Und das ist in der Tat erstaunlich, wenn wir uns umsehen. Nicht nur unter Klimanotstand und überall sich vermehrenden Nazis haben wir zu leiden, sondern nun auch noch unter einer Pandemie, deren Gefährlichkeit noch nicht recht klar ist.
Vermutlich in wenigen Tagen wird – oder vielmehr muss dank der egoistischen Dummheit zu vieler Mitmenschen – eine Ausgangssperre erfolgen; anders kann man wohl überfüllte Kaffeehausterrassen und Warteschlangen auf Kinderspielplätzen nicht vermeiden. Solidarität, Mitgefühl, Nachsicht sind zu lange schon aussterbende Werte gewesen und wer jetzt noch immer jammert, dass das alles Freiheitsberaubung sei, der hat genau zu diesem Zustand beigetragen.
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Raucher zwar überall rauchen durften, es aber nur dann taten, nachdem man sich beispielsweise in einem Restaurant bei den Umsitzenden erkundigt hatte, ob es störe. Und die Umsitzenden wurden nicht angezickt, wenn sie eben keinen Rauch im Gesicht haben wollten. Das änderte sich schleichend, bis derjenige, der höflich bat, doch bitte nicht zu rauchen, als derjenige galt, der sich unmöglich benimmt und zu wenig Toleranz bewies. Das änderte auch erst ein Verbot. Das natürlich aus anderen Gründen erlassen wurde, aber immerhin – es wurde erlassen. Telefonieren am Handy ist ein ganz ähnliches Thema.
Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus, sondern darauf, dass ich zwar keine Freundin von Verboten bin, die Menschheit allerdings auf kaum etwas sonst reagiert. All diejenigen, die nun noch immer klagen, man solle sich doch bitte auf die Vernunft verlassen und dafür sorgen, dass alle Mitbürger und Mitbürgerinnen die nötigen Informationen erhalten, um vernünftig reagieren zu können, diejenigen, die noch immer meinen, Verbote von oben seien fatal und abzulehnen, denn es sei ja doch jeder für sich selbst verantwortlich, denen möchte ich auch nur kurz noch mitteilen: Nein.
In einer Gesellschaft, in der wirklich alle ein gutes Leben führen können, da ist man eben nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für alle anderen. Wenn du am Steuer telefonieren musst, schön und gut, wenn du dann bitte einsam gegen einen Baum fährst und nicht in eine Menschenmasse. Wenn du dir die Lunge kaputtrauchen willst, tu das gerne, aber bitte in einem kleinen Häuschen ohne Nachbarn. Und wenn du meinst, du müsstest dir die neueste Trendkrankheit einfangen, dann tu auch das, aber dann sperr dich ein und belästige niemanden weiter damit. Keiner verbietet dir das. Aber all das willst du natürlich auch nicht, wo bleibt denn da der Spaß?
Aber wieder treibt es mich zu weit fort von dem, was mir eigentlich durch den Kopf geht an diesem Mittwochmorgen Mitte März 2020. Ich habe heute Nacht zum ersten Mal in diesem Jahr bei offenem Fenster geschlafen; Frostbeule, die ich bin, ist das immer ein großer Schritt. Und ich hatte dezent dystopische Albträumen. Aus denen ich – wie im Titel angekündigt – verblüffend fröhlich erwachte. Ich erwache immer dann, wenn es kurz vor hell ist, und für den Großteil des Jahres bleibe ich dann geduldig im Bett, damit die anderen drei Bewohner dieses Hauses, die es pünktlich verlassen müssen, das Bad für sich haben. Im Winter ist das kein Problem, im Frühling und Herbst schon, dann kollidieren meine und ihre Zeiten, während ich im Sommer lange vor ihnen fertig bin. Heute aber stand ich um sieben Uhr unter der Dusche, die Sonne schien durchs Fenster, es blüht überall, die Vögel singen, es ist herrlich.
Und, so seltsam es klingt, das Herrliche daran ist die Gewissheit, nicht rauszumüssen, nichts zu verpassen, wenn ich drinnen bleibe, das tun zu dürfen, was ich immer schon am besten konnte: Mich im Haus zu beschäftigen und das ohne schlechtes Gewissen, sondern mit einem guten Gefühl. Dazu kommen – vor allem für mich Superpessimistin – positive Gedanken. Gedanken, die andere auch schon äußerten und mit Fakten untermauerten oder mit romantischen Gefühlen. Wie die Welt zwangsentschleunigt wird, wie in dieser Katastrophe Neues und Gutes entstehen kann und Falsches sich selbst vernichtet. Man sieht, wer Antworten hat in dieser Krise und wer nichts zu bieten hat, man denkt darüber nach, was wichtig ist und was künstlich und verkehrt sein könnte, man erlebt, wie jetzt schon das Klima aufatmet und Tiere sich Platz zurückerobern.
Doch nicht nur solche hehre Überlegungen kommen mir, sondern auch wirkliche Schaffenskraft und dabei mehr Ruhe. Ich werde jetzt gleich meinen vor einigen Wochen gekauften Schreibtisch abschleifen, damit das Arbeiten daran noch mehr Spaß bereitet. Ich lasse mir Zeit, bevor ich mit dem nächsten Olivero beginne, ich habe ohne schlechtes Gewissen noch einmal Cover und Klappentexte überarbeitet, ich genieße die kurzen Spaziergänge mit den Hunden wieder, wenn wir eine Viertelstunde um den Block gehen und dabei niemandem begegnen, ich fühle mich – vielleicht nur heute – ein wenig mehr bei mir angekommen, denn das ist eine Person, die ich doch auch sehr aus den Augen verloren hatte mit den Jahren. Klar, es wird bestimmt wieder Streit geben, wenn ich die Söhne an ihre Hausaufgaben zwingen muss und der Gatte wird wieder meinen, ich solle ihm keine Aufgaben geben, aber so what? Das ist einmal eine Situation, aus der man durchaus noch das Beste machen kann: Im Jetzt bleiben und lesen, Filme schauen, Sport machen, umräumen, alle Kleider anprobieren, aufmunternde Memes erstellen und verbreiten, mit Freundinnen telefonieren.
Bleibt bitte gesund und verfallt nicht in Panik. Und wenn ich das kann, dann auch jede andere.
Das Bonn, durch das Emma und Kommissar Wertheim laufen, unterscheidet sich in vielem von dem Bonn, das wir heute kennen. Nicht nur, weil ein komplettes Viertel den Kriegsgelüsten eines Führers zum Opfer gefallen ist und manch anderes dem Geschmack der nachfolgenden Jahrzehnten, sondern auch deshalb, weil ich mir gelegentlich Freiheiten genommen habe darin, wo und wie ich Handlungsorte angelegt habe.
In den allermeisten Fällen verwende ich Geschäfte, Lokale und Hotels, die im betreffenden Jahr des Romans existierten. Eine Ausnahme habe ich vielen Tatorten gemacht: Den Salon von Madame Mirabeau beispielsweise gab es so wenig wie das Modeatelier Dezière. Im letzten Tanz habe ich einige Tanzlokale erfunden, da ich in dieser Hinsicht nicht viel finden konnte in dem Recherchematerial, das mir zur Verfügung stand.
Dann gibt es die Orte, von denen ich wohl weiß, wo sie waren – das Kommissariat der Kriminalpolizei befand sich in der Tat im Alten Rathaus -, aber nicht, wie sie aussahen. Hier habe ich mir also eine Wache überlegt, wie sie zu Wertheim und Siegfried passen könnte.
Andere Orte wiederum habe ich entweder verlegt oder darauf verzichtet, sie umzuziehen, auch wenn das in der Realität der Fall war. Deshalb befindet sich die Rechtsmedizin in der Universität, in der sie kurz einmal untergeschlüpft war; mir gefällt die Idee, dass Wertheim nur wenige Schritte gehen musste, um dorthin zu gelangen, und dass er sein Unbehagen mit einem Blick auf den Hofgarten lindern kann.
Auch was die Personen angeht, habe ich mich oft von echten Namen im Telefonbuch inspirieren lassen. Manchmal habe ich die Namen leicht abgeändert, wie ich es gerade jetzt im 13. Band der Reihe mit einer Schuldirektorin getan habe. Die Schule existierte wirklich, hatte aber natürlich nichts mit dem Mordfall zu tun.
Insgesamt ist es also so, dass die damalige Realität meine Fiktion überwiegt, wobei keine/r von uns das alte Bonn wirklich erlebt hat und somit eigentlich jede historische Geschichte immer Fiktion bleiben muss.
Wer auf Facebook Autorinnen (beiderlei Geschlechts und jeglicher Herkunft) folgt, hat in den letzten Wochen und Monaten sicherlich oft gelesen, wie wichtig Rezensionen seien, welch ein Schindluder damit getrieben werde und wie gemeine Hater ihr armseliges Leben durch üble Verleumdung aufwerten würden.
Diese Beiträge klangen mal wütend, mal jammernd, oftmals bittend und flehend und gelegentlich witzig. Da gibt es manche, die behaupten, sich nicht im Geringsten um Bewertungen zu scheren (Leserinnen wie Autorinnen), und andere, die sich nicht scheuten, die garstige Rezensentin an den Pranger zu stellen, weil sie echt wirklich absolut voll gar keine Ahnung habe und schlicht zu doof sei, um das verrissene Werk zu verstehen. Gerne handelt es sich dabei um Romane wie ‚Besorg’s mir, Darling!‘, ‚Kaffee, Kuchen und ganz viel Liebe‘, ‚Der harte Kerl mit dem weichen Keks‘ oder ähnliche Anwärter auf den Literaturnobelpreis, wobei ich nun keineswegs meine, es müsste alles mit Hinblick auf diese Ehrung geschrieben werden (Himmel nein!).
Aber selbst berechtigte Kritik wird übel aufgenommen und bringt der Rezensentin wenigstens einen Schadenfluch und die Streichung sämtlicher Karmapunkte ein.
Und ratet einmal: Ich kann das durchaus verstehen.
Des Morgens zu erwachen und eine miese Rezension vorzufinden, das verschönt den Tag eben mal so überhaupt nicht. Gerade in diesen Zeiten wünscht sich die zarte Künsterlinnenseele eben auch einmal Zuspruch und Streicheleinheiten, am liebsten solche, die ein klein wenig öffentlich erfolgen, damit mehr Leserinnen einen finden mögen, die von ähnlicher Natur sind wie eben jenes engelsgleiche Wesen, das einem schrieb, es liebe jedes Wort, das man von sich gebe.
Oder um einmal persönlicher zu werden und von meinem Erleben zu berichten: Ich habe durch meine Romane genau die Frauen (und eine kleine Handvoll äußerst wunderbarer Herren) kennengelernt, die ich mir während des Schreibens vage vorgestellt hatte. Frauen (und Herren) nämlich, die ich auch sonst durch andere Tätigkeiten traf, Frauen, die klug, witzig, warmherzig und charmant sind. Frauen, die als Leserin nicht allzu viel anfangen können mit immer noch detailreicheren Schilderungen menschlicher Qual. Frauen, die es gerne etwas ruhiger mögen, weil ihr Leben schon zu voll ist von zu viel Arbeit, zu viel Hetzerei von einem Ort zum nächsten. Frauen, die gerne lesen und Sprache genießen und nicht nur zack, zack, zack den nächsten Mord, die nächste Leiche und dann den Mörder präsentiert haben möchten.
Das Problem mit diesen Leserinnen ist: Die meisten sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, öffentlich ihre Meinung kundzutun. Ich habe nun schon viele eMails, Briefe und Päckchen gar erhalten von solch entzückenden Frauen, in denen sie mir alles Gute wünschen und sich selbst bitte mehr von Emma, Lily und Olivero. Und jedes Mal sinke ich vollkommen überwältigt auf einen Stuhl und heule einige Minütchen überwältigt vor mich hin und wünschte, ich könnte diese Freundlichkeit angemessen entgelten. Aber ganz gelegentlich wünschte ich mir auch, sie würden es wagen, das auch in eine Rezension zu setzen, weil ich doch gerne glauben möchte, es könnten meine Charaktere und Geschichten mehr Leserinnen (und Lesern) gefallen, als ich bislang erreiche.
Aber zurück zu den Rezensionen, die nicht so reizend sind. Da haben es die meisten leider so an sich, dass sie relativ unspezifisch sind und somit nicht weiterhelfen. Ja, halt, stopp, natürlich weiß ich, dass diese Bewertungen nicht dazu gedacht sind, einer Autorin auf die Sprünge zu helfen. Andererseits aber – hey, doch! Denn viele der negativen Rezensionen werden persönlich: entweder der Schreibenden gegenüber oder aber sie drehen sich allein um die Rezensentin. Da liest man dann:
War voll langweilig, es passiert überhaupt nix, das ist kein Krimi. Für mich ist das nichts, kann ich nicht leiden. Fehlt echt an allem!
Jo, kann man schreiben, kann man so sehen, ist absolut in Ordnung, denn wie heißt es so treffend: Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die keine kann. Und wer klug ist, versucht das auch gar nicht erst. Ich beispielsweise habe nicht das geringste Interesse daran, für Menschen zu schreiben, die andere nicht respektieren, die rassistisches Gedankengut pflegen und Hitler für ein missverstandenes Genie halten. Ist mein gutes Recht, die zu vernachlässigen. Und ich fasse es noch enger, denn ich schreibe für diejenigen, die mir als Leserin ähneln; ich schreibe das, was ich selbst suche. Und freue mich, wenn ich feststelle, dass die Gruppe viel größer ist als gedacht. Wo also liegt das Problem?
Vergessen wir die Buchwelt auf einen Moment und gehen wir einmal online shoppen. Lasst uns also das tun, was wir, die wir der Pandemie keinen Vorschub leisten wollten und die dennoch das Gefühl von ein wenig Normalität wollten, taten: Da sitzt man also am Sonntagvormittag gemütlich bei café au lait und croissant oder bei Tee und knusprigen Brötchen im Sessel, auf dem Sofa, im Bett, auf der Terrasse oder in der Küche und surft herum. Es ist Frühling, es kommt der Sommer, der Herbst naht, bald schneit es – wir brauchen unbedingt ein luftiges Kleidchen, leichte Sandalen, eine Badehose, eine Jeans oder einen kuschligen Pullover.
Bleiben wir beim Pulli. Der soll weich sein (versteht sich von selbst), gerne in einem kühlen Kirschrot (Rot online kaufen, das letzte Abenteuer der Menschheit!), mit eng anliegendem Rollkragen, eher schmal, doch nicht eng geschnitten, mit langen Ärmeln, die bis über die Handgelenke gehen, und taillenkurz, damit er zu dem neuen Rock, der neuen Hose passt. Ach, und gerne mal mit einem Norwegermuster. Das klingt doch gut und etwas ganz Ähnliches haben wir vor Ewigkeiten in einer Zeitschrift beim Friseur gesehen, muss also zu finden sein. Wir besuchen die üblichen Verdächtigen und werden in unserer Verzweiflung immer großzügiger in der Auslegung der von uns festgelegten Kriterien; wir besuchen nun sogar schon die Shops, von denen wir niemals wieder etwas bestellen wollten.
Und endlich finden wir eine Webseite, die das Gewünschte hat und das in reicher Auswahl. Sagen wir mal, es ist ein Geschäft, das ökologisch korrekte, in Fair Trade hergestellte Kleidung verkauft und das auch noch anständig designt. Das hat natürlich seinen Preis. Aber hurra, hier gibt es sogar Bewertungen von echten Käuferinnen! Das ist doch perfekt! Dann die Enttäuschung: Gleich die erste Rezensentin vergibt nur einen Punkt und brüllt:
Totale Abzocke! Der Pulli ist sein Geld nicht wert! Einmal getragen und schon pillt der! Und eingelaufen ist der auch! Dabei habe ich den mit der Hand gewaschen! Und woanders gibt es den in schöner und viel billiger! Betrug!
1 Stern, weil man weniger nicht geben darf! Alles Beschiss hier!
Gut, der Ton der Dame missfällt und eigentlich hören wir auf solche Schreihälse doch gar nicht. Aber irgendwie sieht der Pulli jetzt gar nicht mehr so schön aus wie noch vor dem Lesen dieser Bewertung. Und trotz Handwäsche ist der eingelaufen? Da wäre ich auch wütend. Hmmm … Wir lesen weiter:
Sehr schöne Qualität, Farbe wie abgebildet, bekomme viele Komplimente. Ich wünschte nur, er wäre ein wenig länger, denn wenn ich die Arme hebe, rutscht er mir bis über den Busen.
Vier Sterne.
Wieder überlegen wir: Zu kurz? Das sieht ja auch nicht aus und schon gar nicht, wenn ich 150,- dafür zu zahlen habe. Aber es ist genau das richtige Rot und überhaupt drückt sich diese Frau viel netter aus, der glaube ich doch eigentlich lieber als der anderen. Aber zu kurz ist natürlich blöd. Wir lesen die dritte Bewertung:
Farbe top, schönes warmes Rot. Verarbeitung spitzenmäßig, lüften reicht, da reine Kaschmirwolle. Schnitt ist seltsam: zu eng am Hals, zu weit in den Armen. Habe ihn trotzdem behalten, Oma trennt mir das Bündchen ab und strickt ein neues dran.
Drei lieb gemeinte Sternchen.
Zu eng am Hals? Das ist unangenehm und dann passt am Ende kein Top mehr drunter, wenn es wirklich kalt wird. Und warmes Rot? Wieso sagt sie jetzt, das Rot wäre warm? Das steht mir ja gar nicht. Eine vierte Bewertung lesen wir auch noch:
Geile Hose, schnell geliefert, Preis könnte niedriger sein, war aber ein Geschenk, ist also ok. Gerne wieder.
Volle Punktzahl. Äh, alle Sterne, hahaha.
Hose? Na, das hilft ja gar nicht weiter. Und im Grunde hilft keine einzige dieser Rezensionen mir bei meiner Suche, sie verunsichern mich nur. Was nicht bedeutet, es sollten keine Rezensionen mehr geschrieben werden. Wir brauchen nur mehr Infos. Weshalb manche Shops nun mehr von ihren Rezensentinnen verlangen. Wenn ich mich hier in ein Kleid verliebt hätte, dann würden mir diese Bewertungen durchaus weiter helfen:
Kleidergröße 40, 170-180 cm, schlank, 80B, blond
Passt perfekt, Kleid geht bis Wadenmitte und schwingt sehr schön.
Kleidergröße 44, 150-160, mollig, 90E, rothaarig
Kleid viel zu lang, viel zu eng oben rum, Farbe macht blass. Geht zurück! Nie wieder dieser Shop!
Kleidergröße 36, 180-190, sehr schlank, 75A, brünett
Fällt schön blusig, Rock könnte länger sein, Farbe könnte ruhig knalliger sein, sieht aber sehr fein aus. Sehr empfehlenswert.
Der Naturmodeshop von oben würde sicherlich von diesen Informationen ebenso profitieren. Und womöglich wäre eine Info mehr auch hilfreich: Hat die Kundin, die von Abzocke sprach, vielleicht zum ersten Mal so viel für einen Pullover ausgegeben? Kauft sie sonst vielleicht bei KiK (ohne, dass das abwertend gemeint ist!)? Und Handwäsche ist – wir Strickerinnen wissen das – nicht ohne, da ist die Temperatur schnell mal zu heiß, da liegt ein kostbares Stück schnell mal zu lange im Becken oder wird zu grob herausgezerrt, am Ende gar auf der Heizung getrocknet. Hat die Dame, die den Pulli zu kurz findet, vielleicht eine Körbchengröße jenseits von D? Hat sie einen ausladenden Brustkorb? Hat sie eine zu kleine Größe gekauft? Und wie ist ihr Monitor eingestellt – Farbe wie abgebildet heißt im Grund leider gar nichts. Und hat mich doch verunsichert. Nummer drei hat vielleicht Probleme mit der Schilddrüse, weshalb ihr jeder hohe Kragen zu eng vorkommt. Und meint sie mit einem warmen Rot dasselbe, was eine ausgebildete Farbberaterin darunter versteht? Das ist eher selten. Und bei Nummer vier wäre der Shop gut bedient, die Rezensionen auf ihren Inhalt zu überprüfen und die Rezensentin darauf aufmerksam zu machen, dass sie womöglich in der Zeile verrutscht war.
Gut. Was hat das nun mit Büchern zu tun?
Ich würde mir wünschen, wir bekämen da ähnliche Infos. Das würde mir sowohl als Leserin wie auch als Autorin wünschen. Wahrscheinlich machen das viele von euch ähnlich, wenn sie Rezensionen überhaupt lesen: Wenn jemand überschwänglich lobt oder gnadenlos niedermacht, dann schauen wir uns das Profil an und gucken, was denn sonst so gelesen wird. Weil wir wissen wollen, wie ernst wir die Aussage nehmen können oder müssen. Viel leichter und hilfreicher wäre es, wenn wir das sofort erkennen könnten:
Weiblich, 20-30 Jahre, liest am liebsten Horror, hardboiled Krimi, Dark Romance, BDSM
War voll langweilig, es passiert überhaupt nix, das ist kein Krimi. Für mich ist das nichts, kann ich nicht leiden. Fehlt echt an allem!
Aha. Wenn ich nun eine Leserin bin, die dieselben Vorlieben hat, dann spare ich mir die Ausgabe und lasse das Buch liegen. Bin ich eine Leserin, die mit diesen Genres überhaupt nichts anfangen kann, dann freue ich mich vielleicht und denke, ich sollte einmal hineinschauen.
Und als Autorin denke ich mir: Ja, stimmt, du hast völlig recht. Du und mein Buch, ihr passt nicht zusammen und es tut mir leid, dass du dir etwas anders versprochen hast. Ich sollte noch einmal in meinen Klappentext gucken und überlegen, wie ich das klarer machen kann. Oder ist mein Cover wirklich so bluttriefend, dass du zugreifen musstest? Wie auch immer, danke für den Tipp.
Zwar macht mir die Bewertung noch immer meinen Bewertungsschnitt kaputt, aber hey: Nichts ist unglaubwürdiger als 100 x fünf Sterne!
War voll langweilig, es passiert überhaupt nix, das ist kein Krimi. Für mich ist das nichts, kann ich nicht leiden. Fehlt echt an allem!
Au verdammt! Die liest dasselbe, was ich mag, das ist die Leserin, für die ich schreibe. Schnell mal ins Profil schauen, was sie zuletzt bewertet hat. Doppelt au! Sie liebt all die Romane, die ich auch liebe! Jetzt weiß ich, ich muss noch einmal ran, irgendwo habe ich richtig Mist gebaut, das kann ich besser. Schnell eine Runde heulen und toben und dann ran an die Arbeit!
Natürlich gibt es immer noch Rezensentinnen, die wirklich nur aus Spaß an der Freude Verrisse schreiben oder einfach nur überall einen Stern vergeben. Es gibt solche Menschen, die kleingeistig und schadenfroh sind. Und es gibt auch Konkurrentinnen, die sich von diesen Dingen einen Nutzen versprechen. Aber das dürfte doch die Minderheit sein. Die meisten negativen Rezensionen erhält man eben, weil Buch und Leserin nicht zusammengehören und es nicht gelungen ist, beide auseinanderzuhalten.
Mag sein, es wollte die Leserin einmal etwas Neues ausprobieren, mag sein, sie ist eine Schnäppchenjägerin, die alles runterlädt, wenn es umsonst oder sehr billig ist, mag sein, es hat die Autorin absichtlich ihr Buch in das falsche Genre einsortiert. Oder es kann sein, die Rezensentin ist der Meinung, es müsse alles nach ihren Wünschen geschrieben sein. Alles möglich, da stecken wir nicht drin.
Aber weil jede negative Meinung auch diejenigen beeinflusst, die sich für immun solchen Einflüsterungen gegenüber halten, wäre es schön, wenn sich auch diejenigen, die schüchtern und zurückhaltend sind, dazu überwinden könnten, ihre Meinung öffentlich kundzutun, wenn sie weiterhin mit Romanen ihrer liebsten Autorin Zeit verbringen wollen. Denn das Arbeiten mit nur wenig Resonanz und Unterstützung – das bringt das Schreiben nun einmal so mit sich, vor allem, wenn man als Autorin auch eher schüchtern und zurückhalten ist – ja, dieses Arbeiten geht schon einmal schlechter von der Hand, wenn man sich für ungelesen und ungeliebt hält.
Ich gebe es zu, auch ich kenne guilty pleasures. Ganz schlimme sogar!
Ich habe beispielsweise die diesjährige Staffel von ‚Hochzeit auf den ersten Blick‚ mit heimlicher Wonne geschaut, wobei ich gar nicht sagen kann, was mich daran so fesselt. Aber etwas fasziniert mich enorm und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich vor weniger als zwei Wochen auf die Idee zu einer Weihnachtsgeschichte kam, die wenig besinnlich, dafür aber romantisch, lustig und spannend ist – drei Überraschungen auf einmal sozusagen! Hurra!
Heraus kam ein Kurzroman, an dem zumindest ich viel Spaß hatte. Ich selbst bin nicht unbedingt eine romantische Seele, deswegen schlüpfe ich ganz gerne einmal in die Haut einer Frau, die mir nur wenig ähnelt. So ist die Journalistin Caroline Schumann ausgesprochen ehrgeizig, was sich in ihrer Wahrnehmung mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und Romantik beisst. Doch beides, Ehrgeiz wie Sehnsucht, tragen dazu bei, dass sie sich auf Befehl ihres Chefs bei einer solchen Hochzeitsshow anmeldet. Und sich wider Erwarten in einem verschneiten Feriendorf in der Eifel wiederfindet – gemeinsam mit ihrem Ehemann, zwei anderen Pärchen, einem Filmteam und einen Mörder …
Es begab sich zu Zeiten, in denen Frau Michou noch ein Fräulein H. war, dass eben jenes Fräulein den schwierigsten Kunden kennen lernte. Es war die Krone die Schöpfung. Es war die Krone der Schöpfung im Paradies der Düfte. Es war der Mann in der Parfümerie. Heute ist Vatertag, das mag der Grund sein, weshalb mir heute nach über 22 Jahren diese Geschichten einfallen.
Nachdem ich mich von der Chefin eines Zweifrauenbetriebes habe ausbeuten lassen, nachdem ich auf einem sowjetischen Kreuzer um Europa geschippert bin, dachte ich, es wäre an der Zeit, meine Zukunft in diesem Beruf zu planen und beschloss, im nächsten Schritt Erfahrungen im Verkauf zu sammeln. Eine bekannte Kette dieser Branche stellte mich ein und schickte mich währen der ersten zwei Monate in eine kleine Stadt, die etwas ländlicher gelegen ist und deren Bevölkerung sich einer Mundart bedient, die ich nur vom Bläck Föss’schen „Buuredans“ kannte. Das erleichterte meine Situation dort nicht.
Der erste männliche Kunde war ein sehr kleiner, sehr zarter, sehr alter Herr, der von mir „Ein Eis, ein Gyros und den Juppi.“ wollte. Ich hatte mich brav in meine Unterlagen eingelesen, kannte fast alle Produkte und kam nach knapp fünf Sekunden darauf, was ich ihm reichen sollte: eine Pflegecreme von Monteil, einen Herrenduft von YSL und einen Duft von Joop!. Das lief doch gut; die erste Begegnung mit einem Außerirdischen hatte ich gemeistert.
Einige Tage später, an einem sehr, sehr ruhigen Vormittag, stand ich mit einer Kollegin am hinteren Ende des Geschäftes, wo wir den Herrenduftständer reinigten und sortierten. Vor dem Laden sahen wir seit einer halben Stunde schon einen jungen Mann, der aufgeregt hin und her, hin und her schritt. Spargeltarzan wäre wohl der passende Ausdruck, um ihn knapp zu beschreiben. Seine sorgfältig gewählte Kleidung verlangt mehr Aufwand: Über das bis zum Bauchnabel geöffnete Jeanshemd legte sich eine um mehrere Größen zu weite Denimjacke, die von den Schultern bis zur Brust mit orangen Applikationen versehen war. Seine im Nacken längeren, blondierten Haare umschmeichelten den hochgestellten Jackenkragen.
Die Hose, farblich undefinierbar zwischen Schlamm und Matsch, zierte ein schwarzer Ledergürtel, der mit einer handbreiten Schließe in Form eines aufsteigenden Adlers geschmückt war. Den Höhepunkt aber bildeten freilich die Stiefel, welche bis zur Wade hinauf reichten. Auf schwarzem Grund schlängelten sich rote und gelbe Flammen bedrohlich empor. Um seinem Auftritt zusätzlich Kraft und Größe zu verleihen, hatte er Schuhwerk mit Absatz gewählt. Wir konnten unsere Augen kaum los reißen, zumal wir nicht fassen konnten, dass ein Mann seinen Modeenthusiasmus dem kalten Novemberwetter entgegenstellte. Stellt euch unser Entzücken vor, als er endlich sich aufraffte und unser Paradies betrat.
Ups, die Erinnerungen, die süßen, reißen mich fort. Ich nehme mich zusammen, jetzt! Der gute Junge stürzte nun also endlich auf uns zu, so rasend schnell, dass wir keine Gelegenheit hatten, hinter unserem Tresen hervor zu treten und ihn nach seinem Begehr zu befragen. Er blieb knapp vor dem Parfümständer stehen, blickte sehr angestrengt in all diese Flaschen und murmelte: „Dunn mir mal dat Dracula.“ Hä? Meine Kollegin und ich blicken ihn an, blicken uns an und sind wirklich ratlos. Zum einen konnten wir sein heiseres Geflüstere kaum verstehen, zum anderen waren wir spätestens bei Dracula verloren – wie bitte bedient man einen Kunden freundlich, wenn man sich am liebsten grölend am Boden entlang wälzen mag? Aber wir sind Profis, also reichen wir uns nur kurz unauffällig die Hand, drücken sie und verbeißen uns das Lachen. Und hoffen, die Andere möge sich schneller fangen. Der Kelch blieb bei mir stehen.
Sehr freundlich bitte ich ihn, seinen Wunsch noch einmal zu wiederholen. Er wird nervöser – wie jetzt, ich muss noch mal was sagen? Diesmal spricht er lauter, leider auch schneller: „DunnmermaltDracla.“.
Würde ich gerne, wenn ich wüsste, woher ich um elf Uhr vormittags einen vorzeigbaren Vampirfürsten bekomme. Heute gibt es derlei an jeder Ecke, aber damals? So ungern ich ihn quäle – und das tue ich wohl ohne jeden Zweifel – ich frage erneut nach: „Ich bin mir nicht sicher, was Sie meinen. Ist es ein Pflegeprodukt oder ein Duft?“ Leidende Blicke treffen mich kurz, dann rafft er sich zusammen und erwidert, es sei ein „Ode tolette“.
„Ist es für Sie oder soll es ein Geschenk sein?“
„Fürmisch.“
„Schön. Hmm, wissen Sie, wie die Verpackung aussieht?“ Während ich mit ihm quizze, sucht die Kollegin den Ständer ab – vielleicht gibt es doch einen Dracula? Kommt ja kurz vor Weihnachten jeden Tag etwas Neues heraus und trendbewußt scheint er ja zu sein. Aber sie blickt mich nur kopfschüttelnd an.
„Ja, dat iss esu schwarz und rot.“
Schwarz und Rot. Kollegin und ich stürzen uns auf die Tester – immerhin gute 200 Stück – und drehen und wenden. Ganz unten greifen wir zeitgleich mit einem triumphierenden Aufschrei nach der selben Flasche, reißen sie hoch und fragen immer noch im Duett: „Meinen Sie vielleicht Drakar Noir?“
Er wagt kaum auf zu sehen, ganz offensichtlich sind ihm hier viel zu viele Frauen, die ihn peinigen wollen. Aber ein flackernder Schimmer der Wiedererkennens läuft über sein gequältes Gesicht, er will danach greifen, als ihm der Heilige Gral vor der Nase weggezogen wird. Die Kollegin – die sich hier viel besser auskennt – übernimmt: „Was möchten Sie denn haben? Es gibt Eau de Toilette, Eau de Parfum, Duschgel, Körpermilch, Massageöl, Shampoo, Puder, Rasierwasser, Rasiercreme, Rasierschaum oder vielleicht ein Pflegeset mit Naturschwamm?“
„Duft“
„30, 50 oder 100 Milliliter?“
„Klein.“
„Dürfen wir sonst noch etwas für Sie tun?“
„…“
An der Kasse warf er uns aus sicherer Entfernung einen Schein zu und trabte los.
„Ihr Wechselgeld und ihr Duft!“
Das Bürschchen stand mittlerweile puterrot bis zum Bauchnabel und leicht transpirierend vor uns – ganz offenbar hatte er seine luftige Kleidung dem Anlass entsprechend gewählt ;-)
Es gibt noch eine Riesenmenge an solchen Geschichten und vielleicht krame ich noch einmal eine heraus. Für heute reicht es mir mit dem Tippen.
Eine Warnung vorweg: Ich gedenke, hier vor mich hinzunölen, wie es mir gerade einfällt. Entweder klickt die nicht geneigte Leserin jetzt weg oder sie holt sich ein Heißgetränk und macht es sich bequem …
Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da lief ich an einem heißen Sonntag mit dem Großen und den Hunden aufgebracht durch die Derle. Das ist ein wäldliches Naherholungsgebiet wenige Meter von hier, in dem so ziemlich jeder grillt und seinen Dreck rücksichtslos verteilen kann – insofern ist die Derle vielleicht ein passendes Gleichnis zu unserer Welt, wie ich sie gerade sehe: Eigentlich sehr schön und in der Theorie ein Traum, jedoch richten die widerwärtigsten Widerlinge eine solche Sauerei an, dass man lieber woanders wäre und sich zwischen Wut und Hilflosigkeit ergeht.
Ich lief deshalb aufgebracht durch die Derle, weil der Gatte und ich heftigst gestritten hatten und der Anlass dazu ein nichtiger war. Am Ende dieses Spazierganges war ich noch immer voller Ärger und der Sohn bemühte sich, mich abzulenken – was ungewöhnlich ist, denn dieses Kind ist ansonsten derjenige, der uns alle in anderthalb Sekunden unter die Decke jagt. Er kam auf seltsamen Wegen auf Filme und dann auf Geschichten, die ich doch mal schreiben wollte. Ich könnte ja mal etwas schreiben, worin eine sich ritzende Detektivin nach Jahren in einer Klinik wieder ihr normales Leben aufnimmt und nun den Mörder ihrer Schwester jagt – den bösen Schwager.
Es war eine hochkomplizierte Story, die der Sohn da entwickelte, und ich begann mich zu fragen, wie schlimm er den Streit wohl gefunden haben mochte, dass ihm ermordete Ehefrauen in den Sinn kamen. Aber gleichzeitig fiel mir etwas ganz anderes ein, nämlich meine Emma. Meine Heldin eines (!) Krimis, die in den Zwanziger Jahren in Bonn ermittelt. Und die mich seit gut zehn Jahren begleitete. Einmal im Jahr schrieb ich zwei oder drei Sätze, ein Mal sogar zwei Kapitel, die ich der Freundin zu lesen gab und die seitdem ebenso einmal im Jahr drängte, ich solle endlich beginnen, das werde gut.
Aber ich fand Emma zu banal, sie war viel zu sehr das, was man aus den englischen Bücher kennt, die in derselben Zeit spielen: Immer wahnsinnig gut drauf, unglaublich begabt, megamutig und unerschrocken, umwerfend schön und viel klüger als die Polizei. Außerdem alterslos, denn in manchen Serien sind es 33 Bände, die allesamt nicht über das Jahr 1926 hinaus kommen – eine ewig währende Party voller Lords und Luxus. Was sich zwar nett wegliest, aber irgendwann auch nervte. Mich zumindest. Das wollte ich nicht.
Und dank des Streits und den Ideen des Sohnes wusste ich es dann: Meine Emma ist schüchtern und darf sich entwickeln. Sie darf beides kennen – den (bescheidenen) Luxus und das harte Leben. Und sie muss durch eine persönliche Geschichte überhaupt erst in all das hineinkommen. Es muss eine Serie sein und sie darf vorwärts schreiten. Ja, all das notierte ich mir und am nächsten Tag fing ich an. Noch gar nicht im Klaren darüber, was ich damit anfangen will. Noch nicht einmal überzeugt, ich würde dieses Mal mehr als zehn Zeilen füllen. Aber es lief und floss und alle Überlegungen, die mich umtrieben, lösten sich von selbst. Ich bin ungeduldig, ich gebe nicht gern etwas aus der Hand, ich bringe mir gerne etwas bei, ich bin nicht gerne allzu sichtbar, ich kann nicht gut in eigener Sache verhandeln – also kam für mich eine Suche nach Agentur und Verlag nicht in Frage. Heimlich, still und leise wollte ich meine Emma bei amazon veröffentlichen, es hier einige Male erwähnen und irgendwie hoffen, dass es nur wenige lesen, die sicher wären, es zu mögen. Alles sehr ambivalent, was in mir vorging.
Zu meiner Überraschung drängte es mich weiter und weiter und weiter. Es war, als hätte man ein gärendes Fass angestochen. In einem Jahr habe ich nun über eine halbe Million Wörter veröffentlicht, wozu ich täglich etwa 1.600 von ihnen zu schreiben hatte – das höchste, was ich an einem Tag tippte, waren 9.800 irgendwas. Schnell und viel ist also kein Problem, aber das war es für mich noch nie. Viel wichtiger ist mir: Ich hätte mir das nicht zugetraut und insofern müsste ich doch jetzt hier stehen und mich großartig fühlen. Oder?
Wenn ich schreibe oder der Freundin vorlese oder dem Gatten oder eine Rückmeldung einer Leserin (auch männlicher Leserinnen, was mich doch immer sehr freut, zumal der Tenor dahin geht, auch meine Männer seien gut getroffen), dann fühle ich mich auch großartig. Ich bin woanders, kann eine Welt ein wenig gerechter gestalten, kann mich wegdenken.
Und dieses Wegdenken, das brauche ich mittlerweile. Ich kann diese Welt wirklich nicht verstehen. Es vergehen im Grunde keine fünf Minuten am Tag, in denen ich nicht einmal darauf gestossen werde, warum ich mich so gedrängt und gehetzt fühle. Ich würde auch in einer hoffnungsfroheren Welt schnell und viel schreiben und dafür das Bloggen, das Nähen, das Stricken vernachlässigen. Oder den dämlichen Haushalt! Aber ich hätte nicht das Gefühl, noch schnell etwas schaffen zu wollen, bevor es nicht mehr geht.
Bevor es auch zwei Gründen nicht mehr geht: Weil meine Romane (noch) in der Weimarer Republik spielen und ich in ihnen nicht ausblende, was real in diesen Tagen geschah. Und weil mein – sanfter – Fokus auf Emanzipation und Kritik an rechtsradikalem Gedankengut vielleicht schon bald nicht mehr so harmlos sein könnten. Wir gehen in solch Riesenschritten zurück, ich kann so schnell gar nicht mithalten.
Nun kann es sein, dass ich zum Einen wieder einmal in einer leicht depressiven Phase bin und alles schrecklich schwarz sehe, wo es doch nicht mehr als freundlich-anthrazith ist. Möglich, möglich, möglich. Ich habe dreimal minderschwere Depressionen durchlitten, kenne die Anzeichen und bin auch da jemand, der sich nicht gerne helfen lässt und ganz gut damit dealt. Aber dieses Mal?
Ich bin in der letzten Zeit dazu übergegangen, immer mal wieder ganz besonders liebe und aufrechte Menschen auf facebook stummzuschalten, weil ich all die Realitäten nicht mehr ertragen kann. Gestern sah ich mir das Video einer österreichischen Freundin an. Danach war ich down. Es war eine Rede im österreichischen Parlament. Und nicht der Inhalt allein war es, das, worum der Redner verzweifelt rang, sondern das widerliche Grinsen des Bubis Kurz, der daneben saß und deutlicher gar nicht hätte zeigen können, was er will und was ihn interessiert. Gier und Eigennutz sind ihm ins Gesicht gemeißelt. Ebenso, wie es Spahn und Söder und Seehofer unverdeckt vor sich hertragen.
Das sind für mich Menschen, die charakterlich dermaßen ungeeignet für JEDES Amt sind, dass ich nicht begreifen kann, wie sie dorthin gelangt sind und weshalb es nichts gibt, was wir dagegen tun können. Und es entsetzt mich – auch hier unabhängig davon, welche politische Meinung jemand vertreten mag, darüber müsste man streiten und sich einigen können nach all den Jahrtausenden der Menschheitserfahrung! – wie wenig sich manche Menschen an dieser Kaltschnäuzigkeit, an dem kalten Egoismus stören. Da ist ja so gerne von kulturellen Werten die Rede … Verdammt noch eins, wer nicht einmal in der Lage ist, dem nach ihm Kommenden die Türe offen zu halten, der sollte von derlei nicht reden. Mit Verlaub, es kotzt mich an, wie miteinander umgegangen wird. Wie selten Autofahrer an einem Zebrastreifen halten, wie wenige hinzuspringen, wenn ein kleines Kind fällt und die Eltern nicht schnell genug heraneilen können, und wie unfreundlich grundsätzlich miteinander gesprochen wird. Wenn überhaupt.
Aber dann – mir fehlt längst die Kraft, mich einzumischen. Zumal sich das dann auch persönlich ungut bemerkbar macht. Ein stramm Ultrarechter fühlte sich von meinen Worten auf facebook beleidigt und zahlte es mir mit einer Ein-Sterne-Rezension heim. Soll er, alles gut, alles fein. Aber das solche Methoden längst gang und gäbe sind, dass, wer auch nur Menschlichkeit erbittet, stattdessen Nachrichten mit Morddrohungen erhält – das führt zu keinem guten Ende. Sehe ich zu schwarz? Das hoffe ich sehr, ich lasse mich da gerne eines Besseren belehren. Für mich ist der nächste Meilenstein die Wahl in der Türkei. Wenn es dort gelingt, Erdogan abzuwählen, dann blicke ich ein klein wenig hoffnungsvoller nach vorne. Glaube ich daran? Tja …
Dazu kommen all die anderen Dinge, die mich so begleiten: Die gottverdammten Wechseljahre sind noch immer nicht durch und nein, ich nehme noch immer keine Hormone und man kann noch immer nicht wirklich etwas tun. Drei Monate bin ich regelfrei und blühe auf und dann kommen sie sechsmal hintereinander alle zwei Wochen und ich glaube, zu sterben. Seit fünf Jahren geht das so und das trägt wenig dazu bei, unsere Welt als lebenswert zu empfinden. Alles ganz schön düster und bitter bis hierhin, oder? Aber gleichzeitig setzt bei mir eine Egal-Haltung ein, die sich echter und besser anfühlte, hätte ich keine Kinder, um deren Zukunft ich mich sorge. Beide sind rundum ätzend während eines Großteil des Tages, streitende und zickige Fast-Teenager, die nicht wissen, wohin mit ihrem Testosteron. Woher auch? Wenn Trump und Kurz und Erdogan und wie sie nicht alle heißen, was sie damit anfangen können, woher dann zwei Jungspunde?
Was mich so niederdrückt, ist vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit der Mehrheit gegenüber einer fast schon krankhaft niederträchtigen Minderheit, die sich an jedem bösen Wort, an jeder unmenschlichen Tat in Schadenfreude ergeht. Und doch will ein Teil von mir – wahrscheinlich die Prinzessin im silbernen Kleid – daran festhalten, dass sich alles bald wieder wandelt, das alles wieder gut wird. Deshalb wohl kam nicht nur Emma in meine Welt, sondern auch Lily, die ich die Zwanziger unbeschwerter und lustiger erleben lasse. Die eine märchenhafte Wirbelwindromanze erhalten hat und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Und als eine Freundin mir schrieb, an ihr hätte sie besonderes Vergnügen gehabt, weil sie an Tucholsky und Kästner habe denken müssen, da war die Welt wieder ganz hell und licht. Wer von euch also zögert, sich dem Schreiben hinzugeben, der sollte jetzt mal loslegen, es reinigt und klärt die Gedanken.
So, das war es von hier. Nicht so lustig, nicht so schön. Aber vielleicht kommt das ja demnächst alles zurück. Ich sehe zu schwarz und jetzt kommt rosa. Irgendwie so …
Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer aus adliger Familie stammenden Engländerin das Bonn der Kaiserzeit, einer reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und jeder Menge Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.
Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte. Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.
Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach die Spanische Grippe aus, die viele Opfer forderte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod.
Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte, und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas Geburtstags- und Genesungskuchen eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte, und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.
Wieder einmal ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die ersten und einzigen Bomben auf Bonn. Einunddreißig Menschen starben und Emmas Geburtstag ist ab nun auch der Todestag ihrer Mutter.Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei.
So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte unsere Heldin, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher. Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte – ganz so, wie es wohl den meisten jungen Mädchen ergeht. Still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war, oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß.
Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zu Ungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quält Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, anstatt aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso.
Aber der Wunsch nach Veränderung und Unabhängigkeit wird stärker und als sie befürchtet, etwas sei mit dem geliebten Papa geschehen, da endlich bricht sie auf …
Ausgerechnet Bananen, Bananen verlang ich von ihm! Nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen , klang es durch die Arndtstraße 13a früh am Mittwochmorgen. Sybils Sopran schwang sich zu immer erstaunlicheren Höhen auf, während sie in der Wanne plätscherte.
Emma drückte sich ihr Kissen auf die Ohren. Oh bitte! Schlafen wollte sie. In Ruhe! Sybil war mittlerweile von den Bananen abgerückt und forderte ein unbekanntes Du auf, sie doch in Hawaii zu besuchen, da ihr Herzchen frei sei. Emma warf das Kissen durch den Raum und griff sich den Wecker. Gerade einmal sieben Uhr, die Sonne drang noch nicht durch die Dämmerung.
Fritz Löhner-Beda
Dass Sybil dieses Lied heraus schmettert, liegt natürlich an seiner unglaublichen Beliebtheit, die sich über Jahre hielt: Aus der Refrainzeile ist längst ein geflügeltes Wort geworden. Sybil tanzt sich also in der ersten Zeit in Bonn durch alle Säle, Hallen und Cafés und mit Sicherheit lief dieses Lied wenigstens dreimal am Abend. Die Melodie stammt ursprünglich aus den USA, wo es allerdings mit einem Text gesungen wurde, der uns heute zu Recht rassistisch anmutet und am besten vergessen wird. Somit stehen die „Bananen“ auch für den wachsenden Einfluss Amerikas auf die alte Welt; immer öfter schwappen Moden, Melodien und Marotten von dort nach hier.
Aber es steckt mehr hinter meiner Liedwahl als diese beiden Gründe. Der Schlagerdichter Fritz Löhner, von dem der Text stammt, ist ein österreicher Jude. Noch sind die Ressentiments den Juden gegenüber in England und Polen beispielsweise deutlich größer als in Deutschland, wo die Wandlung vom Fremden zum Mitbürger weiter fortgeschritten war, dafür sorgten im 19. Jahrhundert unter anderem Frauen wie Rahel von Varnhagen und Fanny Lewald, in deren Salons die Geistesgrößen der deutschen Länder sich trafen, aber auch einige Gesetzesreformen, die viele Beschränkungen aufhoben, denen die Juden hier unterworfen waren. Und für deutsche Männer jüdischen Glaubens war es genauso selbstverständlich wie für Katholiken oder Protestanten, Kaiser und Vaterland im Krieg zu dienen. Was sicherlich zu dem trügerischen Gefühl der Gleichheit beitrug, das in den Zwanzigern erstarkte.
Als einige Jahre später Hitler es endlich geschafft hat, auf scheinbar legalem Wege an die Macht zu gelangen, jubelten ihm viele zu, die sich endlich eine klare Linie erhofften. Die meisten dürften geglaubt haben, die ständige Hetzerei gegen die jüdischen Deutschen nähme dann ein Ende, sei gar nicht ernst zu nehmen – auch viel zu viele Juden glaubten das, denn war es nicht mit jedem Jahrzehnt aufwärts gegangen? Und so blieben sie hier, besorgt zwar, aber zuversichtlich. Wie mochte es erst einem Juden im Wien gehen? Sicherlich hat Löhner mit Sorge die Entwicklungen im benachbarten Deutschland betrachtet, aber sich nicht betroffen gefühlt, bis auch in Österreich die Stimmung kippte.
Zweimal war er verheiratet, einmal geschieden. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, mit seiner zweiten Frau zwei Töchter. Einen Tag nur nach dem Anschluss Österreichs wurde er verhaftet und zunächst nach Dachau transportiert. Ein halbes Jahr später nach Buchenwald, wo er bis 1942 blieb. Er hoffte auf Fürsprache der Leute, mit denen er gearbeitet hatte, doch nichts geschah. Dann folgte der Transport nach Auschwitz, wo er starb – erschlagen, weil er mit fast sechzig Jahren und ruinierter Gesundheit nicht ausreichend arbeitsfähig war für den Geschmack einiger IG-Farben-Direktoren. Während man den Mann vernichtete, spielte man seine Lieder – natürlich, ohne seinen Namen zu nennen. Ob Donna Clara oder Liebe Hans, der etwas mit einem Knie macht oder eben die Bananen – seine Texte sang fast jeder mit.
Auch seine Frau und die beiden Töchter überlebten die Naziherrschaft nicht: Noch vor Löhners Tod wurden sie nach Minsk in das Lager Maly Traszjanez verschleppt, wo sie gemeinsam ermordet wurden. Ob Löhner von dem Schicksal seiner Familie erfahren hat? Man möchte hoffen, dass ihm das erspart geblieben ist.
Wenn Sybil nun also sein fröhliches Lied trällert, dann sind wir ganz in dieser hoffnungsfrohen Zeit, die Freiheiten gewährte, die es seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Doch es weist auch auf die Schrecken, die noch folgen werden.
Maria Stuart war nun also die Flucht aus ihrer Haft gelungen und stand auf englischem Boden und wir mit ihr. Schauen wir mal, ob wir wieder hinein finden in die Geschichte.
Dass sie dort stand, wird – wen wundert’s – ganz unterschiedlich gewertet: als plumper Versuch, die englische Krone zu ergattern, als Dummheit ohne Boden, als Verzweiflung ohne Ende oder schlicht als Naivität. Vielleicht war es von allem ein wenig, vielleicht aber auch ein Beweis dafür, dass Maria es in den letzten Jahren doch ernst nahm mit ihrem Versuch, eine Versöhnung, eine Freundschaft zwischen sich und ihrer Cousine Elisabeth herzustellen – so unwahrscheinlich erscheint mir das nicht: wir haben gesehen, dass Maria ihre Freundschaften pflegte, ihre Freundinnen ihr wichtig waren. Dass das für Elisabeth nicht galt, dass bei ihr Sagen und Handeln zweierlei waren, konnte Maria vielleicht ahnen, nicht aber wissen, denn getroffen hatten sich die Cousinen niemals. Sie schrieben einander Briefe, sandten einander Geschenke und hatten dabei einen alles entscheidenden, stetig schwelenden Streit.
Wenn Maria an all die Freundschaftsschwüre Elisabeths glaubte, in ihr die einzig mögliche Rettung sah, dann ging Maria vielleicht von sich selbst, von ihrem eigenen Handeln aus. Mochte sie die falschen Männer lieben, sich zu Gefahr und Abenteuer hingezogen fühlen, all das waren Kleinigkeiten gemessen an diesem, ihrem größten Fehler: zu glauben, Elisabeth sei ihre natürliche Verbündete, sei es als Frau, als Verwandte, als Königin. All diese Gründe brachten Elisabeth ins Wanken, aber letzten Endes war der eigene Machterhalt wichtiger als das Leben der Frau, die sie immer schon mißtrauisch und argwöhnisch beobachtete.
Worin genau bestand der Zwist zwischen diesen beiden Königinnen? Die schlichte Antwort lautet: Politik, Neid, Eifersucht. Für Hollywood reicht das vollkommen aus und die Seifenoperaufteilung lässt starke und ehrgeizige Männer die Politik betreiben und zwei Frauen, die eine klassisch schön, sexy und verführerisch, die andere herb, neidisch und eifersüchtig, den Streit ausfechten. Das bietet viel Gelegenheit für Himmelbetten und Schlachtfelder, nackte Haut und rotes Blut. Je nach Ausrichtung des Films ist die Eine engelsgleich und die Andere teuflisch oder andersherum. Klug sind sie niemals, höchstens ehrgeizig, kaltherzig oder sonstwie ungeeignet. Dass beide Königinnen ihre Qualitäten und Fehler hatten, haben wir schon gesehen. Dass keine von Beiden dumm, willenlos oder ungeeignet für Thron und Krone war, auch. Aber das wäre dann ein feministischer, männerhassender Film und sowas will ja niemand sehen (hahaha).
Wappen Elisabeths I. via Wikipedia
Wir müssen zurück in der Zeit: England und Frankreich – Erbfeinde bis zur Entente cordiale, die im Jahr 1904 geschlossen wurde. Begonnen hatte es irgendwann im 12. Jahrhundert. Durch allerlei Erberei, Räuberei und Schieberei gehörte ein großer Teil Frankreichs der englischen Krone. Was die französischen Könige störte. Aus persönlichen Gründen wie auch aus wirtschaftlichen. Weshalb sie versuchten, Land und Geld anderswo zu finden, was dann wiederum den englischen König ärgerte, da dadurch seine wirtschaftlichen Interessen in anderen Ländern gestört wurden. Ein Durcheinander, vermengt mit Scharmützeln, unzufriedener Bevölkerung und finanziellen Verlusten und wie immer lief alles auf Krieg hinaus. Auf einen gut Hundertjährigen. Die Franzosen verloren Land, Leute und Würde, gewannen aber das Bewußtsein als Nation, was dem Deutschen Reich erst im 19. Jahrhundert „gelang“. Was dieses Nationalbewußtsein aller Länder über die Jahrhunderte hinweg mit sich brachte … nicht jede Geburt ist ein Segen. Aber das führt viel zu weit. Das wichtige für uns ist, dass um 1340 nach all den wunderbaren Siegen der englische König begann, die französischen Lilien in seinem Wappen mitzuführen: hier, sehet her, ich habe Anspruch auf Land und Thron! Und davon rückten die herrschenden Engländer auch nicht so bald ab; auch Elisabeth trug die Lilien im Wappen:
Damit war von seiten Elisabeths sicher keine Provokation Frankreichs beabsichtigt; vielmehr war es eine liebgewordene Tradition, eine Erinnerung der Insulaner an ihre Zeit auf dem Kontinent, bevor sie von Jeanne d’Arc vertrieben wurden. Als nun aber Königin Maria I. starb, proklamierte der französische König Heinrich seine Schwiegertochter Maria Stuart zur Königin von England und ließ sie diesen Anspruch auch in ihr Wappen aufnehmen. Was auch nicht viel mehr Bedeutung hatte als die französischen Lilien in Elisabeths Zeichen: den Thronanspruch hatte Maria, was immer irgendwo gemalt oder nicht gemalt sein mochte.
Da Heinrich VIII. eine ja einigermaßen unordentliche Wirtschaft hinterließ mit all diesen Ehefrauen und Kindern und bei all dem auch die Religion eine Rolle spielte, ging man in der Suche nach legitimen Thronerben wieder eine Generation zurück zu Heinrich VII. War Elisabeth seine – protestantische – Enkelin, so war Maria seine – katholische – Urenkelin, die dazu ohne jeden Makel von Scheidung und Hinrichtung war. Für die mächtigsten Herrscher jener Zeit, allesamt gut katholisch – war sie die einzig legitime Erbin. Allerdings blieb sie doch nur ein Mädchen und da Europa kein allzu großes Interesse an der Insel hatte, zog niemand für diesen Anspruch in den Krieg.
Maria selbst war mittlerweile Königin zweier Länder und wir können davon ausgehen, dass ihr das vollauf genügte und sie die Sache mit dem englischen Thron nicht zu wichtig nahm; sie war von Geburt an Königin und erachtete diese Würde für selbstverständlich. Wenn auch ihr Thron immer wieder wankte, sie immer wieder in Gefahr geriet: dieses Gefühl von Rechtmäßigkeit dürfte ihr immer eine Sicherheit gegeben haben – sie musste immer nur um den Thron selbst kämpfen, nie um ihr Anrecht. Für Elisabeth sah das anders aus: der eigene Vater hatte ihr das Recht abgesprochen, ihre Mutter war in Schande gestorben, für die katholische Welt war sie ein Bastard, für den Kronrat das schwache Weib – alles war für sie Kampf, alles war für sie Angriff. Sie konnte und wollte diesen Anspruch Marias nicht vergessen! Von da an war Maria für sie das rote Tuch, die große Angst. Fast könnte man sagen, sie stalkte sie: was immer Maria tat und sagte, was sie trug und was sie aß – Elisabeth war informiert. Und offenbar fasziniert. Und eifersüchtig. Jajaja, ich weiß, das klingt jetzt so klein und so ganz anders als das, was ich mit meiner Schönheitsserie doch eigentlich zeigen will, aber so war es nun einmal. Es ist allerdings ein Fehler zu glauben, dies sei das einzige, was zu Streit und Hass und Tod führte: die Stutenbeißerei zweier Zicken und Tussis. Genau das war es nicht.
Elisabeth war eitel und liebte Kleider und Schmuck – je prachtvoller, je übertriebener, desto besser. Eine klassische Schönheit war sie nicht und es mag sein, dass sie selbst nicht glücklich mit ihrem Äußeren war, wann immer sie einmal Zeit fand, sich damit zu beschäftigen. Sie verlangte nach Schmeicheleien, die nicht der Königin, sondern der Frau galten (befahl diese allerdings recht königlich). Sie legte Wert auf Äußerlichkeiten, kein Detail blieb dem Zufall überlassen, sie war stolz auf ihre schlanke Figur und litt unter dem Verlust ihrer Haare in späteren Jahren, wollte als Fee, als überirdisch, als begehrenswert erscheinen. Und sieht Maria Stuart in Erzählungen vor sich stehen, sieht Gemälde, hört das überschwengliche Lob, das sie selbst doch so gerne hätte.
Maria ist meist schlicht gekleidet, verzichtet auf Dutzende Rüschen und kiloweise Perlen, scheint sich gar nicht um ihr Aussehen zu kümmern, ist von Freunden und Freundinnen umgeben. Wohin sie auch geht: sie fällt auf selbst im dunklen, schmucklosen Kleid. Ihr fliegt – wieder einmal – zu, worum Elisabeth sich bemühen muss. Wie gerne hätte Elisabeth etwas negatives entdeckt, aber Maria ist nicht nur eine äußerlich schöne Frau, sie kann ihr auch sonst das Wasser reichen: reitet eben so gut, spricht ebenfalls viele Sprache, weiß sich auszudrücken, musiziert und tanzt. Schauen wir uns die wenigen erhaltenen Portaits Marias an, so sehen wir eine eher unscheinbare Frau. Aber jeder, der sie kannte, schwärmte von ihr und erklärte, dass keines ihrer Bilder ihr jemals gerecht geworden seien. Elisabeths Abbilder hingegen wurden oft als geschönt wahrgenommen.
Sagen wir es einmal so: hätten beide in den 1990ern geherrscht, dann wäre Elisabeth in Escada und Versace aufgetreten, Maria in Jil Sander und Armani. Mehr Gegensatz geht kaum:
Modified
Original
Als Maria als Witwe zurück nach Schottland reist, erbittet sie zuvor die Passage durch England, was eine kürzere und sicherere Reise über See bedeutet hätte. Elisabeth verweigert die Durchreise, da sie zuvor auf der Anerkennung eines noch mit Maria de Guise (Marias Mutter und Regentin Schottlands) getroffenen Vertrages besteht, in dem Maria die Führung des englischen Wappens verboten und ihr Anspruch auf die englische Krone gestrichen wird. Was wiederum Maria ablehnt: Anspruch ist Anspruch, zumal, wenn es – ausnahmsweise unter Königs – mal ein rechtmäßiger ist. Da ging es los. Oder besser weiter nach Jahrhunderten englisch-französischer Animositäten.
Maria ist in Schottland, sieht sich dort von allen Seiten konfrontiert und beginnt, ihre Angelegenheiten fern der Guise-Onkel zu regeln. Und in diesen unruhigen Zeiten stehen Sicherheit und Zukunft ganz oben und das bedeutet: den Anspruch auf den englischen Thron sicher in der Hinterhand zu haben und gleichzeitig Frieden und Einigkeit zwischen England und Schottland herzustellen. Am liebsten beides auf einmal: Cousine Elisabeth als Freundin und Verbündete in dieser Männerwelt. Es macht Sinn. Und so wird geschrieben und versichert und gebeten und ausgewichen. Mal lädt die Eine ein, sich zu treffen, dann tut es die Andere, nur begegnen werden sie sich nie. Auf Marias Seite sind es wahrhaftig Terminschwierigkeiten: mit John Knox und dem gierigen Halbbruder, den Morden und Schwangerschaften in den wenigen schottischen Jahren – da bleibt kaum eine Möglichkeit, gefahrlos für einige Zeit zu verreisen und bei der Rückkehr den Thron noch frei wieder zu finden. Elisabeth hingegen spielt, wie sie es immer tut: verzögern, verschleiern, versprechen, vergessen. Auch sie will Sicherheit. Ihre jüngere, attraktivere Cousine, die Gallionsfigur der Katholiken, erscheint ihr als Gefahr, die gebannt werden muss. Beispielsweise durch einen Ehemann, der Elisabeth zugetan ist und Maria positiv beeinflußen könnte und der sie beschäftigt. Wahrhaftig kommt Elisabeth auf die Idee, ihren Robin abzugeben. Sie bemüht sich sehr, ihm die Sache schmackhaft zu machen, doch so recht will er nicht. Noch hofft er ja, im eigenen Lande König zu werden. Und verheiratet ist er zudem. Was Elisabeth sich bei diesem Plan genau gedacht hat, ich kann es nicht nachvollziehen.
Nun ist es ja nicht so, als ob Maria in Schottland nicht auch genug erführe von dem, was in England vor sich geht. Sie bemüht sich um ein gutes Einvernehmen, ist zu allen Zugeständnissen bereit, wenn nur ihre Cousine, ihre Schwester im Geiste, ihre Mit-Insularin ihr verspräche, sie zur Thronfolgerin einzusetzen, damit das Thema endlich ruhen könne. Zum Zeichen ihrer Bereitschaft sendet sie ihren Botschafter Sir Robert Melville an Elisabeths Hof. Er ist gewandt, gebildet, gut aussehend und Elisabeth möchte die Gelegenheit nutzen, ihn und damit Maria nachhaltig zu beeindrucken, empfängt ihn mehrmals am Tage, jedesmal in einem anderen Gewand, geschmückt und geputzt und gibt ihm zu verstehen, dass sie von den Heiratsplänen Marias mit dem spanischen Thronfolger nicht angetan ist, das wäre ihr doch gar zu viel des Katholischen vor ihrer Haustür und führt stattdessen Robert Leicester wie ein Schoßhündchen vor. Was den Diplomaten befremdet und Maria endgültig verärgert: einen abgelegten Liebhaber ihrer Cousine würde sie ganz sicher nicht zum Manne nehmen, auch nicht um des lieben Friedens willen.
Aber Sir Melville weiß noch mehr zu berichten: so fragt ihn Elisabeth immer und immer wieder aus, wie groß Maria denn wohl sei, wie sie tanze, wie sie sänge? Ah, sie sei größer als sie, dann sei sie wohl übergroß (nunja, 1,80 m gilt auch heute noch als nicht eben klein für eine Frau). Wer den helleren Teint habe? Ach, die arme Maria sei halt arg dunkel. Und sie tanze nicht ganz so majestätisch, das habe sie wohl schon geahnt. Und Elisabeth, diese talentierte, kluge und scheinbar so überlegene Frau ist sich nicht zu schade, ihn, den geprüften und geplagten Diplomaten ganz klar zu fragen, wer denn die Schönere sei: sie selbst oder Maria? Aber Diplomat wird man nicht ohne weiteres und so antwortet Sir Melville jedes Märchen vorwegnehmend: Elisabeth sei die Schönste hier und Maria die Schönste in Schottland. Es wundert uns nicht, dass er in Schottland die Vermutung aussprach, Elisabeth könne eventuell, vielleicht und unter Umständen ein klein wenig eifersüchtig sein.
Wie auch immer, anstatt näher zu einander zu finden, entfernten sich beide Königinnen immer weiter, was auf einer kleinen Insel mit zwei Reichen eine ungünstige Situation ist. Und die Mär von der weiblichen Solidarität auf die Probe stellt. Was immer die Eine tut, die Andere wittert eine Provokation. Marias Heirat mit Darnley, der trotz seiner schottischen Wurzeln englischer Staatsbürger und dazu noch ein weiterer Thronprätendent ist, erzürnt Elisabeth: er hätte um Erlaubnis fragen, Maria hätte um Entscheidungshilfe bitten müssen – diese Heirat ist in ihren Augen ein direkter Angriff auf ihren Thron. In den privaten Briefen zwischen beiden wird Freundschaft beschworen, in den diplomatischen Noten Konsequenzen angedroht. Als Darnley ermordet wird, reagiert Elisabeth gewohnt ambivalent: nach außen hin lässt sie verlautbaren, dass sie jeden Verdacht an Marias Mitschuld für unmöglich hält, im kleinen Kreis – der Kreise zieht – fragt sie sich, was geschehen sein mochte und weckt Zweifel an Marias Charakter.
Es ist aber auch schwierig: alles, was Maria als gesalbte Königin tut, kann auf jede andere Königin zurückfallen und so ist Elisabeth gezwungen, im eigenen Interesse zu ihr zu halten. Auf der anderen Seite stellt Marias Existenz eine stetige Gefahr dar – Maria selbst wahrscheinlich weniger als diejenigen Engländer, die Elisabeth und ihre Regierung nicht wollen; Maria ist schlicht eine andere Möglichkeit, die genutzt werden könnte. Letztenendes werden die Unzufriedenen Englands nicht Elisabeths, sondern Marias Ende bedeuten.
So lange Maria wohlverwahrt in Schottland ist und dort um ihre Krone kämpft, mit Kinderkriegen und Heiraten beschäftigt ist, ist Elisabeth scheinbar gesprächsbereit. Als aber alles über Maria zusammenbricht und sie auf englischem Boden als Flüchtige gelandet ist, da – ja, da weiß auch Elisabeth zunächst einmal nicht weiter. Lässt sie zu, dass eine Königin von Gottes Gnaden einfach so von ihrem Volk abgesetzt werden kann, so würde dies ein Beispiel für ihr eigenes Land bedeuten und Meuterer, zudem Katholische, gibt es genug. Was also tun? Maria erwartet ganz selbstverständlich das, was sie selbst wohl getan hätte: eine Einladung an den Hof und eine Armee, um ihr Land zurück zu erobern. Oder einen Ruhesitz nahe des Hofes? Vielleicht eine Rückreise nach Frankreich? Im schlimmsten Falle einen Klosteraufenthalt?
Nun, Elisabeth schindet Zeit, wie üblich. Lässt Maria in eine Art Gästehaus verbringen, lässt sie vertrösten, reagiert verzögert auf Schreiben, sagt heute dies, morgen das und entscheidet erst einmal nichts. Diese Situation mit all ihren möglichen Konsequenzen bereitet ihr durchwachte Nächte und kalt und herzlos ist sie auch nicht. Was kann man tun? Sie ist durchaus willens, militärisch einzugreifen und Maria auf den schottischen Thron zurück zu bringen, wenn diese nur endlich den Anspruch auf die englische Krone aufgäbe – so sehr Maria Hilfe erhofft: dieser Preis ist ihr zu hoch. Doch auch die englischen Lords sind nicht einverstanden: müsse nicht erst einmal geklärt werden, ob Maria in den Mord an ihrem Mann vewickelt sei? Eine Mörderin sei es wohl kaum wert, ihretwegen Krieg zu führen.
Der Prozess beginnt. Maria bestreitet dessen Rechtmäßigkeit: als Königin könne sie nicht vor einen gemeinen Gerichtshof gestellt und von diesem abgeurteilt werden. Von Schottland treffen die sogenannten Kassettenbriefe ein: Briefe, die angeblich von Maria und Bothwell geschrieben wurden und aus denen klar wird, dass beide schon vor Darnleys Tod ein Paar waren und der Mord geplant. Maria erklärt, dies seien Fälschungen. Bis heute weiß man auch hier nichts genaues, denn die Originale wurden vernichtet. Insgesamt passen diese Briefe zu gut in die Absichten Elisabeths und in die von Marias Halbbruder, der jetzt endlich, endlich in Schottland das Sagen hat. Der Prozess endet ohne rechtes Ergebnis wie von Elisabeth gewünscht und Maria bleibt in Haft.
Eine Haft in immer unbequemeren Häusern, mit immer strengeren Wärtern und immer weniger Zugeständnissen. Ihre Dienerschaft wird reduziert, der Kronrat beginnt, über die Kosten zu jammern und Elisabeth zögert und zögert. Und wird dem Volk gegenüber strenger und strenger. Die Unzufriedenen werden mehr und sie suchen nach einer Veränderung und finden sie in Maria Stuart. Immer wieder kommt es zu Verschwörungen, die entweder dem politischen Unwillen, dem religiösen Hass oder einer romantischen Idee entspringen: dort ist unsere wahre Königin, schön und unschuldig, hinter Kerkermauern, während ein Bastard uns mit harter Hand regiert …
Inwieweit Maria Stuart ihre Hand im Spiel hatte, treibend war – wir sagen es im Chor: man weiß es nicht genau. Es wurden ihr Fallen gestellt und in eine tappte sie hinein, in dem sie einen Brief beantwortete. Das sind Geschichten für die Ewigkeiten von geschmuggelter und überwachter Korrespondenz, von Neid und Eifersucht und Macht. Ganz klar ist, dass sie den Komplotten zur Absetzung Elisabeths zunehmend wohlwollend gegenüberstand und sich immer mehr zu schriftlichen Aussagen in diesem Sinne hinreißen ließ. Hätte sie um 1570 herum doch noch auf den englischen Thronanspruch verzichtet, so wäre es Elisabeth lieb gewesen, ihr den schottischen Thron zurück zu erobern. Aber da war Maria bockig: was genau sie sich versprach davon, wer kann das wissen? Das Selbstverständnis herrschender Könige war zu allen Zeiten ein anderes als das eines Bäckers.
Nach 18 Jahren Haft und dem unermüdlichen Versuch Marias, Elisabeth zu einem persönlichen Treffen zu bewegen, war der Bogen überspannt. Elisabeth sah nur eine Möglichkeit, die ständigen Verschwörungen und Attentatsversuche auf ihr Leben zu beenden: Maria als Symbol der Aufständischen und Unzufriedenen musste weg. Beweismaterial war zu Genüge vorhanden, der Kronrat wartete schon seit Ewigkeiten auf die Gelegenheit und so kam es erneut zum Prozess, an dessen Ende Maria des Hochverrates für schuldig befunden wurde. Das Urteil lautete auf den Tod.
Doch Elisabeth ließ sich Zeit mit der Unterzeichnung des Urteils. Nicht etwa, weil sie sich mitschuldig am Schicksal ihrer Cousine und Kollegin fühlte, sondern weil die Hinrichtung einer rechtmäßigen Königin ein ungutes Beispiel setzen könnte. Wahrhaftig versuchte sie den Wächter Marias – Sir Amyas Paulet – mit Andeutungen und Hinweisen dazu zu bekommen, Maria im Schlafe zu ermorden. Das lehnte er ab und so kam es zu Marias letztem großen Auftritt am 18. Februar 1587 im Schloß Fotheringhay.
Ein schöner Tag zum Sterben?
Kurz vor 10 Uhr betrat sie den Saal in einem schwarzen Kleid, einen weißen Schleier auf dem Haupte und zwei Rosenkränzen an Kleid und Hand. Bevor sie niederkniete, legte sie das schwarze Überkleid ab und ein rotes Unterkleid kam zum Vorschein – ein dramatischer Effekt, den alle Beobachter notierten. Bei der Wahl des Henkers hatte man keine allzu große Sorgfalt walten lassen: er war unerfahren und nervös und benötigte drei Schläge mit der Axt, bevor seine Arbeit getan war. Als er den Kopf griff, um ihn zum Beweis zu zeigen, habe er nur eine Perücke gefasst, was dazu führte, dass Marias Kopf wegrollte. Des Dramas nicht genug, sei noch ihr kleiner Schoßhund unter ihren Röcken hervorgekrochen. Diese Berichte machten Maria Stuart endgültig zur romantischen Heldin.
Abguß von Marias Totenmaske
Ob Elisabeth ihre Feindin vermisst hat? Es war die Frau, die Elisabeth am meisten interessiert hat, an deren Schicksal sie den größten Anteil genommen hat und die ihr vielleicht die beste Vertraute hätte sein können – die einzige Frau, die verstand, welche Aufgabe Elisabeth zu erfüllen hatte und welche Vorurteile widerlegt werden mussten. Hätte ein Treffen etwas an der Geschichte geändert? Hätte Elisabeth für Beistand in Schottland gesorgt, wenn Maria auf den englischen Thron verzichtet hätte? Wäre die ganze Geschichte von vorneherein anders gelaufen, wenn es für die männliche Welt um sie herum NICHT wichtig gewesen wäre, wie schön eine Frau zu sein hat?
Elisabeth bei Mme. Tussaud
Was mir bei der Betrachtung historischer Persönlichkeiten bis heute mißfällt, ist der selbstverständliche Sexismus, mit dem diese Betrachtung erfolgt: Schauen wir uns männliche Herrscher an, so ist auch dort die Rede von Charaktereigenschaften, aber sie spielen keine Rolle mehr, sobald es um Politik geht – selbst der absurdeste Thronanspruch wird noch ernst genommen und mit dynastischen oder wirtschaftlichen Gründen erklärt.
Bei Maria wird das Bestehen auf einem reellen Anspruch hingegen zu weiblicher Torheit, zu falschem Ehrgeiz, zum „selbst schuld an dem, was kommt“. Marias und Elisabeths Zwist hatte politsche Gründe, aber er fand auch Nahrung im persönlichen Erleben der beiden. Das „Größer, länger, reicher-Spiel“ der Männer hingegen wird seltenst mit Eitelkeit, Gier oder Profilsucht erklärt. Jeder in seinem Kern noch so lächerliche Konflikt wird hier rein faktisch dargestellt.
Ein Sonnenkönig beispielsweise kann seine Mätressen wechseln, wie er will und wird dafür noch gute Gründe untergeschoben bekommen, ja, dadurch erweist er sich erst als Manns genug, um einen Staat zu lenken. Katharina die Große hingegen kann nicht durch ihre Erfolge glänzen, ohne sich einen Hinweis auf ihr Schlampentun ersparen zu können. Während Ludwig der XIV. ein Wunder der Natur ist, regieren, essen, trinken, jagen, bauen und lieben kann und das alles zur gleichen Zeit und durch seine Mätressen beweist, dass er immer alles in der Hand hat, ja, sich nicht einmal vom Weibsvolk das Hirn vernebeln lässt, ist Katharina nahe an der Perversität, ihren Lüsten hilflos ausgeliefert und hat dabei nur das große Glück, immer wieder auf gute Männer zu treffen, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihr das Regieren durch Mithilfe erleichtern. Ja, genau so wird es gewesen sein …
Ohne lange Vorrede geht es los mit Elisabeth Tudor, Königin von England, nach der als erster ein Zeitalter benannt wurde und die England zur Seemacht führte.
Elisabeth als Dreizehnjährige
Elisabeth wurde am 7. September 1533 als Tochter Anne Boleyns und Heinrich VIII. geboren und ihr erster Eindruck von dieser Welt muss wohl Enttäuschung gewesen sein: sie war nicht der erwartete männliche Thronfolger, ihr Vater kein liebender Beschützer und ihre Mutter würde nicht mehr lange für sie da sein – kein schöner Beginn. Und es blieb holprig, schwierig und gefährlich in ihrer Kindheit und Jugend.
Katharina Parr
Nach der Hinrichtung ihrer Mutter und der Geburt ihres Halbbruders Edward wurde sie gemeinsam mit ihrer älteren Halbschwester Maria Tudor von der Thronfolge ausgeschlossen und erst durch Betreiben Katharina Parrs, Heinrichs letzter Frau, wieder eingesetzt. Katharina bemühte sich sehr um das ruhige, undurchschaubare Mädchen, das schnell gelernt hatte, seine Gefühle und Gedanken zu verbergen – Elisabeth erkannte früh, dass ein unvorsichtiges Wort am falschen Platze den Kopf kosten konnte. Diese Fähigkeit, sich zu verstellen, Dinge unausgesprochen zu lassen und sie dennoch durchzusetzen, sollte charakteristisch für sie werden. Und für diejenigen, die einer Frau den Thron nicht zutrauten, ein Beweis von Zaudern, Zagen und Ziellosigkeit des weiblichen Geschlechtes sein. Nun, 1547 starb ihr Vater und ihr neunjähriger Bruder bestieg den Thron. Er und Elisabeth hatten als Erste der Königsfamilie eine protestantische Erziehung erhalten, während ihre Schwester Maria eine sehr strenggläubige Katholikin war, die sich nach der Restauration des Glaubens sehnte – das wird für Elisabeth zur Feuerprobe werden.
Thomas Seymour
Zunächst einmal aber lebt sie am Hofe ihrer Stiefmutter Katharina, die sich nun endlich mit Thomas Seymour verheiraten kann – wir erinnern uns, sie gab ihn auf, als Heinrich ihr erklärte, sie habe seine Frau zu werden. Ob Thomas all ihr Sehnen und Schmachten wert war? Attraktiv soll er gewesen sein, an der Macht interessiert und offenbar an jungen Mädchen. Katharina war schwanger und Thomas hielt es für eine gute Idee, sich dem Schützling seiner Frau zuzuwenden – ganz harmlos natürlich. Was konnte schon dabei sein, in das Schlafzimmer der noch schlafenden Vierzehnjährigen zu gehen, um sie dort durchzukitzeln oder auf den Po zu klopfen? Sie war doch nur ein Kind und er übte gewiß nur für seine Vaterrolle. Seine Frau sah das nicht so und auch Elisabeths Gouvernante war empört. Wie Elisabeth das erlebte – wie immer: wir wissen es nicht. Meist wird es so ausgelegt, dass sie nicht abgeneigt gewesen sei, sich neugierig habe küssen lassen. In diesen Zeiten war sie nahezu heiratsfähig und sowieso genieße doch jedes Mädchen männliche Aufmerksamkeiten, aber wieder einmal habe ich Schwierigkeiten, mir das vorzustellen: während deine geliebte Stiefmutter durch Schwangerschaft an ihren Raum gefesselt ist, tritt ihr Mann dir immer wieder nahe, erscheint im Nachthemd – für diese Jahre mehr oder weniger nackt – an deinem Bett und schmeichelt dir in einem fort … Ich finde es verblüffend, dass man aus ihrem eher stillhaltenden Verhalten, ihrem Erröten nichts anderes als Einverständnis hat ablesen können, obwohl sonst immer von ihrer Doppelzüngigkeit, ihrem geschmeidigen Oppurtunismus die Rede war. Aber wie bei Maria Stuart: kommt erst einmal ein richtiger Mann daher, dann kann das Weib ja gar nicht anders, als sich wohlig seufzend zu ergeben.
König Edward
Wie es auch gewesen sein mag: Katharina starb im Kindbett und Thomas zögerte nicht lange, Elisabeth seine Hand anzubieten. Dass Elisabeth nicht gleich ablehnte, dass über Notare die Vermögensaufstellungen beider abgegelichen wurden, das schien Beweis dafür zu sein, dass Thomas Seymour ihre erste Liebe gewesen sei. Doch Eheschließungen des Adels mussten vom Kronrat abgesegnet werden. Dem der Lordprotektor vorstand. Der, die Welt ist so klein, sein Bruder war. Thomas gönnte ihm die bevorzugte Stelle als Lieblingsonkel des Königs nicht. Die Seymours hatten ja schon tüchtig nachgeholfen, Anne Boleyn für ihre Schwester Jane aus dem Weg zu räumen, nun gingen sie sich gegenseitig an den Kragen, was mit der Hinrichtung Thomas endete. Sich einfach eine Prinzessin unter den Nagel reißen zu wollen – das hätte er mal besser bleiben lassen. Sein Ende nahm Elisabeth recht gelassen hin, viel übler war für sie, dass sie nun verdächtigt wurde, keine Jungfrau mehr – also für den königlichen Heiratsmarkt wertlos – zu sein. Schlimmer noch: sie wurde verdächtigt, den Thron durch Mord an ihrem Bruder erhalten zu wollen.
Doch Elisabeth war eine bemerkenswerte junge Frau: galt schon ihre Mutter als gebildet, sie war es noch mehr. Sie sprach sechs Sprachen fließend, las und übersetzte philosophische und religiöse Abhandlungen, musizierte, tanzte, ritt, war rhethorisch nahezu unschlagbar und in der Lage, sich immer den gewünschten Anschein zu geben, musste also eine große Kontrolle über sich haben. Dank all dieser Gaben konnte sie sich von jedem Verdacht befreien, doch immer wieder würde man diese alten Kamellen hervorholen, wenn es darum ging, ihr schaden zu wollen. Ihr Talent als Studentin führt übrigens zum ersten Mal dazu, dass sie als unweiblich wahrgenommen wird: ihre Hauslehrer, allesamt Meister ihres Fachs, loben sie in ihren Briefen einhellig, ihren scharfen Verstand, ihre schnelle Auffassungsgabe, ihren Geist, ihre Ausdauer – das alles sei über jedes Maß vorhanden. In diesen Dingen sei sie nicht das schwache Weib, sondern besitze geradezu männliche Gaben. Eine denkende Frau beweist also nicht, dass Frauen denken können, sondern nur, dass eine von ihnen männliche Eigenschaften habe. Elisabeths spätere Inszenierungen ihrer selbst werden immer zwischen diesen beiden Polen wandern: weibliche Körperlichkeit, männlicher Geist.
Maria Tudor
Im Juli 1553 starb Edward und benannte Jane Grey, eine Kusine Marias und Elisabeths zur Nachfolgerin und hier wird es – typisch für die englische Thronfolgerei – kompliziert: alle sind irgendwie untereinander verwandt, alle haben irgendwie Anspruch auf den Thron. Da wären nun also vier Frauen, die Königin werden könnten: Maria Tudor, Elisabeth Tudor, Maria Stuart und Jane Grey. Wer sich interessiert, kann nun für Wochen in dieses Durcheinander eintauchen und vergleichen, wer weshalb wieviel Anrecht hat und wer nicht. Wie auch immer: die beiden Tudor-Schwestern sind zwar Thronfolgerinnen, aber dennoch hatte ihr gütiger und weiser Vater es verabsäumt, sie auch wieder zu legitimieren, also als seine rechtmäßigen Töchter anzuerkennen. Edward war da, Edward sollte König werden, damit war für Heinrich alles geregelt.
Die junge Jane Grey bestieg als Protestantin den Thron und machte sich noch in der gleichen Sekunde beim Volk durch hartes Durchgreifen unbeliebt. Maria hingegen war bekannt und beliebt – schlicht deshalb, weil sie für den Großteil der einfachen Menschen die einzige echte Königstocher der einzigen echten Königsgemahlin war. Maria proklamierte sich selbst zur Herrscherin und nach kurzem Hin und Her und einigen Metzeleien zog sie gemeinsam mit Elisabeth in London ein; Jane Grey landet im Tower, wo sie ihr Ende unter dem Schwert finden wird – ein Ergebnis, das Maria Tudor nicht wollte. Auch hier können wir uns fragen, wie das auf Elisabeth wohl wirkte: immerhin hatte sie mit Jane gemeinsam bei Katharina Parr gelebt; Thomas Seymour soll übrigens auch Jane nachgestellt haben.
Maria Tudor also saß nun auf dem Thron und versuchte, die Zeit zurück zu drehen: sie heiratete den spanischen König Philipp, der immer wieder einmal zu Besuch kam, und wollte England in den Schoß der Mutter Kirche Roms zurück führen. Damit war es aus mit der Beliebtheit beim Volk, das auf einmal wieder auf Latein beten sollte. Mißtrauisch verfolgte sie jeden und bald war ihr auch Elisabeth verdächtig. So wie Jane Grey sterben musste, weil sie als Ikone der protestantischen Bewegung galt, so war auch Elisabeth deren Idol – in den Augen der Protestanten war Elisabeth die eigentliche Königin. Immer wieder verlangte Maria nach ihr, befragte sie scharf, verlor dabei auch die Contenance, schwankte zwischen verwandtschaftlicher Loyalität und Hass, der sich aus vielem heraus entzündete: Elisabeth als Tochter Anne Boleyns – hassenswert. Elisabeth als die Jüngere, die Kinder würde bekommen können – hassenswert. Elisabeth als die rein Englische – hassenswert. Noch vor Marias Heirat wurde eine Verschwörung aufgedeckt, die Elisabeth auf den Thron hätte hieven sollen; Elisabeth wurde in den Tower verbracht. Wie sie das empfand, welche Ängste sie gehabt mag – man weiß es nicht. Immer wieder wird behauptet, sie habe ihren Vater bewundert, verehrt, geliebt. Ich kann das kaum glauben: einen Mann, der sich kaum um sie kümmerte, der ihre Mutter töten ließ und nur an sich dachte? Es wird eher ein öffentliches Bekenntnis gewesen sein, um ihren Thronanspruch zu untermauern: „Sehet her, ich bin die Tochter dieses wahren Königs!“ Aber im Tower festgehalten wird sie wohl oft an ihre Mutter und deren Ende gedacht haben; sie besaß einen Ring Annes mit deren Portrait, den sie zeitlebens trug und sorgte später immer für ihre Verwandten mütterlicherseits. Hier zeigt sich wieder einmal ihre Fähigkeit, nach außen anders zu erscheinen als es nach innen zu sein. Ihre Beteiligung konnte nicht nachgewiesen werden und Elisabeth wurde aus dem Tower entlassen; von Maria weiterhin mißtrauisch beäugt. Elisabeth hielt still und sich aus allem heraus, erschien nach außen gar katholisch. Bis Ende 1558 musste sie dieses Schauspiel durchhalten, dann starb Maria, geschwächt von vielen Scheinschwangerschaften an Unterleibskrebs, weder von Volk noch Ehemann sonderlich betrauert.
Elisabeth war nun die Herrscherin eines Landes, das von Religionszwisten zerrissen, mit Frankreich im Krieg und wirtschaftlich am Boden war; all diese Schwierigkeiten löste sie in Rekordzeit, sozusagen als erste Amtshandlung. Wie Maria Stuart auch, war sie keine Fanatikerin in religiösen Fragen, aber deutlich weniger tolerant: sie erhob die anglikanische Kirche erneut zur Staatskirche, schon alleine deshalb, um nochmals ihre Legitimität als Tochter des ersten protestantischen Herrschers und seiner ersten protestantischen Frau zu unterstreichen. Auch ihre „Reinrassigkeit“ ohne jeden Tropfen ausländischen Blutes ließ sie gerne besingen. Überhaupt war sie Werbemaßnahmen gegenüber nicht abgeneigt: sie erschien nach all den wechselnden Königen und Königinnen als rettender Engel, ihr eher unscheinbares und blasses Äußeres erhob sie als Licht aus der dunklen Masse heraus.
Elisabeth im Krönungsornat 1559
Dem Land ging es schnell besser, Elisabeth machte ihre Sache perfekt, das konnte doch nicht so weitergehen. Immerhin war sie eine Frau, da musste man ja jeden Augenblick mit einer Katastrophe rechnen. Und einen Thronfolger brauchte man ebenfalls. Also stand ganz schnell, im Grunde in der Sekunde ihrer Krönung, die wichtigste Frage zur Debatte: Wen solle sie heiraten? Für Elisabeth war sicher schon lange vor ihrer Thronbesteigung klar, dass sie und sie alleine die Macht in Händen halten wolle und wenn man heute Scheidungskindern zubilligt, Beziehungen gegenüber skeptisch zu sein, um wieviel skeptischer dürfte Elisabeth wohl sein? Eine Ehe war sicherlich nicht ihr größter Lebenstraum.
Robert Dudley, Earl of Leicester
Auf der anderen Seite aber war da Robert Dudley, ihr geliebter Robin, den sie seit Kindertagen kannte, der ständig in ihrer Nähe war. Wäre er nicht schon verheiratet gewesen … wer weiß? Doch der Kronrat bevorzugte eh einen ausländischen Kandidaten, um Bündnisse (die selten die Flitterwochen überstanden) zu schließen. Und wie in Schottland hätte kein Lord dem anderen die Königin gegönnt. Elisabeth hörte sich jeden Vorschlag geduldig an, schien auf jeden einzugehen, spielte mit – und entschied sich für keinen. Sie tändelte hier, spielte dort, schickte Bildchen an diesen und Briefe an jenen, ließ Bewerber kommen, tanzte, plauderte und flirtete, machte Prinzen und Kronrat Hoffnungen und bedauerte dann zutiefst. Es war wie im Märchen vom König Drosselbart: dieser zu katholisch, jener zu unbedeutend, dieser zu jung, jener zu alt; dieser will England erobern, jener England ausbluten und überhaupt habe sie gerade keine Zeit, – sie habe wichtigeres zu erledigen. Der Kronrat verzweifelte, man machte ihr Vorhaltungen, denen Elisabeth oberflächlich zustimmte: Ja, sie sei ein schwaches Weib, ja, sie sehne sich nach Mutterschaft, jajajaja. ABER! Dieses Theater spielt sie sieben Jahre lang mit, dann verbietet sie ihrem Kronrat jede weitere Einmischung. Doch als sie schon weit über das Kinderkriegenkönnen hinaus war und niemand mehr eine Heirat von ihr verlangte, brachte sie selbst immer wieder einmal einen Kandidaten ins Spiel.
Königin Elisabeth mit etwa 50 Jahren
Wie keine andere, wie kein anderer, verstand Elisabeth es, sich gut zu verkaufen: keine gute Tat, keine Tat überhaupt blieb unbenannt und in Schriften, Flugblättern und Pamphleten weiter getragen. Bald schon sprach sie von sich als der königlichen Jungfrau, die nur mit England und England allein verheiratet sei, der ihr Volk die Kinder seien und die nichts anderes im Sinne habe, als sich mit Leib und Leben, mit Geist und Verstand für diese Kinder, diesen Boden einzusetzen.
Im Laufe der Jahre ließ sich die Jungfrau – hold und rein und jung – schlechter darstellen: Elisabeth wandelte sich in ihrer Darstellung zur Feenkönigin, die weise, edel und gut, als ein fast schon überirdisches Wesen über ihr Reich wachte. Immer wieder im Sommer reiste sie mitsamt ihrem Hofstaat durch das Land, um sich dem Volk verständnisvoll und mütterlich zu zeigen und dabei so manch einen Edelmann zu ruinieren, indem sie bei ihm übernachtete. Unkompliziert sei sie und er solle sich nicht anstrengen, ihr etwas Besonderes zu kredenzen, so ließ sie gerne wissen. Ihre Untergebenen deuteten ihre Anspruchlosigkeit richtig: mit simplen Genüssen und schlichter Wohnstatt wäre sie schnell unzufrieden gewesen. Diese Reisekönigin zieht noch heute als Queen Bess durch viele Anekdoten und es wimmelt von englischen Landsitzen, die mit einem Schlafzimmer aufwarten können, in denen Elisabeth nächtigte – bringt sicher ein gutes Pfund mehr im Eintrittskartenverkauf ein.
Elisabeth schaffte vieles, war politisch meist weitsichtig, ging aus vielen Auseinandersetzungen als Siegerin hervor und begann sicher wie andere Herrscher auch mit den besten Vorsätzen, ja, sie begann sogar mit besseren persönlichen Vorraussetzungen als die meisten. Doch im Laufe der Jahre gab es immer wieder Unruhen und Elisabeth erwies sich als echte Tudor: immer strenger wurden die Gesetze, immer schärfer die Verbote, immer drakonischer die Strafen und bald reichte es nicht mehr aus, nur nette Schriften und feengleiche Abbildnisse in Umlauf zu bringen – Streitschriften und hämische Pamphlete mussten eingesammelt und vernichtet werden, Schreiber, Verleger und Drucker zum Schweigen gebracht werden. Was noch weniger Freunde macht, noch mehr Druck erzeugt. Und da kommt Maria Stuart wieder ins Spiel, aber davon, liebe Kinder, berichte ich euch beim nächsten Mal (wer erinnert sich an diese Sendung?)
Unbestritten ist, sie hat ein mächtiges Reich, eine Seemacht und damit die Vorrausetzungen für das Britische Imperium geschaffen. Sie musste dabei gegen Vorbehalte ankämpfen, denen sich kein König je stellen musste: sie hatte das falsche Geschlecht, war damit eine Gottesstrafe für Thron und Land, und alles, was sie tat, wurde danach beurteilt, dass sie eigentlich gar nicht könne, was sie tat. Und wenn man schon nicht abstreiten kann, dass diese Herrscherin großes für ihr Land leistete, dann kann man doch immerhin bestreiten, sie sei wirklich eine Frau gewesen. Es gibt wahrhaftig Thesen, die sie zu einem Hermaphroditen (das wäre ja auch zu schrecklich!) oder gleich zu einem Mann machen. Elisabeth sei als Kind schon gestorben und man habe dem liebenden Vater einen rothaarigen Jungen untergeschoben, da dieses Kind ihr von allen verfügbaren am ähnlichsten gewesen sei; ansonsten habe man den Zorn des Fürsten fürchten müssen. Man müsse sich ja nur ihre Portraits anschauen: diese Nase, diese langen Händen, der Körperbau, der 90-60-90 so ganz vermissen lasse, ihr deckendes Bleiweiß-Make up, die Perücken, die pompös überladenen Kleider. Wie immer kommt man zum Schluß, dass, wenn eine Frau etwas schafft, mit ihr etwas nicht stimmen könne. Schafft sie es nicht, so stimmt das Bild wieder, das da sagt, dass Frauen eben nichts schaffen können.
Wie Elisabeth selbst sich wahrnahm? Sie war eine sehr eifersüchtig, wie auch ihr Vater es schon war. Durchaus von sich überzeugt, aber typisch weiblich an ihrem Äußeren zweifelnd und daher sehr begierig, sich immer gelobt und bewundert, geliebt und angebetet zu sehen. In ihren späten Lebensjahren wird diese Koketterie, dieses Gieren nach Komplimenten für Spott und Häme sorgen. Hinter ihrem Rücken natürlich, nach vorne hin wurde sie mit dem Gewünschten bis zur Lächerlichkeit hin bedient; kaum ein Lob war ihr ausgefallen oder übertrieben genug.
Elisabeth mit etwa 60 Jahren
Ihr geliebter Robin starb 1588; ein zweiter Robert tauchte auf, der der alternden König den Hof machte und sie dann hinterging, einen Aufstand anzettelte und das mit seinem Leben bezahlte. Hat sie sich nach einer Beziehung gesehnt, hat sie eine oder mehrere unterhalten? Von Gegnern wurde ihr das vorgeworfen, verlogen und triebgesteuert wie ihr Vater, unehrlich und ehrgeizig wie ihre Mutter sei sie. Eitel, egoistisch, eigensinnig. Kritisch, kokett, klatschsüchtig. Aber vermutlich auch oft sehr einsam, traurig und von der alleinigen Verantwortung für einen Staat, der zwischen so vielen Ansprüchen zerissen war. In den letzten Jahren ihrer Regierung sehnte sich das Land nach einem frischen Wind. Im Alter von 69 Jahren starb Elisabeth I. am 24. März 1603 nach 45 Jahren Regierungszeit; die Legendenbildung um sie als der jungfräulichen Feenkönigin hatte schon lange vor ihrem Tode eingesetzt und hält bis heute an.