Nadel, Faden & Mord


Miss Beaumont, Schneiderin und Geheimniskrämerin, gerät im Jahr 1845 in einen Mordfall. Aus guten Gründen macht sie sich daran, den Täter zu finden, bevor die Polizei aus London eintrifft.

Ankunft in Wiltshire

Die Kutsche raste vorbei an Wiesen und Feldern, als wollte Phips, mein Kutscher, Weggenosse und Beschützer, die Zeit selbst einholen. Immer wieder gab er seiner Lust am Rausch der Geschwindigkeit nach, sobald die Straßen es erlaubten.

Ich fühlte es ihm nach. Ich liebe es, hoch zu Ross über eine Hecke zu setzen oder durch die Gassen von Seven Dials zu rennen, als wäre der Teufel hinter mir her. Was er oft genug war und noch immer ist.
Aber an diesem spätsommerlichen Tag hatte der Herr der Hölle anderswo zu viel zu tun, um mir aufzulauern. Ich reise gerne und da der Himmel von einem tiefen Azurblau war und die Temperatur angenehm, war meine Laune bestens.

Nahezu bestens. Elsie führte ein solch wehleidiges Theater auf, dass ich fast bereute, sie mit mir genommen zu haben. Sobald die Pferde in einen temperamentvollen Galopp verfielen, schaukelte sie wie eine Marionette von einer Seite zur anderen und kippte mir sogar mit einem lauten Stöhnen vor die Füße.
Mein Mitleid hielt sich in Grenzen, denn Elsie musste sich alles schwerer als nötig machen und dafür reichte mein Verständnis zwar oft, doch nicht immer. Gewiss, sie hatte es nicht leicht gehabt in ihrer Kindheit und auch jetzt war ihr Leben kein Zuckerschlecken. Aber das galt nicht nur für Elsie, sondern ebenso für Phips und für mich erst recht.

Als Elsie daher ein weiteres Mal zu Boden schleuderte, packte ich sie am Oberarm, zog sie zu mir hoch und warnte sie eindringlich davor, sich weiterhin dermaßen gehenzulassen.
»Ich schwöre dir, wenn du dich nicht um Haltung bemühst, wirst du mich verlassen müssen. Mit Nadel und Faden umgehen zu können, reicht mir nicht aus; damit kannst du dich bei Mrs Hammer bewerben.«
Elsie beeilte sich, auf ihren Platz zu klettern und sich in der Ecke so festzuklemmen, dass sie nicht zu sehr vom Rütteln der Kutsche mitgenommen wurde. Sie biss die Zähne aufeinander.
Ich mahnte sie, kein sauertöpfisches Gesicht zu ziehen. »Präge es dir ein auf alle Zeiten: Für wie niedrig und unbedeutend meine Auftraggeber dich auch ansehen wird, du wirst dich verhalten wie eine wohl erzogene junge Frau, die weiß, wo sie hingehört. Du fällst nicht auf, bist jederzeit höflich und demütig und mit allem einverstanden, was sich mit Anstand und Moral vereinen lässt. Geziertes Getue mag sich die Tochter eines Lords erlauben – du sicherlich nicht.«
»Aber wir sind doch unter uns und -«
»Glaube mir, was du nicht übst, wenn dich keiner sieht, wird dir niemals gelingen unter Beobachtung. Nun sitz gerade und lächle.«

Ich gebe zu, Elsie tat ihr Bestes, meinen Anordnungen stets Genüge zu leisten; sie wusste, wofür sie es tat: für ein besseres Leben und meine Zuneigung. So streng ich ihr gegenüber auch auftrat, so lieb und teuer war sie mir und nur ungern hätte ich sie entlassen. Was ich tun würde, müsste ich mich zwischen ihr und meiner eigenen Sicherheit entscheiden.

Das mag meinen Charakter in ein schlechtes Licht setzen, aber hätte ich in den letzten fünf Jahren anders gehandelt, ich wäre nicht mehr hier. Der Teufel wäre längst im Besitz meiner Seele, kümmerte ich mich nicht um mich zuerst. Wie mein Ende wohl ausgesehen hätte? Frauen knüpfte das englische Volk nicht gerne auf, aber wie widerwillig das auch geschehen mochte, es geschah oft genug. Ohne meine Wachsamkeit wäre es mir gegangen wie meinem Bruder Christopher, der Vater stets gehorsam in allem gefolgt war, was der verlangte.
Doch an diesem herrlichen Tag wollte ich nicht an solche Dinge denken. Oder mich mit meinem Vater befassen, der der elendste Nichtsnutz und Halsabschneider ist, den selbst ein so verderbter Ort wie Seven Dials oder jeder andere Sündenpfuhl je gesehen hat. Nicht eine Faser Güte oder Liebe ist in diesem Mann. Nicht für mich zumindest.

Mein Vater ist ein absonderlicher Mensch, dessen verschroben-gefährlichen Sinn für Moral ich bis heute nicht verstehe. Elsie ist nur deshalb in meinen Diensten, weil ausgerechnet er sie vor dem Schicksal gerettet hat, das viel zu vielen jungen Mädchen droht, die nach dem Verlust der Eltern auf der Straße landen. Einem üblen Zuhälter fiel sie in die Hände und –

Aber gibt es Zuhälter, die nicht übel wären? Kann ein Mann tiefer sinken? Ich habe im Allgemeinen schon keine hohe Meinung von Männern, aber wenn sie Frauen solcherart ausnutzen, dann empfinde ich Hass. Einen Hass, den ich nicht empfinden möchte und der ausgeglichen wird durch Männer wie Phips. Einen treueren Freund kann ich mir nicht denken – er ist mir mehr Bruder, als es meine leiblichen Brüder sein könnten.

Ich weiß, solche Reden sollten Frauen nicht führen; wir müssen stets sanft und bescheiden erscheinen. Und so erscheine auch ich der Gesellschaft, wenn sie mich denn wahrnimmt. Doch nichts wäre weiter von der Wahrheit entfernt. Bescheiden bin ich nur, wenn es um den Besitz von Kostbarkeiten geht – Juwelen und Gold locken mich nicht; ich will mehr als das. Ich will Sicherheit, Respekt und Frieden. Das sind unbescheidene Wünsche für eine wie mich. Und was das sanfte Wesen angeht …

Ich befürchte, ich bin eine etwas schwierige Person. Vielleicht hätte ich die Erzählung der Ereignisse auf Darnwell Hall mit diesem Bekenntnis beginnen müssen. Ich, Alice Beaumont, im Jahre des Herrn 1845 sechsundzwanzig Jahre alt, bin eine Frau, der man nicht trauen sollte. Außer, wenn ich die Wahrheit sage. In meiner Wahrnehmung tue ich das meist. Andere Menschen mögen anderer Meinung sein.

Doch wie kostbar ist eine Wahrheit, wenn sie Schaden anrichtet? Würde ich zugeben, wer ich wirklich bin, woher ich stamme und was ich getan habe: Wer würde mich beschäftigen? Wer mich einladen in sein Haus, wer tragen die Kleider, die ich anfertige?
Niemand. Die gute Gesellschaft ist stets nur einen Schritt vom moralischen Abgrund entfernt und so lebt sie in ständiger Sorge, es könnten Armut, Elend und Verzweiflung sich wie magisch übertragen, hat man Umgang mit Leuten meiner Herkunft.

Von daher warne ich also: Mir ist womöglich nicht immer zu trauen und am wenigsten dann, wenn ich meine Gefühle und Ansichten hinter biederer Wohlanständigkeit verberge. Aber dass ich mit Elsie streng bin, ist ein Zeichen für meinen aufrichtigen Charakter, denn ich will sie wappnen für ein Leben voller Arbeit und Rücksichtnahme auf diejenigen, denen es besser geht als ihr. Wäre ich eine reiche Matrone, die niemanden das kleinste Glück gönnt, so dürfte ich meine Hausmädchen schlagen und dem Bettler die Tür weisen und man würde mich noch eine Zierde der Christenheit nennen. Barmherzigkeit und Milde sind nichts als hohle Worte in den Mündern solcher Weiber.

Damit soll es genug sein von mir für den Moment, allerdings dürfte mir schwerfallen, von dem zu berichten, was mir auf Darnwell Hall begegnete, ohne mich selbst zu offenbaren. Immerhin waren es gerade meine so sorgfältig gehütete Vergangenheit und meine Verbindung zu den Untersten unserer Gesellschaft, die mich zum Handeln zwangen.