Hedwig 1882

Wenn wir uns vorstellen, wie unser Leben in der Vergangenheit wohl gewesen wäre, dann sehen wir uns vermutlich nicht als Dienstmädchen in einem bürgerlichen Haushalt oder bei einer Handwerksfamilie. Dabei stehen die Chancen gut, dass wir unser Leben als Hausangestellte verdient und damit ganz weit unten in der Gesellschaft gestanden hätten. Wir wären zwar gebraucht, aber doch als lästiges Übel angesehen worden – als andauernde Bedrohung für den Seelenfrieden der Familie.
Bis heute spielt das Dienstmädchen eine untergeordnete Rolle in Filmen, Serien oder Romanen, und rückt ein Mädchen wie Hedwig einmal in den Mittelpunkt, dann hat sie gefälligst all das zu erleiden, was das Leben an Elend bereithält. Und ja, die Herkunft der meisten Hausmädchen war niedrig, ihre familiären Verhältnisse oft desolat. Doch Vergewaltigung und Prostitution waren nicht das zwangsläufige Schicksal jeder jungen Frau, die in Stellung ging. Auch darf man den Statistiken der Polizeibehörden nicht völlig vertrauen, was die Anzahl der Prostituieren grundsätzlich angeht: Eine alleinstehende Frau, die nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße gesichtet wurde, konnte sehr leicht des Herumlungerns verdächtigt werden – und diesen Verdacht wieder loszuwerden, war so leicht nicht.
Aufbruch ins Leben
Wie so viele Mädchen und junge Frauen aus Eifel und Voreifel zieht Hedwig um die Jahrhundertwende ins reiche Bonn, wo Dienstmädchen zum Alltag gehören – Wohnungen werden angeboten mit dem Hinweis, ein Mädchen wäre vorhanden, so selbstverständlich empfand man das Opfer, das man von diesen Angestellten erwartete. Freie Tage, geregelte Arbeitszeiten, eine saubere Unterkunft, angemessener Lohn, gesetzlicher Schutz vor Missbrauch? Fehlanzeige. Bis zu achtzehn Stunden am Tag arbeiten viele, vielleicht sogar die meisten, und das für einen winzigen Lohn, der ihnen oftmals nur einmal im Jahr ausgezahlt wird. Mit Abzügen für alles, was in ihrer Obhut zerbrochen sein mochte. Dafür gab es bei kulanten Arbeitgebern jeden Sonntagnachmittag Ausgang, aber nicht allzu selten beschränkte sich das auf einen halben Nachmittag im Monat.
Wie schlecht also musste Hedwigs bisheriges Leben gewesen sein, dass sie das auf sich nimmt? Nicht schön. Gar nicht schön. Und doch ist dieses Mädchen von einer solchen Zuversicht; sie ist immerzu bester Laune und hält sich für ein Glückskind, dem schon alles irgendwann gut ausschlagen wird. Naiv? Gewiss. Und zugleich so erfahren, was das Leben und seine Schattenseiten betrifft.
Das glaubt sie erst recht, nachdem sie John und Max kennengelernt. Studenten der Ägyptologie sind sie (und das wahrhaftig auch beim Vater einer anderen meiner Heldinnen – Professor Heinrich August Schumacher unterrichtet die jungen Herren). Von John schwärmt Hedwig. Sie tut es, wie es nur ein Mädchen tun kann, das mühsam nur Romane liest, die andere als Schund abtun. Sie tut es von ganzem Herzen und mit viel Hingabe und Ausdauer. Glaubt sie, ihn für sich gewinnen zu können? Oder ist sie zufrieden damit, ihn aus der Ferne zu bewundern? Und was ist mit Max?

Hedwig Vianden, 15 Jahre jung.
Dienstmädchen in Bonn am Rhein
Vornehme Pflichten
Hedwigs Zuversicht scheint sich auszuzahlen, denn die harte Arbeit, das ewige Schuften und die Sorgen um Lohn und Brot finden wahrhaftig ein Ende. Sie soll lernen, soll etwas aus sich machen – sie soll ein feines Fräulein werden. Bonn bietet eine Vielzahl ein Töchterpensionaten; Adressbuch und Annoncenteil der Zeitung sind voll von solchen Schulen, in denen junge Frauen zu Gastgeberinnen, Ehefrauen und Hausherrinnen ausgebildet werden. Ein wenig geschichtliche Bildung, etwas Geografie, unbedingt Französisch und Englisch, Klavier und Stickarbeiten, ein bisschen Literatur und nicht zu viel Sport, dazu Unterrichtsstunden in Tanz, Frisuren, eleganter Kleidung: ein bis drei Jahre etwas und aus dem groben Klotz mürrischer Tochter ist ein funkelnder Brillant geworden. So zumindest das Versprechen der Schulleiterinnen.
Für Hedwig wird damit ein Traum war und dass sie unter den anderen Pensionatsschülerinnen Freundinnen findet, ist für sie das schönste Geschenk. Doch diese Ausbildung hat einen Grund. Einen herrlichen Grund. Oder nicht? Hedwig kommen erste Zweifel …
Im zweiten Band darf Hedwig fast ein Märchen erleben. Aber ist es ein Märchen, wenn nach wie vor andere für dich (und sich) entscheiden, was du zu tun hast und was nicht?

Hedwig darf lernen. Wie schön wird diese Zeit im Töchterpensionat!
An fremden Ufern
In so wenigen Jahren hat sich Hedwigs Stellung im Leben vollständig geändert und aus dem Mädchen der Voreifel ist eine junge Frau geworden, von der man mehr erwartet als von vielen anderen: Nachsicht, Verständnis, Duldsamkeit und ein vornehmes sich Fügen. Und Mut. All das bringt sie auf und so macht sie sich auf zum Land am Nil – dem Land ihrer Träume. Dass sie auf dem Weg schon ihr Ziel finden könnte, das hat sie nicht geahnt.
Und so wird sie bald vor Entscheidungen stehen, die das Leben von so vielen Menschen beeinflussen werden. Und ihr eigenes Glück. Was ist wirklich wichtig für sie?

Der Nil. Die Pyramiden. Die Tempel.
Und endlich die große Liebe?
Und wahre Freiheit?
Begleite Hedwig auf ihrem Lebensweg – hier kommst du zu ihr.






Bonn zur Kaiserzeit – Millionäre, Aristokraten, Professoren und Bürgertum
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