Andrea Instone

Licht & Schatten

Blog

  • Frauenrechte!

    Frauenrechte!

    Ohne Worte nach vielen Tränen der Wut und der Angst.

    Oder doch:
    Wählt schwesterlich-solidarisch. Nichts ist für uns wichtiger als der Erhalt dessen, was sich Frauen über Jahrhunderte mühsam erkämpft haben.

    Und noch etwas – denn was heißt schon ‚ohne Worte‘, wenn eine Autorin das sagt?
    Nehmt das ernst. Nichts an solchen Tweets und Aussagen ist missverständlich. Es ist immer der Versuch, Undenkbares langfristig umzusetzen. Es sitzen schon zu wenige Frauen in den Parlamenten, wir haben keine gleichen Chancen erreicht. Das betrifft uns alle, es werden keine Ausnahmen gemacht.

    Passiert das gleich morgen?
    Vermutlich nicht. Aber denkt mal weiter. Die USA stehen an der Schwelle zu einem faschistischen Staat, von denen es mehr und mehr und mehr gibt. Und immer, immer, immer ist der erste Weg dahin, ein Volk in den Gleichschritt zu zwingen, Frauen aus dem öffentlichen Leben zu drängen.

    Positiv denken, optimistisch sein – schön und gut. Mund aufmachen, laut werden, sichtbar sein und für sich einstehen braucht es dennoch

  • Mrs Beresford auf heißer Spur

    Mrs Beresford auf heißer Spur

    Emmas neue Heimat also. London, England. Später in der Serie wird Edinburgh hinzukommen. Wer die Fräulein-Schumacher-Serie sehr, sehr, sehr gut kennt (besser als ich eigentlich), wird sich an einen Onkel erinnern, der eine Burg in Schottland besitzt. Ein zugiges altes Dinge, das mehr Ruine als sonstwas ist. Aber wer wäre ich, wenn ich Emma nicht auch dorthin zwingen würde?

    Eben!

    Aber jetzt erst einmal London. Dort wohnt sie nun. Nicht im Tower, aber als Historiker mit Schwerpunkt Mittelalter, der James ist, wird er seine Gattin oft genug dorthin bringen – und im Regelfall auch wieder mitnehmen.

    Nun habe den Vormittag damit zugebracht, Emmas Wohnort festzulegen, und habe mir darin von einer wunderbaren englischen Freundin und deren Tochter helfen lassen. Emma wird in der Well Road, Hampstead leben – schräg gegenüber von ihrer Freundin Daphne übrigens. Auch Flinders Petrie hatte einst in Hampstead gelebt und der hat bestimmt ziemlich oft mit Emmas Vater über ägyptologische Fragen diskutiert. Brieflich.

    Sybil und Alexej wohnen in Chelsea, ihr Nachtclub liegt natürlich in Soho. Was Emmas Schwiegereltern angeht, so denke ich Kensington oder Mayfair. Am besten, ich packe gleich meine Koffer und schaue mal vor Ort, was am besten passt. Ist doch ok, oder? Eine zweite Recherchereise?

    Schön wäre es schon, aber alleine mag ich nicht und das kleine Kind und seine Freundin müssen ja nun studieren und haben keine Zeit mehr für die alte Frau. Also mich. Hach menno … Wer kommt mit? Wer hat Zeit? Wer will mich begleiten? Tower, Hampton Court, Abstecher nach Chawton and Hever (muss noch einmal sein)? Marsch durch den Hyde Park? National Gallery? Das will alles geschafft werden, schlappmachen gilt nicht.

    Oder aber ich mache mich jetzt doch mal an die Arbeit! Auf geht’s in Emmas ersten britischen Fall! Juhuu!

  • Cliffhanger: gut oder böse?

    Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Cliffhanger ein hinterhältiges und verabscheuungswürdiges Marketingmittel sind, um unschuldige Zuschauerinnen und/oder Leserinnen an die Kette zu legen und sie damit zu zwingen, den nächsten Film, die nächste Folge oder den nächsten Band zu kaufen. Wenn sie es nicht tun, werden sie nie, nie, nie erfahren, wie es ausgeht. Eine Qual sondergleichen.


    Gemeine Autorin beim Aushecken heimttückischer Gemeinheiten

    Also ganz klar: Cliffhanger sind böse! Offiziell sollten sie verboten werden und jede Autorin, die diesen heimtückischen Trick anwendet, sollte bestraft werden. Indem man beispielsweise die nächste Folge nicht kauft, nicht leiht, nicht liest. Ha! Das hat sie davon! Das wird sie sich merken!

    Was kann ich sagen? Mea culpa vielleicht? Sorry? Oder vielmehr: Sorry, not sorry?

    Hmm. Warum bin ich so verstockt? Vielleicht, weil ich denke, dass sie manchmal nötig sind? Sind sie nämlich. Aus einem ganz einfachen Grund: Irgendwann muss ein Buch ein Ende haben.

    Ja, ha, könntest du nun sagen, dann schreib halt ein Ende. Ein Cliffhanger ist, bitte schön, keine Ende, sondern die Aussicht auf mehr.

    Da sage ich zweierlei:

    • Die Aussicht auf mehr – das ist doch eigentlich schön, wenn du die Geschichte genossen hast und die handelnden Personen magst.
      (Und wenn du die Geschichte nicht mochtest, dann solltest du gar nicht erst bis zum Cliffhanger gekommen sein, denn warum Zeit verschwenden mit einem Buch, das dich nicht mitnimmt? Mit Figuren, die du nicht erträgst? Ereignissen, die dich nerven?)
    • Und wenn es nicht nur eine Buchreihe ist (also nahezu alleinstehende Romane, die lose miteinander verbunden sind), sondern eine Serie, dann gibt es eben neben dem Plot des einzelnen Bandes auch den serienübergreifenden Plot.
      Heißt, die Hauptfigur hat eine eigene Geschichte, die sich im Laufe mehrer Folgen entwickelt und erklärt. Sie hat Geheimnisse, Hoffnungen, erlebt Gefahren und Freudiges, nimmt uns mit in ihr Leben. Und da mag es sein, dass ihre Story genau dann zu einem wichtigen Punkt kommt, wenn die Handlung des einzelnen Buchs an ihr Ende kommt. Da ist er dann: Der Cliffhanger.

    Und zwar ein Cliffhanger, der einfach sein muss. Weil er Überleitung zur nächsten Folge ist. Weil alle anderen Fragen geklärt sind. Weil ein Buch nicht unendlich lang sein kann. Weil die Autorin auch mal durchatmen muss. Und weil es im Miteinander zwischen Leserin und Schreiberin doch auch immer ein bisschen Spiel geben sollte. Da sitzen wir nämlich nun beide, schauen uns erwartungsvoll an und fragen uns:

    Was passiert denn jetzt?

    Tja. Das ist ein bisschen wie Weihnachten in der Kindheit: ganz viel Ungeduld, herrlich aufregende Spannung, ein bisschen Spicken und Stöbern und dann endlich das ersehnte Geschenk, das hoffentlich genau das bringt, was man sich erhofft hat. Im Idealfall den nächsten Cliffhanger …

  • Depression und der Verlust von ausgeübter Verantwortung

    Depression und der Verlust von ausgeübter Verantwortung

    Ich habe heute Nacht ganz deutlich gemerkt, wie sehr mich dieses letzte Jahr geschafft hat. Das wusste ich zwar, aber so richtig angekommen war es nicht. Ich versuche noch immer, kleinzureden, was alles war:

    Das sechswöchige Sterben meiner Mutter, die unter ihrer Demenz als nahezu einzige Gefühle mir gebenüber Neid und Unmut waren.

    Der grässliche Moment, als sie für Sekunden nur völlig klar war und das einzige Mal in diesen grauenvollen Jahren deutlich sprach und meinte: Das hätte ich auch nie gedacht, dass ich mal doof werde – gefolgt von ihrer Erkenntnis, dass sie im Sterben liegt.

    Dieser üble Tag, als sie starb und ich da erst verstand, dass ich jetzt sofort dafür sorgen muss, dass sie von dort fortkommt. All die Telefonate, die Dokumente – völlig irreal all das.

    Die Bitte, mir zu sagen, wann sie sie holen, damit ich dabei sein kann – um dann von der besten Betreuerin ever einen Anruf zu erhalten, die Bestatter wären bereits da und könnten keine Viertelstunde warten, bis ich rüberkomme. Mamas Wunsch nach anonymer Bestattung – und dann verstehen, dass mir wirklich niemand sagen wird, wohin sie gebracht worden ist. Das Gefühl, total versagt zu haben.

    Die zweitausend Euro, die ich in diesen Wochen für Vintagebarbies ausgab, in dem durchaus bewussten Versuch, gute Kindheitserinnerungen zurückzuholen.

    Die Unfähigkeit, sie betrauern zu können, dafür aber immerzu von meinem Vater träumen zu müssen, dem ich elf Jahre zuvor einen Platz zum Sterben hatte besorgen müssen. Was ich wohl ebenfalls nicht wirklich überwunden habe.

    Auf den letzten Metern den Pandemie Tage später Covid einzufangen und danach ziemlich flott in Antriebslosigkeit und Sorge hineinzurutschen.

    Das wochenlange Warten auf eine Diagnose, bei der Krebs im Raum stand. Eine schmerzhafte Biopsie. Die Existenzsorge durch den Job des Gatten, der wochenlang zuhause verbrachte, nur, damit sich alles in Wohlgefallen auflöste.

    Meine zweite Erkrankung, vermutlich doch Covid, sechs Wochen lang komplett am Ende.

    Die Renovierung meines Zimmer, die zwei Monate brauchte, die ich dann im vollgestellten Wohnzimmer verbrachte.

    Der zu Schrott gefahrene Wagen.

    Die Sorgen um den großen Sohn und seine Schulentscheidungen.

    Zwei Todesfälle.

    Der Einbruch in meinen Umsätzen, von denen nur noch ein Viertel da ist.

    Die ständigen Selbstzweifel.

    Die zweite Krebsvermutung und die Wartezeit.

    Der Ärger mit Mamas Rechnungen und gleich zwei Betrugsversuche in dieser Hinsicht.

    Und nun stehe ich da und habe mein Tier darunter leiden lassen, ohne die Kraft und auch den Mut zu finden, das zu ändern.

    Ich bin durch. Ganz und gar.

  • Wenn die Geschichte in dunklen Zeiten spielt

    Wenn die Geschichte in dunklen Zeiten spielt

    Fediverse-Reaktionen
  • Viel zu aktuell …

    Viel zu aktuell …

  • Undercover auf der Schönheitsfarm

    Undercover auf der Schönheitsfarm

    Die Geschichte mit dem kleinen Handtuch hatte ich auf Insta schon erzählt, daher bitte nicht böse sein, wenn sie auch in diesem Beitrag vorkommt; es gehört einfach dazu.

    Ob ich es schaffe, heute alles zu berichten, weiß ich noch nicht. Seht es mir nach, ich bin doch noch hübsch elend krank und habe Mühe beim Denken und Tippen.

    Nun also. Vor unglaublich langer Zeit habe ich auf Norderney als sehr junge Frau eine Schönheitsfarm geleitet. Wir arbeiteten doch mit den Produkten einer Firma, deren Gründerin in den 1920ern (diese Dekade begleitet mich eben schon immer) mit der Anwendung von Strom auf Haut experimentierte und daraus eine Behandlungsmethode entwickelte, die mit kleinen Abwandlungen auch heute noch praktiziert wird.

    Das ist aus zwei Gründen wichtig, zu wissen:
    Zum einen wurde diese Firma durch die Leiterin jener Schönheitsfarm, zu der ich in geheimer Mission geschickt wurde, nach Deutschland gebracht – was diese Dame so oft erzählt, dass es besagter Firma nicht mehr lieb sein konnte. Weshalb man dort sehr angetan war von der Idee, dass eine zweite Schönheitsfarm entstehen sollte, die mit ihnen arbeitete.
    Zum anderen ist diese Methode mit den Stromapplikationen erstaunlich wirksam, kann aber auch sehr schmerzhaft sein, wenn jemand daraus etwas macht, was so nicht vorgesehen ist. Natürlich bekamen wir Kundinnen, die bei dieser Dame schon gewesen waren, manche seit Jahren. Weil sie mal statt in den Süden in den Norden wollten. Und immer, absolut immer, wurden meine Angestellten und ich gefragt, ob wir das denn richtig machten – das wäre ja alles so angenehm und wir würden ja gar nicht nach Körperhälften abrechnen und überhaupt wäre es so völlig anders. Wir bekamen mit der Zeit ein Bild dieser anderen Farm vermittelt, das ausgesprochen spooky war.

    Nun war es so, dass manche der Damen sich beschwerten, weil es ja im Süden anders war. Ok, da tat es weh und vieles war total unangenehm, aber so musste das. Von wegen: Wer schön sein will, muss leiden. Ein Leid, das selten im Verhältnis zur erzielten Schönheit stand, fand ich.

    Mein Chef sagte also: ›Hubi Engelchen, wenn du eine Woche von deinem Urlaub opferst, dann zahle ich dir den Aufenthalt. Find mal raus, was die tun, damit du besser argumentieren kannst, bevor sich wieder eine bei mir beschwert und ich mich damit rumschlagen muss.‹

    Anfang Dezember fuhr ich in diesen Ort im Süden und traf spät am Nachmittag im Hotel ein. Das Hotel sollte ich natürlich auch unter die Lupe nehmen; wenn schon, denn schon – obwohl Chef nicht davon ausging, dort etwas zu finden, was seinem Haus nutzen würde. Da hatte er recht. Ein Hotel, das sich zwischen Kur- und Konferenzgästen aufteilt, hat nur wenig mit einem Sporthotel an der Nordsee gemein.

    Ich war kaum auf meinem Zimmer angelangt, als das Telefon klingelte und eine Dame mit sehr starkem und ebenso falschem fronßischem Akzent mitteilte, dass sie heute Abend nicht mit mir essen gehen könne, sie es aber arrangiert habe, dass ich mit der anderen heute eingetroffenen Gästin speisen würde. Auch das war etwas, was ich oft von meinen Besucherinnen gehört hatte: Madame kam nur dann zum Begrüßungsessen, wenn genug Frauen da waren. Für zwei Frauen lohnte sich die Mühe nicht.

    Wie es sich nun ergab, war die andere Dame schon weit in ihren Siebzigern und zum ersten Mal auf einer Farm. Sie war unglaublich nervös und aufgeregt und irgendwie war es dann plötzlich meine Aufgabe, ihr diese Unruhe zu nehmen. Ich war also im Job sozusagen; das kannte ich ja von meinen Sonntagabendsbegrüßungsessen auch, wie fast schon ängstlich manche Kundin auf ihre Woche blickte.

    Ok, das war eine ziemlich lange Vorrede, aber jetzt sind wir hoffentlich in der passenden Stimmung: kalter Dezember in einem gar nicht so hübschen, dafür riesigen Hotel und ich undercover – zwar unter meinem eigenen Namen, aber auf keinen Fall vom Fach.

    Am nächsten Morgen um neun Uhr sollte ich dann meinen Beratungstermin bei Madame haben. Gemeinsam mit der alten Dame traf ich unten ein. Dort standen wir bestimmt eine Viertelstunde in einem langen Flur, in dem permanent junge Kosmetikerinnen auf und ab rasten, ohne uns auch nur anzusprechen. Kein guter Beginn, fand ich.

    Irgendwann hatte ich genug und warf mich einer Angestellten in den Weg.
    Die schaute mich etwas verächtlich an, als ich meinte, wir hätten um neun den Termin mit Madame. »Madame kommt nie vor zehn Uhr.«
    Ah ja, sehr hilfreich. Sie hatte mir zwar den Termin höchstpersönlich genannt, aber schon jetzt wurde mir der Eindruck vermittelt, etwas falsch gemacht zu haben.

    Immerhin durften wir uns in den Wartebereich begeben, der an geblümter Scheußlichkeit kaum zu überbieten war: Dort standen grellbunt geblümte Sofas, dazwischen goldgerahmte Glastischchen in einer solchen Menge, dass wir uns den Weg vorsichtig zum Polstermöbel erarbeiten mussten. Auch Tischlampen waren in großzügiger Menge vorhanden und natürlich Unmengen an Prospekten. Das war schon nicht wirklich gemütlich, auch deshalb nicht, weil die Karawane der vielen, vielen Angestellten pausenlos an uns vorüber eilte.

    Noch viel ungemütlicher aber wurde es, als eine uns zurief, wir sollten bitte auf die Bezüge achten.
    Hä? Wie jetzt? Da erst entdeckte ich ein Preisschildchen, das von einer Lampe baumelte. Eine stolze Summe stand darauf, die diese Scheußlichkeit niemals wert sein konnte. Und solche Etiketten hingen an allen, absolut allen Gegenständen in diesem Raum. Sollten hier wirklich Möbel verkauft werden – so ganz en passant?

    Wirklich kam Madame erst um halb elf und heute denke ich, das hatte Methode. Ich hatte ja die Kundinnen, die von ihr zu uns kamen und die schlimmsten Dinge erzählten, immer gefragt, ob sie sich beschwert hätten. Was keine jemals bejahte. Das wagte man hier nicht und ich denke, dass das daran lag, wie man behandelt wurde. Ich war in solchen Dingen nicht auf den Mund gefallen, aber dennoch saß ich verblüfft und baff und schweigend vor Madame, als sie sich wunderte, dass ich schon da wäre.
    »Neun Uhr? Moi? Das habe ich niemals gesagt.«

    Da hätte ich ihr eigentlich das Terminkärtchen zeigen müssen, das ich an der Rezeption erhalten hatte: nicht nur mündlich im Telefonat, sondern auch schriftlich hatte sie mir diesen Termin gegeben. Aber ich war viel zu erstaunt von ihrer Chuzpe, um etwas zu sagen. Das steigerte sich noch beträchtlich, als ich erfuhr, wie sich die seltsame Aufteilung meiner Termine erklärte. Ich hatte eine Kur über drei Tage gebucht, in der ich allerdings fünf Körperbehandlungen erhalten sollte. Was natürlich Blödsinn ist: Zwei Mal pro Tag dieselbe Anwendung bringt nicht mehr.

    Aber ups, wer hätte es gedacht, das war natürlich mein Fehler, denn wahrhaftig war eine Körperbehandlung auf die Vorder- oder Rückseite beschränkt. Ziemlich raffiniert, dann fünf anzusetzen – wirklich fragte Madame, welche Seite mir wichtiger wäre für die letzte Behandlung oder ob ich vielleicht eine sechste dazubuchen wolle.

    Wollte ich nicht, allerdings wagte ich zu fragen, ob ich die Maniküre und die Pediküre eintauschen könne. Ich hielt es bei uns ja so, dass, wenn eine Kundin etwas nicht wollte oder brauchte, ich die dafür angesetzte Zeit nahm und ihr anbot, etwas anderes zu wählen. War hier nicht so. Wenn ich etwas nicht wolle, dann eben nicht.
    Ok, dann wollte ich auch keine sechste Körperbehandlung.
    Das würde ich gewiss bereuen, meinte Madame.
    Ich bereute auf alle Fälle jetzt schon, mich in der geblümten Spinnenfalle zu befinden.

    Ich bekam meine Maniküre als Erstes, was absolut sinnlos war, denn meine Kolleginnen hatten mich in den Tagen zuvor auf Hochglanz gepflegt- falls ich auffliegen sollte, müssten wir uns nicht schämen. Öhm ja. Mussten wir auch nicht, denn die Kosmetikerin, die meine Hände verschönen sollte, fand nichts zu tun außer noch ein wenig herum zu polieren und nach fünf Minuten zu sagen, ich könne wieder im Wartezimmer Platz nehmen.
    Was mich wieder verblüffte. Wir hatten doch einiges an Zeit eingespart und diese Farm verfügte über Unmengen von Kabinen; da könnten wir doch gleich mit dem Peeling und der Behandlung anfangen?

    Aber nein, ich war ja dumm, wie hatte ich annehmen können, ich bekäme eine Kosmetikerin für den gesamten Aufenthalt? Das würde nur für unnötige Nähe und Vertraulichkeit sorgen, erklärte mir die junge Frau, und das wolle Madame nicht.
    Ah ja. In einer solchen Woche geht es zwar immerzu um Nähe und Vertraulichkeit, aber Himmel noch, das wollen wir wirklich nicht, dass die Kundin sich wohlfühlt, weil sie eine Bezugsperson bekommt.

    Ich hockte also wieder – ganz vorsichtig – auf dem geblümten Sofa und wartete. Und wurde müde und hungrig. Sehr müde. Sehr hungrig. Gefrühstückt hatte ich noch nicht, ich hatte ja gedacht, nur einen kurzen Neun-Uhr-Termin hinter mich bringen zu müssen, und dann essen zu dürfen. Tja …

    Dann endlich raste eine recht resolute Person auf mich zu, forderte mich auf, mitzukommen, und rannte schon wieder davon. Ich galoppierte ihr nach, verlor sie aber in dem langen Flur, weil sie in irgendeines des tausend Zimmer entflohen war. Ich stand also wieder etwas doof im Gang und hoffte auf Erlösung. Sie streckte den Kopf aus ihrer Kabine, seufzte und fragte, wo ich bliebe.
    Schuldbewusst trabte ich zu ihr. Sie wies auf die Liege und bat mich, mich auszuziehen, ich bekäme jetzt das Körperpeeling. Nun hatte ich in weiser Voraussicht an diesem Tag meine Brille aufgesetzt, weil die harten Linsen nicht gut mit Kosmetika zurechtkamen. Diese Brille legte ich ab, reichte sie der jungen Dame, die sie in Sicherheit brachte. Ich legte mich hin, wir fingen mit dem Rücken an.
    So weit, so gut, so macht man das: Man gibt der Kundin Zeit, sich zu entspannen, bevor sie einem die nackte Vorderseite präsentieren soll. Es war, ihr erinnert euch, Dezember. Ich hatte nichts an und wurde nun großzügig mit der Peelingcreme eingerieben, die Wasser brauchte, um verteilt zu werden. Wasser, nackt, Dezember. In einem geheizten Raum kein Problem. Bis die junge Dame mir erklärte, ihr sei zu warm, und das Fenster öffnete. Weit öffnete. Ich bibberte. Und bat um eine Decke.
    »Wie soll ich Sie dann peelen?«
    Indem sie nur das freilegte, was dran war, dachte ich. Wie man das eben so macht. Zumal man als behandelnde Kraft eben manchmal ins Schwitzen geriet, das war Teil des Berufs. Dass die Kundin friert, sollte niemals geschehen.
    Konnte ich das sagen? Eher nicht, weil undercover. Aber es wurde schlimmer, denn sie benutzte nicht die Hände, sondern den Frimator – eine sich drehende Bürste, die super angenehm sein kann. Wenn man sie leicht über die Haut laufen lässt. Was die Dame nicht tat. Offenbar war sie der Meinung, ich wäre ein Schuppentier und müsste daher gründlich abgeschliffen werden. Sie drückte und presste und ich jaulte irgendwann doch auf – am Knöchel schmerzte das schon sehr. Ihre Antwort: »Sie sind aber wirklich sehr empfindlich!«
    Sorry. Sie schrubbte also weiter und nahm auch an Gelenken und fettarmen Stellen keine Rücksicht. Nachher sah ich vier offene und blutende Stelle. Meine Schuld, nehme ich an. Im selben Raum befand sich die Badewanne, die während dieser Prozedur einlief. Ein Fichtennadelöl wurde darin verteilt und ich hatte – frierend, müde und hungrig, dazu gequält von meiner Zuchtmeisterin – nur den einen Wunsch, in diesem warmen Wasser zu versinken.

    Erleichtert, meine Qual beendet zu wissen (und ein Körperpeeling sollte wohltuend sein), sprang ich von der Liege und wollte zur Wanne. Dennoch wickelte mich die Kosmetikerin in ein Handtuch, das knapp über den Po reichte und die Brust nur knapp bedeckte.
    Das fand ich seltsam, die zwei Schritte hätte ich auch nackt gehen können, nachdem ich ja nun schon die ganze Zeit frierend vor ihr gelegen hatte. Doch auf halbem Weg zur Wanne packte sie mich an den Schultern und drehte mich Richtung Ausgang. Sehr streng erklärte sie, so könne ich nicht ins Wasser steigen, ich würde ja den Ausfluss verstopfen mit meinem Peeling.
    Logisch, die Rohre werden lahmgelegt, wenn du in die Wanne steigst, nicht aber, wenn die Körnchen durch die Dusche abfließen. Nun nahm ich an, sie brächte mich in einen Nebenraum und bat daher auch nicht um meine Brille. Was ich sehr bereute, als ich realisierte, dass es raus aus dem geschützten Raum der Farm hinaus in den Hotelflur ging und ich in den Aufzug geschoben wurde, um in meinem Zimmer zu duschen.
    So schnell konnte ich gar nicht reagieren, wie sich die Türen hinter mir schlossen und der Aufzug losfuhr. Blind, frierend, tropfend und bemüht, das Handtuch nicht zu verlieren, landete ich drei Stockwerke höher in meiner Etage. Mein Zimmer lag geradeaus, keine zwanzig Meter entfernt, am Ende eines kleinen und dunklen Ganges. So zumindest hatte ich es vom gestrigen Abend in Erinnerung und auch am Morgen hatte dort alles im Dunkeln gelegen.

    Was ich nicht bemerkt hatte: Auf der einen Seite waren keine Gästezimmer. Sondern ein Seminarraum.
    Ein verglaster Seminarraum.
    Ein verglaster Seminarraum, der nun voll besetzt war.
    Was ich nicht gleich sah, ich war ja blind.
    Hören aber konnte ich.
    Was ich hörte?
    Die Pfiffe von etwa zwanzig Männern, die aufsprangen und johlten, die Tür aufrissen und mich einluden, zu ihnen zu kommen.

    Ich wollte zurück, drehte mich hastig um und sah, wie die Aufzugtüren sich vor mir schließen. Alles Drücken und Klopfen nutzte nix, das Ding war weg.
    Nicht weg war das Gelärme hinter mir. Erwachsene Männer im Anzug, die sich ganz gewichtig über irgendwas belehren ließen, hatten nicht Anstand genug, sich zurückzuhalten. Das hier war, ich möchte es noch einmal betonen, kein Junggesellenabschied (der ja auch anständig verlaufen könnte …), sondern ein seriöses Businessseminar.
    Mir blieb nichts weiter übrig, als an der Meute vorbeizuhasten, noch immer blind, frierend und tropfend und jetzt auch zutiefst verlegen. Ich duschte und zog mich an, dann raste ich wieder zum Aufzug und überhörte die erneuten Rufe, in denen die Aufforderung erklang, die blöden Hosen doch wieder auszuziehen.

    Unten angekommen empfing mich die Kosmetikerin mit strengem Blick. Ich wäre zu lange fortgeblieben und wieso ich mich angezogen hätte, so würde ja noch mehr Zeit verschwendet. Ich war mittlerweile bereits so daran gewöhnt, geschulmeistert zu werden, dass mir nichts Besseres einfiel, als mich zu entschuldigen. Ich verhielt mich genau wie all die anderen Frauen, die mir von dieser Farm erzählt hatten. Da hatte ich nicht begreifen können, warum sie sich das gefallen ließen, da macht man doch den Mund auf, nicht wahr?

    Man tut es nicht. Ich schlüpfte eiligst aus meinen Sachen und durfte nun in die Wanne. Ich war selig.
    Dachte ich. Kaum saß ich darin, da drehte die junge Dame die Blubbermaschine ein (mir fällt einfach der passende Begriff nicht ein – wir hatten so etwas auch: ein Gitter, das durch einem Schlauch mit einer Luftzufuhr verbunden ist und so das Wasser ähnlich wie in einem Whirlpool aufbraust, was eine herrliche Massage für den Rücken ist. Oder sein kann …)

    Sie drehte am Knopf und verließ das Bad. Ich lehnte mich zurück und genoss das sanfte Kribbeln der Bläschen, die meinen Rücken hinaufliefen. Ja, ich dachte sogar, etwas entdeckt zu haben, was wir kopieren könnten, den dieser Blubbler wurde langsam stärker, anstatt gleichmäßig zu arbeiten. Das war angenehm.
    Zumindest so lange, bis die Wannenauflage, die über dem Gitter lag, das erste Mal durch den Luftdruck nach oben gegen meine Waden schlug. Huch. Das war seltsam. Ich stellte meinen Fuß auf die Auflage. Was nicht mehr ganz so bequem war. Es blubberte noch stärker, das Wasser spritzte hoch und höher. Fichtennadelschaum im Auge ist nicht toll. Jetzt schlug die Auflage gegen meinen Rücken. Ich setzte die Hand dagegen und hockte nun mehr oder weniger quer in der Wanne, darum bemüht, diese Auflage zu bändigen.
    Noch immer steigerte sich die Luftzufuhr. Es war wie im Wellenbad und das ist nicht übertrieben. Die Auflage hob ab, mit mir darauf. Ich wog damals nun wirklich nicht viel, aber das war nun doch nicht zu erwarten gewesen. Hin und her wogte das Wasser, es spritzte nicht mehr, es ging in Wellen über den Rand. So langsam wurde ich panisch, ich schluckte ja immer mehr von dem grünen Zeug. Ich klammerte mich an den Wannenrand, lehnte mich hinüber und versuchte, den Hebel zu erhaschen.
    Am liebsten wäre ich natürlich aus der Wanne gestiegen, doch ans Aufstehen war nicht zu denken, es hätte mich hochkant hinauskatapultiert. Ich lehnte also hinaus, doch noch bevor ich das Gerät erreichte, schaltete es sich aus. Wirklich erschöpft ließ ich mich zurücksinken.

    Die Ruhe währte nicht lange, denn die Tür sprang auf und die dritte Kosmetikerin an diesem Tag stürmte herein und erklärte, sie würde mir jetzt eine Körpermassage verabreichen. Dann sah sie sich um, schüttelte den Kopf und fragte, was ich denn bitteschön hier angestellt hätte, es sähe ja schlimm aus. Und obwohl ich wütend wurde, musste ich mich zurückhalten, um nicht aus der Wanne zu klettern und sauber zu machen.

    Ich hoffte nun also auf eine entspannende Massage. Wieder wurde das Fenster aufgerissen, wieder bat ich entweder um eine Decke oder darum, das Fenster zumindest auf kipp zu stellen. Beides geschah nicht und wieder hielt ich die Klappe. Wegen undercover einerseits und vollkommen zerschmettertem Selbstbewusstsein andererseits.
    Die Massage ließ sich gut an. Wäre sie meine Angestellte gewesen, hätte ich zwar noch ein wenig mit ihr geübt, die richtigen Punkte sich zu treffen und weniger über die Knochen zu hämmern, aber sie hatte weiche und warme Hände und massierte im gleichmäßigen Tempo. Sie bearbeitete meine Waden, meine Oberschenkel und ich war bereit, trotz Kälte einzuschlafen. Bis ich zusammenzuckte. Weil es bei einer Massage natürlich immer mal geschehen kann, dass man ausrutscht und jemanden intimer berührt, als man es beabsichtigt hat. Öl und Wärme sind manchmal schwierig zu kontrollieren. Wenn das aber wieder und wieder passiert, dann fängt man doch an, sich zu wundern.
    Das wiederholte sich so oft, dass ich, wäre sie ein männlicher Masseur gewesen, ihr eine Ohrfeige verpasst hätte. Ich lag also ziemlich verkrampft da und tat so, als bemerke ich nichts. Entspannung war also weiterhin Fehlanzeige.

    Nach einer halben Stunde dann war ich entlassen. Ich schnappte meine Brille, zog mich eilig an und wollte nun nichts weiter, als mir irgendwo etwas zu essen besorgen und diesen Ort hinter mir lassen.
    Leider lief ich Madame in die Arme, die mich empört betrachtete und mit dem Finger wackelte, als wäre ich ein unartiges Schulkind, dass die Direktorin außerhalb des Unterrichts erwischte. Ihr Charme war so falsch wie ihr französischer Akzent, als sie mir erklärte, sie habe das Polieren meiner Fingernägel auf die Rechnung gesetzt.
    Mehr als ein eloquentes ›Hä‹ fiel mir zunächst nicht ein. Ich stand da und hörte zu, wie sie davon sprach, dass das Polieren eine Zusatzleistung sah, da das Pulver sehr teuer wäre. Dann wollte ich etwas sagen. Sehr viel sogar. Zusatzkosten werden schließlich vorher abgeklärt und dass das Pülverchen viel koste, war eine unverschämte Lüge.
    Aber ich blieb ruhig und meinte nur, dass das ja das Einzige gewesen wäre, was an meinen Nägeln zu tun gewesen wäre; die behandelnde Kraft habe weder gefeilt noch massiert, sondern nur poliert, und das dürfe man doch wohl –
    »Ah, Mademoiselle Über, das sehen Sie ganz falsch.« Sprach es und ließ mich stehen. Ich war auf ganzer Linie geschlagen.

    So, das ist jetzt schon sehr, sehr lang geworden. Wie es weiterging in diesem gemütlichen Etablissement, erzähle ich demnächst. Man darf sich freuen auf Schläge, Stromstöße, Lehm und Flucht.

  • Warum eigentlich immer wieder Bonn?

    Warum eigentlich immer wieder Bonn?

    Ok, ich kann es nicht länger verbergen: Meine Heimatstadt ist fast immer auch Schauplatz meiner Romane. Die eine oder andere hat das vielleicht schon gemerkt. Warum ist das so? Bin ich so heimatverbunden? Ist meine Familie so fest in dieser Stadt verwurzelt? Bin ich in einem Stadtverein oder sponsert mich die Bürgermeisterin?

    Nein. Nichts davon. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und hierher zurück gekommen. Ich fühle mich hier wohl, ich mag die Landschaft und die Leute und mittlerweile hört man meinem Tonfall deutlich an, woher ich komme (was ich gelegentlich erschreckend und bedauerlich finde, war ich doch immer sehr hochdeutsch). Meine Eltern kamen aus Köln und Lindau, Vereine sind nichts für mich und leider gibt mir auch niemand Geld dafür, Bonn und seine Geschichte zu beschreiben.

    Ich tue das, weil ich mich zum Einen sicher fühle, wenn ich beschreibe, was mich täglich umgibt, und zum Anderen, weil ich die Geschichte meiner Stadt immer schon sehr spannend gefunden habe. Geht man durch die Innenstadt und schaut man über die Geschäftsauslagen hinweg, so findet man überall Spuren der Vergangenheit. Da Bonn einige Male zerstört wurde, sind sie nicht unbedingt zahlreich und doch ist mit über zweitausend Jahre Geschichte Bauwerke, Straßenzüge und Ortsnamen verbunden. Wird hier an der Kanalisation gearbeitet oder Erde ausgehoben, so sind die Chancen so gering nicht, entweder auf eine Fliegerbombe zu stoßen oder aber auf etwas, das uns die Römer und Germanen oder all jene, die nach ihnen hier lebten oder kamen, hinterlassen haben. Es finden sich mittelalterliche Häuser, barocke Gebäude und sehr, sehr viele Gründerzeitvillen (darüber habe ich in Bezug auf die Hedwig-Trilogie einiges erzählt).

    Bonns Geschichte war wechselhaft und es wäre völlig verkehrt, sie auf die relativ kurze Periode als Bundeshauptstadt zu beschränken und die ewig alten Witze über die Stadt zu reißen, die schon durch ihre Lage an der Kölner Bucht nicht viel größer sein könnte, als sie ist. Bonn war Römerlager und davor wohl schon germanische Siedlung, sie war Schauplatz eines Reformationsgefechts, in dem die Liebe eine große Rolle spielte, und sie war jahrhundertelange Residenz der Kölner Kurfürsten, die sich in Köln nicht mehr recht wohlfühlen konnten, nachdem die Bevölkerung sich mit ihnen angelegt hatte. Dann lieber im kleineren und sonnigeren Bonn etwas bescheidener leben und einen relativen Frieden genießen, wenn nur die Franzosen nicht alle naselang vorbeischauen wollten.

    Das mit der Bescheidenheit ist allerdings so eine Sache, denn gerade im 18. Jahrhundert entfaltete sich hier eine Pracht, die alles andere als bescheiden war. Casanova schaute vorbei und überhaupt so ziemlich jeder Reisende, dem es nach Kultur, Frohsinn und guten Beziehungen gelüstete. Bonn entwickelte sich zu einer Stadt der Aufklärung, zumal unter dem letzten Kurfürsten, dem Bruder der Marie Antoinette. Der war nun wirklich bescheiden und lief im braunen Rock mehrmals am Tag durch Bonn, half auch schon mal beim Tragen der Einkäufe oder steckte seine Habsburger lange Nase in die Fenster der Bürger, um sich zu unterhalten. Ihm gelang, was anderen Fürsten zur Zeit der Französischen Revolution nicht gelang: Seine Bonner hielten ihn zu ihm, denn er handelte so klug und besonnen, so sehr im Sinne des Volkes, dass man hier von Aufruhr und Rebellion nichts wissen wollte. Er sorgte für Armenärzte, die kein Honorar von den Patienten nahmen, und richtete Studierzimmer im Schloss ein, in denen die Studenten warm und bequem arbeiten konnten und dazu Licht, Papier und Tinte nebst den nötigen Büchern vorfanden. Als er die Stadt verlassen musste, ging eine Ära zu Ende, der die Bevölkerung noch lange nachtrauerte.

    Nach ihm kamen die Franzosen und Bonns Bedeutung sank zu einem Nichts herab, was sich kaum besserte, als es preußisch wurde – mit denen mochte man noch weniger anfangen als mit den Franzosen. Das immerhin sorgte dafür, dass sich eine recht selbstbewusste Kaufmannsschicht bildete, die es bis zur Jahrhundertwende schaffte, die Stadt zur drittreichsten Stadt des Reiches zu machen, in der sich auch ausländische Rentiers zu gerne niederließen. Durch den ersten Weltkrieg ging auch diese Hochzeit zu Ende und Bonn rappelte sich nur mühsam auf. Wie anderswo auch, war das Bürgerliche, das gute hundert Jahre zuvor noch als innovativ, liberal und fortschrittlich gegolten hatte, nun deutschnational, unbeweglich und darauf aus, möglichst keine weitere Änderung zuzulassen – die Nazis fanden es nicht allzu schwierig, hier Fuß zu fassen, wenn es auch Widerstand gab.

    Bonn hatte im Krieg weitestgehend Glück, vergleicht man es mit Köln. Die gesamte Altstadt am Rhein – Herzstück der Stadt, Wohnort der Beethovens und Zentrum trunkener Studenten aller Jahrhunderte, war dahin, aber es blieb dann doch so viel der früheren Repräsentationsbauten, dass es sich zur Hauptstadt Adenauers anbot. Auch die Mischung aus Bildung, Bürgerschaft und Beamtentum machte es verhältnismäßig leicht, Abgeordnete und Staatsbedienstete unterzubringen, von denen die meisten sich wohlgefühlt haben in der Stadt der kurzen Wege. Als Bonnerin, die diese Zeiten zum Teil miterlebt hat (ganz so alt bin ich dann doch nicht), durfte ich feststellen, was auch andere bemerkt haben: Je kleiner der Ort war, aus der der Bundesgast kam, desto abfälliger äußerte der sich über Bonn, in dem einfach zu wenig los war. Das dürfte ganz oft auch daran gelegen haben, dass man ausgemachte Miesepeter eher nicht in die guten Stuben der nächtlichen Unterhaltung eingeladen hat, während man durchaus gut und gerne neben einem wie dem Genscher im Restaurant sitzen mochte, ob man seine Vorstellung von Politik teilte oder nicht.

    Ja und heute? Bonn sucht wie andere Städte auch einen Weg in die Zukunft. Noch immer leben die Bonnerinnen und Bonner gerne in ihrer Stadt und schätzen Lage wie Angebot. Aber Klimakrise, Waldsterben und die ewig gleichen Ladenketten, die Ödnis bringen, wenn sie kommen, und mehr davon hinterlassen, wenn sie gehen, machen auch der Stadt am Rhein zu schaffen. Mir persönlich sind viele Mitbürger zu unbeweglich in ihren Vorstellungen, zu sehr auf den eigenen Vorteil bedacht. Ich nehme mich davon nicht aus, aber da hilft vielleicht ein Blick zurück in diese sehr bewegte Geschichte, um mit mehr Mut nach vorne zu schauen und Neues zu wagen. Eine Stadt mit mehr Grün und weniger Autoverkehr – ich könnte mir das gut denken.

  • Liberté, égalité et fraternité … Wo bleiben die Schwestern?

    Liberté, égalité et fraternité … Wo bleiben die Schwestern?

    Madame Roland:
    Rechte nein, Hinrichtung ja

    Die Französische Revolution. Tja. Also. Je nachdem, von welchem Standpunkt man sie betrachtet, wird man von diesem Ereignis als dem großen Freiheitskampf sprechen, der für eine gerechtere Staatsform gesorgt hat und die Menschenrechte in Europa verankert hat. Man wird über die armen Bauern sprechen, über den dekadenten Adel und absolute Monarchen, über Hunger, Elend und Willkür. Den terreur wird man natürlich abscheulich finden und grauenvoll, sich dabei vielleicht ein bisschen angenehm gruseln, aber insgesamt eher die Errungenschaften dieser Revolution betonen.
    Gut, ok, danach kamen dann erst einmal ein Kaiser und dann wahrhaftig die beiden jüngeren Brüder von Louis XVI (die dafür nun wirklich nicht erzogen worden waren) als Könige auf den Thron. Dann wieder Kaiserreich und insgesamt ungezählte Republiken nebst zwei weiteren, nicht ganz so gewaltigen Revolutionen. Hmm. Man könnte meinen, die Franzosen haben sich so richtig ins Zeug gelegt für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

    Dass die Französinnen erst 1944 das Recht erhielten, sich an Wahlen zu beteiligen, ist vor diesem Hintergrund ein Armutszeugnis. Mehr noch deshalb, weil vor der Revolution (und das nicht nur aus heutiger Sicht) das 18. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Frauen galt. Nicht nur, aber besonders in Frankreich.


    Autorinnen, Schauspielerinnen, Salonièren, Spioninnen, Malerinnen, Sängerinnen, Lehrerinnen, Mätressen, Fürstinnen und Königinnen: Ihr Wort hatte Gewicht, man erkannte ihr Talent an, verehrte und würdigte sie. Selbstverständlich immer im Rahmen, das ist heute noch immer nicht anders. Bestimmt hat auch damals schon so manche kluge Frau vor Wut in die Kissen geschlagen, weil sie sich wieder und wieder anhören durfte, das, was sie täte, habe sie sehr gut getan. Für eine Frau gut getan.


    Dennoch: Trotz vielen Hindernissen und dümmlichen Ideen heute noch bewunderter männlicher Denker. Rousseau anyone? Goethe? Die wussten genau, welchen Platz eine Frau hatte. Und konnten doch nicht verhindern, dass die Damen sich ihren Platz selbst suchten, besten Dank auch, die Herren. Und diese Damen stammten nicht alle aus begüterten und hochstehenden Familien; manch eine hat sich ihren Weg mühsam erkämpft und erarbeitet – mit Lesen lernen, Klinken putzen, außerhalb der Gesellschaft stehen, weitermachen.
    Und dann auf einmal hörte man ihnen zu, dann lobte man ihren neuen Roman oder den besonderen Federstrich, der ihre Gemälde auszeichnete. Auch Mätressen wie die Pompadour oder in etwas bescheidenerem Maße die Dubarry waren mehr als nur Geliebte eines Königs. Sie waren bestimmend für millionenschwere Branchen wie Mode, Malerei und Musik, die förderten eben jene Denker und Dichter, die es ihnen übel vergolten.

    Aber nicht nur in diesen eher schöngeistigen Bereichen waren Frauen tätig. Sie führten Geschäfte, oftmals nach dem Tod des Gatten, und es ist vielleicht von Bedeutung, dass Witwen nur selten nochmal heirateten. Wieso die schöne Freiheit aufgeben? Da wäre in Bonn beispielsweise die Witwe Koch gewesen, die den Gasthof Zehrgarten am Markt führte und die diesem Geschäft eine Buchhandlung unter demselben Dach zufügte. Ihre Tochter Barbara, Babette genannt, gehörte zum Freundeskreis rund um Ludwig van Beethoven und galt als die schönste, klügste, gebildetste Frau der Stadt, der alle zu Füßen lagen. Geheiratet hat sie erst mit über dreißig – auch das, das späte Heiraten, war etwas durchaus übliches zumindest in rheinischen Landen. Siebenundzwanzig war das Durchschnittsalter.
    Doch zurück zur Mutter: Die nämlich lebte bald schon mit einem Hausfreund zusammen, den sie niemals heiratete, Was ihrem guten Ruf, sogar beim Kurfürsten, keinen Abbruch tat. Natürlich war in diesem Jahrhundert nicht alles eitel Sonnenschein für Frauen, aber es war seit langer, langer Zeit endlich einmal so, dass man mit Hoffnung für die Töchter und Enkelinnen nach vorne blickten konnte. Und das auch tat.

    Blöd nur, dass mit der Revolution, die sich ganz, ganz schnell nur auf den Mann konzentrierte, das zuvor durchaus positive bürgerliche Ideal bestimmend wurde. Bürgerlich – das war im 18. Jahrhundert gleichbedeutend mit links (hätte es den Ausdruck schon gegeben), mit progressiv und gerecht. Der Adel galt als dekadent und unmoralisch – unmoralisch im Sinne von menschenverachtend, keiner Tugend wie Güte, Nächstenliebe, Mitleid und Aufrichtigkeit unterworfen. Das Bürgertum dagegen reklamierte für sich all diese guten Eigenschaften.
    Für was steht bürgerlich heute? Für konservativ, unbeweglich, spießig. Für enge Moralvorstellungen. Nicht ohne Grund, denn all die Tugenden waren keine Ideale mehr nach der Revolution, sondern Pflicht. Für Frauen. Jungfräulichkeit, Scham, Schweigen, Gehorsam – das galt auf einmal mehr, erzog man eine Tochter, als Rhetorik und Bildung, die eine Frau befähigt hätten, dem Gemahl echte Gefährtin zu sein. Nun war sie sein Besitz, mehr als zuvor. Im gesamten 19. Jahrhundert ging es Frauen deutlich schlechter als zuvor. Die Französische Revolution hatte mit ihnen abgerechnet – da war endlich auch die Gelegenheit des kleinen Mannes, mit diesen Frauen kurzen Prozess zu machen, die es gewagt hatten, sich zu amüsieren über männliches Gehabe, die sogar Stellen am Hof innehaben konnten, die gefeiert wurden als Künstlerinnen.

    Natürlich ist das eine sehr verkürzte Darstellung, absoluter und unbedingter geschildert, als es überall und für jede galt. Aber an so vielen Kleinigkeiten ist diese Veränderung gut abzulesen. Modezeichnungen beispielsweise: Schauten die Damen um 1780 stolz aus den Magazinen, so sah man mit dem Fortschritten des 19. Jahrhunderts immer öfter liebliche Zeichnungen von schüchternen Fräulein, die einander liebevoll umarmten und wie Lady Di von unten zum Zeichner aufzublicken schienen. Oder eine Jane Austen, die noch im Sinne des vorherigen Jahrhunderts erzogen worden ist, die einen Vater hatte, der es normal fand, dass seine Töchter alles lesen durfte, was in seinem Haus zu finden war – sie galt ihrer eigenen, nachgeborenen Familie als wenig vornehm, als schlecht erzogen, als viel zu unweiblich und peinlich. Was die Schwester Cassandra nicht aus Taktgefühl an Briefen vernichtet hatte, zerstörten nun die Neffen und Nichten aus Scham und Ekel.

    Bis man wieder von einer Zeit der Frau sprechen konnte, musste es 1925 werden. Und wir wissen, wie schnell diese Zeit wieder zu Ende war. Jetzt eben, heute, erleben wir den nächsten Backlash, den nächsten, schon wieder viel zu erfolgreichen Versuch, Frauen (und damit immer ein halbes Volk) zurückzudrängen und mundtot zu machen. Wenn Frauen in den USA wieder Angst davor haben müssen, ungewollt schwanger und damit dem sozialen Abstieg entgegenzusehen oder in einer lieblosen Ehe gefangen zu bleiben, dann haben sie nicht die Kraft, sich gegen andere Veränderungen zu wehren).

    Sicherlich ist es auch kein Zufall, dass Olympe auf dieser Zeichnung nicht nur zum Opfer der Guillotine wurde, sondern dazu noch mehr oder weniger nackt dargestellt wurde.

    Wie sehr die Revolution allein für den Mann gedacht war, machten die jeweils (ich füge schadenfroh und brutal hinzu: oft nur kurz) Herrschenden immer wieder klar. Es war nicht vorgesehen, dass Frauen wählen sollten oder gewählt werden konnten. Das einzige Recht, das sie mit den Männern teilten, war das Recht, hingerichtet zu werden. Als Olympe de Gouges (wer sie nicht kennen sollte, bitte googlen, sonst muss ich nämlich einen Roman über sie verfassen und gerade heute ist mir die Zeit doch ein wenig knapp :D) 1791 in Antwort auf die Zustände die Frauenrechtserklärung verfasste und dafür sehr, sehr, sehr viel Zuspruch – durchaus auch von, zu allen Zeiten auch vorhandenen, gerechten Männern – erhielt, geriet sie in Gefahr. Man behielt sie im Augen, hetzte gegen sie und andere Frauen. Sie, die aus kleinen Verhältnissen stammte und überhaupt erst das Lesen erlernen musste, war mit ihren Schriften eine ernstzunehmende Gegnerin der Verhältnisse und bald auch Robespierres.

    1793, kurz nach Marie Antoinette, wurde sie hingerichtet, bald nach ihr auch Madame Roland. Alle drei starben, so gestand man ihnen durchaus widerwillig zu, voller Würde, ruhig und scheinbar gelassen. (Dass das vielleicht der falsche Weg war, um die Schreckensherrschaft zu beenden, zeigte eine Aussage des Henkers Sanson, der meinte, wären alle so zum Schafott gegangen wie die unglückselige Dubarry, dann hätte es bald keine Hinrichtungen mehr gegeben. Die nämlich hatte gekämpft, um sich geschlagen, gebissen und gekratzte, sie hatte geweint, um Gnade gefleht und geflucht, bis das Publikum es kaum noch ertragen konnte und die Stimmung zu ihren Gunsten kippte. Sie verausgabte sich so sehr, dass sie vermutlich bewusstlos war, als man sie köpfte.)


    Aber Olympe de Gouges ging aufrecht in den Tod, still und gefasst. Die Zeitungen der Republik ließen keinen Zweifel daran, worin ihr Verbrechen bestand:

    So führt das Revolutionstribunal den Frauen ein wichtiges Exempel vor Augen, das zweifelsohne für sie nicht ohne Bedeutung sein wird. Denn die Gerechtigkeit, immer unparteiisch, stellt der Strenge die Lehre zur Seite […] Olympe de Gouges wollte Staatsmann werden, und es scheint, dass die Verschwörerin vom Gesetz gestraft wurde, weil sie die Tugenden, die ihrem Geschlecht gebühren, verleugnete. […] Frauen […] liebt, achtet und tragt die Gesetze weiter, die Eure Gatten […] an die Ausübung ihrer Rechte gemahnen […] Seid schlicht in Eurer Kleidung, fleißig in Eurem Haushalt. Geht niemals in die Volksversammlungen mit dem Wunsch, dort selbst zu sprechen…«

    (Salut Public, Organ der Republik. November 1793) über fembio

    Vermutlich hätte Madame de Condorcet schon damals dieselbe Antwort auf diesen Artikel geben können, die sie1795 Napoleon, damals noch General Bonaparte, gab. Der nämlich meinte bei einem Besuch in ihrem Haus:
    „Ich liebe es nicht, dass die Frauen sich in Politik mischen.“
    „In einem Lande, wo man ihnen die Köpfe abschneidet, ist es begreiflich, dass sie Lust bekommen zu wissen, warum dies geschieht.“
    Aber wenn es in den letzten Jahren der Neunziger noch einige einflussreiche Salons geistreicher Damen gab, änderte das nichts daran, dass für die Frauen die Revolution verloren war. Nur wenige Männer, eben Monsieur de Condorcet und der Abbé Sieyès, setzten sich für eine Verbesserung weiblichen Lebens ein.


    Wer sich übrigens ebenfalls für mehr Bildung und Mitsprache der Frauen stark gemacht hatte, war ausgerechnet Robespierre. Davon aber wollte er nichts mehr wissen, nachdem die Revolution voranschritt – er kam nach oben, weil er sich lange nach der herrschenden Meinung der Kollegen richtete und diese zu seiner eigenen machte. Von Frauen im Konvent wollten die meisten nichts wissen. Wie anders wäre nicht nur die Revolution, sondern die nachfolgende Geschichte überhaupt verlaufen, hätte er sich seiner früheren Überzeugung besonnen?

    Nun, im nächsten Jahrhundert werden immer mehr Schriften dazu veröffentlicht, wie eine Frau zu sein hat und wie nicht. Ihr Wirkungskreis beschränkt sich aufs Haus und auch da hat sie bitte demütig und gehorsam zu sein. Gerne auch hübsch und nett angezogen, aber vor allem hübsch sparsam und sittsam angezogen. An der Frauensterblichkeit durch Geburten ändert sich bald hundert Jahre lang nichts – Frauenmedizin ist nicht wichtig, das ist halt die Natur, da kann man nichts machen. Freiheit und Gleichheit – die hat man nur für andere erkämpft, für die Schwestern sicher nicht.

    Fassen wir noch einmal zusammen (mit Quellen):

    Das 18. Jahrhundert in Westeuropa gilt als Jahrhundert der Frauen, weil Frauen:

    • eine wichtige Rolle in der Kultur, der Literatur, der Philosophie und der Politik spielten. Sie organisierten Salons, schrieben Briefe, die zeitgenössische Ansichten und Anekdoten festhielten, veröffentlichten Werke unterschiedlichster Art (Romane, philosophische Betrachtungen und wissenschaftliche Abhandlungen) und beeinflussten das Denken ihrer Zeitgenossen durch all diese Unternehmungen.
      (vgl. Goodman, Dena: The Republic of Letters: A Cultural History of the French Enlightenment. Ithaca: Cornell University Press, 1994.)
    • mehr Bildung und Freiheit genossen als in früheren Jahrhunderten – die Zeit der Hexenverfolgung war noch nicht so lange her (ihr fielen vor allem Frauen zum Opfer). Sie konnten sich selbstständig machen, reisen, sich fortbilden und künstlerisch ausdrücken. Was sicherlich auch immer von den Umständen abhing. Vermögen, Charme und Schönheit halfen dabei beträchtlich.
      (vgl. Landes, Joan B.: Women and the Public Sphere in the Age of the French Revolution. Ithaca: Cornell University Press, 1988.)

    Die französische Revolution hat das gründlich geändert, indem sie:

    • die bestehende Gesellschaftsordnung zerstörte und eine neue schuf, die auf den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit basierte. Diese Prinzipien galten jedoch nur für die männlichen Bürger, nicht für die Frauen. Wobei festzuhalten ist, wie viele Frauen die Ideale eines Rousseaus beispielsweise erstrebenswert fanden, ohne zu ahnen, einen wie schlechten Dienst sie sich damit taten.
      (vgl. Hunt, Lynn: The Family Romance of the French Revolution. Berkeley: University of California Press, 1992.
      Madame de Pompadour und die Macht der Inszenierung, 2014)
    • die Frauen von der politischen Beteiligung explizit ausschloss und ihre Rolle auf die Familie und die Nation beschränkte. Die Frauen wurden als Mütter, Ehefrauen und Töchter angesehen, die den Männern untergeordnet waren.
      (vgl. Scott, Joan W.: Only Paradoxes to Offer: French Feminists and the Rights of Man. Cambridge: Harvard University Press, 1996.)
    • die Frauen von der kulturellen Szene verdrängte und ihre Werke zensierte oder sogar vernichtete. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Sie wurden als gefährlich, unvernünftig und/oder unmoralisch dargestellt, die den Fortschritt der Revolution behinderten oder bedrohten. Das blieb auch noch so, als von der Revolution schon lange keine Rede mehr war.
      (vgl. Darnton, Robert: The Forbidden Best-Sellers of Pre-Revolutionary France. New York: W.W. Norton & Company, 1996.)

    Wie wäre es zum Schluss mit einem Zitat von Madame Roland? Die natürlich ebenfalls hingerichtet wurde – Gleichheit gibt es nur im Tod.

    “ En vérité, je suis bien ennuyée d’être une femme : il me fallait une autre âme, ou un autre sexe, ou un autre siècle. Je devais naître femme spartiate ou romaine, ou du moins homme français. […] Mon esprit et mon coeur trouvent de toute part les entraves de l’opinion, les fers des préjugés, et toute ma force s’épuise à secouer vainement mes chaînes. O liberté, idole des âmes fortes, aliment des vertus, tu n’es pour moi qu’un nom !“

    “Ich bin wahrlich sehr verärgert, eine Frau zu sein: Ich bräuchte eine andere Seele oder ein anderes Geschlecht oder ein anderes Jahrhundert. Ich hätte als spartanische oder römische Frau geboren werden sollen oder zumindest als französischer Mann. […] Mein Verstand und mein Herz stoßen überall auf Hindernisse in Form von Meinungen und auf Fesseln des Vorurteils, und all meine Kraft wird vergeblich verschwendet, um meine Ketten abzuschütteln. O Freiheit, du Idol der starken Seelen, Nahrung der Tugend, du bist für mich nur ein Name!”

    Erinnerungen von Madame Roland – Jeanne-Marie oder Manon Philippon (1754-1793).
  • Marie Antoinette: Nach Paris.

    Marie Antoinette: Nach Paris.

    Vor über 220 Jahren, zweieinhalb Wochen vor ihrem 38. Geburstag, verlor Marie Antoinette ihren Kopf zum letzten Mal. Und ist damit die dritte Königin in meiner Reihe geschichtlich bedeutender Frauen, die eines gewaltsamen Todes starb. Doch während Anne Boleyn und Maria Stuart als Königinnen und in einer ungefähren Privatheit starben, eingehüllt in morbide Würde und dem Bewußtsein historischer Bedeutung, wurde Marie Antoinette einer blutberauschten, feindlichen Menge vorgeführt.
    Doch nicht nur der Tod verbindet diese drei Frauen: Frankreich mit seiner Kultur, seiner Mode, seiner Redekunst spielte eine wichtige Rolle für jede von ihnen. Dazu wurden und werden alle drei bis heute als Schlampen, als unsittliche und egoistische Weibsbilder beschimpft und verleumdet. Im Falle Marie Antoinettes nahm diese Verleumdung ein nie gekanntes Ausmaß an; jeder Shitstorm heute ist eine sanfte Brise gegen all die Pamphlete, von denen eine ganze Industrie lebte und die ihr alleine gewidmet waren. Und noch etwas verbinden Anne Boleyn und Marie Antoinette: sie waren die beiden Frauen, von denen Wallis Simpson so fasziniert war, dass sie über sie las, was sie nur finden konnte – so schließen sich manche Kreise an unerwarteter Stelle.

    Die jüngste Tochter Maria Theresias, Kaiserin Östereichs und Königin der Ungarn, starb als Witwe Capet nach Jahren des Grauens alleine und verhaßt unter dem Fallbeil der Guillotine. Nicht unbedingt das Schicksal, das königlichen Kindsbräuten vorherbestimmt war. Wie kam es dazu? War sie wirklich die grausame Bestie, die gleichgültige Hure und die das französische Volk aussaugende Ausländerin, die die Schuld an ihrem Schicksal trug? Oder war sie die heroische Gestalt, als die sie in manch royalistischem Forum gilt? Eine nur zufällig real existierende Person, die durch ihre Lebenstragödie den Liebhabern von Kitsch und Tratsch herrlich tränenumflorte Augenblicke unendlicher Romantik bietet – gleich neben einem triefnassen Mr. Darcy und einer photogeshoppten Sophie Scholl? Die Originalbarbie gar, die sich ihre Welt rosarot malte, bis sie dem wahren Leben ins Gesicht schauen musste? Oder aber eine Frau, deren Lebensweg sich kaum eine von uns wünscht und die durch ihre Persönlichkeit nicht für die Umwälzungen gemacht war, die auf die Gesellschaft des Rokoko zukam?

    Maria Theresia im Kreise ihrer Familie

    Am 2. November 1755 wurde in Wien wieder einmal eine kleine Erzherzogin geboren; Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen hatten aus Liebe geheiratet und sich diese auch über 16 Kinder hinweg erhalten. Nicht nur das war ungewöhnlich in dieser Zeit, sondern auch die klare Rollenverteilung der Familie: während Mama sich um einen großen Teil Europas kümmerte und Königsbräute und -gatten für dessen Höfe bereitstellte, besorgte Papa den Haushalt und war für Kind und Katz zuständig. Trotz der königlichen Herkunft war das Leben der Habsburger Kinderschar frei und unbeschwert: was Mama nicht erlaubte, ließ Papa doch zu. Zwar hatte die Kaiserin für all ihre Kinder einen strengen Bildungsplan entworfen, doch gelang es gerade der kleinen Maria Antonia Josepha Johanna, allzu viel Lernerei aus dem Weg zu gehen und sich mit Musik, Tanz und Theater zu amüsieren – auch dies waren Beschäftigungen, die von den Eltern gerne gesehen wurden, war doch die ganze Familie musikbesessen. So kam es auch zu der viel berichteten Anekdote, in der das Wunderkind Wolfgang Amadeus kundtat, Maria Antonia heiraten zu wollen – gar zu neckisch waren die beiden Kinder in ihrer Tändelei anzusehen; niemand ahnte, dass beiden kein langes und glückliches Leben gegönnt sein würde.

    Als sie zehn Jahre alt war, starb der geliebte Vater, der für seine Kinder der Mittelpunkt der Familie war; ihre Trauer war sicher groß, doch spielten die Gefühle von Kindern keine Rolle, wenn es um Politik ging. Nachdem die Kaiserin das jahrhundertealte Motto des Hauses Habsburg „Tu, felix Austria, nube“ – „Du, glückliches Österreich, heirate“ (im Gegensatz zur gewaltsamen Gebietsübernahme anderer Häuser, so weit die Theorie) – besser umsetzte als alle ihre Vorgänger, sollte nun ihr ehrgeizigstes Projekt Realität werden: der endgültige Frieden mit dem Erbfeind Frankreich. Mit Bourbonen aller Linien waren schon viele ihrer älteren Kinder verheiratet worden, nun sollte der Hauptgewinn errungen werden: der Dauphin, Thronfolger Frankreichs.
    Übrig blieb Maria Antonia, die nun erst von ihrer Mutter genau betrachtet wurde. Zwar hatte auch dieses Kind sich fügen und seit frühester Kindheit ein Korsett tragen müssen, um königliche Haltung zu erlangen und zu bewahren, doch ansonsten erschien sie der Kaiserin noch seltsam kindlich und unperfekt. Maria Antonia war 11 Jahre alt, neigte zum Träumen, konzentrierte sich schlecht und selten, trällerte und tanzte den Großteil des Tages vor sich hin und galt als freundliches und munteres Mädchen, das keinerlei Interesse an hochgeistiger Literatur oder tiefsinnigen Gesprächen hatte. Da lag einiges an Arbeit vor beiden, Mutter wie Tochter.
    Es wurden französische Lehrmeister bestellt, die sie mit Sprache, Tanz, Kleidung und vor allem der Etikette des französischen Hofes vertraut machen sollten. Von nun an wurde jeder Schritt und jedes Wort der jungen Erzherzogin wahrgenommen und weiter getragen, sowohl zur Kaiserin wie auch zum französischen König. Kein Vater war mehr da, der mit ihr scherzte und spielte, dafür gab es Regeln, Regeln, Regeln. Sie fügte sich – oberflächlich. Und nahm doch keine der Vorschriften und Vorhaltungen ernst. Sie spielte und tändelte und sonnte sich in der Aufmerksamkeit, die bislang niemals ihr gegolten hatte. Bei einem Stall voller Geschwister und einem Weltreich als Konkurrenz kein Wunder.

    Die 16jährige Marie Antoinette

    Und dann kam der große Augenblick, auf den ihre Mutter hingearbeitet hatte: Ludwig XV. bat für seinen Enkel, den Dauphin, um die Hand Maria Antonias. Ihre Mutter sei ambivalent gewesen, so schimmert es durch die Quellen. Endlich hat sie ihr Ziel erreicht, doch bei einem Blick auf ihre (trotz allem) geliebte Tochter wird es ihr anders: ihre Ausbildung lässt so sehr zu wünschen übrig wie ihre Einsicht und ihr Verständnis für das, was um sie vorgeht und was es bedeuten wird, die Dauphine und eines Tages die Königin Frankreichs zu sein. Immer wieder führt sie ernste Gespräche mit diesem gutmütigen und offenem Mädchen, aber ihre Aufmerksamkeit kann sie nur selten erringen und sie zweifelt, ob ausgerechnet dieses Spielkind der Aufgabe gewachsen sein wird, Frankreich mit ihrem Mann zu regieren, der als mundfaul, unsicher und ungelenk gilt. Auch ist ihr der französische Hof mit seinen Maitressen, seiner Dekadenz und Verschwendungssucht nicht angenehm – ein größerer Gegensatz zu dem sittenstrengen und eher kargen Haushalt der Habsburger ist kaum vorstellbar. Ja, Maria Theresia macht sich große Sorgen um ihre Tochter. Doch das Ziel ist erreicht und so findet die Hochzeit zwischen den beiden Jugendlichen statt.

    Unsere kleine Erzherzogin ist 14 Jahre alt, als sie am 19. April 1770 in Wien verheiratet wird. Der Bräutigam ist nicht anwesend, denn die eigentliche Hochzeit soll in Frankreich stattfinden. Ein von Frankreich entsandter Diplomat füllt den Platz des Dauphins stellvertretend aus. Noch ist sie zu Hause, noch hat ihre Mutter Zeit, ihr alles Wichtige mitzugeben – in den letzten Wochen schlafen Mutter und Tochter im gleichen Gemach und sicherlich wird Maria Theresia auch Aufklärung über das Wesen des Ehebettes gegeben haben; auch in ihren späteren Briefen an die Tochter wird sie immer wieder nachfragen, nachhaken und drängen: verschaffe dir den Thronfolger!
    Zwei Tage nach der Stellvertreterhochzeit verlässt Maria Antonia Österreich für immer und macht sich auf den Weg in ihre Zukunft. Doch vor der Ankunft in Paris steht noch ein mittelalterlicher Brauch, der ihr nicht erspart wird, trotzdem wir uns im Zeitalter der Aufklärung befinden. Die Franzosen schätzen ihre ausländischen Bräute nicht besonders und wünschen entweder eine möglichst rasche Anpassung oder aber eine Königin, die in ihrer Seltsamkeit zurückgezogen und unsichtbar im Palast lebt. Die beiden letzten Königinnen, aus Spanien und Polen stammend, wurden von niemandem beachtet und konnten sich so in Ruhe ihren Stoßgebeten, Stickereien und Schokoladen widmen; politisch und gesellschaftlich spielten sie keine Rolle und das wurde auch nicht von ihnen erwartet. Für den Glanz den Hofes, seine Mode und seinen Esprit war die Maîtresse en tître, die offizielle Geliebte des Königs, zuständig. Madame de Montespan für Louis XIV. und Madame de Pompadour für Louis XV. waren die perfekte Besetzung für dieses Amt. Und hier dürfen wir einmal spekulieren, wie Antonias Leben verlaufen wäre, hätte sie noch Madame de Pompadour treffen dürfen anstatt ihrer Nachfolgerin Madame Dubarry. Aber das führt uns heute doch zu weit (wobei, ich muss das jetzt sagen: hätte ich jemanden treffen dürfen aus der Geschichte, es wäre Jeanne-Antoinette Poisson gewesen).

    Nun, Maria Antonia sollte und musste zu Marie Antoinette werden und nichts österreichisches sollte an ihr verbleiben und das war ernst gemeint. Am 7. Mai trifft sie mitsamt ihrem Gefolge auf einer unbewohnten Rheininsel vor Straßburg ein, wo sie dem französischen Volke übergeben wird. Dem voraus gingen unendliche Streitereien zwischen den Diplomaten beider Länder – statt eines Bündnisses fand hier ein Wettbewerb statt um Einfluß, Rechthaberei und Vormachtstellung. Es wurde ein Pavillon errichtet mit drei Räumen. In den ersten trat Maria Antonia als Österreicherin, die sich dort all ihrer Kleidung und all ihrer Gefährten entledigen musste. In den zweiten Raum kam sie als Braut, die um die Aufnahme in Frankreich bittet. Eine Vierzehnjährige, die beim Abschied von ihrer Mutter bitterlich weinte und nun nackt und bloß vor fremden Menschen stand, die ihr diese Prozedur um ihrer eigenen Wichtigkeit wegen zumuteten. Schnell wurde sie in das dritte Räumchen geführt, in dem sie mit den prachtvollsten Kleidern und Preziosen ausgestattet wurde, die Frankreich zu bieten hatte – ein komplettes Makeover sozusagen, das aus ihr Marie Antoinette, Dauphine von Frankreich, machte. Das ist Stoff, aus dem Märchen gemacht werden.

    Marie Antoinette und Louis Auguste – Liebe kann warten

    Die Reise ging über Straßburg nach Paris, es gab Feste über Feste und schon leicht erschöpft traf Marie Antoinette auf den König und den Dauphin. Während Ludwig XV. strahlend auf sie zueilte, sie herzte und drückte, mit ihr lachte und scherzte (wobei der Hof bemerkte, dass der Frauenheld ihre Reize durchaus mehr zu schätzen wußte, als es ihm als ihrem „lieben Großvater“ zugekommen wäre), stand der Dauphin mißmutig daneben und reichte ihr nur widerwillig Hand und Wange zu Gruß und Kuß. Schwerfällig, mit hängenden Schultern und schweigend war er der Einzige, der in diese tagelangen Festlichkeiten nicht passte. Von Feier zu Feier wurden die beiden geschleppt, jubelnde Menschenmassen allerortens. Marie Antoinette war überwältigt, erfreut, müde. Ihre Frische, ihre Schönheit, ihre Jugend, ihre entzückende Art, sich überschwenglich zu freuen, wurden gelobt; Millionen Franzosen hätten sich heute in sie verliebt, so bekommt sie von einem Mitglied des Hofes zu hören. Mit ihrem Mann, den sie am 14. Mai offiziell heiratet, hatte sie kaum eine Sekunde alleine. Aber sie wird das kaum bemerkt haben, zu aufregend ist alles um sie herum. Sie mag in diesen ersten Tagen das Gefühl gehabt haben, endlich angekommen zu sein: diese ständige Musik, die Schauspiele, die opulenten Feste: sie sind, was sie in Wien vermisste, ohne es zu kennen. Tändeln, Tanzen und Spielen den ganzen Tag lang. Doch zum Ende der Feierlichkeiten am 30. Mai fällt ein erster Schatten auf ihr neues Leben: während eines Feuerwerkes bricht eine Massenpanik aus und über hundert Menschen sterben, hunderte werden verletzt. Einige Jahre später wird man die Königin auch hierfür verantwortlich machen.

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