Andrea Instone

Licht & Schatten

Kategorie: Autorinnenleben

  • Recherche, Recherche, Recherche

    Wenn ich nicht eben eine kleine, knappe, kurze Geschichte schreibe, die in einem luftleeren Raum spielt, dann muss ich recherchieren.
    Mal mehr, mal weniger, aber immer gibt es etwas, dass ich ganz genau und sicher wissen will, um weiterschreiben zu können. Das kann etwas so scheinbar Unwichtiges sein wie die Zusammensetzung von Lakritze, das kann aber auch etwas sein wie die korrekte Ansprache für eine englische Herzogin, die Auflösung einer Behörde in der Weimarer Republik oder wie lange es braucht, bis ein Mann ertrinkt. (Letzteres klingt jetzt irgendwie unschön, aber ich möchte höflichst daran erinnern, dass ich auch Kriminalromane schreibe und da kommt so etwas gelegentlich vor …)

    Meist reicht es, wenn ich vor Projektbeginn in die Zeit hineinlese und (gerade bei Emma) nachschaue, ob etwas Wichtiges geschehen ist, das sich in der Geschichte widerspiegeln muss. Dabei passiert es mir immer wieder (gerade bei Emma … :D ), dass etwas passiert ist, das perfekt zu meiner Idee passt. Als ich beispielsweise am Letzten Tanz schrieb, wo es um ein russisches Pärchen geht, fand zur gewählten Zeit in Moskau die Zehnjahresfeier zur Oktoberrevolution statt – zusammen mit vielen Lippenbekenntnissen, die die umliegenden Staaten in Sicherheit wiegen sollten. Ich war begeistert und freue mich noch immer jedes Mal, wenn sich solch wunderbare Zufälle ergeben. Da findet sich dann meist ein Detail, das mir bis dahin unbekannt war, aber mich zu einer weiteren Verwicklung oder einem neuen Charakter inspiriert. Herrlich ist das und wirklich eine meiner allergrößten Freuden im Autorinnenleben.

    Dann aber kann es auch so gehen wie bei Hedwig 1882 oder eben jetzt mit Eine schöne Kunst: Ich steige in eine Zeit ein, die mir entweder nur in groben Zügen bekannt ist oder mit der ich mich zuletzt vor Jahrzehnten befasst habe. Ehrlich gesagt wäre es durchaus möglich, einen Roman zu schreiben, ohne mich in jedes Detail zu vertiefen, aber für mich fühlt sich das nicht gut an. Wenn ich schreibe – und ich schreibe ja entdeckend mit nur wenig Vorausplanung -, dann will ich mich sicher fühlen und nicht voranstolpern, während ich mich bemühe, nur ja nichts Falsches zu sagen.

    Für Hedwig beispielsweise habe ich mich durch ein gutes Dutzend Bücher gelesen, die die Situation der Dienstmädchen um die Jahrhundertwende beleuchteten. Hedwigs Aufstieg habe ich begleitet, indem ich mich ebenso durch die Kalender für die vornehme Hausfrau, Modehefte und gesellschaftliche Ratgeber jener Jahre wühlte, um dann für den dritten Teil mein Wissen über Ägypten und seine Forscher aufzufrischen (von meinem siebten bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr kannte ich nru ein Ziel: Ägyptologin werden und von daher lasse ich dieses Thema ja sehr gerne in meine Romane aller Art einfließen).

    François Rousseau – Maskentreiben im Bonner Hoftheater

    Und jetzt begebe ich mich in das Bonn der Jahre 1789 bis 1796. Eine Zeit, die mich über Jahre ebenso faszinierte wie das Alte Ägypten, das Elisabethanische Zeitalter oder Anne Boleyns Lebensjahre. Was natürlich an der Französischen Revolution lag. (Um das mal eben zu erwähnen: Wenn ich zurückblicke, müssen meine Jugendjahre doch recht düster gewesen sein, denn nachdem Ägypten als Traum platzte, las ich alles über die Revolution und das Dritte Reich, immer schön im Wechsel, und ich erinnere mich an viele, viele durchgeweinte Nächte).

    Ja, und jetzt gehe ich dahin zurück. Mehr oder weniger, denn ich bleibe meinem bevorzugten Schauplatz Bonn treu. Ebenfalls mehr oder weniger. Und neige deshalb dazu, einer ganzen Horde weißer Kaninchen in ihren Bau zu folgen. Und mich darin, was auch sonst, zu verirren. Warum?

    Tja, das legt an der Thematik meiner kleinen Serie (von der ich noch nicht weiß, ob es zwei oder doch drei Teile werden). Da wäre meine fiktive Heldin Luise Dietz, die aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie stammt und am Bönnischen Nationaltheater debütiert.
    Das erste Thema ist also ein Schauspielerinnenleben und da gibt es einiges zu lernen, aber gar nicht so sehr viel zu finden – eine sehr mühsame Recherche ist das und eine mäßig ergiebige. Was dafür gesorgt hat, dass ich tagelang sehr verbissen mit allen möglichen Stichwörtern gesucht habe und kurz davor war, Google einen bösen Brief zu schreiben, weil man dort einfach nicht verstehen wollte, welche Informationen ich benötige.
    Sehr ärgerlich. Sehr ärgerlich auch, dass, wann immer ich meinte, eine Arbeit über eine Schauspielerin gefunden zu haben, es dann doch nur um das ging, was sie spielte und wie der Autor dieser Stücke von Bedeutung für uns ist. Fast immer endeten solche Betrachtungen mit der lapidaren Aussage, dass die betreffende Dame verarmte und irgendwann starb. Wann und wo liegt meist im Dunkeln. Frauengeschichte endet immer wieder in Sackgassen.

    Eine junge Schauspielerin am Hofe von Kurfürst Max Franz – nun, von da auch ergeben sich gleich drei weitere Rechercheaufgaben:

    • Wie war Max Franz, wie seine Haushaltung und sein Charakter?
    • Wie war das Verhältnis zu seiner Schwester Marie Antoinette, der Königin von Frankreich, und was genau geschah wann in ihrem Reich und ab wann zeigten sich die Auswirkungen der Revolution in Bonn?
    • Wie spielt Ludwig van Beethoven in Luises Leben hinein?

    Ersteres ließ sich leicht herausfinden, zumal der Kurfürst bis heute in Bonn in gutem Ansehen steht, war er doch bescheiden, hilfsbereit und fleißig.
    Was aber das Verhältnis der beiden Geschwister angeht, so findet sich nicht vieles. Meist ist die Rede davon, wie er als noch sehr junge Mann inkognito nach Versailles kam und dort wenig freundlich vom Hochadel empfangen wurde. Man nannte ihn hässlich und blöde und seine Schwester ärgerte sich sowohl darüber wie auch über ihn, weil er überhaupt erst den Anlass gegeben hatte für diesen Spott und die damit verbundene Peinlichkeit. Doch da die Geschwister die jüngsten Kinder Maria Theresias waren, dürften sie einander wohl zugetan gewesen sein.

    Ja, und am berühmtesten Sohn Bonn komme ich natürlich nicht vorbei, denn er war seit seinem elften Jahr am Hofe angestellt und verkehrte im selben Freundeskreis, den ich auch meiner Luise zugedacht habe. Und weil sein Leben in Bonn relativ gut dokumentiert ist, habe ich durch ihn Einblick in diese Zeit. Und in dieses völlig fremde Bonn, das nur an wenigen Stellen aussah, wie es heute aussieht.

    Macht summa summarum sechs bis sieben Themen, in denen ich recherchiere. Hofhaltung, Theaterleben, Bonner Stadtgeschichte, die Geschichte der Französischen Revolution, die Jugendjahre Beethovens, die Familien von Breuning, von Mastiauxn und Koch, dazu Mode, Längenmaße, Währung, Romane, Musik, Politik … Es ist ein echtes Rundum-Programm und ich stellte heute Morgen fest, dass ich mich leicht darin verlieren können und mit dem Schreiben erst in Jahren beginnen würde.

    Was habe ich also getan? Ich habe mir eine grobe Chronik der Ereignisse erstellt und zu den ersten Monaten intensiv recherchiert. Und dann habe ich heute endlich mit dem Schreiben bekonnen. Schreiben werde ich, bis ich an einen solchen Ereignispunkt komme, dann wird wieder recherchiert und weiter geht es mit der Erzählung. Ich habe jetzt einen groben Überblick über die Bonner Gesellschaft und die geschichtlichen Ereignisse, dass ich weiß, wann ich wo nachzuschlagen habe. Das ist gut.

    Was mich ein wenig belastet: Nach gut zwölf Tagen des Recherchierens war ich wahrhaftig verzweifelt, weil eines zum anderen führte und alles über kreuz ging, mich hierhin führte und dorthin und ein Ende gar nicht in Sicht war. Wie ich das alles in einem oder zwei oder drei Romanen unterbringen sollte, war mir ein Rätsel.
    Bis mir klarwurde, was mir immer klarwird, wenn ich mich so vertiefe: Das muss alles gar nicht hinein, das dient nur dazu, mir die Zeit vor Augen zu führen. Bei der Nachforschung aber gerate ich so tief in diese Kaninchenlöcher, dass ich das vergesse. Ich musste mich daran erinnern, dass ich Luises Geschichte erzählen will und nicht etwa den tausendsten Roman über Beethoven oder Marie Antoinette oder auch den ersten über Maximilian Franz.
    Sie sind Nebenfiguren, wenn auch bedeutende, ohne deren Existenz Luises Leben anders verlaufen wäre. Und wie Nebenfiguren erscheinen sie auch in meinem Roman, immer wieder tauchen sie auf, gestatten uns einen kleinen Einblick in ihre Seele, entscheiden mit ihren Worten den Fortgang der Welt und ziehen sich wieder zurück, bis sie gebraucht werden.

  • Nicht was, sondern wie ich schreibe

    Ich bin eine Pantserin. Oder schöner ausgedrückt: eine Gärtnerin. Also konkret: eine entdeckende Schreiberin. Was bedeutet, dass ich schreibe, als würde ich lesen – was passiert als nächstes, wie geht es weiter, was kommt nun?

    Wenn du jetzt einmal nach diesen Ausdrücken googlest, dann wirst du schnell herausfinden, dass diese Art des Schreibens gerne als völlig falsch angesehen wird. Als unprofessionell. Zeitaufwendig. Fehlerbehaftet. Unorganisiert. Ungeeignet auch für Krimis beispielsweise. Oder Serien und Reihen. Ganz, ganz verkehrt. Und man möchte meinen, dass das stimmt, denn liest man sich durch Schreibforen oder Autorinnenseiten, dann ist fast immer vom Plotten und Vorbereiten die Rede, um Logikfehler zu vermeiden oder sich die Arbeit zu ersparen, den ersten Entwurf kompett in die Tonne kloppen zu müssen. Entdeckend schreiben nur Anfänger und Hobbyschriftstellerinnen. Punkt. Weil – sonst würde das doch mal irgendwo stehen, dass das geht. Das Pantsen, Gärtnern, Drauflosschreiben.

    Und doch ja, ganz gelegentlich meldet sich mal jemand und sagt, also hey, hier ich, ich mache das und komme wunderbar klar. Weil wir alle unterschiedlich sind und denken und handeln und Unterschiedliches brauchen, um kreativ sein zu können.
    Je nach Forumskultur wird nun entweder erklärt, warum das gar nicht sein kann (das führt dann meist zu einem Rückzug des Gärtners oder der Gärtnerin und der kleinlauten Erklärung, dass er oder sie selbstverständlich sehr, sehr viel Arbeit reinstecken müsse, um den fabrizierten Mist aufzuräumen). Oder aber es melden sich andere und geben zu: ich auch. Und dann kann man lesen, dass vom ersten Entwurf kaum etwas geändert wird, dass Logikfehler eher selten sind und schnell bemerkt werden, weil die Charaktere sich natürlicher verhalten, weil sie ja den Plot vorantreiben und nicht der Plotter, der alles vorgegeben hat und deshalb seine Figuren in falsches Tun drängt (oh ja, man kann auch Vorurteile gegen das Planen hegen – da lässt sich so schön von der Geschichte sprechen, die am Reißbrett geschrieben wurde und steif und hölzern daher kommen muss). Wenn also Gärtner aufeinander treffen, dann fühlen sie sich gleich besser (als sonst, nicht als andere!), weil sie feststellen dürfen, andere arbeiten genauso und sind dabei glücklich.

    Wie gärtnere ich also? Habe ich wirklich keine Idee, wenn ich ein neues Projekt beginne?
    Die habe ich natürlich. Meist sieht sie so aus: Da ist jemand, der hat irgendwen getötet, weil er sich für irgendetwas gerächt hat, und Emma stolpert über die Leiche. Ja. Damit fange ich an. Monate, bevor ich schreibe. Ich notiere sie und wenn ich das nächste Mal daran bin, ein Cover zu gestalten, dann bekommt auch diese Idee ein Cover. Und dann einen Titel. Eine Jahreszeit. Und dann auf einmal fällt mir ein Name ein und ich fange an. Ich gebe diesem Namen während des Schreibens eine Geschichte, ein Aussehen, eine Vergangenheit, eine Wohnung, ich lasse mich fallen in die Zeit und in diesen fremden Charakter, den ich dann mit meinen mir vertrauten Heldinnen konfrontiere.
    Und während ich hier die Erde auflockere und dort ein Samenkorn fallen lasse, schaue ich zum Zaun oder zur alten Eiche und überlege, was dort gut aussähe und wie ich dort am besten hinkomme. Soll da vielleicht ein Teich hin? Zierrasen? Gestrüpp? Gibt es Streit mit dem Nachbarn? Lavendel? Oder lieber Fingerhut? Ich arbeite mich vor und manchmal habe ich zehn Ideen zugleich und notiere sie mir für die nächsten Kapitel, ein anderes Mal grübele ich und fluche.

    ABER genau das liebe ich und ich glaube auch, dass genau das – das manchmal nicht genau wissen, was ich jetzt anfangen soll – das ist, was meine Geschichten eben zu den Geschichten machen, die meine liebsten Leserinen mögen. Das ist nämlich nicht nur Kommissar Wertheim, der raus an die Luft muss, um wieder klardenken zu können (und eine Rosinenschnecke zu verputzen), sondern auch ich. Ich habe dieselben Hinweise auf den Mörder wie der Kommissar, ich fühle mich genauso genervt und verzweifelt wie Emma, wenn ich mir all diese schönen Spuren und Indizien anschaue und darüber fluche, wie die bitteschön zusammengehören sollen.
    Dann könnte ich es mir natürlich leicht machen, zurückgehen in der Geschichte und streichen, was sich partout nicht unterlassen bringen will in der Lösung. Aber dann stehe vor einem Täter oder einer Zeugin und bekomme zu hören, dass es aber nun einmal so war und da ja jede kommen und eine Änderung verlangen könnte. Also zerbreche ich mir den Kopf, bis ich die Lösung habe.

    Gehe ich also nie zurück und ändere?
    Natürlich tue ich das. Da merke ich plötzlich, dass der Passant von Seite zehn viel mehr mit der Sache zu tun hat, als ich dachte. Oder ich stelle fest, irgendwer ist jünger oder älter, netter oder böser, ärmer oder reicher als zunächst angenommen. Oder mir fällt auf, dass ich irgendwen gar nicht benötige. Da gibt es immer Details, die ich ändere. Und zwar wirklich immer nur Details, nie Dinge, die von besonderer Bedeutung sind. Wenn es immer so schön heißt: Kill your darlings, dann gehe ich unprofessionelles Stück hin und schenke ihnen Blumen und bitte sie, sich mehr einzumischen. Weil ich weiß, was mich glücklich macht, das macht auch die liebsten Leserinnen glücklich. Dafür nehme ich in Kauf, dass es andere gibt, die das gar nicht mögen. (Damit umzugehen, habe ich erst lernen müssen und lerne es noch …)

    Ja, und dann kommt so gegen Zweidrittel des geschriebenen Manuskripts der Zeitpunkt, an dem ich aufhöre, mir drei oder vier Tage nehme und alles lese, was ich bisher habe. Und das ist dann auch der Moment, an dem ich mich hinsetze und gezielt organisiere, wer denn nun wirklich der Täter ist und wer mit wem was getan hat und wieso und überhaupt. Alle Szenen übertrage ich dann in ein Plottingprogramm und notiere mir auch Dinge, die ich ganz neu von meinem Stammpersonal gelernt habe. Und Ideen für die nächsten Bände. Und wenn ich dann alles so wunderbar organisiert und notiert und sortiert habe, wie Emma es tun würde, dann schreibe ich weiter und hangele mich lose an der geschaffenen Leitlinie entlang. Dann kann noch immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, aber in der Regel weiß ich nun, wohin es am Ende gehen solle. Was mich enorm zum schnellen Weiterschreiben motiviert.

    So ist das bei mir. Wollte ich immer mal gesagt haben. Weil ich mir sonst wie eine Hochstaplerin vorkomme …

  • Risiko!

    Risiko!

    Über die üblichen Themen populärer Bücher und das gewünschte gute Ende in Romanen habe ich neulich schon gesprochen. Nun fällt mir noch mehr zu diesem Thema ein, denn ich verzichte oft und ganz ohne böse Absicht darauf, mittlerweile liebgewordenen Erwartungen in der Bücherwelt zu bedienen. Dinge wie:

    • Wenn Chef und Angestellte immerzu streiten, geht man als gewiefte Leserin davon aus, dass beide am Ende zusammengekommen.
    • Wenn die Heldin ihren Gemahl in der Armen ein spärlich bekleideteten Dame vorfindet, liegt das Gewitter schon in der Luf.
    • Wenn die Heldin sich auf den ersten Blick verliebt und es wirklich schafft, ihren Traumprinzen zu heiraten, geht man von ewigem Glück aus.
    • Wenn um eine Krone gekämpft wird und eine der Bewerberinnen die stärkste aller Vampiras ist, darf man wohl annehmen, sie wird die Königin.

    Es gar nicht einmal so, dass ich unbedingt etwas Besonderes schreiben will. Nein, ich lasse meine Figuren handeln, wie sie es für richtig halten. Weil ich charaktergeführte Romane schreiben, nicht plotgetriebene. Was, wie ich vermute, bei manchen Leserinnen zum Klick auf den ‚So-ein-Schund‘ = Ein-Sterne-Button geführt haben dürfte. Und bei anderen dazu, mit mir eMails zu tauschen oder mich sonstwie zu kontaktieren oder alles zu lesen, was ich herausbringe (dafür ein riesiges Danke – ihr ermöglicht mir, die Ein-Sterne-Vergaben nicht mehr zu beachten).

    So weit, so gut. Aber was wäre das (Autorinnen-)Leben ohne ein klein wenig Aufregung? Ein bisschen Gefahr und Risiko?
    Tja, no risk, no fun – das kann ich normalerweise nicht nachvollziehen; ich bin eine eher ängstliche Person, die ganz gerne auf ihrem vermeintlich sicheren Sofa hockt und ihre Abenteuer beim Schreiben erlebt. Aber da bin ich sehr, sehr wagemutig. Weil ich nicht anders kann. Ich stürze mich also nicht nur kopfüber in meine Geschichten und lasse meine Figuren die Handlung bestimmen (was mir schon mehr als eine schlecht verbrachte oder gar durchwachte Nacht beschert hat!), nein, ich breche auch noch Regeln.
    Ich!
    Regeln, die in Stein gemeißelt sind. Regeln, wie sie vor allem für Kriminalromane gelten:

    • Der Mörder darf nicht erst im letzten Drittel in Erscheinung treten.
    • Es dürfen keine offenen Fragen bleiben.
    • Jede Szene muss zum Plot beitragen.
    • Das Böse muss bestraft werden.

    Tja. Hmm. Was soll ich sagen? Ich gebe der ‚So-ein-Schund‘ = Ein-Sterne-Button-klick-Fraktion eben noch einige gute Gründe mehr, auf den ‚So-ein-Schund‘ = Ein-Sterne-Button zu drücken. Ich sammele mitunter so viele kleine Sternchen, dass ich mir als ausgesprochen wagemutig und regelverletztend vorkommen darf. Verwegen geradezu. Dabei bin ich einfach nur eine Autorin, die sich viel zu gerne von den Möglichkeiten verführen lässt, eine Geschichte von meinen Figuren und meinen eigenen Vorlieben zu bestimmen. Vielleicht ist das die einzige Regel, die für mich wirklich gilt: Schreibe, was du selber lesen magst. Und manchmal ist mir danach, genau das zu tun, was man nicht tun soll. Weil es für diese besonderen Figuren, diese bestimmte Geschichte passt.

    • Weil nun einmal ein überragender Mr X, der im Hintergrund die Fäden zieht, kein überragender Mr X wäre und schon gar nicht im Hintergrund agierte, wenn er mir alle zwei oder drei Seiten über die Zeilen hüpfte.
    • Weil es so viele offene Fragen jeden Tag für uns gibt, gibt es sie auch für meine Heldin.
    • Weil ein Auslassen jeder Alltagsanekdote, jeder menschlichen Überlegung oder jeder Sorge abseits des Plots für mich eine Geschichte ergibt, die so ermüdend ist wie eine Autofahrt mit Tachomat.
    • Weil das Böse bei mir sicherlich nicht glücklich davonkommt, das Glück der Unschuldigen aber von anderen Dingen als der Bestrafung abhängt und ich dafür mehr Zeit aufbringen mag.

    Nun, so sieht das bei mir auf dem Sofa aus. Ich hocke hier megariskant neben dem Kuschelhund auf der Heizdecke (solltest du das im Sommer lesen, dann zerfließe ich vermutlich bei offenen Fenstern und der Hund liegt auf dem kühlen Boden) und trinke Kaffee mit Caramelsirup. Gewagt und mutig, oder?
    Ok. Eher nicht. Weil ich nämlich für die jenigen Leserinnen und Leser schreibe, die genau so unterhalten werden wollen, wie sie es von mir bekommen. Das ist nicht riskant, das ist einfach nur herrlich.

  • Tropes & Happy Endings

    Oder: Was erwartet eine Leserin?

    Oder: Was kann ich ihr bieten? Oder: Was erwartet meine Leserin?
    Fragen über Fragen, die mich schon lange bewegen und auf die ich keine gesicherte Antwort habe. Nicht so ganz zumindest. (Warnung: Das wird lang!)

    Falls es nicht irgendeine Person da draußen gibt, die mich – aus welchem Grund auch immer – abgrundtief hasst und deshalb in schöner Regelmäßigkeit zwei, drei Wochen nach dem Erscheinen eines neuen Buches die Ein-Sterne-Bewertung hinterlässt, dann darf ich wohl sagen: Ich bzw. das, was ich schreibe, gefällt nicht allen Leserinnen und Lesern. Ich errege mit meinen Geschichten sogar ausreichend viel Abscheu, dass diese Ein-Sterne-Bewertungen bei so ziemlich all meinen Roman zu finden sind. Über den Punkt, an dem ich tagelang weinte, nichts mehr schrieb und kurz davor war, alles zu vernichten, was ich jemals geschrieben hatte, bin ich zum Glück hinaus. Gut geht es mir dann noch immer nicht, andererseits passiert es doch immer wieder, dass nach der Vergabe der Ohrfeige genau dieses Buch öfter gekauft wird (sollte es also doch diese eine Person geben, die mich ärgern will: Danke, danke, danke :))

    Aber ich verlaufe mich gerade wieder, also zurück zum Thema: Was erwartet die Leserin, was erwartet sie von mir und was bekommt sie?

    Um das zu erfahren, lese ich die negativen Rezensionen und erfahre: Fräulein Schumacher ist entweder zu naiv, zu unschuldig und zu wenig unternehmungslustig, oder aber sie ist zu naseweis, zu übergriffig und hyperaktiv. In jedem Fall aber findet viel zu viel Alltagsleben statt, der Krimiteil ist nicht blutig genug und zu viele Seiten haben die Emma-Krimis sowieso.
    Heißt im Umkehrschluss: Ich schreibe für diejenigen, die neben dem eigentlichen Fall eine Geschichte wollen, die Platz bietet für das Leben der Hauptperson, die zeitliche und lokale Einordnung und Charaktere, die nicht nur Stichwortgeber sind. Was nicht bedeutet, dass ich jedem Klischee bei der Figurenzeichnung aus dem Weg gehe – mit solchen typischen Bildern, die wir alle kennen, lassen sich wunderbar kleine, amüsanten Zwischenszenen malen, die vielleicht nichts zur Lösung des Falls beitragen, dafür aber Entspannung bieten, bevor etwas geschieht, das von Bedeutung ist. Wer auf rasende schnelle Thriller steht, auf andauernde Bedrohung und sogar Blut, das in Strömen über die Seiten fließt, wird vermutlich tödlich gelangweilt Fräulein Schumacher in die Ecke pfeffern.
    Das sagt mir was genau: Schaue ich mir die Bestsellerlisten an, dann lerne ich, ich schreibe an den Erwartungen vieler, vieler Leserinnen vorbei. Was erklärt, warum ich schlechte Bewertungen erhalte – es gelingt mir nicht immer, die nicht passenden Leserinnen mit meinen Covern und Klappentexten abzuschrecken :D
    Weil ich aber doch viel Wert darauf lege, die realen Ereignisse der Zeit einzuflechten, verschrecke ich auch die eine oder andere Cosy Crime Leserin, die die Zwanzigerjahrekrimis des englischen Sprachraums gewohnt ist. Wo die englische Tochter eines Lords oder die amerikanische Dollarprinzessin mit Tüdelü und Tralala im Charlestonschritt durch die Goldenen Jahre tanzt, haben Emma und ihre Freunde mit dem Aufkommen der Nazis, Kriegstraumata der Verlierer und vielen anderen Dingen zu tun, die einen durchgängig heiteren Ton verhindern. Wieder enttäusche ich Erwartungen.

    Ähnliches gilt aus anderen Gründen für die beiden anderen Krimireihen, die ich aktuell schreibe (oh, und ich würde so gerne auch einen weiteren Fall für Elizabeth Teague schreiben, komme nur nicht dazu, deshalb beziehe ich sie hier nicht mit ein): Monsieur Sandberg verdient sich im Jahr 1919 seinen Lebensunterhalt mit kriminellen Aufträgen, wobei auch Mord dazu gehören kann. Er hat ganz eigene, durchaus hohe moralische Grundsätze, die er erfüllt sehen muss, bevor er einen Vertrag unterschreibt.
    Das könnte nun theoretisch eine sehr düstere Reihe sein, aber da Sandberg einen Auftritt bei Fräulein Schumacher hatte, fühlt auch er sich dem gelegentlichen Humor und einer dialoglastigen Geschichte verpflichtet. Blutig geht es nicht zu, aber wir stehen eben doch auf der anderen Seite des Gesetzes. Wohin gehört diese Serie nun? Cosy nicht, er ist ja Profi, nicht Laie. Am ehesten ist es eine internationale Agentengeschichte, denn Sandberg kommt ordentlich rum in seinen Missionen und hat sich selbst die Lizenz zum Töten verliehen. Was er so charmant tut, dass ein Hauch von Cosy durch die Zeilen weht. Doch ein Roman, der sich schlecht einordnen lässt, ist immer an der Erwartung der meisten Leserinnen vorbei geschrieben. Tja …
    Bei Mariella wollte ich dann doch einmal genau das schreiben, was man sich von einem Cosy Crime der Zwanziger erwartet: Tralala und Tüdelü in eleganten Abendroben. Ermittelt wird mit Champagner in der einen und einer zierlichen Ladysmith in der anderen Hand. Dumm nur, dass ich nicht widerstehen konnte, die Serie auf eine fiktive Insel zu verlegen, in der die Zwanziger ganz anders sind: bunt, divers, frauenfreundlich. Mariellas beste Freundinnen sind ein Pärchen, was niemand der Rede wert findet (bislang spielen sie nur winzige Nebenrollen, aber das wird in einem weiteren Fall anders sein). So wenig, wie die Hautfarben der Caspilliani, die von leuchtend weiß bis tief schwarz jede Nuance haben dürfen.
    Logisch: Das gefällt nun auch nicht allen, wieder sause ich am Ziel vorbei. Naps aber auch! (Das ist DER Fluch für absolut alles auf der Insel.) Wer aber Miss Fishers mysteriöse Mordfälle und Death in Paradise mag, hat hier eine Mischung aus beidem – was keine Absicht war!

    Gut. Wie sieht es denn dann im historischen Feld aus? Hedwig könnte doch genau das sein, was man sich heute unter einer Triloge über eine starke Frau um 1900 vorstellt. Oder?
    Ganz ehrlich, das hatte ich vor. Aber dann habe ich mich viel zu intensiv mit dem Leben der Dienstmädchen befasst, habe Unmengen an biografischen Berichten und Erinnerungen gelesen und alle möglichen Doktorarbeiten vor allem der Achtziger durchforstet. Und immer wieder fiel auf, wie unglaublich schicksalsergeben diese Frauen waren oder wurden. Wie wenig Bedeutung sie der Liebe beigemessen haben, wie sie selten einmal das erhalten haben, was sie sich erträumten – vor allem dann, wenn sie es erhielten. Aber so war das Leben nun einmal und wollte man mehr, so bedeutete auch das harte Arbeit.
    Und so wurde aus meiner Hedwig, die munter, niedlich und lustig sein sollte, eine junge, hart schuftende, aber gütige Person, die nur langsam lernt, was sie aus sich machen kann. Ich liebe sie sehr und erkenne in ihr ziemlich vieles, was ich auch in meiner liebsten Großtante Tinni gesehen habe – der ich als Emmas Tante Tinni das Leben gegeben habe, das sie sich gewünscht hat.
    Schlimmer noch: Ich habe Hedwig keinen der Träume so erfüllt, wie man es sich in einer Frauensaga wünscht. Ich lasse sie schuften und leiden und hoffen und dennoch fällt es ihr nicht ein, sich als unglücklich zu bezeichnen. Ist nun alles, was sie erlebt, ungewöhnlich und nie dagewesen? Natürlich nicht. Aber es läuft wieder neben den Erwartungen her. Hedwig ist keine der Heldinnen, die sich immerzu von allen vernachlässigt und schlecht behandelt glauben, obwohl sie täglich spürt, wie abhängig so von ihrer Umgebung ist. Sie beginnt ihren Lebensweg nicht aus einer priviligierten Position heraus, sie hält sich nicht für wertvoll oder besonders, sie hat keine Zeit, über ihr Äußeres nachzudenken. Auch das gefällt nicht allen.

    Ja, und meine Jane Austen-Reihe und mein geliebtes Institut für Fantastik – auch hier biege ich weit vorm Ziel schon ab und renne kreuz und quer. Wer Regency Romance wie Bridgerton sucht, kann In Love with Austen nur hassen, und wer bei Fantasy Schwertkampf und Schlachten und Zauberschulen sucht (obwohl ich etwas Ähnliches habe, wo beispielsweise Olivero ausgebildet wurde), ist bei mir natürlich auch wieder falsch. Es ist eine Schande.

    Oder?

    Oder auch nicht. Denn zum Einen mag und kann ich mich nicht so verbiegen, dass ich nach dem Markt schreibe, so gerne ich das manchmal auch möchte. Dafür bin ich zu doof oder lasse ich mich zu leicht von den spontanen Einfällen meiner Figuren zu einer neuen Handlung verführen. Und genauso liebe ich es, nur deshalb kann ich täglich Stunde über Stunde schreiben und das Tag für Tag.
    Und zum Anderen gibt es eben die Leserinnen, wenn sie auch in Minderzahl sind, die genau diese Geschichten lieben und sich auf das nächste Buch freuen, egal, welches Genre es ist. Weil sie wie ich auch in den Hauptfiguren Freundinnen sehen, mit denen sie gerne Zeit verbringen, von denen sie sich ablenken und entführen lassen. Weil sie sich freuen, wenn eine Erwartung (oder manches Mal eine Befüchtung) nicht oder zumindest anders erfüllt wird. Weil sie gerne lesen, wie Emma langsam doch noch das Kochen lernt und nicht nur dem Mörder nachrennt. Weil sie gerne auf einer Insel leben würden, die wie Saint Caspilian ist. Weil sie Melisande warme Magie so sehr schätzen wie Swanhilds kühlen biss. Weil es eben Leserinnen gibt, die mich anschreiben und mir ganz genau sagen, warum sie mich lesen. Und das ist, weshalb ich weiterhin ganz willig und froh knapp vorbei schreibe an allem, was erfolgreich machen könnte.

  • Plotten oder Pantsen?

    Treibt man sich in Schriftstellerforen welcher Sprache auch immer herum, dann dauert es nicht lang, bis man in eine Diskussion gerät, in der es um die einzig wahre und richtige Methode geht, einen Roman zu schreiben. Und da herrscht erstaunliche Einigkeit, denn selbst die meisten Pantser und Pantserinnen werden ihr Vorgehen damit entschuldigen, dass es ihnen einfach am Talent zum Plotten mangele, so sehr sie es auch möchten. Weil ja nur durch das Plotten ein Werk wie beispielsweise ein Krimi entstehen könne – ohne Logiklöcher und mit einem spannenden – ha! – Plot.

    Treibst du dich in solchen Foren nicht herum, weil du eben keine Schriftstellerin, sondern eine Leserin bist (wahlweise bist du kein Schriftsteller, aber dafür ein Leser), dann wirst du dir vielleicht nicht einmal ganz sicher sein, was Plotten und Pantsen eigentlich ist. Rein lautmalerisch klingt beides nicht sonderlich schön oder aufregend.

    Um das also einmal kurz klarzustellen:

    Wer plottet oder als ‚Architekt‘ arbeitet, beginnt mit dem Schreiben des Romans erst, wenn das Grundgerüst steht, das mal mehr, mal weniger detailreich ist. Und da gibt es durchaus Autorinnen (jeden Geschlechts), die sehr, sehr, sehr genau vorgehen und wahrhaftig jeden einzelnen Charakter erfinden, Szene für Szene durchgehen, an festgelegten Punkten eine Wendung einbauen und festlegen, wann welche Leiche wo gefunden werden muss, um zum Finale zu gelangen. Da werden dann Karten (analog oder digital) hin- und hergeschoben, Erzählstränge kunstvoll verwoben und die Wortanzahl jedes Kapitels bestimmt. Dazu gehört natürlich auch die Recherche. Es wird also jedes Detail der Geschichte bestimmt, sortiert und als Szenen- und Kapitelstruktur ins Manuskript gebracht. Wer so schreibt, verwendet vielleicht spezielle Software wie Plottr oder Papyrus. Danach wird dann in Sätze gefasst, was als Idee bereits feststeht.

    Wer pantst oder als ‚Gärtner‘ unterwegs ist, tut das nicht. Man geht mit einer Idee, die mehr oder weniger ausgefeilt ist, an die Sache heran, setzt sich an die leere Seite und fängt an, die Geschichte zu schreiben. Entdeckendes Schreiben wird das auch genannt und ist sozusagen ein Lesen während der Entstehung. Die Gärtnerin lässt sich darauf ein, nicht zu wissen, wie es zwei Kapitel später aussehen wird. Mehr noch verlässt sie sich darauf, es bis zum Ende zu schaffen. Jede Idee, die während des Schreibens kommt, wird freudig begrüßt. Vielleicht testet man sie für einige Zeilen und entscheidet dann, dass sie sich besser für eine andere Geschichte eignet und speichert sie dort ab. Oder man verändert sie ein wenig. Oder man nimmt sie mit und lässt sich überraschen, was daraus wird. So entstehen Geschichten, die oftmals mehr von den Figuren abhängen als von dem Geschehen an sich. Die Recherche findet nicht nur vor dem Schreiben statt, sondern ebenso sehr on the go.

    Nun gibt es einige ‚Regeln‘, die gerne als feststehend betrachtet werden. Dinge wie:

    • Der erste Entwurf ist immer für die Tonne.
    • Krimis und Fantasy müssen intensiv geplant werden.
    • Pantser müssen sehr, sehr viel korrigieren, verbessern und anpassen.
    • Plotter sind professionellere Autoren.
    • Man muss viele Schreibratgeber gelesen haben.

    Da gibt es noch einige mehr, die immer, immer, immer genannt werden, wenn solche Diskussionen ausbrechen. Und fast immer geben Pantser und Pantserinnen klein bei, bestätigen, dass sie viel ändern müssten. Dass sie keinen Krimi schreiben könnten. Dass es ein Make ist, nicht plotten zu können. Dass es ihnen wohl auch an Ausdauer mangele, wenn sie sagen, es würde sie das Aufschreiben einer Geschichte langweilen, wenn sie sie schon wochenlang geplottet hätten.
    Nur: Sobald man sich einer anderen Gärtnerin unter vier Augen als Kollegin zu erkennen gibt, dann klingt es doch anders. Dem erleichterten Aufatmen folgt die freudig-schwesterliche Umarmung und endlich einmal frei und glücklich erzählt man sich, wie wunderbar es jedes Mal sei, wenn man eine neue Geschichte beginnt und nur ahnt, wohin es gehen soll.

    Woher ich das weiß? Na, das wirst du dir schon denken können: Ich bin Gärtnerin durch und durch. Ich verlasse mich – wenn auch jedes Mal wieder bebend und nervös – darauf, dass ich mich auch aus der schwierigsten Lage befreien kann, wenn ich nur meiner Fantasie und meinen Figuren vertraue. Gerade Emma, James und Wertheim, Siegfried, Gigi und Sybil kann ich freien Lauf lassen; es ist ja immer wie ein nach Hause kommen, wenn ich eine Fräulein Schumacher-Geschichte beginne. Ich kenne sie, sie kennen mich und dann geht es los.

    Was habe ich zu Beginn? Eben diese eine grobe Idee. Im aktuellen Fall: Emma reist nach Norderney, dort geschieht ein Mord. Das war’s. Mehr habe ich nicht. Hatte ich nicht. Meist fällt mir unter der Dusche der erste Satz ein, in der Regel wirklich erst an dem Tag, an dem die Arbeit am neuen Manuskript beginnen soll.
    Dann öffne ich mein Programm und schreibe diesen ersten Satz. Und auf einmal weiß ich alles, was zu dieser neuen Begebenheit geführt hat: Wie kommt Emma an diesen Ort? Wann wird sie dort sein? Was hätte dagegen gesprochen und wie kann ich das Hindernis entfernen? Wer ist involviert? Wie geht es Emma, wie geht es ihren Lieben?

    Ja, und dann bin ich schon völlig in Emmas Welt. Meist schaue ich auch dann erst nach, was denn so passiert in Deutschland und in der Welt in diesen Tagen, lasse Emma darauf reagieren, wenn sie denn die Möglichkeit gehabt hätte, davon zu erfahren. Dabei erlebe ich immer wieder ein absolutes Glücksgefühl, wenn ich feststelle, dass wahrhaftig etwas, was ich mir so und so vorgestellt habe, auch wirklich geschehen ist. Oder dass genau jetzt irgendwo etwas stattfand, was Bezug zu meiner Geschichte haben könnte. Manchmal gerate ich beim On-the-go-Recherchieren in Kaninchenlöcher und stoße auf eine historische Figur, eine Aussage, eine Beschreibung oder einen Ort, der mich inspiriert. Wird alles gnadenlos eingebaut.

    Und so geht es weiter. Ich lasse, um beim momentanen Manuskript als Beispiel zu bleiben, Emma empfinden, was ich selbst bei meiner ersten Überfahrt nach Norderney empfunden habe. Ich mische Erinnerungen an Personen ein, die ich kennengelernt habe, ich lasse James Dinge sagen, die andere Männer mir sagten – das Dumme wie das Reizende. Und lasse Emma reagieren, wie sie es will. So ähnlich sind wir uns nun nicht, als dass ich mich da einmischen dürfte. Ich habe einen Heidenspaß daran, den Wortgefechten der Beresfords zu lauschen. Oder überhaupt allen Unterhaltungen meiner Paare – die sind einfach besser als ich darin, sich zu necken und zu loben. Liegt vielleicht auch daran, dass meine männlichen Helden zwar alle möglichen Schwächen haben, fragiler Männlichkeitswahn aber nur bei denen zu finden ist, die eben nicht meine Helden sind. Im wahren Leben sucht frau sich halt nicht immer aus, mit wem sie spricht …

    Was nun den Krimiteil angeht: Ich lasse mich mit Absicht vor Wände laufen. Alles, was mir an Spuren und Ereignissen einfällt, wird in die Geschichte gepackt, wenn es sich in der Situation des Schreibens gut und spannend anfühlt. Und es Emma oder Wertheim vor ein Rätsel stellt. Wenn Siegfried dann noch die Brauen zusammenzieht und an Verschwörungen denken lässt, dann bin ich glücklich.
    Bis ich nach gut der Hälfte an den Punkt komme, an dem ich Sinn aus den Begebenheiten machen muss. Mal stelle ich fest, dass mein Mörder gar nicht der Täter ist, dass ich mich in ihm geirrt habe. Dann muss ich ermitteln. Wie Emma und Wertheim muss ich nach Spuren suchen und mir die Nächte um die Ohren schlagen (wirklich und wahrhaftig). Dann fange ich an, Organigramme zu entwerfen, die Beziehungen untereinander aufzumalen, Chronologien und Listen zu schreiben, Zeugen zu befragen. Manchmal nutze ich meine überlegene Position, um in der Geschichte zurückzugehen und etwas zu ändern; eine Haarfarbe, ein gesprochenes Wort, eine Uhrzeit, einen Namen. Das sind immer nur Kleinigkeiten. Manchmal füge ich etwas ein, um eine Spur zu legen, manchmal verschiebe ich eine Szene. Immer lese ich in dieser Phase alles durch, was ich bisher geschafft habe, merke an, auf welches Detail ich beim Weiterschreiben achten sollte, was mir weiterhelfen kann oder was mich unnötig verwirrt hat.
    Danach dann geht es weiter, nun mit einer deutlichen Vortstellung davon, wer es war und wie es abgelaufen ist – ein Miniplot also, ein Gewächshaus in meinem Garten sozusagen. Wie meine Heldin das herausbekommt: Das ist noch immer ungewiss, da verlasse ich mich weiterhin auf meine Intuiotion und meine Figuren.

    Ich gestehe also: Ich bin Pantserin, Entdeckerin und Gärtnerin. Anders will ich es nicht, das ist, was mein Schreiben ausmacht, was mich begeistert und was für mich das einzig Wahre und Richtige ist. Ich schreibe meine Krimis nicht als die Kriminelle, die das Verbrechen plant, sondern als Ermittlerin, die es aufklären muss. Und ich sehe nicht ein, weshalb das nicht funktionieren sollte. Was manche an meinen Romanen nicht mögen, dürfte wohl mehr der Genremix sein und das zu häufige Enttäuschen gängiger Vorstellungen von einem echtem Happy End oder einer wirklichen Heldin oder was auch immer sein. Auch meine der Zeit angepassten Sprache, der Verzicht auf kurze Sätze oder ähnliches spielt eine Rolle. Ob man nun aber plottet oder pantst, dürfte keinen Unterschied machen.

  • Show, don’t tell? Ein Plädoyer fürs Erzählen

    Regeln. Hatte ich auch eben erst drüber gesprochen. Wie wäre es denn mal dieser, die jeder Autorin, jedem Autoren immerzu um die Ohren geschlagen wird: Show, don’t tell! Also zeigen, nicht erzählen. Was oft so verstanden wird, dass jeder erzählende oder zusammenfassende Part, jede Außensichtung der Handlung kritisch beäugt wird.
    Das kann so weit führen, dass alles, wirklich alles gezeigt wird. Heißt: Selbst der Postbote, der nur kurz den Brief abliefert und dann geht, um in der Geschichte nicht wieder zu erscheinen, muss irgendetwas tun, was seine innere Haltung, sein Bewusstsein um seine Bedeutung für den Plot deutlich macht. Er darf nicht einfach schnaufend die Treppe raufsteigen und kurzatmig-mürrisch die Post abliefern. Oder, wenn er so reizend ist wie der Postbote in meiner Straße, lächelnd und hastig zugleich das Päckchen abliefern.

    Nein, er muss auf den Stufen innehalten, muss nicken und auf meine geschlossene Tür starren, muss den Brief in der Hand wiegen, den Kopf schütteln und sich dann mit einem Ruck aufrichten und sein Werk verrichten, muss mir den Brief überreichen und dabei meinen Blick festhalten, dass uns beiden bewusst wird, das Schicksal der Welt liegt in diesem Schreiben. Und selbst bei diesem Zeigen seiner Haltung wird noch jemand einen Schreibratgeber in die Luft strecken und rufen, dass wäre noch gar kein echtes Zeigen, sondern noch immer zu viel Erzählung.

    Nun geht es mir aber gar nicht darum, den für die Handlung und unser tägliches Leben so wichtigen Briefträger kleinzumachen, indem ich ihn klingeln und den Brief abgeben lasse, ohne der werten Leserin klarzumachen: Hier steht ein Mensch aus Fleisch und Blut. Bei mir sollen alle auftretenden Figuren durchblicken lassen, dass sie ein Leben haben. Und Persönlichkeit. Eigene Ansichten. Was es halt so braucht, um mehr als nur eine hingekritzelte Gestalt zu sein.
    Gleichzeitig möchte ich aber auch klarmachen: Diese Person hier spielt für die weitere Geschichte vielleicht nicht die größte Rolle; du musst dir jetzt nicht Namen, Schuhgröße und Lieblingsspeise merken – sollte das wichtig werden, werde ich es noch einmal wiederholen. Oder dich daran erinnern. Nein, du kannst enspannt weiterlesen und vielleicht einen Augenblick lang darüber schmunzeln, wie Briefträger Müller beim Treppensteigen denkt, er hätte die Torte gestern nicht allein essen müssen. Du darfst dich freuen, dass die strenge Sekretärin, die unsere Heldin nicht zum Herrn Generaldirektor vorlassen wollte, dann doch in Erinnerungen an die eigene Jugend schwelt, wenn sie ihr nachblickt. Manche Charaktere verlangen nach Erzählung und Adjektiven, nach klaren Be- und Zuschreibungen.

    Genauso ist es, wenn es spannend wird oder unheimlich oder lustig. Ich für meinen Teil finde es lähmend und gebremst, wenn eine peinliche Begebenheit des Helden gezeigt wird. Es wirkt auch nicht sehr rasant, wenn die Heldin aufs davonrennende Pferd springt – wenn mein Zeigen ihres Tuns und Denkens länger braucht, als sie für das Tun und Denken brauchen würde. Dann bringt eine Erzählung, wie sie die Notwendigkeit des Handelns ebenso erkennt wie die Chance mehr Tempo. Dann zuckt sie nicht nur zusammen und spürt dabei den Herzschlag, der dahin rast wie die Horden des Dschingis Khan auf Beutezug, sie zupft sich nicht nur am Ohrläppchen (was, wie wir durch vorherige und aufmerksame Lektüre wissen, bedeutet, sie denkt angestrengt nach) und tut dies und das und jenes, das uns zeigen soll, sie hat sich erschrocken, sucht nach einer Lösung, sieht das Pferd und springt vom Balkon auf dessen Rücken) – na, wenn ich alles nicht zeige, sondern einfach sage, was passiert, dann hat die Heldin auch die Chance, schnell genug zu springen, bevor der Gaul das Weite gesucht hat.)

    Nicht anderes ist es bei sehr alltäglichen und eher unwichtigen Szenen, die aber doch ihre Bedeutung haben. Die Hausfrau der Fünziger, die auf der nächsten Seite von einem durch ihren Mann angeheuerten Auftragsmörder überfallen wird und ihn in Notwehr tötet, sollte nicht dieselbe Zeit mit ihrem morgentlichen Abwasch verbringen und über jedem einzelnen Teller Tränen vergießen müssen, um uns klarzumachen: Sie erwartet nichts Böses und ihr Alltag ist geprägt von nervtötender Routine. Um den Kontrast zwischen ihrer Langweile auf Seite eins und ihrer Panik auf Seite zwei zu schaffen, braucht es eben bei der Langweile kein Show, sondern Tell. Und auch bei der Panik sollte das Show so sparsam dosiert sein, dass die Heldin nicht im Schneckentempo agiert – ansonsten streicht der Drecksgatte die Lebensversicherung ein und das wollen wir doch nicht. Ist die Heldin erst einmal damit beschäftigt, ihre neue Lage zu überdenken und die Leiche loswerden zu wollen, ist noch Platz genug für Show. Finde ich.

  • Geschichtliches und Gendern

    Geschichtliches und Gendern

    Wie jetzt? Gendern und historisches Bonn? Muss das sein? Fange ich jetzt auch noch an, alles mit Binnen-I oder Sternchen oder was auch immer zu nerven?
    Was kann ich dazu sagen? Ja und nein am besten.
    Ich bin keine Freundin des Genderns. Rein optisch betrachtet. Was momentan sicherlich auch noch Gewöhnungssache ist.

    Allerdings: Wer sich jetzt freut und denken, ich verträte die Ansicht, Frauen (und alle, die außerhalb des Spektrums stehen) sollten sich mal nicht so haben, weil es ja sooo offensichtlich sei, dass sie mitgemeint sind, der irrt sich gewaltig. Es besteht nämlich für mich ein Riesenunterschied zwischen schriftlichem Gebrauchstext und einem Roman. In einem Roman nämlich erwarte ich, dass die Autorin oder der Autor sich die läppischen zwei Sekunden nimmt, um beispielsweise etwas wie ‚Meine Damen und Herren‘, ‚Liebe Schülerinnen und Schüler‚ oder ‚All meine Freunde und Freundinnen‘ zu schreiben; ich fände das übrigens auch in gesprochenen Moderationen schöner als die stumme Pause, wo das Sternchen sonst sitzt.
    Aber gut, wenn Sendezeit kostbar ist, dann kann ich auch ohne die ausdrückliche Nennung der beiden hauptsächlichen Geschlechter leben, wobei die Pause alle Menschen mit einschließen soll. Auch das wieder eine Sache der Gewöhnung, was nun auch nicht schwieriger sein kann, als sich an Wörter wie Downloaden, Streamen oder meinetwegen sogar Gendern gewöhnt zu haben.
    Was ich sagen will: Ich finde es wichtig, nicht immer nur alle Welt mitzumeinen, sondern sie auch anzusprechen. Schon aus Höflichkeit.

    Gut, das wäre also geklärt. Ich verwende die weibliche und die männliche Form, wenn ich einen Roman schreibe. So denn beide angesprochen werden sollen, was nicht immer der Fall ist. Meine Heldinnen reden ja nun auch nicht mit jedem dahergelaufenen Kerl, man ist ja Dame. Daher verzichte ich meist darauf, Männer mit einzubeziehen.
    Worauf aber wollte ich hinaus?

    Schon irgendwie auf dieses generische Maskulinum, das ja in der Wahrnehmung mancher, meist älterer Herren, natürlich gewachsen ist und nie nur Männer meinte. Und da frage ich mich dann schon, wo diese Herren waren, als Geschichte unterrichtet wurde. Wobei ja nur sehr selten Geschichte aus weiblicher Sicht ein Thema ist; die Herren können vielleicht nichts dafür, dass sie das nicht wissen.
    Obwohl … andererseits … Wenn jemand die Gelegenheit hat, diese Ansicht wortreich ins Netz zu schreiben, dann könnte man sich dort ja auch mal informieren. Wenn man wollte. Da finden sich durchaus sehr viele Sprachwissenschaftler und -innen (wirklich sogar viele männliche Sprachkundler, was mich freut), die darlegen, dass Frauen eben ganz und gar nicht mitgemeint waren, schon gar nicht im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ob es Wahlaufrufe waren oder Reklame für Bankkonten oder Ferienreisen, ob es Mobilmachungen waren oder ein Artikel in der Tageszeitung – es waren Männer, die anderen Männern etwas zuriefen, sie umwarben oder informierten. Denn Frauen durften nicht wählen, sie durften keine Konten eröffnen, sie sollten nicht alleine reisen oder sich in die Politik einmischen. Sie waren nicht gemeint. Was den Herren damals sicherlich auch ganz natürlich gewachsen erschien – Himmel noch, wer wäre so dumm und würde sich in wichtigen Angelegenheiten an ein weibliches Wesen wenden?
    Da, wo Frauen dann doch gemeint waren, bedienten sich amtliche Blätter, Zeitschriften oder Werbeblättchen der klaren Ansprache an die Dame von Welt. Bevor sie über Leben entscheiden durfte, entdeckte man sie als Kundin. Da gab es dann die Zeitschrift für die Familie oder die Frau, da gab es Damenbreviere und Reklametafeln für die weibliche Kundschaft. Und wo sie mit ihrem Gemahl zu erwarten war, da sprach man eben von den sehr verehrten Zuschauern und Zuschauerinnen, den Besuchern und Besucherinen, den Damen und Herren – da wurden beide Formen verwendt.

    Aber wie kam ich jetzt darauf?
    Ich habe mir heute Nachmittag drei Bücher durchgelesen. Drei Reiseführer über Bonn, von 1905, 1908 und 1912. Das Heftlein hatte ich neulich schon gezeigt; es wirbt um neue Bürger. Bürger. Nicht Bürgerinnen. Die anderen beiden werben um Touristen. Nicht Touristinnen. Sowieso tauchen Frauen in den Texten nicht auf. Nun ist das eine ein Baedeker, der hält sich eh knapp, lassen wir ihn also mal beiseite.
    Aber die beiden anderen Texte lassen die Geschichte Bonns Revue passieren, sie nehmen den Reisenden auf einen Spaziergang mit, sie zeigen schöne Ecken und gute Gasthäuser. Es ist in beiden sehr viel die Rede von wichtigen Männern. Edlen Kriegern. Bedeutenden Männern. Großen Denkern. Deutschen Männern. Strebsamen Studenten. Berühmten Männern. Von Söhnen der Stadt, von Erfindern, Schriftstellern, Königen. Immerzu geht es darum. Immerzu wird dem Leser versichert, dass er hier geistige Anregung finden wird und des Abends nett ausgehen kann zu Bier und Wein und Gesang. Hier kann er sein Leben verbringen oder seinen Urlaub.

    Wenn Frauen erwähnt werden, dann nur kurz und knapp. Wir erfahren in beiden Texten, dass es in Bonn viele, wirklich sehr viele Töchterpensionate gibt. Und wie viel ein Dienstmädchen im Jahr kostet, was in der Zeile unter den Durchschnittsmieten zu finden ist. (Da bin ich dann auch wieder bei meinem Thema, aber dazu dann beim nächsten Mal mehr).
    Und dann gibt es noch drei Frauen, die mehr oder weniger namentlich erwähnt werden: Charlotte von Schiller, die als Witwe des Dichterfürsten in Bonn starb. Clara Schumann, die als Witwe des Komponisten auf demselben Friedhof beigesetzt wurde. Und Viktoria als Schwester des Kaisers. Keine der drei Frauen hat auch nur ein Wort mehr erhalten, als nötig war, um sie als Anhängsel eines berühmten Mannes zu charakterisieren. (In einem Buch über Bonn aus den späten Dreißigern wird Clara Schumann immerhin auch als begabte Pianistin bezeichnet. Natürlich nur aus dem einen Grund, um zu zeigen, wie eine gute deutsche Ehefrau alles für ihren viel wichtigeren Gemahl aufopfert.)
    Frauen erscheinen in diesen Texten als Familienangehörige, als Dienstmädchen oder als Kundin. Letzteres allerdings in einer doch verblüffenden Anzeige, die im Kontrast zu allem steht, was Zeit, Gesinnung und Literatur dem weiblichen Geschlecht eigentlich sagen möchte. Da steht also eine Dame, die ihren Rock als Pelerine trägt und darunter das bestrumpfte Bein zeigt vom Knie an abwärts. Das gab es sonst nur bei Badekleidung und da wurde fast überall darauf geachtet, dass Männer und Frauen fein säuberlich getrennt voneinander ins Wasser stiegen. Aber die Frau als Kundin genoß Freiheiten, so lange mit ihr Geld zu machen war, so könnte man vermuten. Vielleicht als Ausgleich dafür, dass sie meist nicht einmal mitgemeint war.

    Hübsch sind dabei übrigens auch zwei Listen: eine für die reisenden Dame auf der letzten Seite der Broschüre und eine für den reisenden Herrn, die natürlich auf der vorderen Seite steht.
    Während er die Banknotentasche dabei hat, führt sie Benzin zum Auswaschen von Flecken mit sich. Er reist mit Eispickel, sie mit Eßbesteck.
    Er packt Kognac und Kompass ein, sie Kochgeschirr und Kosmetikartikel.
    Er vergisst seine Ordensauszeichnungen nicht, sie nimmt das Opernglas mit.
    Ihre Liste ist dazu ein gutes Drittel länger und das nicht nur, weil man ihr sagen muss, sie solle das Mieder und die Federboa in den Koffer legen, sondern auch, weil sie auf seine Notfälle vorbereitet sein musste. Aber immerhin durfte sie mit nach Bonn, wo sie abends hübsche Zeichnungen in ihr Reisejournal malt und Blumen trocknet, während der Gemahl in der Kaiserhalle bei Bier und Frohsinn saß und sich über Politik unterhielt. So romantisch …

  • Immer wieder unsicher

    Immer wieder unsicher

    Gestern habe ich den letzten Satz in Emmas dreizehntem Fall geschrieben und auch gleich mit dem Gegenlesen und Korrigieren begonnen; knapp die Hälfte hatte ich schon vor zwei Wochen bearbeitet und habe nun noch sieben Kapitel vor mir, die ich morgen und übermorgen schaffen möchte. So weit, so gut und man möchte doch meinen, dass ich mittlerweile nicht nur Routine im Schreiben und Bearbeiten habe, sondern mir vielleicht auch ein gewisses Selbstbewusstsein als Autorin zugelegt haben sollte; immerhin habe ich nun bereits 39 Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht.

    Ja. Hmm. Also. Tja. Was soll ich sagen? Offenbar nicht. Nicht so ganz. Natürlich weiß ich mittlerweile, dass ich mich auf mich verlassen kann, wenn es darum geht, einen Roman zu Ende zu bringen und das auch in der Zeit, die ich mir vorgenommen habe; ich habe ja das große Glück, Vollzeit schreiben zu dürfen (Also wirklich die volle Zeit: Ich arbeite täglich, auch an den Wochenenden, und selten weniger als zehn Stunden, wenn ich die auch unterschiedlich produktiv und eifrig verbringe). Pandemie, Krieg und Klimakatastrophe, die privaten Unglücke und Unfälle machen wir zwar zu schaffen, aber umso mehr neige ich dazu, mich in meine erfundenen Welten zu begeben. Darum bin ich froh und ich hoffe sehr, dass es der einen oder dem anderen da draußen auch gelingt, Ablenkung zu finden, wenn sie oder er in eben diese Welten eintaucht; das wäre schön, darum geht es beim Schreiben ja, nicht nur um das eigene Vergnügen oder Seelenheil.

    Ich liebe meinen Beruf also und das mit allem, was dazu gehört. Das einzige, was mich gelegentlich belastet – also immer dann, wenn ich kurz vor der Veröffentlichung stehe und somit meine Arbeit, meine Fantasie und meine Welt fremden Augen übereigne:
    Ist die Geschichte gut genug?
    Ergibt sie Sinn?
    Wird man meine Figuren mögen?
    Enttäusche ich wieder einmal die üblichen Erwartungen an das Genre?
    Oder ist es genau das, was meine Leserinnen und Leser mögen? Mögen sie es auch dieses Mal? Oder habe ich es übertrieben?
    Habe ich mich überfordert?
    Sollte ich nicht stärker nach dem Markt schreiben? Kann ich das überhaupt?
    Wird es nicht langsam langweilig?

    Diese Liste könnte ich noch seitenlang fortführen und ganz schnell käme ich dann auch dazu, über Persönliches zu sprechen. Über den Druck, den ich mir mache, weil ich doch gerne bitte all meine Ideen zu Lebzeiten aufschreiben können möchte (was sich echt ungut anhört, oder?). Ob das Schreiben nicht absolut unnütz ist in Zeiten wie diesen. Wie peinlich mir noch immer das Marketing ist. Wie ungeduldig ich bin.
    Und so weiter und so fort.
    Aber jetzt und hier in diesem Augenblick und auf diesem Sofa beschäftigt mich eben die Frage, wieso es so schwierig ist, das eigene Schreiben einzuschätzen. Ganz klar ist: Wenn ich irgendeines meiner Bücher wahllos aufschlage und hineinlese, dann geschieht zweierlei. Zum Einen bin ich mitunter sehr erstaunt, dass ich dort etwas lese, was mir gefällt und was ich genauso als Leserin gesucht habe (was ja auch der Grund war, mit dem Schreiben zu beginnen). Zum Anderen braucht es kaum zehn Zeilen, bevor ich auf etwas stoße, was ich heute anders formuliert hätte. Oder ich finde einen blöden Fehler. Sehr, sehr ärgerlich und leider ist es so, dass das viel mehr Einfluss auf mein schreibendes Selbstbewusstsein hat als die Tatsache, dass mir grundsätzlich gefällt, was ich verfasst habe.
    Und so kommt es, dass ich mit immer mehr Erfahrung immer kritischer beäuge, was ich tue, und mich immer öfter frage: Ist das was? Vorzugsweise etwas Gutes? Oder beweisen mir die negativen Sterne (die ich immer, immer, immer erhalte), dass es Mist ist? Und werde ich jemals weniger nervös und ängstlich sein, wenn es ans Veröffentlichen geht? Ich befürchte, eher nicht. Was vielleicht auch ganz gut so ist. Oder?


  • Was ich nicht schreiben kann und auch Jane Austen nicht schreiben wollte

    Natürlich bin ich keine Jane Austen und nicht in der Lage, so zu schreiben, wie sie es tat. Was mich nicht hindert, es immer wieder zu versuchen. Vermutlich hat keine Autorin mich so sehr geprägt wie sie und über viele Jahre habe ich alles gelesen, was ich von ihr und über sie zwischen die Finger bekommen konnte. Und alles, was ich fand, bestätigte mich in dem, was ich von ihr erahnte, als ich Stolz und Vorurteil zum ersten Mal gelesen hatte.

    Womit ich zu dem komme, was mich mit mir ihr verbindet: Wenn ich auch nicht schreiben kann wie sie, so kann ich doch immerhin dasselbe nicht schreiben wie sie. Vor ein paar Stunden erst stolperte ich wieder einmal über eines ihrer Zitate, das ich wortwörtlich auch auf mich beziehen könnte:

    Ich könnte eine Romanze so wenig schreiben wie ein episches Gedicht. — Ich könnte mich nicht ernsthaft daran geben, eine ernstgemeinte Romanze zu schreiben, wenn es nicht darum ginge, mein Leben zu retten & wäre es unverzichtbar, dass ich damit fortfahre & unter keinen Umständen mich lustig mache über mich oder andere Menschen, dann bin ich sicher, ich würde gehängt werden, bevor ich das erste Kapitel beendet hätte. — Nein — Ich muss meinem eigenen Stil treubleiben & meinen eigenen Weg weitergehen; und wenn ich auch niemals darin erfolgreich sein sollte, so bin ich doch überzeugt, dass ich auf jede andere Weise versagen müsste.

    I could no more write a Romance than an Epic Poem.— I could not sit seriously down to write a serious Romance under any other motive than to save my Life, & if it were indispensable for me to keep it up & never relax into laughing at myself or other people, I am sure I should be hung before I had finished the first Chapter.— No—I must keep to my own style & go on in my own Way; and though I may never succeed again in that, I am convinced that I should totally fail in any other.—

    Jane Austen

    Was kann ich sagen als: Jepp, so isses. Gelegentlich frage ich mich, ob ich so schreiben könnte, dass ich mehr Leserinnen zusage. Oder einfach knapper, kürzer, moderner. Vielleicht könnte ich das irgendwie. Aber es gefiele mir die Arbeit nicht mehr, ich hätte keinen Spaß mehr an meinen Geschichten. Vor allem jedoch fühle ich mich Jane Austen deshalb verbunden, weil sie Humor der Romantik vorzieht. Ernsthaft romantisch schreiben – das geht für kurze Abschnitte, an der richtigen Stelle der Geschichte. Aber einen gesamten Roman, in dem es „nur“ um Liebe geht … Nein, das schaffe ich nicht. Immer wieder wird einer meiner Heldinnen etwas herausrutschen, was eher lustig als seelenvoll ist.
    Wenn ihr wissen wollt, was passiert, wenn ich es doch versuchen, dann schaut euch meine Lily DuPlessis an. Ganz ehrlich und sehr ernsthaft: Ich dachte, ich schreibe einmal etwas Romantisches. Etwas Süßes und Liebes. Und was ist es geworden: Eine heitere Albernheit, in der ich mich gar zu oft über einige Figuren amüsiere.

  • Noch einmal zum Thema Rezensionen

    Vor anderthalb Jahren habe ich schon einmal meine Gedanken zu diesem Thema notiert und jetzt drängt es mich erneut, ein oder zwei Worte darüber zu verlieren. Warum? Weil es mich gelegentlich beschäftigt. Ein Aspekt zumindest, auf den ich damals nicht wirklich eingegangen war. Doch von vorne.

    Seit ich meine Romane auch bewerbe – was ich damals noch nicht wirklich getan hatte und somit deutlich unsichtbarer war als heute (auch wenn ich nach wie vor ein kleines Lichtlein bin) -, trudeln zwangsläufig mehr Rezensionen ein und ebenso zwangsläufig mehr Ein- oder Zwei-Sterne-Bewertungen. Ich schaffe es mit jedem Roman, in irgendwem den unbezwinglichen Drang auszulösen, mir Ohrfeigen zu verpassen. Ja, ich denke, dass die reinen Sternevergaben anderen Leserinnen und Lesern gar nichts bringen, sondern dass sie nur zwei Aufgaben erfüllen können:

    Entweder man vergibt die Sterne am Ende der Lektüre, um die Empfehlungen des Amazon-Algorhithmus zu beeinflussen. Oder aber um der Autorin, dem Autoren freundlich zuzuwinken oder verärgert in die Rippen zu hauen. Letzteres geht mit negativen Sternen besonders gut, wenn das Buch noch neu ist und kaum Rezensionen hat – damit lässt sich der Sterneschnitt drastisch senken, was dann durchaus eine Wirkung darauf haben kann, ob eine andere Leserin nach dem Buch greift (also es anklickt und Klappentext und erste Seiten liest) oder wie Amazon das Buch bei seinen Empfehlungen berücksichtigt.
    Damit lässt sich also richtig was anrichten, wenn man Spaß daran hat. Denn mal ehrlich: Wie viele Bücher verdienen nur einen Stern, wenn sie weder sexistisch, rassistisch oder sonst wie diskriminierend sind und nicht mit dutzenden Tipp- und Grammatikfehlern daherkommen? Alles Dinge, die man meist schon bemerken kann, wenn man ins Buch hineinliest. Da ist es vielleicht kein Wunder, wenn die Schreibenden vermuten, man wolle ihnen nur schaden und sie ärgern.

    Und vielleicht fühlen sich deren Leser und Leserinnen ebenso vor den Kopf gestossen, wenn andere sich negativ über die Lieblingsbücher äußern. So ein Shitstorm ist leider schnell entfacht und bringt nichts als sehr viele aufgeregte und verletzte Menschen. Nicht schön, also tut man als Schreibende gut daran, die Klappe zu halten, sich in den Schlaf zu heulen und sich von treuen Freundinnen versichern zu lassen, dass es mindestens genauso viele Leserinnen gibt, die einen sehr zu schätzen wissen. Das hilft nicht immer, aber immer wenigstens so weit, dass man (also ich) dann doch weiterschreibe – viel zu oft, nachdem ich mich mit irgendeinem nicht benötigten Kauf tröste. Das muss ich unbedingt in den Griff bekommen, das mit dem Kaufen :)

    Was ich auch lernen muss: Mir all die Debatten um dieses Thema nicht mehr durchzulesen, denn das tut mir nicht gut. Da gibt es so viele Aussagen, die sich widersprechen und die mich zum Einmischen verlocken könnten. Was ich nicht will. Und jetzt irgendwie tue. Hier, in meinem virtuellen Wohnzimmer.

    Man liest ja immer wieder, was ich oben schon schrieb: Rezensionen sind für Leserinnen, nicht für Autorinnen. Aber ich persönlich kenne keine Leserin, die Rezensionen entweder liest oder aber als Entscheidungsgrundlage für einen Kauf verwendet (kann auch sein, es gibt keine zu). Dagegen kenne ich kaum eine Autorin, die nicht doch immer wieder einmal hineinschaut und sich nachher mies fühlt. Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Was mich so erstaunt, ist der Fakt, dass viele der Rezensentinnen zwar sagen, sie schrieben für andere Leserinnen, aber doch immer wieder Fragen, Lob und Vorwürfe jeder Art formulieren, die direkt an die Autorin gehen. Was ihr gutes Recht ist, doch mich insoweit verunsichert, als ich nicht weiß, worauf ich würde reagieren dürfen und worauf nicht.

    Doch auch das ist nicht, was mich so sehr beschäftigt, sondern eine Aussage, die mich richtig triggert: Früher oder später fällt der Satz, man müsse als Autorin, die sich ja immerhin freiwillig in die Öffentlichkeit gestellt habe, mit all dem klarkommen, was sie so über sich zu hören bekommt. Tough muss man sein, man darf sich nicht über einen schnippischen Ton, eine persönliche Beleidigung oder als ungerechtfertigt empfundene Kritik aufregen oder mit Jammerei darauf reagieren, denn das zeige ja nur eines: Dass man für diesen Beruf nicht gemacht sei. Wer nichts Negatives über sich hören will oder ehrliche Kritik und lässige Vernichtung des eigenen Romans nicht ertragen könne, der dürfe eben nicht veröffentlichen. Zack.

    Ich kenne diese Aussage schon aus meinen Blogjahren – da glaubten manche ja auch, gleich Zensur schreien zu müssen, wenn eine Bloggerin einen Kommentar nicht freischaltete, weil sie keine Lust hatte, sich öffentlich als blöde Kuh beschimpfen lassen zu müssen, die zu blöd sei, Röcke zu nähen, die ihr stünden, oder als faule Sau, die lieber ihr Haus putzen solle, anstatt einen Pulli nach dem anderen zu stricken. Und das waren die harmlosen Kommentare, die gelegentlich eintrudelten. Und auch sie wurden begründet mit der angeblichen Öffentlichkeit, die man ja aus Eitelkeit und Sucht nach Aufmerksamkeit suche. In einer kleinen Nische des Internets übrigens. Kennt man ja, all diese Modellflugzeugbauer, die nur deshalb bloggten, weil sie die Herrschaft der Welt anstrebten :D

    Bin ich also der Meinung, man dürfe nur Nettes sagen und schreiben oder den Mund halten? Au contraire. Doch was ich wissen möchte: Wollen diejenigen, die meinen, eine Autorin habe jede Kritik mit Würde zu ertragen (und sie sich so zu Herzen zu nehmen, dass sie nur noch schreibt, was man sich wünscht), denn wirklich nur noch Romane von Menschen lesen, die so kalt und gleichgültig sind, dass sie nicht reagieren? Ganz klar, ich denke auch, man sollte als Autorin nicht anfangen, mit einer Leserin zu streiten, die ihr Buch nicht leiden kann und dazu gute Gründe liefert, warum das so ist, aber wenn es dann irgendwann einmal zu viel wird und die betreffende Autorin doch auf etwas eingeht, weil sie sich missverstanden fühlt oder weil sie sich politisch engagiert oder weil das Thema in ihrer Schreiberinnenbubble aktuell ist – was also auch immer, dann sollte sie das genauso tun dürfen, wie es die Rezensentin tat. Weil sie eben ein Mensch ist, der Frust und Ärger und Zurückweisung spürt und sich das von der Seele schreiben möchte. Das sind die Gefühle, die sie hoffentlich dazu befähigen, gute Romane mit echten Figuren zu schreiben.

    Was ich sagen will: Ich als Leserin möchte keine Romane von knallharten, gefühlskalten und berechnenden Autoren lesen, denen keine Kritik was kann, und deshalb formuliere ich meine Kritik meist so, dass sie keine Krise auslöst. Und als Autorin würde mir nie einfallen, eine Rezensentin für ihre Meinung blöd anzugehen, nur weil sie sich damit ja immerhin auch in die Öffentlichkeit gewagt hat und somit in den Augen mancher Freiwild geworden ist. Ich würde mir halt nur wünschen, dass wir alle viel netter miteinander umgingen und uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir unsere Lektüre oder unsere Zielgruppe auswählen. Gerade in diesen Zeiten, in denen die Nerven blank liegen und genügend Ängste auf uns lauern. Wenn ich keine unblutigen Krimis mit einer Heldin lesen möchte, deren Zeit, Leben und Ansichten eine wichtige Rolle spielen, dann lasse ich die Hände von solchen Büchern und beschwere mich nicht darüber, dass es zu wenig Mord und Totschlag gibt. Und wenn ich als Autorin solche Leserinnen nicht anziehen will, dann bemühe ich mich, das mit Cover, Klappentext und Werbung deutlich zu machen. Wildere ich aber im Thriller-Genre, dann darf ich mich nicht wundern.

    Ja. Das musste mal raus. Genauso wie das hier: Was ich wirklich sehr genieße, das ist der direkte Kontakt mit Leserinnen – immer habe ich ganz schnell das Gefühl, mit einer Freundin zu reden. Kein Wunder, wir haben ja so einiges im Laufe einer Geschichte geteilt und das schafft irgendwie eine ganz eigenartige Vertrautheit. Leserunden, Mails, Instagramkommentare oder eben eine positive Rezension einer Fremden: Das sind die Dinge, die mich sehr, sehr glücklich machen und mich über anderes hinweg heben. Danke dafür!

×