Andrea Instone

Licht & Schatten

Kategorie: Autorinnenleben

  • Das Schreiben in bedrohlichen Zeiten

    Das Schreiben in bedrohlichen Zeiten

    Vor längerem schon hatte ich darüber geschrieben, wie es mir bei dem Gedanken geht, Emma – meine erste und fleißigste Heldin – in das Dritte Reich zu führen. Ich glaube, damals hatte ich sogar vor, sie länger als bis zum Sommer 1936 in Bonn bleiben zu lassen. Zumindest hatte ich das vor, als ich merkte, dass ich dieses erste Buch nicht nur zu Ende schreiben, sondern die Geschichte fortführen würde.

    Doch als Emma in die 1930er eintrat, da hatte sich schon unsere Gegenwart so sehr verändert, dass mir wahrhaftig Mut und Puste ausgingen, die Jahre bis zu Hitlers Regierungsübernahme zu schildern. Ich machte einen Sprung vom Herbst 1930 in den Sommer 1933 – und floh. Halbwegs zumindest, denn natürlich begleite ich Emma nun in England und obwohl sich die Vorzeichen ihres Alltags vollkommen gewandelt haben und Bonn zunächst weit fort erscheint, hat sich die Welt um sie herum nicht im Geringsten verbessert. Die Bedrohung durch den Faschismus ist allgegenwärtig und so, wie ich Emma nicht in Bonn weitermachen lassen konnte, so gelingt es mir nun nicht, sie in London nichts als Glamour, Luxus und Jazz erleben zu lassen – mit dem einen oder anderen schicken Mord zwischen zwei gesellschaftlichen Ereignissen. Ihre Fälle haben sich verändert und ich versichere, ich bin darüber sehr erstaunt, verweigere mich dem Geschehen aber nicht. Auch deshalb nicht, weil die frühen Dreißiger in England unseren Zeiten jetzt und hier ähneln.

    So wie man von London aus nach Deutschland, Italien und Spanien blickte und befürchtete, ahnte und erwartete, es würde sich auch das eigene Land in eine Diktatur verwandeln, so schauen wir in die USA vor allem, aber auch viele andere Staaten – und auf die wöchentlich aktualisierten Wahlprognosen (die ich zumindest für gefährlich halte, wir schaffen damit das Gefühl, resignieren zu müssen, weil ja eh alles schon entschieden wäre). Dass all das unsere Wirklichkeit ist, dass zu viele Menschen ihr Glück darin sehen, dass es anderen schlecht und schlechter geht, obwohl ihr eigenes Leben dadurch nicht besser wird, dass es Mitbürger gibt, die aufrichtig entsetzt sind von Krieg, Faschismus und Shoah und dennoch bei jeder Gelegenheit darüber schwafeln, wie sie sich hier von Fremden überrannt fühlen oder andere für den Zustand unserer Gesellschaft machen – ach, ich kann das alles nicht fassen und nicht verstehen. Und ich kann es nicht ertragen. Es schnürt mir die Kehle zu.

    Aber der Faschismus, die Entmenschlichung, der zunehmende Egoismus sind nicht das Einzige, was uns bedroht. Auch den steigenden Frauenhass wollen wir nicht vergessen. Aber fast noch dringlicher ist das ‚Wetter‘: Wer nach dieser Woche nicht verstanden hat, was Klimawandel bedeutet, dass es längst eine Klimakatastrophe ist, wer jetzt noch immer meint, der Mensch hätte damit nichts zu tun und es wäre immer schon heiß gewesen, Sommer halt, haha – ehrlich gesagt: Da fällt der Autorin auch nichts anderes mehr ein als ein herzliches Fuck off! Sorry, not sorry.

    Was also fange ich damit an? Als eben jene Autorin, deren Wortgewandtheit sich gerade in einem Fuck off erschöpft hat?

    Tja. Im Augenblick scheue ich davor zurück – das ganze Jahr eigentlich schon – mit dem siebten Band von Nadel, Faden & Mord zu beginnen. Weil es düster ist. Weil es traurig werden mag. Weil es schmerzt. Und weil ich weiß, ich werde, bin ich einmal in Alice‘ Welt, eintauchen. Alles, was düster und angstmachend ist, werde ich irgendwie, meist unbewusst, zwischen die Zeilen schreiben. Ich werde mich durchaus freischreiben, das wird guttun, es wird mir leicht von der Hand gehen – aber ich werde nicht viel Schönes und Gutes in dieser Zeit sehen können, ich werde mit noch mehr Verzweiflung und Ekel auf diese Welt blicken. Und das lässt mich gerade scheuen.

    Viel leichter wäre es, den dritten Emma-Band in diesem Jahr zu beginnen; ich bin da sehr inspiriert. Emma hält, bei aller Trauer und allem Schrecken, die ich auch ihr und uns zumute, immer ein Tässchen Hoffnung bereit, da wird es immer etwas Zuversicht und Harmonie geben. Da ist mehr ‚Wir schaffen das‘ drin als bei Alice. Alice schafft auch alles, keine Frage, sie ist keine, die aufgibt. Aber es ist Kampf, es ist Mühe, es ist Zynismus, was sie ausmacht,

    Noch viel viel leichter wäre die dritte Option: Mit meiner Rachehexe Moira auf Tour gehen – durch die 1920er in Edinburgh. Da gibt es viel Elend und viel Grausamkeit. Aber auch Magie und die Fähigkeit, all das zu vergelten. Das macht Freude, das täte gut. Das Entscheidende aber ist, dass sich diese Zeit für mich so anfühlt, als hätte ich nur zwei Optionen: Aufgeben, nie mehr schreiben, auf dem Sofa vegetieren. Oder aber weiter, weiter, weiter schreiben, um dem Wahnsinn für viele Stunden des Tages zu entfliehen.

    Tja. Warum eigentlich ist mein sehr viel jüngeres Ich (ich denke, ich war vier oder fünf Jahre alt) zum Beitragsbild für diesen wenig fröhlichen Text geworden? Weil ich, bevor die Pubertät kam und alles danach, ein gar nicht so schüchternes Kind war. Also schon, ich war in der Schule zu still, ich verstummte in Gruppen. Aber ich kam ganz gut mit mir klar und hatte einen sturen Kopf, den ich oft durchsetzte. All das sehe ich in diesem Bild. Keck, würde Emma sagen, keck sieht die Kleine aus. Und weil die Kleine ziemlich enttäuscht wäre, wenn sie mich aufgeben sieht, wähle ich also das Zweite und schreibe weiter. Schnell, viel, ausdauernd. Sonst ist das alles für mich gar nicht zu ertragen. Und da ich weiß, dass es einige, wenn auch keine Heerscharen, an Lesefreundinnen und Lesefreunden gibt, die durch meine Romane eben auch ein bisschen fliehen können und ein wenig gestärkter in die Realität zurückkehren, ergibt mein Tun eben auch in diesen Zeiten Sinn.

  • Zu Gast im Podcast

    Zu Gast im Podcast

    Es naht die Walpurgisnacht. Die Nacht der Hexen. Ha – wenn das nicht der passende Tag ist, um einen Podcast auszustrahlen, in dem ich viel zu viel rede. Oder halt: Heißt das nicht heute schnattern? Da müssen wir Ben fragen, der mein absolut wunderbarer Gastgeber war (und länger mit mir zu tun hatte, als er hätte ahnen können. Mea culpa!).

    Aber jetzt fragt ihr euch zu Recht – falls ihr Ben noch nicht kennen solltet, was wiederum nur ein grobes Versehen des Schicksals sein kann! – , wer dieser Herr wohl sein mag. Sein Podcast heißt dailyklappentext und wahrhaftig schafft er es mit sehr, sehr wenigen Ausnahmen, euch täglich Wissenswertes, Lustiges, Charmantes oder sonstwie Interessantes rund ums Buch zu servieren. Kleine Häppchen wechseln sich ab mit langen Gesprächen (erneut: Mea culpa!!), es geht um Hörspiele, Pläne für den Podcast, um Autorinnen und Autoren, um Lieblingsbücher und Neuentdeckungen, um Tipps und zwischendurch auch um leckere Getränke (als Nordlicht fehlt Tee eher selten :) ).

    Aber was soll ich lange reden? Lieber lasse ich Ben selbst zu Wort kommen und habe ihm daher die Fragen eingestellt, die mir während unseres Gesprächs eingefallen sind. Ich finde ja, es wird auch Zeit, dass man ihn im Podcast erzählen lässt, aber fangen wir mal schriftlich an:


    Gibt es ein Buch, das du allen empfehlen möchtest?

    Weshalb liest du, weshalb bringst du dich so sehr ein – was bewegt dich dazu?

    Vielen Dank. Ich sehe mich als privilegierten, nachdenklichen und sehr neugierigen Mann, der das unschätzbare Glück hat, einen großen weiblichen Freundeskreis zu haben, und der jeden Menschen so akzeptiert, wie er ist. Weshalb sollten alle deinen Podcast abonnieren und hören?

    Hast du Pläne, die du teilen magst?

    Wenn du das ideale Buch für deinen Ferientag ganz nach deinen Wünschen zusammenstellen könntest, was gehört rein? Welcher Ort, welche Figuren, welcher Ton? Was bitte auf gar keinen Fall?


    Logisch, jetzt wollt ihr natürlich gleich mal schauen und hören, was Ben so im Angebot hat. Einiges! Also:

    Dailyklappentext <- Klickt den Link und dann schaut mal, über welchen Anbieter ihr dem Podcast folgen wollt.

  • Der Club der Verräter

    Der Club der Verräter

    Was ich nun schon verraten kann: Es wird dieses Mal in zumindest einer Hinsicht etwas traurig werden. Das hatte ich natürlich nicht geplant – wie auch, wenn ich nicht plotte? Aber wie das immer so ist, wenn ich voller Vertrauen sowohl in Emma wie auch in meine Fantasie starte, dann ergibt sich immer etwas für mich Unerwartetes.

    (Weshalb ich heute noch grinsen muss, wenn ich an die zwei oder drei Rezis zu dem einen oder anderen Krimi denke, in denen gesagt wurde, es wäre auch deshalb so langatmig und öde gewesen, weil man von Anfang gewusst habe, wie es ausgeht – und das bei Geschichten, in denen ich mit allen Regeln breche und einen Mörder mehr oder weniger aus dem Hut zaubere. Ich kann solche Hellsicht nur bewundern und rate dringend zu einer Karriere in Zirkus, Kaberett oder Varieté)

    Nun, dieser dritte Roman, der Emma bei ihren Ermittlungen in London begleitet, beginnt ruhig. Also langatmig. Total öde. Emma würde widersprechen, sie empfindet ihren Wochenstart als sehr hektisch und stressig und zwar so sehr, dass sie dankbar dafür ist, sich um Lohntüten und Buchhaltung kümmern zu müssen, da hat sie für drei Stündchen ihren Frieden und ihre Freude. Nicht unbedingt eine Ansicht, die ich mit meiner Heldin teile.

    Ja, das wollte ich nur mal kurz mitteilen. Und hey, bestellt vor – bei Amazon oder über einen der Läden der Tolino-Allianz (ich finde Hugendubel irgendwie am sympathischsten). Schubst mich, drängelt mich und unterstützt mich gerne. Sehr wahrscheinlich wird das Buch Anfang Juni erscheinen. Also los jetzt, kauft mich! Oder ähm, nein, das Buch, kauft das Buch, sorgt dafür, dass ich mir Brot leisten kann. :D

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  • Ganz, ganz viele meiner Romane für deinen Tolino

    Ganz, ganz viele meiner Romane für deinen Tolino

    Es ist wieder einmal so weit: Ich versuche es zum achten Mal mit Thalia & Co. – weil ich einfach nicht aufgebe. Trotz all der Hindernisse und meiner (wie ich finde) sehr berechtigten Kritik. Kritik am ziemlich unpraktischen Dashboard, Kritik an den Möglichkeiten, die man als Autorin bekommt, um sich sichtbar zu machen, Kritik an so mancher technischen Anforderung (eingebettete Fonts dürfen z. B. keine Leerzeichen im Namen haben – so aber werden sie von ihren Designern nun einmal oft benannt und wer sich da nicht gut auskennt, weiß womöglich nicht, wie man das anpasst). ABER das Team von Tolino Media ist noch immer entzückend, wunderbar und hilfreich und sollten vielleicht die Geschäftsführung des gesamten Unternehmens an sich ziehen; das würden die Damen locker wuppen.

    Dieser Versuch bedeutet für mich IMMER massive Verluste. Sich von Amazons Exklusivität zu verabschieden, kommt mit einem hohen Preisschild: Sehr, sehr viel weniger Sichtbarkeit = sehr, sehr viel weniger Umsatz = sehr, sehr viel mehr Ausgaben für Werbung = sehr, sehr viel weniger Brot im Schrank. Ob das jemals über Tolino ausgeglichen werden kann, weiß ich nicht.

    Doch da ist natürlich wieder und wieder die Frage nach Moral und Prinzipien. Thalia ist natürlich als Riesenkonzern, der Indie-Buchläden gezielt aufkauft und verdrängt, kein Musterbeispiel für ethisches Handeln. Aber der Unterschied zu Amazon dürfte groß sein (und hoffentlich bleiben – so weit ich herausfinden konnte, will dort niemand mit Nazis plaudern!) und das ist in der heutigen Zeit, in der wir alle versuchen (wollen oder sollten), US-Konzerne nicht zu fördern, eine Menge wert.

    Sowieso läuft es mit Amazon für die meisten Indies seit dem letzten Jahr nicht mehr rund. Dafür gibt es tausend Gründe, aber die müssen uns jetzt nicht kümmern. Was ich sagen will: Ich nage eh wieder am Hungertuch, nachdem ich es für zwei Jahre mal sehr, sehr weit geschafft hatte (was mich noch immer wundert, fühlt sich schon gar nicht mehr real an). Es will mir scheinen, das ist der beste Moment, um zu sagen: Fuck it, ich versuche es noch einmal. Vielleicht gelingt es mir, auch Tolino-Leserinnen für meine Heldinnen zu begeistern? Mag Jahre dauern, aber das hat den Vorteil, dass es sich so nach Zukunftsplanung anfühlt – obwohl ich mir, wenn ich nicht schreibe oder anderweitig arbeite und abtauche, kaum noch vorstellen kann, Weihnachten 2026 zu erleben. Ihr kennt das Gefühl, oder?

    Daher: Wann sonst, wenn nicht jetzt? Wer also mal etwas von mir lesen und mich damit unterstützen mag: Versucht es mal über Thalia; bis Ende des Jahres möchte ich womöglich alle Serien bis auf eine dort haben. Vielleicht werde ich wieder einmal feststellen müssen, dass ich mir das nicht leisten kann, aber es nicht erneut zu versuchen, das wäre mir wirklich widerlich.

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  • Verlag oder Indie?

    Verlag oder Indie?

    Es gibt natürlich hunderte von Artikeln, Kolumnen und Beiträgen zu diesem Thema und solltest du eine Autorin am Anfang ihres Weges sein, dann kennst du vermutlich bereits alle und weiß somit bestens Bescheid über das Für und Wider jeder Möglichkeit. Da kann ich dir nichts Neues sagen.

    Das ist aber auch gar nicht mein Bestreben, denn ich schreibe für dich als Leserin. Oder genauer gesagt: Alles, was ich schreibe, schreibe ich für Leserinnen, ob das meine Romane sind oder ein Post auf Instagram oder eben dieser Artikel hier. Mit Kolleginnen kommuniziere ich lieber per Mail und Chat und live (was ich aber auch gerne mit Leserinnen tue).

    Um was geht es also heute?
    Weiß ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht so genau. Aber das Thema brennt mir seit einiger Zeit schon auf der Seele, weil ich immer wieder in Diskussionen dazu gerate. Auch weil ich zu viele Artikel zum Thema ‚Der arme Verlag‘ gelesen habe während der letzten Wochen. Wobei mir irgendwann doch sehr aufstieß, wie es dabei immer um Existenzgrundlagen ging. Und zwar um diejenigen der Verlagsangestellten, der Buchhändlerinnen, der Vertriebler und der externen Mitarbeiterinnen wie Coverdesignerinnen, Lektorinnen und Korrektorinnen.

    Die – wohl gemerkt – natürlich von ihrem Job leben sollen können. Nur nie erwähnt wurden die Autorinnen. Also mal so gar nicht, sieht man von Nebensätzen ab, in denen man vielleicht sagte, es sollten die Autorinnen unterstützen, es wäre ja im eigenen Interesse, wenn alle gut verdienten, dann bekämen sie ja auch mehr. Doch an erster Stelle kamen diejenigen, die von der Arbeit dieser einer Person leben wollen. Und da sah ich also all diejenigen Kolleginnen und Kollegen vor meinem geistigen Auge an ihrem Schreibtisch hocken, Wort an Wort suchend und aneinanderreihend und dabei die Last von mehr als einem Dutzend Personen auf den Schultern tragend.

    Der Unterschied ist halt: Die meisten dieser Personen sind fest angestellt und haben einen Lohn, der in der Regel höher ist als der Durchschnittsverdienst einer Autorin. Deutlich höher. Also sehr viel höher. Vom Schreiben nämlich leben die Wenigsten, die meisten Kolleginnen, die nicht zu den Bestsellerköniginnen zählen, haben einen Hauptberuf und schreiben in der Freizeit, die noch bleibt. Und haben sich viel zu oft daran gewöhnt, gar nicht erst zu erwarten, von ihrem ‚Hobby‘ mehr zu haben als ein nettes Abendessen alle paar Wochen. Weil Kunst und Kultur und so. Und hey: Das ist doch Ruhm und Ehre genug, auf dem Titel eines Buches genannt zu werden und dieses Buch womöglich sogar im lokalen Buchhandel zu finden. (Selbstverständlich nicht, wenn dein Verlag nicht zu den Großen gehört und du dich gerne in einer der Ketten finden möchtest, die – das sollte mal nicht vergessen werden – den unabhängigen Buchhandel wirksamer zerstören, als Amazon es könnte.)

    Ja, und logisch schließt sich an diese Diskussion immer das Geschimpfe über das (auf alle Fälle viel zu mächtige und) große A an, das böse Bedingungen diktiert und alles kaputt macht. Und ja, da gibt es vieles, was verbessert und abgeschafft werden muss, von Steuerschlupflöchern bis zu miesen Arbeitsbedingungen. Aber das viel größere Problem für Verlage vor allem dürfte sein, wie ausgesprochen kulant und hilfsbereit Amazon ist, wenn es darum geht, als Autorin von der eigenen Arbeit so gut leben zu können, wie es für die vorher genannten Personengruppen gilt.

    Tja, jetzt könnte man meinen, ich wäre zur Indieautorin geworden, weil ich Geld verdienen wollte. Da muss ich sagen: So klug war ich lange Zeit nicht einmal, als dass ich mir um solche egoistischen Luxusgüter wie Essen, Trinken, Rente Gedanken gemacht hätte. Ich habe nämlich einfach nur meine erste Geschichte geschrieben und sie bei Amazon hochgeladen, weil ich viel zu ängstlich und schüchtern war, um Agenturen anzuschreiben. Deren Webauftritte sind in der Regel alles anderes als einladend und der Ton, in dem Bedingungen und Forderungen dort aufgelistet sind, geht mehr so in Richtung: Du, die du hier eintrittst, lass alle Hoffnung fahren!

    Hat auf mich gewirkt, ich habe keine einzige Agentur angeschrieben. Und wollte meinen verschwundenen Professor einfach in täglich kleinen Portionen auf meinem Blog veröffentlichen. Was mir eine liebe Freundin verboten hat. Wenigstens bei Amazon könnte ich es doch einstellen, da könnten es meine Blogleserinnen kaufen. Punkt.

    Ich gehorchte, erzählte auch, ich habe da einen Krimi geschrieben, aber den müsst ihr nicht kaufen, ist ja alles nur Spielerei und so peinlich. Aber etwa zwanzig kauften ihn dann doch. Und ich schrieb am zweiten Band, was ich nie vorgehabt hatte. So machte ich weiter, um mir mein verhasstes Hausfrauendasein erträglicher zu machen. (Ein ganz anderes Thema und nicht für heute angedacht). Etwas wie Werbung habe ich über Jahre nicht gemacht, sondern nur auf Instagram meine Cover gezeigt – was mir ebenfalls schon peinlich genug war. Ich wagte ja nicht einmal in Gedanken, mich Autorin zu nennen.

    Ich bin also in das Indieautorinnenleben reingerutscht und kam dadurch dann auch zu zwei Verlagen. Ohne Frage: Die Zusammenarbeit war toll, ich mag die Leute alle sehr, es hat Spaß bereitet und natürlich ist ein absolutes Hochgefühl, von einem Verlag angeschrieben zu werden mit der Frage, ob man nicht etwas für sie schreiben wolle. Was zudem zu einem guten Zeitpunkt geschah: Meine Mutter war eben in die Demenz-WG umgezogen und machte dort die allergrößten Schwierigkeiten. Ich kam eben aus der Wohnung, mühsam nicht heulend und vollkommen geschafft, als mein Handy klingelte. Eine neue eMail. Ich schaue hinein und ja, das war das Highlight des Monats. Natürlich habe ich zugesagt und will seit langem schon einen weiteren Band für dp schreiben. Klappt nur irgendwie nicht.

    Weil mein Schreibkalender voll ist bis obenhin. Weil ich zu viele Ideen habe, die ich verwirklichen möchte.

    Aber auch, weil ich schneller bin als ein Verlag. Weil ich mittlerweile weiß, dass ich ein Kontrollfreak bin. Weil ich mich nicht in der Länge meines Romans einschränken lassen will. Weil ich alleine entscheiden will, ob nun dieses oder jenes passiert.
    Nun war es nicht so, als hätte man mir etwas vorgeschrieben oder als wäre mein Text unkenntlich aus dem Lektorat gekommen (im Gegenteil wurde gar nichts geändert, was mich dann doch auch sehr wunderte). Nein, die Zusammenarbeit war toll. Aber sobald das Buch veröffentlicht war, hatte ich nichts mehr damit zu tun. Es fühlte sich nicht an wie meine Arbeit. Und das fühlt sich nicht gut an. Es ist ein bisschen so, als wäre mein kleines Kind zum Spielen bei einem Freund und dann riefen die Freundeseltern an und teilten mir mit, der bleibt jetzt bei uns, der kommt nicht wieder zu euch nach Hause. Und ich würde nur mit den Schultern zucken und sagen, das wäre schon ok. Grässlich, oder?

    Für mich und meinen Charakter kann es nur das Indieautorinnenleben geben. Ich trage die Verantwortung an allem, arbeite täglich lange und hart an allen möglichen Aspekten dieses Berufs, mache mich damit oft genug vollkommen verrückt und fertig, aber ich liebe jede Minute davon. Mir gefällt das Cover nicht mehr, ich habe eine neue Serienidee, ich habe gelernt, einen besseren Klappentext zu schreiben, ich will diese Geschichte nicht mehr veröffentlichen? Alles eine Sache von Minuten, Stunden, Tagen und es ist so, wie ich das will. Ich kann auf alles reagieren, wie ich es möchte, ich muss mich mit niemandem absprechen, ich muss nicht bitten und betteln und ich kann – nahezu – für mein Essen, Trinken und die Rente sorgen. Dabei bin ich so abhängig wie wir alle von allen möglichen Gegebenheiten, aber doch so frei, wie es nur geht.

    Also ganz klar: Indie von ganzem Herzen!

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  • Ich bin, was ich schreibe

    Ich bin, was ich schreibe

    In den letzten Tagen/Wochen bin ich an verschiedenen Orten immer mal wieder über Diskussionen zu ‚Künstlerin und Werk, Trennung ja oder nein, wo die Grenze ziehen‘ und all diese Themen gestolpert.

    Ich glaube, ich sagte es schon einmal: Für mich ist das als Zuschauerin, Leserin, Hörerin ein fließender Prozess. Harry Potter beispielsweise habe ich wie die meisten, die die Bücher zur selben Zeit lasen wie ich, als eine Geschichte gegen Nationalismus und Rassismus gelesen – und dabei nicht eben selten den Eindruck gehabt, dass die Autorin darin nicht konsequent ist und zu oft Klischees bemüht, die auf gefährlichen Vorurteilen beruhen. Ich fand es schwierig, aber hatte dennoch Vergnügen an der Geschichte an sich.

    Aber darum geht es mir gerade nicht. Sondern noch einmal darum, mich nicht von dem zu trennen, was ich schreibe.

    Warum?
    Weil ich vor einiger Zeit eine Mail bekam von einer Leserin, die von Emma schwärmte, wie warmherzig das sei, wie toll alles dargestellt sei, so echt und liebenswert. Das freute mich sehr. Und bitte, wo meine Figuren stehen, ist ziemlich eindeutig. Auf welcher Seite ich stehe, dürfte ebenfalls beim Lesen klarwerden.
    Eine gute Weile später erhielt ich von derselben Dame Post. Sie hatte meinen Saint Caspillian-Krimi gelesen und fand ihn ganz grässlich. Sie schämte sich nicht, mir zu sagen, woran das liegt: Warum muss Mariella eine Südeuropäerin sein? Und schlimmer noch: Weshalb musste ihr Loveinterest ein PoC sein (sie schrieb das anders …)?

    Ich habe diese Mail nicht beantwortet, doch seit einigen Wochen habe ich sie wieder im Sinn. Weil ich nicht begreifen kann und will, wie jemand von Kommissar Wertheim – einem jüdischen Mann der Weimarer Republik – und Emma schwärmen kann, um sich dann an Äußerlichkeiten zu stören? Hat sie meine Romane so falsch verstanden? Ist das möglich, dass jemand etwas emanzipatorisches, antifaschistisches liest und meint: Geile Zeit, hätte ich gerne wieder?

    Was ich sagen will: Wer meine Romane mag, darf sich bitte auch sagen, dass das an meiner grundsätzlichen Einstellung liegen mag. Ein grüne, halb-vegane, ganz-vegetarische Frau von 57 Jahren, die nicht auf Kosten anderer existieren möchte.

  • Cliffhanger: gut oder böse?

    Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Cliffhanger ein hinterhältiges und verabscheuungswürdiges Marketingmittel sind, um unschuldige Zuschauerinnen und/oder Leserinnen an die Kette zu legen und sie damit zu zwingen, den nächsten Film, die nächste Folge oder den nächsten Band zu kaufen. Wenn sie es nicht tun, werden sie nie, nie, nie erfahren, wie es ausgeht. Eine Qual sondergleichen.


    Gemeine Autorin beim Aushecken heimttückischer Gemeinheiten

    Also ganz klar: Cliffhanger sind böse! Offiziell sollten sie verboten werden und jede Autorin, die diesen heimtückischen Trick anwendet, sollte bestraft werden. Indem man beispielsweise die nächste Folge nicht kauft, nicht leiht, nicht liest. Ha! Das hat sie davon! Das wird sie sich merken!

    Was kann ich sagen? Mea culpa vielleicht? Sorry? Oder vielmehr: Sorry, not sorry?

    Hmm. Warum bin ich so verstockt? Vielleicht, weil ich denke, dass sie manchmal nötig sind? Sind sie nämlich. Aus einem ganz einfachen Grund: Irgendwann muss ein Buch ein Ende haben.

    Ja, ha, könntest du nun sagen, dann schreib halt ein Ende. Ein Cliffhanger ist, bitte schön, keine Ende, sondern die Aussicht auf mehr.

    Da sage ich zweierlei:

    • Die Aussicht auf mehr – das ist doch eigentlich schön, wenn du die Geschichte genossen hast und die handelnden Personen magst.
      (Und wenn du die Geschichte nicht mochtest, dann solltest du gar nicht erst bis zum Cliffhanger gekommen sein, denn warum Zeit verschwenden mit einem Buch, das dich nicht mitnimmt? Mit Figuren, die du nicht erträgst? Ereignissen, die dich nerven?)
    • Und wenn es nicht nur eine Buchreihe ist (also nahezu alleinstehende Romane, die lose miteinander verbunden sind), sondern eine Serie, dann gibt es eben neben dem Plot des einzelnen Bandes auch den serienübergreifenden Plot.
      Heißt, die Hauptfigur hat eine eigene Geschichte, die sich im Laufe mehrer Folgen entwickelt und erklärt. Sie hat Geheimnisse, Hoffnungen, erlebt Gefahren und Freudiges, nimmt uns mit in ihr Leben. Und da mag es sein, dass ihre Story genau dann zu einem wichtigen Punkt kommt, wenn die Handlung des einzelnen Buchs an ihr Ende kommt. Da ist er dann: Der Cliffhanger.

    Und zwar ein Cliffhanger, der einfach sein muss. Weil er Überleitung zur nächsten Folge ist. Weil alle anderen Fragen geklärt sind. Weil ein Buch nicht unendlich lang sein kann. Weil die Autorin auch mal durchatmen muss. Und weil es im Miteinander zwischen Leserin und Schreiberin doch auch immer ein bisschen Spiel geben sollte. Da sitzen wir nämlich nun beide, schauen uns erwartungsvoll an und fragen uns:

    Was passiert denn jetzt?

    Tja. Das ist ein bisschen wie Weihnachten in der Kindheit: ganz viel Ungeduld, herrlich aufregende Spannung, ein bisschen Spicken und Stöbern und dann endlich das ersehnte Geschenk, das hoffentlich genau das bringt, was man sich erhofft hat. Im Idealfall den nächsten Cliffhanger …

  • Wenn die Geschichte in dunklen Zeiten spielt

    Wenn die Geschichte in dunklen Zeiten spielt

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  • Wenn es eigentlich gut voran geht, aber …

    Wenn es eigentlich gut voran geht, aber …

    Wie offen und ehrlich darf ich eigentlich aus meinem Autorinnenleben berichten, ohne es mir noch schwerer zu machen, als es gelegentlich ist? Ich habe keine Ahnung, deshalb tue ich, was ich immer tue: Ich schreibe einfach drauf los und schaue, wohin es mich führt und wo es endet.

    Um was geht es mir heute?
    Um Luise, mein aktuelles Projekt. Ein Projekt, das ich sehr liebe und mit dem ich sehr gut vorankommen; das Schreiben bereitet mir unglaublich viel Freude, ich mag die Figuren und ich mag es auch, mich stärker als sonst an historischen Ereignissen entlangzuhangeln. Das 18. Jahrhundert – ich hatte es schon erwähnt – hat mich schon als Jugendliche enorm fasziniert und mich nun darin zu bewegen, in seinen letzten Jahren, fühlt sich gut an. Obwohl ich mich nicht an tragischen und dramatischen Fakten werde vorbeimogeln können. Versuche mal, per Google irgendetwas aus dem Jahr 1789 herauszufinden, was nicht mit der Französischen Revolution zu tun hat. Da heißt es scrollen, scrollen, scrollen, bis man den gesuchten Mondkalender oder eine Wetteraufzeichnung oder eine Modezeitschrift gefunden hat zwischen all den Einträgen zu den Generalständen, dem Sturm auf die Bastille oder dem Marsch nach Versailles. Und es ist ja auch diese Revolution, die mich als Jugendliche dazu gebracht hat, mich mit dieser Zeit zu befassen und wissen zu wollen, was mit dem ancien régime auf sich hatte. Ich las mich rückwärts durch, bis ich im Jahrhundert davor beim Sonnenkönig angelangt war, und arbeitete mich noch einige Male vor und zurück, wurde dabei zum Pompadour-Fangirl und begeisterter Leserin französischer Romane dieser Zeit.
    Und nun schreibe ich darüber. Keine Biografie, sondern eine Liebesgeschichte oder vielmehr die Geschichte eines Paares, das aus scheinbar guten Tagen heraus in einer Welt aufwacht, die beängstigend und fremd ist. Und zugleich weit weg scheint, denn die Geschichte spielt in Bonn. Die Auswirkungen der Revolution im Nachbarland sind auch in der Stadt am Rhein; danach wird das Leben ein anderes sein.

    Es fällt mir schwer – ähnlich wie bei Emma Schumacher und ihrer Zeit – nicht Ähnlichkeiten und Vergleich zu unserer Gegenwart zu ziehen. Wir schwanken ja auch zwischen dem (trügerischen) Eindruck, die Ukraine, der Iran, der Sudan wären weit fort und hätten nichts mit uns zu tun, und einer unterschwellig immer vorhandenen Angst vor dem, was kommen mag.
    Ja, und jetzt frage ich mich, ob es eben diese Ähnlichkeit ist oder der Horror der Französischen Revolution und des terreurs oder schlicht eine Modefrage, die dafür sorgen, dass nur ich und eine winzig, winzig kleine Gruppe meiner Leserinnen Interesse an meinem aktuellen und sehr, sehr geliebten Projekt haben. Die Vorbestellungszahlen sagen klar: Wollen wir nicht. Lass es bleiben. Das ist nix. Iiih. Bäh. Gähn. Brr.

    Und da bin ich nach langer Vorrede an dem, was mich seit Tagen beschäftigt. Seit Wochen eigentlich. Oder, wenn wir es ganz genau nehmen wollen, dann beschäftigt es mich seitdem ich gemerkt habe, dass das Schreiben so weit überhand genommen hat, dass es zum Beruf wurde. Ein Beruf, den man sich bei klarem Verstand und dem Wunsch nach finanzieller Sicherheit gewiss nicht auswählt (ich denke, das durchschnittliche Gehalt einer Autorin liegt nach wie vor bei 50 €/Monat, wobei das wenig aussagekräftig ist). Ganz klar ist aber doch, so zeitfressend dieser Beruf ist, davon leben können nur wenige und die, die es können, richten ihr Schreiben häufig und notgedrungen nachdem aus, was gerade gesucht wird.
    Was gesucht wird, entscheiden übrigens nicht unbedingt die Leserinnen, sondern die Buchhandlungen, die anhand ihrer Verkäufe die gewagte Prognose stellen, was die Leserin möchte. Deshalb kommt es immer wieder zu den Häufungen eines Genres, bis der Ruf erschallt, man könne den Kram nun wirklich nicht mehr sehen. Die Verlage und vorher die Agenturen versuchen nun ebenfalls, diesen Trend vorherzusehen; da bleibt für Experimente nicht allzu viel Platz. Das ist für mich als Indieautorin etwas anders, doch das heißt nicht, dass es nicht auch für mich Trends gibt. Und dieser Trend ist gegen Luise, so will es scheinen.

    Was mich, das gestehe ich, sehr traurig macht. Und nervös. Denn ich habe schon einiges investiert in diese Trilogie, die ursprünglich nur eine zweibändige Geschichte hätte werden sollen – jetzt gerade bin ich mir nicht einmal sicher, wie ich mit drei Büchern auskommen soll, weil diese Zeit mit ihren besonderen Menschen Platz braucht. Wäre ich völlig frei in meiner Entscheidung, müsste ich also nicht dazu beitragen, dass dieser Haushalt mit seinen vier Tieren, zwei Söhnen und dem Gatten und mir überlebt, dann würde ich mir dieses Jahr nehmen und ganz entspannt nur über Luise schreiben.
    Aber das ist nicht nur eine finanzielle Frage. Das ist sie sogar am wenigsten. Es ist auch eine Frage der …
    Tja, ich weiß nicht, wie ich es nennen solle. Liebe liegt mir auf der Zunge, was doch sehr pathetisch klingt. Doch vielleicht verstehen mich da die Kolleginnen: Man ist meist doch recht allein mit dieser Arbeit, man taucht ab in eine Welt, findet sich in ihr zurecht, ringt manches Mal um das passende Wort, den weiteren Fortgang, kämpft sogar mal mit den Tränen – man ist sich selbst Motivatorin und Kritikerin und weiß dabei nie genau, ob man auf dem richtigen Weg ist. Werden die Lesefreundinnen die Geschichte mögen, werden sie die Hauptfigur lieben, werden sie sich freuen, dass ich zuletzt die Nächte durchgemacht habe, um alles zum Ende zu bringen – weiß irgendwer zu schätzen, was ich hier tue? Erhalte ich ein klein wenig von der Anerkennung und der freundschaftlichen Liebe, die meinem Tun einen Sinn gibt?

    Oder ist es das Gegenteil: Sagt man mir, das ist Mist? Und da rede ich jetzt nicht von denen, die sich beschweren, weil die Figur so oder so ist oder irgendwer irgendwann irgendwas getan hat, was diese Leserin so nicht wollte. Da bin ich längst an dem Punkt, an dem ich mir denke: Wenn es nicht gefällt, dann hilft nur Selberschreiben, hopp hopp. Als Dienstleisterin war ich mein halben Leben lang unterwegs, das bin ich nicht mehr. Ich will unterhalten und Freude bringen, mag Kontakt pflegen mit jenen, die mich gerne lesen, ich höre auch gerne auf das, was gewünscht ist. Aber maßgeschneidert für jede schreiben, kann ich nicht und will ich nicht. So wenig, wie ich nur für mich schreibe und niemanden sonst brauche. Nein, ich möchte meine Lesefreundinnen glücklich machen und mir bei manchen Szenen weiterhin vorstellen dürfen, wie A nun lacht und B sich wiedererkennt und C sich denkt, das wäre mal wieder typisch. Ich bin froh darum, einige Leserinnen so gut schon zu kennen, dass sie wahrhaftig neben mir sitzen, wenn ich arbeite.

    Doch nun stehe ich da mit meiner sehr geliebten, zauberhaften Luise, die übrigens eine Ur-Ur-Urahnin dessen Mannes sein wird, in den sich meine Lily DuPlessis, auch sie eine Schauspielerin, einhundertdreißig Jahre später verliebt. Diese kleinen Vernetzungen zwischen all meinen Serien liebe ich ja sehr, das nur am Rande. Ja, hier stehe ich und muss ihr sagen: Dich will niemand. Du bist falsch, uninteressant oder furchteinflößend. Vielleicht trägst du das falsche Kleid, vielleicht beschreibe ich dich falsch, vielleicht bist es wirklich du, die nicht stimmt. Das ist kein gutes Gefühl. Es ist sogar ein sehr mieses Gefühl, das immer weiter unter meiner Haut entlang sich ausbreitet und droht, mir die Lust an dieser Geschichte zu nehmen. Noch halte ich dagegen, wirklich macht Luise mir viel, viel, viel zu viel Freude. Sie kabbelt sich mit Philippe, wie sich all meine Heldinnen mit den Männern ihres Lebens kabbeln. Sie hat wunderbare Freundinnen, treue Freunde, eine großartige Familie. Ihr Leben ist sonnig. Sie wird klar kommen. Ich aber rappele mich jeden Tag auf, atme tief durch und sage mir, dass es auch reicht, wenn nur zehn Leserinnen sich freuen, mich Luise durch eine der aufregendsten und spannendsten Zeit Europas zu gehen.
    Und weil ich das Gefühl, eine Loserin zu sein, so halb öffentlich geteilt habe, geht es mir auch gleich besser. Nichts fühlt sich für mich nämlich schlimmer an als die Sorge, ich könnte durch Verschweigen einer subjektiven Wahrheit den Eindruck erwecken, es wäre mein Autorinnenleben happy go lucky. Das ist es nicht. Es ist harte Arbeit und es ist unglaubliches Glück und ganz viel Bangen, Zittern und Heulen. Echtes Leben halt.

  • Hoppla, da ist ein Jahr vorüber. Zeitsprünge im Roman

    Ach ja, das ist so eine Sache, nicht wahr? Vielleicht bilde ich es mir ein, aber das Thema taucht immer wieder in meinen diversen Feeds und Timelines und Chroniken auf und auch unter Kolleginnen wird es gelegentlich angeschnitten. Wobei ich sagen muss, dass ich mit meinen schreibenden Freundinnen eher über anderes spreche (Wie zum Henker kann es mir gelingen, gleichzeitig zu schreiben und zu leben? Ist auch nicht ganz unwichtig …).

    Also. Zeitsprünge. Nicht diejenigen, die meine Odila O’Malley unternimmt, wenn sie zurückreist in ein anderes Jahrhundert. Sondern die, die in einer Geschichte vorkommen können. Da bist du eben noch mit deiner Heldin im Jahr X unterwegs und dann blätterst du um und zack, ist es nicht X, nicht Y, sondern schon Z. Vielleicht warst du auch in A unterwegs und landest nun unversehens in H?

    Hä? Wieso? Weshalb? Warum? Was war denn bitte in der Zwischenzeit? Was ist passiert? Fehlen etwa Seiten? (Und ja, ich habe mich mal sehr, sehr über einen arg unverständlichen Sprung gewundert, bis ich gemerkt habe, dass meiner Ausgabe wahrhaftig siebzig Seiten fehlten.) So ein Zeitensprung kann verwirren und er kann offenbar auch sehr verärgern. Wieso also tut die Autorin das? Will sie schneller fertig werden? Wie ätzend!

    Wann gibt es bei mir solche Auslassungen in der Lebensgeschichte meiner Heldin?

    Bei meinem Fräulein Schumacher liegen solche Lücken in der Regel zwischen zwei Bänden – weil ich das arme Ding nicht ohne Unterlass in Mordfälle stürzen will. Das verstehen alle, da wundert sich niemand, das ist üblich, auch wenn es manchmal sehr schön ist, geht es im nächsten Roman gleich dort weiter, wo man aufgehört hat.

    Wie ist es aber im Roman selbst?

    Beim Krimi überspringe ich damit schon einmal Phasen, in denen die Ermittlung nicht vorangeht. Nicht vorangehen kann, weil man vor hundert Jahren eben nicht das Ergebnis einer DNA-Analyse aufs Handy bekommen hat. Weil sich Untersuchungen hinziehen und Überlegungen im Kreise drehen. Weil ich das nicht durch einen unglaubwürdigen Zufall beschleunigen will. Dafür reicht ein Absatz:

    Die Stimmung sank täglich noch weiter herab. Immer wieder brachten sie dieselben Ideen vor, immer wieder seufzten und stöhnten sie und Kommissar Wertheim verputzte eine Rosinenschnecke nach der anderen in der Hoffnung, sie mögen ihm den einen zündenden Einfall schenken. Doch nichts tat sich, nichts ergab sich, niemand trat ins Kommissariat und machte eine nützliche Aussage. Es sah so aus, als würden sie den Täter niemals ausfindig machen.
    Dann aber, am letzten Montag im August, sprang die Tür auf und eine junge Frau stürmte herein …

    Da ist er also, der Zack bumm Zeitensprung. Sechs Zeilen und eine Woche, ein Monat sind um. Was aber nicht das ist, was viele stört. Man weiß ja, wie langweilig es wäre, zählte ich nun auf, wie sie immerzu das Gleiche sagen, machen und denken. Damit kann man viele Seite füllen und die Leserin in den Schlaf treiben. Will man ja nicht, wenn man es auch nicht immer vermeiden kann (von wegen: Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die keiner kann.)

    Aber dann gibt es auch die echten, riesigen Zeitsprünge, in denen Monate und Jahre übersprungen werden. Manchmal sogar, ohne eine Zusammenfassung zu geben (was ich gar nicht mag). Was soll das?

    Der Grund ist – bei mir – derselbe: Es passiert in dieser Zeit nichts, was interessant zu lesen wäre. Natürlich dürfte meine Heldin auch in dieser Spanne Schönes und Schreckliches erlebt haben, aber ist es aufregend genug, um es zu berichten? In aller Ausführlichkeit?

    Ich habe das in meiner Hedwig Trilogie einige Male gemacht: Jahre übersprungen. Nicht mit einem einzigen Anlauf, ich habe nichts ausgelassen. Aber sie war im ersten Band ein sehr junges und sehr bescheidenes Dienstmädchen, das tagein tagaus zwanzig Stunden lang dieselben Aufgaben hatte. Wieder und wieder und wieder. Dinge, die ich schon geschildert hatte. Was also habe ich getan? Ich habe klargemacht, dass Hedwig kaum ein echtes Leben hatte in dieser Zeit und dass sie auch nicht die Kraft oder überhaupt die Idee hatte, daran etwas zu ändern. Weil es so den meisten Dienstmädchen ging. Ehe man sich versah, war man alt und erschöpft und abgearbeitet und das war es dann.

    Dann kam ihre Schulzeit, die ich mit einzelnen Szenen dargestellt habe. Auch hier habe ich Sprünge unternommen, bin schnell hindurch gerannt, weil auch diese Stunden, Tagen und Wochen in einer Gleichmäßigkeit vergangen, die meiner Hedwig zwar guttaten, als akkurate Aufzählung aber sehr langweilig gewesen wären. Und so sehr ich Alltägliches liebe, meine Heldinnen laut denken lasse und gerne mit Ruhe erzähle – jede Szene braucht doch ihre Berechtigung und was weder für den Fortgang der Geschichte noch zur Entwicklung der Heldin oder zum Zeitkolorit und der Atmosphäre beiträgt, kommt nicht in den Roman hinein.

    Und dann ergibt es sich manchmal – und vor diesem Problem stehe ich aktuell mit Luise & Philippe -, dass es innerhalb einer gewählten Epoche Jahre gibt, in denen einfach nicht viel geschieht. In der Französischen Revolution ist das die Zeit von Anfang 1790 bis Mitte 1792, wenn sich plötzlich alles zu überschlagen scheint. Selbst in sämtlichen Biografien, die ich über diese Zeit besitze, werden diese Monate schnell abgehandelt und mit eher banalen politischen Entscheidungen gefüllt.

    Da stehe ich also nun auch und habe beim Schreiben bemerkt, wie viel Platz ich für 1789 brauche – was so gar nicht geplant war – und wie dringend ich ins Jahr 1792, eher sogar noch weiter, muss, bevor das Leben auch in Bonn in Unruhe gerät. Ich warne hiermit offiziell vor: Nach dem Abenteuer, dass meine Berettons im Januar überstehen müssen, werde ich die nächsten Jahre zusammenfassen und dort wieder einsteigen, wenn Kurköln erste Auflösungserscheinungen zeigt.

    Und ich warne gleich noch weiter vor für die wenigen, die Luise & Philippe bis jetzt überhaupt schon begleitet haben: Band drei werde ich noch lange nicht schreiben – das wird ein Zeitsprung der anderen Art. Mich hat dann eben auch einmal der Fluch der Serie erwischt. Die Motivation, an einer sehr geliebten Geschichte zu schreiben, die niemand lesen mag, bewegt sich gegen Null. Was schade ist. Aber mich schneller zurück zu Emma bringt und zu der Überlegung, welche meiner bereits angedachten Heldinnen mich davon überzeugen können wird, ihr eine Serie zu widmen …

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