war, um ihn abzuwimmeln – wer kann das schon sagen?

    Und ab hier wird es dann spannend, denn für die männliche Geschichtsschreibung ist eines ganz klar: Anne Boleyn taktiert, spielt ein gefährliches Spiel, legt den Grundstein für ihr eigenes Verderben – ein häufiger Kommentar unter heutigen Artikeln lautet: „She had it coming“ – sinngemäß ein „Selbst schuld!“ Denn Anne Boleyn hatte sicherlich schon beim ersten Anblick dieses wohlgestalteten und mächtigen Mannes nur eines im Sinn: Königin zu werden und koste es die Welt, möge es Verderben über diesen edlen Recken und sein gutes Reich bringen! So sind wir Frauen halt.

    Vielleicht Zeit, einen Blick auf Heinrich zu werfen: als ganz junger Mann noch schlank und rank, mit roten Haaren und hochempfindlicher, sich schnell rötender Haut gesegnet, leidlich begabt, wenn es um das Komponieren und Dichten ging, dafür aber sehr enthusiastisch, durchaus nicht unsportlich, ist er der zweite in der Thronfolge. Sein Bruder erhält eine Braut aus dem mächtigen Spanien, heiratet – und stirbt. Heinrich übernimmt. Thron und Braut, denn eine spanische Prinzessin zurück zu schicken, das kam nicht in Frage. Der Papst muss bemüht werden, denn eine Beziehung zur Frau des Bruders ist nicht erlaubt. Doch es kann bewiesen werden, zu einem Vollzug dieser sehr kurzen Ehe sei es nicht gekommen.
    So will es Heinrich VII., sein Vater, der so lange handeln musste, um diese Prinzessin zu erhalten. Thronfolger Heinrich hat nach einigen Ausreißversuchen nichts dagegen, Katarina nach langer Verlobungszeit zu heiraten, allerdings erst nach dem Tode des Vaters. Bei der Heirat ist er 17 Jahre alt, die Braut 23. In den ersten Ehejahren ist er hingerissen von der älteren und gebildeten Katarina – kein Wunder, er ist jung und willig und so eine Chance bietet sich nicht alle Tage. Später wird er behaupten, er sei herein gelegt worden; seine Ehe mit Katarina sei nur deshalb ohne Sohn und mit nur einer einzigen unbrauchbaren Tochter geblieben, weil Gott diese Verbindung nicht gewollt habe – Katarina müsse gelogen haben und habe eben doch mit seinem Bruder im Bette gelegen.

    Ja, Heinrich war schon ein Mann, den wir alle gerne hätten: ständig darauf aus, seine Männlichkeit zu beweisen. Überall musste er der Erste, der Beste, der Größte sein, ob beim Schnulzen singen, beim Turnier, beim Essen und Trinken oder unter Königen und beim Weibsvolk. Dazu hielt er sich für tiefgläubig und wahrhaft christlich und war doch in Wirklichkeit vor allem gottes-fürchtig, wenn ihm alles um die Ohren flog, was er selbst zum Einsturze gebracht hatte. Er war jähzornig, extrem egozentrisch, maßlos und neidisch, gierig, eifersüchtig. Sowas kann aus schüchternen und unsicheren Jungs werden. All diese Eigenschaften bewies er oft und ausdauernd, Freundschaften bedeuteten ihm nicht viel und was er für wahre Liebe hielt, war meist nicht mehr als Besitzgier und Lust.

    Und da frage ich mich und euch: dieser Mann kommt also nun auf dich zu, er ist noch nicht ganz das Monster, als das er sich erweisen wird, er war der Geliebte deiner Schwester und möchte nun, dass du in sein Bett steigst. Die typisch weibliche Reaktion ist gewiß, ihn heiraten zu wollen … und wir wissen ja alle: wenn eine Frau nein sagt, meint sie das gar nicht so. Genau diese alte Ausrede sämtlicher Vergewaltiger ist wohl auch Grundlage der Historienschreiber oder beispielsweise dieses Artikels des Focus (eh berühmt für ausgewogene und objektive Berichterstattung – ich hingegen schreibe ganz bewußt sehr subjektiv). Frauen, die also nicht wollen und nein sagen, entfachen dadurch die männliche Liebesglut noch stärker – ich denke, das kann nur für sehr gestörte Männer gelten. Was in diesem Fall ja hinkäme. (Hätte ich meinem eigenen Mann ein ständiges Nein um die Ohren geschlagen, so hätte er sicherlich sehr bald abgewunken und sich gesagt, die ist es halt nicht, so what.)

    Liest man sich einige seiner Briefe durch, so ist man aber doch verblüfft: der Ton ist meist schmachtend-zärtlich und er scheint sich oft auch wirklich um sie zu sorgen und zu kümmern. Eben so oft spricht er von seiner Qual, von seiner Unsicherheit, wie er ihre Liebe erringen und erhalten könne, mitunter klingt Wut und Ärger durch. Ähnlich wie Wallis wird auch Anne eine Wandlung durchgemacht haben: sich ihrem Herrscher komplett entziehen konnte sie nicht und über lange Zeit hinweg mit Liebesschwüren und Beteuerungen, mit Gnadenbeweisen und Geschenken eingedeckt zu werden, ändert den Blick auf den beständig seine tiefe Liebe beteuernden Mann sicherlich. Irgendwann im Laufe der Jahre muss sich ihre Meinung geändert haben: sie muss an diese tiefe Liebe geglaubt haben, da dieser Mann, der – aufgrund seiner Stellung – jede Frau am Hofe haben konnte, lieber mit ihr auf einer Gartenbank Gedichte rezitierte und ihre Weigerung, ihm gefügig zu sein, so lange so anbetend ertrug.
    Ihre Gefühle für ihn wurden weicher und zärtlicher und nun bot er ihr, was ihren Ehrgeiz, den sie ganz klar besaß, beflügelte: er wollte sie heiraten. Und dazu grub er das oben erwähnte aus: seine Frau sei gar nicht seine rechtmäßige Frau; der Papst solle mal schnell eine Scheidung durchwinken. Wie Päpste so sind, dachte dieser gar nicht daran – England hatte für den Großteil Europas keine besondere Bedeutung, zur Seemacht war es noch lange nicht aufgestiegen und die Hälfte dieser Insel war ja kaum zivilisiert. Und für einen König dieses Landes sollte sich der Papst mit seiner allerkatholischsten Majestät, dem König von Spanien, anlegen und dessen Tochter als minderwertiges Gebrauchsgut zurück schicken lassen? Eher nicht.

    Mittlerweile ließ Anne sich erweichen und ging eine Beziehung zu Heinrich ein, wie er es sich wünschte und vorstellte. Wäre sie wirklich die Taktikerin ohne Herz und Gefühl gewesen, so hätte sie ihm die Erfüllung seines Wunsches sicherlich noch länger verweigert – so bestand ja die Gefahr, er könne sich mit dem neuen Arrangement behaglich einrichten; sicherlich hat es seitdem die eine oder andere Beziehung gegeben, in der der männliche Teil dem weiblichen immer wieder beruhigend versichert, dass er sich demnächst von seiner Gattin trennen und alle anderen Probleme beseitigen werde, wenn nur erst dieses oder jenes geklärt sein werde. Zumindest gibt es zu diesem Thema eine unendliche Menge an Dramen, Romanen und Filmen.

    Es scheint eher, dass beide in dieser Zeit durchaus glücklich miteinander waren; beide waren ganz Hingabe aneinander und an ein Projekt, das zusammen schweißte: wir zwei gegen den Rest der Welt. Gegen den bösen Papst, die eifersüchtige Königin, das dumme Volk, die egoistischen Minister und nicht zuletzt gegen die eigenen Zweifel und Ängste.
    Anne war der Reformation gegenüber aufgeschlossen, war der Meinung, man müsse verstehen, woran man glauben solle und was man bete und in dieser Bewegung lag auch die Chance für beider Heirat: erlaubte es der Papst nicht, so müsse man sich gegen ihn stellen und sich von der falschen Bevormundung der katholischen Kirche befreien. Dass Heinrich das gut in den Kram passte, können wir uns vorstellen: er selbst als sein eigenes Oberhaupt! Sicherlich lief die Loslösung von Mutter Kirche und die Gründung der anglikanischen Kirche nicht so schlicht ab, aber es geschah. Katarina wurde gegen ihren Willen geschieden und verbannt, ihre Tochter Mary Tudor von der Thronfolge ausgeschlossen. Es war Anne, die versuchte, dennoch ein gutes Verhältnis zwischen Vater und Tochter herzustellen und erwartete dafür von Mary, als Königin anerkannt zu werden. Was diese verweigerte und ihren Vater fast dazu brachte, die eigene Tochter hinrichten zu lassen. Und nun raten wir einmal, wem all dies zugeschrieben wird – die Gründung einer Staatskirche, die unschöne Scheidung, das Lächerlichmachen und Veralbern der ehemaligen Königin, die Streitereien und Zwistigkeiten? Richtig, nicht dem König, dem Guten, sondern der Hexe an seiner Seite. Und auch hier ging es ganz schnell darum, wie Anne Boleyn es wohl schaffen konnte, dem gerechten Herrscher (der er nie war) den Kopf zu verdrehen. Da ist der Bogen zu Wallis Simpson schnell geschlagen, denn genau dieselben Aussagen wie bei Wallis finden sich unter Artikeln zu Anne, wobei der Hexeneffekt noch stärker betont wird.

    Da gibt es seit Jahrhunderten eine Beschreibung ihres Äußeren, die immer wieder kolportiert wird: sechs Finger habe sie gehabt, drei Brüste, dicke Warzen im Gesicht, Hexenmale am ganzen Körper. Derjenige, der diese Beschreibung in Umlauf gesetzt hatte, war ein Schreiberling, der zum Zeitpunkt von Annes Tod gerade einmal sechs Jahre alt war und sie nie zu Gesicht bekam. Dass Zeitgenossen, so sie über sie schrieben, vor allem von ihrer anmutigen Gestalt, ihrer lebhaften Unterhaltung, von ihrem Geist und ihrem Esprit sprachen, fällt dagegen kaum ins Gewicht. Wie Wallis auch galt sie nicht als große Schönheit, aber als attraktiv; als Frau, die mit Kleidung und Haltung ihre Persönlichkeit zum Ausdruck brachte. Und Persönlichkeit bei Frauen – wer will das schon?

    Zum Einen stellt sich also wieder einmal die unverschämte Frage, wie hat diese Frau das geschafft und zum Anderen gesellt sich dieses Mal noch ein weiterer Faktor dazu: während Edward nur noch rein repräsentative Aufgaben hatte und seine Thronaufgabe keine allzu großen Folgen hatte, war Heinrich ein absoluter Herrscher und noch dazu einer, dessen Machtlust niemals gestillt werden konnte. Das 16. Jahrhundert war eine Epoche, in der die Welt sich änderte, in der der Mensch ein Bewußtsein für Individualität, für geistige Freiheit zwar entwickelte, diese aber nicht zugestanden bekam. Vor allem in England war der Weg zum Schaffot nie weit.

    Anne Boleyn war also angenehm anzuschauen, war geistig beweglich, talentiert, ehrgeizig, neigte auch dazu, boshaftes über Menschen zu sagen, über die sie sich ärgerte, setzte sich sehr für die Bildung auch der ärmeren des Volkes ein, nahm ihre königlichen Pflichten in Bezug auf Wohltätigkeit sehr ernst, bemühte sich um eine Versöhnung zwischen Heinrich und seiner Tochter, hielt nicht viel von Vetternwirtschaft, war religiös und politisch reformbegeistert, konnte Heinrich aus seinen mitunter depressiven Phasen holen, tanzte, musizierte, dichtete, stickte, war Stilvorbild und stilbildend und brachte den englischen Hof aus dem Mittelalter in die Neuzeit, schaffte Platz und Anerkennung für Kultur.
    All das wollte Heinrich und als er all dies hatte, wollte er noch mehr: jetzt musste der Sohn, der Thronfolger her. 1531 heirateten Anne und Heinrich, 1533 brachte Anne ein Kind zur Welt: Elizabeth, die später Königin werden und England zu der Weltmacht machen sollte, als die es sich heute noch gerne sieht. Aber das ahnte bei ihrer Geburt niemand; Heinrich war bitterlich enttäuscht und zeigte das sehr deutlich.

    Noch gab es ja Hoffnung, die Tochter wäre nur die Generalprobe, um zu beweisen, Anne könne Kinder bekommen. Der Sohn müsse ja nun bald kommen. Heute geht man nach Sichtung von Heinrichs Akten davon aus, dass er an einer Geschlechtskrankheit litt, die dafür sorgte, dass die meisten Schwangerhaften (bei all seinen Frauen) abbrachen. Auch Anne hatte unter mehreren Fehlgeburten zu leiden und dazu noch unter dem immer deutlicher formulierten Vorwurf ihres Mannes, sie sei schuld. In Heinrich regte sich die Gottesfurcht: er werde bestraft. Wohlgemerkt nicht, weil ER einen Fehler begangen habe, sondern weil er einer Verführerin, einer Hexe ins Netz gegangen sei. Was er einst anziehend fand, ärgerte ihn nun: ihren zuvor gesuchten Rat empfand er nun als Einmischung; ihre spitze Zunge amüsierte ihn nicht mehr, sondern traf ihn selbst; ihre dunkle Erscheinung war ihm nicht mehr licht genug. Und ich möchte betonen, dass es ein feiner Unterschied ist, ob sie sich von der perfekten Geliebten zur unerträglichen Xanthippe verwandelt hat oder ob er nicht mehr mit ihrer Persönlichkeit klar kam. Ganz sicher aber kam Anne ihre Leichtigkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihre Unerschütterlichkeit abhanden: auf ihre Körperlichkeit, ihre Fähigkeit, einen Sohn zu produzieren reduziert zu werden, hat gewiß Folgen gehabt; sie lebte ab nun in Angst, Unsicherheit und Zweifeln.

    Jane Seymour

    Heinrich, mittlerweile noch mehr trinkend, essend, tobend, ließ seine Augen wieder schweifen und erkor Jane Seymour als neue Favoritin – auch über sie weiß man nicht vieles, doch scheint sie in vielem Annes Gegenteil gewesen zu sein: blond, schüchtern, zurückhaltend, eher schweigend als lebhaft, doch mit einer katholischen Lobby im Rücken. Es scheint so, als hätte sie ihm nicht viel entgegen zu setzen gehabt: der König wünschte, sie kennen zu lernen (durchaus im biblischen Sinne), was konnte sie anderes tun, als zu gehorchen? Zumal ihre Familie ihr einflüsterte, sie könne für eine Herstellung des rechten Glaubens sorgen?

    Annes Tage als Königin waren gezählt; Heinrich wußte nun, dass er einer gefährlichen Zauberin aufgesessen war, die ihn ins Unglück stieß und dass das wahre Glück eines Mannes in einer sanften und stillen Gefährtin läge. Doch wie nun heraus kommen? Fortlaufend neue Kirchen gründen konnte selbst er nicht und eine weitere Scheidung schien auch keine Möglichkeit zu sein, zumal Anne für das Recht ihrer Tochter, kein Bastard zu sein, kämpfen würde. Für seine Situation machte Heinrich niemals sich selbst, sondern immer jemand anderen verantwortlich – diesmal war es Anne. Hochverrat wäre die Lösung, dafür würde selbst eine Königin ihren Kopf verlieren. Und bei ihrem Ruf lag es nahe, sie als Ehebrecherin zu beschuldigen – nicht nur mit einem Manne, sondern gleich mit dreien, darunter mit einem ihrer Brüder. Das schien Heinrich angemessen und er tat sein Bestes, sich die von ihm erfundene Anschuldigung auch noch einzureden; auch gibt es wohl Anzeichen dafür, dass Jane Seymours Brüder ihre Hand mit ihm Spiel hatten – ehrgeizig darauf bedacht, aus der Affäre ihrer Schwester das meiste heraus zu schlagen, haben sie am Hofe ordentlich Stimmung gegen Königin Anne gemacht. Als Königin war Anne Boleyn beim Volk übrigens beliebt, auch das stieß Heinrich sauer auf.

    Annes Schicksal war noch vor Prozeßbeginn besiegelt, Beweise waren dank der gefolterten vermeintlichen Liebhaber auch bei der Hand. Am 19. Mai 1536 starb Anne auf dem Schaffot, so würdevoll und ruhig, wie es nur ging. Als letzte Gnade ließ Heinrich statt eines englischen Henkers einen französischen Scharfrichter kommen, der mit dem Schwerte, und nicht mit der Axt diese Aufgabe eleganter, schneller, schmerzloser erledigen sollte. Bis zuletzt war Heinrich ganz der Gentleman und gefühlvolle Liebhaber.
    Bis zu seiner Heirat mit Jane Seymour ließ er immerhin ganze elf Tage verstreichen. Viel hatte Jane von dieser Ehe nicht: sie brachte im Oktober 1537 den gewünschten Sohn zur Welt, wurde noch im Kindbett auf alle möglichen Jubelfeiern geschleppt, hielt diese Strapaze nicht aus und starb wenige Wochen nach der Geburt. Dass ihre Ehe glücklich war, möchte ich bezweifeln. Im Gegensatz zu Anne hielt sie sich aus der Politik heraus, bis auf zwei Ereignisse: auch sie versuchte, Mary Tudor und ihren Vater zu versöhnen, was Heinrich amüsiert-herablassend zur Kenntnis nahm. Und sie flehte um Gnade für katholische Aufständische, was Heinrich sich verbat. Sehr deutlich verbat, denn er gab ihr zu verstehen, wie die letzte Königin geendet habe. Jane, die alles andere als selbstbewußt war, dürfte von da an in Angst und Bangen gelebt haben.

    Anna von Kleve

    Heinrichs Ehekarriere verlief weiterhin holprig, um es freundlich zu sagen: die nächste adoptierte er als liebe Schwester, da er nicht in der Lage war, die Ehe mit ihr zu vollziehen – die Schuld lag bei Hans Holbein und seinem trügerischen Portrait der Anna von Kleve. Heinrich, mittlerweile eher fett als dick, kurzatmig, zu viel trinkend und keine zwanzig mehr, machte die körperliche Ausstattung seiner neuen Frau und keinesfalls den eigenen Zustand für seine Schlappe verantwortlich; recht lautstark erzählte er von ihren angeblich zu riesigen und hängenden Brüsten, die ihm die Luft zum Atmen genommen hätten – es geht doch nichts über zweierlei Maß.
    Anna, für alle Anwesenden sichtlich erleichtert, nahm das Angebot, ihre Ehe in eine Adoption zu wandeln, gerne an und residierte weit genug weg vom Hofe, um in keinerlei Intrige gezogen zu werden. Ihre Hochzeitsnacht möchte ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen müssen; schon ihre Anreise zu diesem frauenverbrauchenden Tyrannen muss der Horror gewesen sein.

    Für Heinrich musste nun was junges her und seine Wahl fiel auf Catherine Howard, einen mit Anne Boleyn verwandten Teenager. Das Mädchen war sich nicht bewußt, was auf sie zukam, war unglücklich und naiv, verliebte sich in einen Gleichaltrigen und ließ sich mit ihm bei Spielereien erwischen, die nun wirklich der Hochverrat waren, den man ihrer Cousine angedichtet hatte. Ich müsste nun einmal forschen, ob Heinrich hier auch noch den französischen Spezialisten einreisen ließ oder ob das zuviel der Ehre gewesen war.

    Einen letzten Versuch startete er noch, mittlerweile von allen als gefährlicher Tyrann, dem man nicht widersprechen durfte, wahrgenommen: Catherine Parr, eine zweifache vermögende Witwe von 31 Jahren, die sich eigentlich gerade mit einem Bruder von Jane Seymour verloben wollte, es aber dann als ihre ihr von Gott auferlegte Pflicht ansah, Heinrich zu heiraten, als der darum verlangte. Intelligent, gebildet, ausgeglichen, gut vernetzt und erfahren war sie, wie ihre Ehe verlief, kann ich nicht sagen, aber es war sicherlich ein Glück, dass Heinrich vor ihr starb – man konnte nie wissen.

    Catherine Howard
    Catherine Parr

    Ihr Lieben, ich glaube, ich habe mich sehr mitreißen lassen, mittlerweile schreibe ich seit über dreieinhalb Stunden und es wird endlich Zeit für das Fazit: über Jahrhunderte schwang in Berichten über Anne Boleyn eine klare Moral für Frauen mit, die da lautete: seid schön, seid still, tut, wie euch befohlen und seid dem Manne untertan und zu Wohlgefallen, ansonsten … !

    Übrigens lässt sich noch ein weiterer Bogen zu Wallis Simpson schlagen: sobald Wallis mit Edward auf den Bahamas festsaß und dort sogar politische Aufgaben mit Nutzen wahrnehmen durfte, beschäftigtete sie sich sehr ausgiebig mit den Biographien zweier Frauen: Marie Antoinette und Anne Boleyn. Und ich wüßte zu gerne, ob ihr auffiel, dass sie selbst und Anne sehr ähnlich von einer frauenunfreundlichen Umgebung wahrgenommen wurden.

    Irgendwie habe ich das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen für diesen sehr langen Text und der nur sehr undeutlich heraus gearbeiteten Botschaft, aber Spaß hat es doch gemacht und ja, ich überlege, mir noch ein oder zwei oder drei Frauen vorzunehmen …

  • Wallis Simpson

    Wallis Simpson

    Ich bin seit langem schon dem Charme der Dreißigerjahre erlegen – natürlich der Mode der Zeit, nicht der Zeit an sich; man kann so etwas nicht oft genug betonen. Diese schmale, gestreckte Silhouette, die dennoch viel Bewegungsfreiheit bietet und die sehr feminine Elemente mit sehr klaren Linien kombiniert, zieht mich an. Im doppelten Sinne.

    Sucht man nach Zeichnungen und Bildern dieser Mode, so stößt man unweigerlich auf Wallis Simpson. Und ist man erst einmal auf sie gestossen, so findet man zudem Hass und Häme, gemeine Gerüchte und übelste Nachrede. Nicht nur von ihren Zeitgenossen, sondern mehr noch von unseren. Und es sind zwei Lager, die sich hervor tun: die männlichen Misogynisten und die weiblichen Neider. Sie erregen sich heute noch an einer Geschichte, die sich vor nun bald 80 Jahren ereignet hat. Hass hält lange an, vor allem, wenn er sich an der Frage der Schönheit entzündet …

    Wallis ist vor allem als Mrs. Simpson bekannt, unter dem Namen ihres zweiten Mannes. Sie wurde 1896 als verarmtes Anhängsel der besseren Gesellschaft in den USA geboren und alleine das macht ihre Geschichte schon zu einem Romanstoff – zumindest für die Frauenrechtlerin in mir.
    Frauen des Bürgertums und des Adels, die noch vor dem ersten Weltkrieg ihre Erziehung erhielten, lernten ganz selbstverständlich, dass ihre Zukunft in der guten Partie, der Heirat mit einem finanziell und sozial gut gestellten Mann liegt, der sie versorgt und dem sie im Gegenzug ihre Rechte an sich selbst abtreten. An eine selbstständige Arbeit war nicht zu denken.
    So erhielt die junge Frau eine Bildung, die sie dazu befähigte, Konversation zu betreiben, ein Haus zu dekorieren, einen Haushalt zu führen und reizvoll und charmant zu sein. Eine Ausbildung, die nur wenige Frauen auf die Zwanzigerjahre vorbereitete – eine Zeit, in der junge Männer knapp waren und diejenigen, die verfügbar waren, oft traumatisiert aus dem Albtraum Krieg zurück kehrten. Auf einmal wurde von Frauen nicht mehr nur Hingabe und Zurückhaltung erwartet, sondern Persönlichkeit.
    Die ideale Frau nun war selbstbewußt, sportlich, finanziell unabhängig und nicht mehr nur auf der Jagd nach einem Versorger. Theoretisch. Praktisch bedeutete das: sich mit schlecht bezahlten Hilfsjobs durchschlagen und doch erst als vollwertig wahr genommen zu werden, wenn man endlich verheiratet war. Im Laufe des Jahrzehntes prägten die neu nachwachsenden Fräulein das Bild: sie planten schon sehr viel selbstverständlicher neue Karrieren abseits des Heiratsmarktes; sie studierten Medizin, schrieben Artikel, gründeten Schulen – sie emanzipierten sich.
    Doch gerade, als so etwas wie eine weibliche Emanzipation vorsichtig Fuß fasste, änderte sich alles wieder: Finanzmärkte brachen zusammen, die Kriegstraumata schürten Ängste und Ressentiments und Europa versank im Faschismus, was für Frauen bedeutete: ab nun seid ihr wieder zweite Wahl, wenn es um Beruf und Öffentlichkeit geht. Dennoch war das Ideal eine Frau, die nun alles bot: Selbstsicherheit und Anschmiegsamkeit, Bildung und Familie, Eleganz und Alltag.

    Für eine Frau, die zum Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde, also ein ganz schön holpriger Weg; mal hü, mal hott. Wallis Simpson meisterte diesen Weg sehr gut und das alleine ist wohl schon verdächtig. Als Schülerin verließ sie nachts oft heimlich ihre Schule, um sich mit jungen Männern zu treffen und das Leben zu entdecken. Früh heiratete sie ihren ersten Mann, einen Piloten, der sich schnell als Trinker und Schläger heraus stellte. Und von dem sie sich, für uns alle verständlich, trennte, obwohl das ihrer Familie nicht gefiel. Nicht so recht wissend, wohin – sie hatte wie die meisten Frauen ihrer Zeit ja keine Ausbildung erhalten, die sie zur Berufsausübung befähigte – gondelte sie durch die Welt, landete bei einem letzten Versuch, ihre Ehe doch noch zu retten, in Asien, wo ihr Mann stationiert war. Das ging nicht lange gut, sie zog zu einer Freundin und deren Mann in Shanghai, was wohl auch nicht lange gut ging – unter Umständen gefiel dem Gatten der Freundin die lebhafte und intelligente Wallis zu gut für den Frieden des Hauses. Was die Gerüchte über Wallis bis zu diesem Punkt ihres Lebens so alles zu sagen wußten, können wir uns alle denken …

    Die Scheidung war durch, wohin nun? Wallis tigerte durch die USA, lernte immer wieder gutsituierte und einflußreiche Männer kennen, aber der Richtige war nicht dabei. Der trat mit Ernest Simpson auf den Plan, einem britisch-amerikanischem Händler, zu dem sie nach London zog. Offenbar der perfekte Mann für sie: gebildet, tolerant, humorvoll, verlässlich. In den letzten Jahren gefundene und veröffentlichte Briefe scheinen zu zeigen: die Liebe ihres Lebens. Oder was eine Frau ihrer Zeit darunter verstand.

    Nun, dieses schöne Leben in der guten Gesellschaft Londons in den Dreißigern – das war ihr wie auf den Leib geschneidert. Sie war bald als gute Gastgeberin bekannt, mit spitzer Zunge, amerikanischer Offenheit und einer Faszination für das Britische. So ergab es sich, dass sie irgendwann dem englischen Thronfolger Edward über den Weg laufen musste, der seine Stellung als zukünftiger König nicht sonderlich schätzte. Ein Mann, der wohl immer wieder unter Magersucht litt, sich zu verheirateten Frauen hingezogen fühlte und nie wirklich erwachsen werden wollte. Seine bisherigen Freundinnen sahen in ihm wohl vor allem dem Prinzen. Wallis eher nicht.
    Es war keine Liebe auf den ersten Blick – ob es bei ihr wirklich Liebe war, ist eine der Fragen, die man sich stellen mag – man lief sich immer öfter über den Weg und wurde vertrauter; Ernest und Wallis wurden oft als Chaperons auf die Wochenendparties eingeladen – es galt, das Dekorum zu wahren, wenn der Prinz mit seiner Freundin ins Wochenende fuhr. Als diese Freundin für längere Zeit verreiste, bat sie Wallis, sich um den „kleinen Mann“, wie sie ihn nannten, zu kümmern. Das tat sie und stellte fest: Edward verliebte sich in sie.

    Welche Frau wäre wohl nicht geschmeichelt gewesen? Der begehrteste Junggeselle der Welt, gutaussehend und amüsant, interessierte sich für sie, offenbarte ihr seine Ambivalenz seiner Stellung gegenüber, erschien als verletzlicher und einsamer Mensch. Und der eigene Ehemann amüsiert sich gar prächtig – seine Frau als „the flavour of the season“. Das brachte einiges an Einladungen, an aufregenden Erlebnissen, an geschäftlichen Vorteilen mit sich und beide, Wallis und Ernest, waren sich wohl ihrer gegenseitigen Zuneigung so sicher, dass sie dieses Spiel weiter laufen ließen. Sie waren sich wohl ZU sicher. Wallis war es durchaus seit Jahren gewöhnt, mit Männern zu flirten, dabei aber ihre eigenen Grenzen zu wahren. Sie sagte von sich selbst, sie sei zwar nicht die Hübscheste, aber das spiele auch nicht die größte Rolle (und da tippe ich endlich mal kurz an den Punkt, an den ich ran will).

    Edward lud sie samt Gatten auf Reisen ein. Der Gatte mochte und konnte nicht, so kam die Tante mit. In königlicher Gesellschaft zu reisen, wenn Geld keine Rolle spielt und das in die mondänsten Orte dieser Jahre – das übersteht man sicherlich nicht so ohne weiteres; das beeindruckte sie sicherlich. Dazu war Edward bedürftig: ihrer ständigen Gegenwart, ihrer ständigen Versicherung ihrer Zuneigung. Hatten sie und Ernest sich noch amüsiert, wenn der Thronfolger drei-, viermal am Tag anrief, ständig auf Besuch kam und bis spät in den Morgen blieb; nahmen sie noch vor diesem Urlaub an, Wallis wäre die momentane Favoritin, in ein paar Wochen wäre es dann eine andere Misses – so musste Wallis nun begreifen: sie war für ihn die wichtigste Person geworden, seine Besessenheit. Sie hatte in ihm wohl das Gefühl geweckt, als Mann, nicht als Prinz interessant zu sein, denn sie neckte ihn, wies ihn zurecht, erwies seiner Stellung nur wenig Respekt. Und sie stellte fest: ihre Gefühle für ihn waren vielleicht doch stärker als gedacht.

    Nun, es schlug bald über ihr zusammen, dieses wackelige Konstrukt ihres Spiels. Der tolerante Ernest wurde es denn doch leid, nur noch die zweite Geige zu spielen, war dabei aber wohl Brite genug, um dem König zu geben, was des Königs ist. Oder was er will zumindest. Denn aus dem Thronfolger war nun der König geworden, kleine Fluchten aus dem Prinzenalltag nicht mehr möglich und die Erwartungen an ihn und an eine standesgemäße Heirat höher als zuvor. Ernest bot – nicht ganz uneigennützig, denn er hatte sich in Wallis Freundin Mary verliebt – dem König seine Scheidung an. Wallis wurde da nicht gefragt. Und sie war nicht begeistert. Wahrscheinlich sah sie schon sehr klar, was wohl jede halbwegs kluge Frau sofort voraussehen würde: die Reaktion fremder Menschen auf sie selbst, die zweifach geschiedene, die sich einen König angeln will. Und sie sah, wie ein Leben mit Edward, dem ewigen Jungen, dem sie mit Selbstmord erpressenden, unsicheren Mann wohl aussehen könne. Die Liebesbriefe, die sie Ernest nach der Scheidung schrieb, zeigen das sehr deutlich. Sie versucht noch einmal, sich von Edward zu trennen, bittet ihn eindringlich, seinen Thron nicht aufzugeben – denn sehr bald schon war klar, er würde nicht beides haben dürfen: Wallis und die Krone.

    Hat er seine Stellung nun aufgegeben, weil eine durchtriebene Frau ihn dazu gezwungen hat? Oder hat er nicht einen Ausweg aus seinem Dilemma gefunden, dass ihm all das gab, was er wollte? Aus meiner Sicht hat Edward es besser getroffen: die Welt sah ihn als den etwas närrischen Mann, der geblendet von einer ehrgeizigen Hexe aufgab, wovon andere träumten, um ab da wie ein trauriger Pudel hinter ihr herzutrotten. Das ist noch die freundlichste Variante dessen, was man lesen kann … Aber nun war er frei von den Aufgaben, die ihm verhasst waren und hatte die Frau an seiner Seite, die er haben wollte.

    Jetzt endlich kann ich zu dem kommen, was mich beschäftigt: Wallis Simpson als Schönheit. Denn an nichts anderem entzünden sich Hass und Häme so sehr, wie an diesem Punkt. Wir können uns das drehen und wenden, wie wir wollen: Frauen, die in die Öffentlichkeit rücken (oder gerückt werden), werden sich wohl immer, immer daran messen lassen müssen, egal wie begabt sie sein mögen.

    Ich habe mich vor zwei oder drei Jahren schon einmal intensiv mit ihr befasst und bin nun wieder in ihrem Bannkreis. Wieder über die Schiene „Mode der Dreißiger“. Ich suchte also hier und ich suchte also da und überall tauchte Wallis Simpson auf. Als ich dann den schlichten 30er-Rock konstruierte, stelle ich den Fernseher an und fand eine Doku über Wallis Simpsons geheime Briefe. Eine dieser unsäglichen amerikanischen Dokus, bei denen man in vierzig Minuten die immer wieder gleichen Bilder sieht und einem wieder und wieder das Gleiche gesagt wird, bis man aufspringen möchte und dem Sprecher zubrüllen mag, man habe es schon beim ersten Male gehört UND verstanden. Aber, weil ja doch zwischen allem immer mal etwas Neues zu hören ist, das man dann anständig nach recherchieren könnte, hält man durch. Also ich zumindest. Vor allem, wenn man zeitgleich mit etwas passendem beschäftigt ist.

    Und dann regte es sich in mir und ich mich auf. Da saß – und jetzt arbeite ich mich auch einmal am Äußeren gründlich ab – ein dicker, glatzköpfiger, rotgesichtiger Mann mit Knollennase und Eiflecken auf der Krawatte vor der Kamera, der wohl als ganz junger Mann im Dunstkreis des Prinzen mitschwimmen durfte und erklärte immer wieder, dass Wallis Simpson ja eine äußerst unschöne Person gewesen sei, die als Frau ja kaum zu erkennen sei, er selbst stünde ja auf (dreckig lachend, aber hahaha, wir sind ja Männer von Welt) mehr so auf Rundungen und zeigte auch gleich mit beiden Händen, welche er so meine. Ne, die sei nicht hübsch gewesen, die sähe aus wie ein Brett, fast wie ein Kerl und die raue Stimme. Also, er könne nicht verstehen, was der Edward da gesehen habe. Ne, wirklich nicht. Und er sei ja jung gewesen und eigentlich hätte es gar nicht viel gebraucht, damit er eine Frau schön fände, hahahaha, aber ne, die alte Schabracke, da habe sich bei ihm ja gar nichts geregt, hahaha. Und auch, wenn er sich Bilder anschaue, auf denen sie jung gewesen sei – also ne, wirklich gar nicht.
    Und genau so lautet der Tenor noch heute, liest man sich Kommentare durch. Bis heute wird ja gerne über Wallis und Edward berichtet, nicht zuletzt, nachdem Madonna einen Film über beide drehte (der übrigens für 30er-Nähfreundinnen eine wahre Inspiration ist!).

    „Bah, alt, häßlich, dünn, keine echte Frau, bestimmt ein Kerl, Hexe, der muss ja total blind gewesen sein, absolutely unfuckable, igitt, pfui, weg damit!“ – Das ist jetzt mal die zensierte Kurzfassung. Der Großteil der Kommentatoren sind Männer, aber auch einige Frauen mischen da sehr gerne mit – da kommt dann noch ein latentes „Gegen mich hätte die keine Chance gehabt!“ dazu. Schön, nicht wahr? Wie heftig das mancherorts nach 80 Jahren noch hochkochen kann, zeigt mir vor allem, wie sehr wir auch heute noch so denken. Weil: eine Frau kann ja nur dann interessant und attraktiv sein, wenn sie schön ist …

    Wie hat sie es nun also geschafft? Der gleiche Widerling, der uns gerade eben sehr deutlich erklärt hat, dass sie sein Typ ja nicht gewesen sei, erklärt das. Ohne es selbst zu begreifen, er fragt sich bis heute, so er noch lebt, was seinen Prinzen dazu brachte, ihr so hörig zu sein – ihm fielen da nur Tricks in der Horizontalen ein. Und doch ist er in der Lage zu erzähen, dass, wäre man bei beiden eingeladen gewesen sei, es das größte Glück war, wenn man neben Wallis und nicht neben Edward zu sitzen gekommen sei. Er, Edward, habe ja kein Talent für Konversation gehabt, hätte auch nichts zu erzählen gehabt, während Wallis – ja, also da, da habe man immer Spaß gehabt. Sie sei sehr lebhaft gewesen, habe einem das Gefühl vermittelt, selbst witzig zu sein, sehr charmant habe sie sein können und sei in der Lage gewesen, aus allem noch das Beste zu machen, doch, ja, mit der habe man immer tolle Abende verbringen können …

    Ja, nun, da fragen wir uns doch alle: wie zum Teufel schafft es also eine kluge, sprachgewandte Frau, die ihrer Umgebung eine gute Zeit verschaffen kann, bei der sich alle bedeutsam vorkommen dürfen – wie also schafft es solch eine Frau, einen König zu angeln? Lasst uns mal grübeln …

    Holla, es hat mich viel weiter getrieben als gedacht, aber noch habe ich das Wichtigste nicht von der Seele – nämlich den Bogen zum gestrigen Beitrag: der Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität. Ich persönlich habe festgestellt, dass ich das Wort „schön“ in der Tat oft nutze und das meist in seiner Bedeutung als „attraktiv, anziehend“, selten als schön-schön. Und so kann ich sagen: ich finde Wallis schön. Konkret: ich empfinde sie als hochattraktiv, weil sie alles richtig macht.

    Wallis ist keine klassisch schöne Frau gewesen: ihre Figur ist eher athletisch-androgyn, ihr Gesicht sechseckig, ihre Züge ausgeprägt. Aber sie hat sich schon früh als das gesehen und genommen, was sie ist und hat nie versucht, sich in eine andere zu verwandeln. Was mich an vielen Stilratgebern so stört: relativ unverhüllt werden Sanduhrfigur und ovales Gesicht als Vorbild genommen, in das wir uns mit Kleidung, Make up und Frisur zu verwandeln haben – das sorgt nicht unbedingt für ein Liebgewinnen der eigenen zu breiten Hüften oder des eckigen Gesichtes. Nun beginnt für mich Attraktivität ja da, wo eine Person authentisch ist. Natürlich muss man sich nicht so kleiden, dass der angebliche Mangel betont wird, aber alles, was man hat, so gut wie möglich zu verdecken, das kann und darf doch nicht die Lösung sein. Und da ist Wallis Simpson das perfekte Vorbild und das ist womöglich auch der Grund, weshalb sie Modeschaffende bis heute beeinflusst: sie ist sich selbst treu geblieben.

    Sie zeigt ihr kantiges Gesicht, in dem sie die Haare nach hinten frisiert und nicht, wie es Ratgeber der Zeit empfahlen, es hierhin und dorthin zu ziehen.
    Sie betonte ihre dramatischen Gesichtszüge mit kräftigem Lippenrot und versuchte nicht, sich weicher und zarter zu malen.
    Sie hatte wenig Busen und schmale Hüften – aber bauschige Oberteile und ausladende Röcke sah man selten an ihr; sie betonte ihre schlanke Linie, anstatt sie zu verstecken.
    Sie war ehrlich zu sich und mochte sich und zeigte das. Und wir sehen eine Frau, die kein Modepüppchen ist, die nicht austauschbar ist, sondern besonders, einzigartig, wiedererkennbar. Für mich in all diesen Dingen ein Vorbild.

    Nun bliebe noch so manches zu ihren politischen Ansichten zu sagen, soweit wir davon wissen – gut sieht es da nicht aus. Aber das führt mich zu sehr von meinem eigentlichen Thema fort, wie nämlich Frauen es niemals richtig machen können in den Augen der Gesellschaft.

    Zuletzt darf daher Wallis Simpson über sich sprechen und das ganz im Spiegel ihrer Zeit:

    “My husband gave up everything for me.… I’’m not a beautiful woman. I’’m nothing to look at, so the only thing I can do is dress better than anyone else.”

    “If everyone looks at me when I enter a room, my husband can feel proud of me. That’s my chief responsibility.”

    “You have no idea how hard it is to live out a great romance.”

    “Never explain, never complain.”

  • Zwei Jahre nun

    Morgen vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben – 26 Tage, nachdem ich frühmorgens von seinem Arzt erfuhr, wie es um ihn steht. 26 Tage waren sehr wenig Zeit, um überhaupt zu verstehen, was passiert. Noch viel weniger Zeit ist es, wenn zwei Tage nach dieser Botschaft dein Vater dich bittet, einen Platz zum Sterben für ihn zu suchen, während du am Tage zuvor noch zaghaft so etwas wie eine Hoffnung aufkeimen ließt. Vier Tage vergingen im Kampf mit einer bornierten und wenig empathischen Jungärztin; vier weitere bis zur Verlegung in das Krankenhaus in unserer Nähe und noch einmal drei Tage bis zu seiner Verlegung in die Palliativstation. Eine gute Woche lang, bis zu Tommys Einschulung, war mein Vater noch gut ansprechbar und gesprächsbereit, aber seine körperlichen Möglichkeiten nahmen fast stündlich ab. Nachdem er Tommy nachmittags noch zu seinem neuen Status gratulierte, ging es immer schneller zu Ende. Schneller als ich oder wir alle gedanklich hinterher kommen konnten. Es erschien mir während des Tuns normal und selbstverständlich und doch seltsam irreal, dass ich meinem Vater Beine und Gesicht massierte, ihn mit Eis fütterte; wirklich an mich herangelassen habe ich die Situation wohl nur selten – meist, wenn ich einmal alleine war und dann weinend zusammen brach.

    Das Irreale ist bis heute geblieben: es scheint, als sei all das in einer anderen Dimension geschehen, einer, die mit meinem Leben gar nichts zu tun hat. Das Gefühl wird von unserer Welt, wie sie so langsam an allen Ecken zusammen zu brechen scheint und in Unmenschlichkeit und Perversion untergeht, wahrscheinlich gefördert. Das sind so die Gedanken, die in schlaflosen Nächten der letzten Monate über mich hinwegschwemmen, halbgeträumt, halbgefürchtet, nie ganz da und doch leider nie ganz weg.

    Aber was hat sich nach zwei Jahren verändert? Die Taubheit der ersten Monate, die Depression im ersten Halbjahr sind lange vorbei und machten dann Platz für Trauer und Wut und Ärger und immer noch Verständnislosigkeit, mit einem immer noch den Geschehnissen weit hinterher hinkenden Verstand. Dann war das erste Jahr herum und alles war schon einmal erlebt worden: die ersten Geburstage, das erste Weihnachten und Silvester, der erste Frühlingstag ohne Papa. Und all diese Tage kamen zum zweiten Mal zurück ohne ihn. Wie unfassbar mir das dann vorkam: wirklich schon das zweite Mal? Und die Trauer schien gar nicht geringer zu werden. Bis sie nicht mehr in jeder Minute des Tages unter allem, über allem lag.

    Mit ihrem (scheinbaren) Verschwinden kam das schlechte Gewissen, ein vages Schuldgefühl. Meist saß ich im Auto und unerwartet fiel mir mein Vater ein, das Füttern, das Zimmer. Immer noch murmelte die kleine Stimme, dass das alles gar nicht geschehen sein könne, das sei nur eine traurige Geschichte, die sich eine Schauspielerin zurecht gelegt hatte, um am Set auf Kommando weinen zu können. Und sofort fragte die weniger kleine Stimme, ob ich denn wohl am Ende gar nicht mehr traurig sei, ob ich nicht ein schlechter Mensch sei, dass ich tagelang nicht an meinen Vater gedachte habe? All das in einer Viertelsekunde …

    Und immer, immer über Monate hinweg schlug es dann über mir zusammen: doch, es geht dir noch genauso dreckig, du willst nur einfach nicht ständig und immer und überall flennen und heulen und weinen. Du kannst es einfach nicht mehr ertragen, traurig und elend zu sein, diese immer gleichen Bilder vor Augen und die immer gleiche Fragen, ob ich irgendetwas anders hätte machen sollen oder müssen.
    Von da an begann ich immerhin, die Realität ganz und gar zu akzeptieren und nun, seit etwa drei Monaten, geht es mir besser. Ich nehme mir die Zeit, traurig zu sein, zu weinen und mich dem Geschehenen zu stellen, aber es ist nicht mehr der Gedanke, der immer über allem und unter allem liegt.

  • Unerträglich

    Es wird persönlich und da möchte ich – ausnahmsweise – darum bitten, dass all diejenigen, die damit nicht umgehen können oder wollen, einfach diesen Post überspringen; irgendwann heute möchte ich gerne mal wieder etwas Fertiges zeigen und dann ist alles wieder fein. Also zumindest in dem Post dann …

    In acht Tagen wird es neun Monate her sein, dass mein Papa abends gegen 18.00 Uhr aufhörte zu sein. Zu dem Zeitpunkt war es nicht mehr unerwartet, im Grunde hatten wir – seine Familie – es ihm seit Tagen gewünscht. Aber wenn es geschieht … es ist nicht Erleichterung, die man dann verspürt. Und ich habe sie bis heute nicht gefühlt. Natürlich wollte ich nicht sein Leiden verlängern, aber ich kann es noch immer nicht fassen, es nicht ertragen, dass es so kam. Dass er so krank wurde. Dass es so hoffnungslos war. Dass es so schnell ging, so unfassbar schnell.

    Ich weiß, nun wird bestimmt jemand denken, ich müsse ja so langsam mal darüber hingweg sein und dass es gar nicht fein ist, dass ich das so ausbreite. Wer das denkt, bitte: einfach weiter gehen. Denn ich brauche das. Das Geschehen in Worte fassen, sie aufschreiben und wegschicken: ins Nirgendwo und zu ein paar Freunden. Oder zu Menschen, die Freunde sein könnten, weil sie Gleiches erlebt haben und es immer noch in ihnen wühlt. Oder weil sie wissen, man wird um die Erfahrung nicht herum kommen, einen Menschen zu verlieren.

    Manchmal, wenn ich eine Autobiographie lese, einen Erfahrungsbericht, einen Artikel, was auch immer – wann immer ich etwas lese, in dem es um einschneidende Erfahrungen geht und der Erzählende sagt, diesen oder jenen Namen oder das Datum oder einen anderen Fakt werde er nie vergessen – dann wundere ich mich. Ich weiß nicht mehr, wie die Ärztin heißt, die ich ungespitzt in den Boden hätte rammen können, wenn es nur etwas genützt hätte. Auch nicht, wie die wunderbaren Pfleger und Schwestern und Ärtze hießen, die zuletzt für ihn da waren. Nur mit Mühe bekomme ich die Daten zusammen, außer dreien:

    Am 18. Juli fuhr mein Vater zum letzten Mal selbstständig mit seinem Auto und das unter größeren Schmerzen, als wir ahnten und er wohl wahrhaben wollte. Am nächsten Tag ging er nach meiner Standpauke das erste Mal ins Krankenhaus, was ihn sehr große Überwindung kostete. Seit Wochen, Monaten war er bei einem Arzt in Behandlung, der die Schmerzen und den wachsenden Höcker in seiner Brust wohl als Alterserscheinung, als eine Mischung aus Verschleiß und Einbildung abtat. Alte Menschen gehen ja schließlich ständig zum Arzt, nur weil ihnen langweilig ist. Erst recht, wenn sie eine Vorgeschichte wie mein Vater haben: Tumor hinter dem Auge, OP, Auge erblindet, jährliche Kontrolluntersuchungen seit Mitte der 90er. Dann ein bösartiger Tumor in der Schilddrüse, OP, halbjährliche Kontrolluntersuchungen in der Röhre, die mein Vater nicht ertragen konnte. Nichts, was eine Rolle gespielt hätte – Elektrotherapie war der Weisheit letzter Schluß. An den Armen, da strahlt halt was aus. Eine Röntgenaufnahme, nachdem es ja nicht besser, sondern schlimmer und schlimmer wurde – hätte sie vielleicht noch etwas ändern können? Wir wissen es nicht und wollen es vielleicht auch nicht wissen.

    Danach habe ich eine Lücke – ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß, wir waren manchmal gereizt und genervt, mein Vater konnte sich ranhalten mit dem Thema. Ständig forderte er uns auf, diesen Knubbel zu spüren – der Arzt meinte nun, es sei eine Verwachsung, die sehr oft bei jungen Frauen vorkommt. Mein Vater fand das nach außen hin manchmal spaßig, beschäftigte sich sehr mit der Diagnose, wußte bald alles darüber. Und vielleicht auch, dass es das nicht sein konnte. Aber ist man nicht froh, wenn die schlimmsten Ängste nicht bestätigt werden?

    Wir konnten ihn überreden, doch noch einmal zu einem anderen Arzt zu gehen. Dem gefiel nicht, was er sah, mochte auch die Blutwerte nicht, aber wußte auch nicht so recht weiter. Schickte ihn durch ganz Bonn für Untersuchungen, sammelte Daten und Ergebnisse und wollte ihn am liebsten einweisen lassen. Die Arme meines Vaters schmerzten immer mehr, er konnte kaum noch etwas halten. Es stand das erste Mal die vage Möglichkeit im Raum, es könne wieder ein Krebs sein. Aber auch das machte noch keine zu große Angst: zweimal hatte mein Vater das überstanden und beide Krebsarten waren nicht zurück gekehrt. Hauptsache, man weiß endlich, was los ist. Aber was davon wann und wie stattfand, ich weiß es nicht mehr.

    Die Sommerferien begannen in der 2. Juliwoche und die Jungs hatten eine Woche lang von morgens bis abends Tennis und ich weiß, dass ich beim Abholen mit einer anderen Mutter kurz ins Gespräch kam und sagte, es könne sein, dass mein Vater schwer erkrankt sei und dass mir das Angst mache. Oder war es später als in der ersten Ferienwoche? Es ist einfach weg, vernebelt und diffus.

    Am 18. Juli hatte unser Jüngster seinen 6. Geburtstag und wie immer verlangte er sein Geburtstagsessen auf dem Chinesischen Schiff, das hatte fast schon Tradition. Natürlich mit Oma und Opa. Wir hatten schon überlegt, wie wir es anstellen würden, damit beide auch würden da sein können. Ich weiß nicht mehr, ob ich schon wußte, was war. Warum ist das weg? Anderes danach war schlimmer und ist noch klar … mein Vater wollte nicht von uns gefahren werden, er fuhr selbst. Und er sah gut aus. Mein Papa legte immer großen Wert auf Kleidung, liebte Borsalinos und Bally-Schuhe. Die er sich immer mal wieder leistete von schwer verdientem Geld. Und obwohl meine Mutter seinen Schnäuzer nie mochte, trennte er sich davon nicht – als ich klein war, war ich fest davon überzeugt: Echte Männer haben Schnäuzer und dunkle Haare.

    An Tommys Geburtstag saßen wir das letzte Mal alles zusammen an einem Tisch. Kuchen bei uns wollte er nicht mehr, er wollte nach Hause, vollkommen erschöpft. Als meine Mutter am nächsten Tag in der Stadt unterwegs war, um ihrem älteren Enkel auch eine Uhr zu kaufen, rief ich meinen Vater an – er solle doch bittebitte sich wie vom Arzt gewünscht in die Klinik einweisen lassen – man könne dort viel besser für ihn sorgen, es sei doch zu anstrengdend, für jede Untersuchung unnötige Wege auf sich zu nehmen. Er wollte nicht, für ihn ist es unerträglich, mit anderen Menschen so eng zu schlafen, sich ein Bad teilen zu müssen. Ich fühlte mich gräßlich, als ich ihn dennoch dazu überreden wollte. Er wurde wütend und knallte den Hörer auf. Eine Stunde später rief meine Mutter an, mein Vater habe sich entschieden, doch ins Krankenhaus zu gehen, sie warte nur noch auf die Überweisung vom Arzt. Von einem Taxi wollte ich nichts hören, ich fuhr hin und brachte beide hin – die Klinik liegt nur den Hügel hoch am Ende unserer Straße, mitten im Wald. Die Aufnahme habe ich mit meiner Mutter erledigt und bin dann nach Hause. Es war ein Donnerstag, das weiß ich. Am nächsten Tag erfuhr zumindest ich noch immer nicht, was denn los wäre – man kümmerte sich erst einmal um die Arme und sprach davon, dass man die Ursache später herausfinden würde. Der rechte Unterarmknochen war nahezu komplett ausgehöhlt, was mit dem linken war – ich weiß es nicht mehr. Sollte er später folgen, reichte eine andere Behandlung – es ist weg. Am Montag sollte mein Vater operiert werden: der Knochen sollte wieder aufgefüllt werden.

    Am Samstag davor kamen die Lindauer: die Schwester meines Vaters mit ihren Töchtern und einem Schwiegersohn. Eine Überraschung, die mich verwirrte – wie ernst ist es denn? Mein Vater fühlte wohl das Gleiche, denn als sie so unvermutet mit uns zusammen ins Zimmer traten, musste er nach dem ersten Erstaunen lachen und er fragte, ob es denn jetzt gleich mit ihm zu Ende ginge, da sie alle hier herum stünden? Das war das erste Mal, dass mir kalt wurde, dass ich hoffte, ich würde über dieses Erschauern ein halbes Jahr später lachen. Ich tat es nicht.

    Die Operation verlief gut, man vermutete einen Krebs, aber alles schien immer noch in Ordnung zu sein, irgendwie. Man wußte nichts genaues und hektische Eile war auch nicht fest zu stellen. Auch mein Papa machte keinen trübsinnigen Eindruck, eher einen tyrannischen meiner Mutter gegenüber. Ständig hatte sie was zu besorgen, ständig rief er sie an, wenn sie nicht bei ihm war und orderte dieses und jenes, war ungeduldig und manchmal ranzig wie er es sonst auch konnte.

    Nach einer Woche wurde er entlassen und hatte nun einen Termin bei seinem Onkologen, der ihn auch zuvor begleitet hatte. Knochenkrebs, das war es nun also, aber wie weit, wie schlimm, wie aggressiv? Mein Vater bekam Chemotherapien, Bestrahlungen sollten dazu kommen. Die nur am anderen Ende der Stadt durchgeführt werden konnte – Bonn mag ja als klein gelten, aber von unserem Ende bis zur gegenüberliegenden Seite – das war keine Spazierfahrt. Allein die Vorbesprechungen schlauchten ihn, wie er nach den eigentlichen Bestrahlungen dann sich fühlen würde, das mochten wir uns gar nicht vorstellen. Zu zwei Chemositzungen fuhr ich ihn und dann kam ein zweiter Augenblick, der mir eingebrannt ist: Mein Vater stieg mit Mühe vom Beifahrersitz und musste von dort aus eine kurze Treppe zum Haus des Arztes gehen. Er blieb am Treppenrand stehen, hielt sich am Geländer fest und sammelte Kraft – mich nahm er gar nicht mehr wahr in dem Moment und ich konnte nicht losfahren, ohne sicher zu sein, er kommt unten an – mitkommen sollte ich ja nicht. Da stand er, die Hand auf dem Geländer mir seitlich zugewandt, aber den Blick nach oben auf ein paar Vögel gerichtet. Gute Schuhe, Sommerhose mit Bügelfalte, Leinenblazer, Hut – für einen Moment kam er mir wie ein feiner, fremder und älterer Herr vor. Ich ermaß, wie schwer ihm der Krankenhausaufenthalt gefallen sein musste, wieviel Leid und Angst da war und wie sehr er das nicht wahrhaben wollte und konnte. Als ich zu Hause war, habe ich das erste Mal aus Angst geweint.

    Nach den Sitzungen kam er kaum noch hoch, konnte zu Hause kaum noch etwas tun und meine Mutter konnte das nicht schaffen: ihn stützen und bei Laune halten. Ich fand, dass, auch wenn heutzutage wohl alles ambulant gemacht werden kann, das nicht ideal für meine Eltern war. Und nach einem Gespräch mit einer Freundin, die mit dem Arzt meines Vaters befreundet war, rief ich diesen an. Am 2. August kurz vor 8:00 Uhr morgens. Mein Vater sollte in zwei Stunden erneut in das weit entfernte Krankenhaus fahren und meine Mutter war nervös, wie es ihm wohl gehen würde danach. Und ich bat den Arzt, ob es denn nicht doch möglich wäre, in wieder einzuweisen, er könne das doch nicht schaffen… er unterbrach mich und meinte, es sei gut, dass ich mich melde, offenbar hätten meine Eltern in all der Sorge und Angst nicht mitbekommen, dass mein Vater heute nicht zu einem Gespräch, sondern zu einem dreiwöchigen Aufenthalt in die Klinik ging. Und dann sagte er mir, das sei die einzige Chance meines Vaters, es sei sehr spät, die Krankheit sehr weit vorgedrungen und wenn er das nicht mache, dann könne jederzeit alles passieren …
    Ich habe meine Eltern angerufen, ihnen erklärt, was nun geschieht, dass ich sie abholen würde und habe aufgelegt. Und eine Stunde lang geweint, geschluchzt, geschrieen und mit der Fassung gerungen. Das erste, was mir auffiel: mein Vater hatte sich den Schnäuzer abrasiert – meine Mutter hattes es in der Aufregung nicht einmal bemerkt. Wieder so ein Moment, der mir Angst machte. Als wir ankamen, blieb mein Vater im geparkten Wagen sitzen, erschöpft und in sich gesunken, während meine Mutter einen Rollstuhl besorgte und ich die Aufnahme erledigte – solange ich etwas zu tun hatte, war ich gut. Ich war zuversichtlich, etwas ungeduldig und nahm alles in die Hand. Ewig lange saßen wir im Flur, weil das Zimmer noch nicht frei war. Der Einstieg war nicht gut – mein Vater war so unendlich weit weg und ich weiß noch, wie ich dachte: jedem Fremden, der so vor dir säße, hättest du schon längst einmal die Hand gestreichelt. Aber bei meinem Vater ging das nicht – es ist wohl die Generation meines Vaters und meine, die mit derlei Selbstverständlichkeiten eben nicht selbstverständlich umgeht.
    Nach Stunden endlich war mein Vater in seinem Bett und wollte nur noch Ruhe. Ich bin mit meiner Mutter noch etwas in Godesberg essen gegangen und alles war so seltsam unwirklich. Am nächsten Morgen sind wir wieder hin und wollten meinen Vater etwas aufmuntern und wir waren froh, als er sagte, ja, er habe Appetit auf Eis, das Wetter sei so schön, wir könnten ja ins Klinikcafé hinunter. Als wir später nach Hause fuhren, waren meine Mutter und ich geradezu euphorisch: Gut sah er aus, gelacht hatte er, er ist kampfbereit – nicht heilbar bedeutet nicht gleich den Tod. Ich fühlte eine Last abfallen. Am nächsten Morgen sehr früh rief ich meinen Papa an, wollte wissen, wie er die Nacht verbracht habe. Es ginge ihm nicht gut, er wolle nicht mehr und er wolle auch nicht am nächsten Morgen wieder durch ganz Bonn gekarrt werden, nur um in die Röhre zu kommen. Die könne er nicht mehr ertragen und es sei auch egal, wo der Krebs herkomme. Er will nicht durch all das. Ich, seine Tochter, solle das verhindern und ihm einen Platz zum Sterben besorgen. Ich blieb ruhig und versprach es ihm. Es kam mir gar nicht in den Sinn, ihm das ausreden zu wollen. Und frage mich immer wieder: hätte ich das tun sollen? Hätte ihn das retten können? Wollte er etwas Aufmunterndes hören? Ich weiß es nicht.

    Ich bin mit Steve hingefahren, die Kinder blieben bei Oma, und es war nicht leicht, an diesem Sonntag klar zu machen: er will nicht mehr. Man strich den Transport, mehr konnten wir nicht tun. Mein Vater war relativ entspannt, aber fühlte sich unwohl: er bekam Morphiumpflaster, die – wie mir der Arzt der Palliativstation ein paar Tage später erklärte – langsamer wirken, schlechter dosiert werden können und sich schlecht abbauen. Und für Angstzustände und Panikattacken sorgen. Am Montagmorgen, bevor ich wieder hinfuhr, telefonierte ich mit meinem Vater, er war aufgelöst, hatte Schmerzen und ihm war unerträglich heiß. Und litt unter einem Alptraum, in dem er nach Hause wollte und uns nicht mehr finden konnte. Wenn ich ihn bat, doch zu klingeln und zu sagen, er habe Schmerzen, dann weigerte er sich – ihm war das nicht nur unangenehm, es war zu anstrengend geworden. Als wir ankamen und mit der Stationsärztin sprachen, schien ich in einem schlechten Film gefangen: ich erklärte ihr, wie schlecht es meinen Vater ginge, dass er unter der Hitze leide, doppelt, weil ihm das Schwitzen peinlich ist, dass er einfach nicht sagen könne, er bräuchte dies oder das – ob sie bitte die Schmerzmittel höher einstellen könne und etwas zum Kühlen für ihn hätte.
    „Gut, dass Sie mir das sagen, dann wissen wir BEscheid. Ihr Vater muss nur was sagen, dann machen wir das.“
    „Mein Vater wird Ihnen das nicht sagen, er ruft mich an.“
    „Ja, das müssen wir wissen, gut, dass Sie mit mir sprechen. Wenn ihr Vater mehr möchte, dann kann er das haben – er muss mir nur Bescheid geben.“
    „Er wird das nicht tun, er kann das nicht, das liegt nicht in seiner Natur und das wird sich nun nicht mehr ändern. Er leidet, können Sie bitte etwas tun??“
    „Ja, wenn er etwas sagt.“
    „Ich unterschreibe Ihnen, was immer Sie wollen, können Sie bitte etwas tun?“
    So ging das immer und immer weiter. Auch die Kühlung war ein Problem, denn er habe ein wenig Fieber, aber das sei im Griff, die Hitze sei nur subjektiv. Natürlich ist sie subjektiv, aber das ist doch egal, haben Sie etwas zum Kühlen? Dauerte auch eine halbe Stunde, bevor sie mir widerstrebend ein Kühlelement aushändigen ließ.
    Der Kampf, meinen Vater von dort zur Palliativstation in unserem Krankenhaus überweisen zu lassen, war noch schlimmer. Aber ich merke nun, dass es sehr spät geworden ist, meine Tränen reichlich flossen und ich beim Gedanken an diese Ärztin in Wut gerate. Und dass ich mich dadurch wieder etwas besser fühle und mir das weitere Erleben für eine weiter Nacht aufspare, in der ich es nicht fassen kann, dass man weiter lacht und liebt und streit, sich freut und sich ärgert und dass dabei doch immer die kleine Stimme sagt: „Da war doch noch was … ?“. Es ist immer da, es ist immer unerträglich, tut weh und schmerzt. Aufschreiben hilft. Und den Mut zu fassen, von diesen Dingen zu berichten, hilft auch. Man steht es durch, denn so war es immer schon und wird auch immer so bleiben.

  • Der 24.12.

    Ganz dummer Tag, sehr zwiespältige Gefühle.
    Heiligabend war in unserer Familie immer in zwei Abschnitte unterteilt: Vormittags war Papas Geburtstag, ab nachmittags dann Weihnachten. Nun, ohne meinen Vater, finde ich es schwierig, so etwas wie Weihnachtsstimmung zu empfinden. Jetzt, in diesem Augenblick, läuft „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im Hintergrund und sorgt für kindliches Wohlgefühl – bei mir, irgendwie, zumindest oberflächlich. Zwischen mir und dem Fernseher schmücken die drei Männer des Hauses den Weihnachtsbaum, während ich – offenbar – hier sitze und blogge. Bzw. zugeschnitten habe und gleich wahrhaftig ein wenig nähen werde.
    Und irgendwie ist es so genau das, was angemessen ist, denn mein Vater war von meinem Hobby, dem Nähen, sehr angetan. Aufgewachsen als Sohn einer Näherin, mit einer Schwester, die sich zur Herrenschneiderin ausbilden ließ, hatte er ein gewißes Faible, eine Neigung zu meinem Hobby. Wann immer er hier war und etwas auf der Schneiderpuppe hing, musste er hin, fühlen, drehen und loben.

    In gut drei Stunden werde ich mich dann schön machen und das Essen für heute abend vorbereiten – mit zwei Söhnen, die sich als hilfreich und engelsgleich erweisen wollen. Bis dahin möchte ich das Rockteil genäht haben. In schlichtem Grau, wie passend. Irgendwie.

  • Vorbei

    Mein Vater ist soeben verstorben, meine Mutter rief mich an. Muss noch auf Lenny warten, der von einer sehr lieben Freundin vom Training abgeholt wird, weil unser Auto den Geist aufgegeben hat. Gleich werde ich noch einmal ins Krankenhaus gehen. Ich schwanke zwischen Weinen und Taubheit.
    Der Verstand sagt: „Gut, das hat er sich herbeigewünscht.“ Bauch, Herz und alles andere sagen gar nichts.

  • Nicht vor, nicht zurück

    Mein Vater liegt im Sterben, das ist nun seit Wochen so und jeden Tag wird er weniger und weniger; es ist kaum zu ertragen. Es tut mir leid, wenn das für manche, die hier gern hinein geschaut haben, unschön zu lesen ist, aber es muss raus. Genauso, wie es raus muss, dass ich ganz, ganz vielen von euch und natürlich all meinen nicht-virtuellen Freundinnen danken muss:

    Ich habe hilfreiche Kommentare hier und auf FB erhalten, habe Mails von Bekannten und Unbekannten erhalten, die sehr persönlich, offen und tröstend waren, habe Post und Päckchen im Briefkasten gefunden, die mich sehr glücklich machten. Ich habe das empfohlene Buch, die empfohlenen Worte gelesen und gesagt und bin sehr dankbar für diese Ratschläge. Mein Gefühl hat mich nicht getäuscht, wer „da“ ist und wer nicht – ohne, dass ich letzteres werte; es ist ja oft unmöglich, das Richtige zu sagen. Auch, dass ich es so viel öffentlicher mache, als ich es mir jemals hätte vorstellen können, hilft – es therapiert mich wohl, das Unsagbare in Worte zu fassen. Und was für tolle Freundinnen ich habe, mehr geht einfach nicht.

    Die nächsten Tage/Wochen werden noch härter werden, weil der Gatte ständig unterwegs sein muss – Steve hat mir in den letzten Tagen so viel Kraft gegeben, wie er es sich selbst wohl kaum denken kann. Es muss auch ohne gehen. Für uns alle hoffe ich, dass es bald vorbei ist und wie schrecklich ist es, so etwas zu schreiben?

    Weil meine Freundinnen hier in Bonn meinen Blog nicht wirklich lesen, danke ich hiermit vor allem den Frauen, die ich – manchmal schon seit Jahren, manchmal seit Wochen – kenne, die ich getroffen oder nicht getroffen habe, die gleiches erlebt haben oder vor sich haben mögen, die ganz jung oder schön reif sind, die aber alle eines gemein haben: Wärme, Freundschaft, Intelligenz und Herzensgüte. Ihr seid mir nun noch wichtiger als zuvor. Namen muss ich nicht nennen, es geht ja nicht um einen albernen Blogaward – jede, die sich angesprochen fühlt, ist auch gemeint. Nur eine sein namentlich erwähnt, die meinen Blog noch gar nicht kennt: Danke auch dir, liebe Özden. Wir kennen uns nur wenige Wochen über den Schwimmkurs unserer Söhne und ihr Lächeln zog mich zu ihr. Und sofort war sie da. Ich freue mich sehr, wenn ihr nächstes Jahr wieder kommt!

  • Papa

    Im Augenblick warten wir darauf, dass mein Vater in das Krankenhaus in unserer Nähe zurück verlegt wird, aber wann das der Fall sein wird, wissen wir nicht. Ich kann nicht so recht etwas mit mir anfangen und habe die CD mit den alten Dias eingelegt und durch gesehen. Hilft, irgendwie.

  • Weiter …

    … geht im Augenblick gar nichts so recht. Seit Anfang der Woche ist mein Vater wieder in „unserem“ Krankenhaus und seit vorgestern auf der Palliativstation, wo er neu eingestellt wird, so dass die Schmerzen so gering wie möglich sind, ohne dass er nur noch müde und dämmerig ist. Das tut ihm gut, wohl auch die Tatsache, dass wir alle nun leichter und schneller und öfter bei ihm sein können. Wie es von da aus weitergehen soll, ist noch nicht zu sagen.

    Die Jungs waren in dieser Woche jeden Tag für über fünf Stunden im Tenniscamp um die Ecke und geschafft habe ich dennoch gar nichts: morgens das nötigste im Haushalt und danach draußen im Schatten sitzen und lesen und stricken und mich gedanklich mit dem Anfertigen eines Trenchcoats beschäftigen, dessen Schnitt ich sehr, sehr langsam bastele. Aber all dies Lahme und sich mit anderem Beschäftigen hat mir gut getan. Wenn auch mit einem miesen Gefühl: darf man die Sonne genießen, wenn etwas so Schlimmes geschieht? Zeit verläuft seltsam nun: die Sommerferien sind nun bald vorbei, heute vor einem Monat wurde Tommy sechs und mein Vater war das letzte Mal „gesellschaftlich“ unterwegs und es kommt mir vor, als wären seitdem Monate vergangen. Bronte war vor gerade einmal zwei Wochen hier und auch das scheint länger weg zu sein.

    Demnächst werde ich mal wieder etwas zeigen; stricke gerade am zweiten Pulli (erster Ärmel), habe einen Rock vom Winter beendet und bastele an o.g. Mantel. Mal sehen.

    Und ohne Dank komme ich in der letzten Zeit kaum noch aus: Danke für eure Erfahrungen, eure Nachfragen, eure Anteilnahme.

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