Marie Antoinette: Nach Paris.


Vor über 220 Jahren, zweieinhalb Wochen vor ihrem 38. Geburstag, verlor Marie Antoinette ihren Kopf zum letzten Mal. Und ist damit die dritte Königin in meiner Reihe geschichtlich bedeutender Frauen, die eines gewaltsamen Todes starb. Doch während Anne Boleyn und Maria Stuart als Königinnen und in einer ungefähren Privatheit starben, eingehüllt in morbide Würde und dem Bewußtsein historischer Bedeutung, wurde Marie Antoinette einer blutberauschten, feindlichen Menge vorgeführt.
Doch nicht nur der Tod verbindet diese drei Frauen: Frankreich mit seiner Kultur, seiner Mode, seiner Redekunst spielte eine wichtige Rolle für jede von ihnen. Dazu wurden und werden alle drei bis heute als Schlampen, als unsittliche und egoistische Weibsbilder beschimpft und verleumdet. Im Falle Marie Antoinettes nahm diese Verleumdung ein nie gekanntes Ausmaß an; jeder Shitstorm heute ist eine sanfte Brise gegen all die Pamphlete, von denen eine ganze Industrie lebte und die ihr alleine gewidmet waren. Und noch etwas verbinden Anne Boleyn und Marie Antoinette: sie waren die beiden Frauen, von denen Wallis Simpson so fasziniert war, dass sie über sie las, was sie nur finden konnte – so schließen sich manche Kreise an unerwarteter Stelle.

Die jüngste Tochter Maria Theresias, Kaiserin Östereichs und Königin der Ungarn, starb als Witwe Capet nach Jahren des Grauens alleine und verhaßt unter dem Fallbeil der Guillotine. Nicht unbedingt das Schicksal, das königlichen Kindsbräuten vorherbestimmt war. Wie kam es dazu? War sie wirklich die grausame Bestie, die gleichgültige Hure und die das französische Volk aussaugende Ausländerin, die die Schuld an ihrem Schicksal trug? Oder war sie die heroische Gestalt, als die sie in manch royalistischem Forum gilt? Eine nur zufällig real existierende Person, die durch ihre Lebenstragödie den Liebhabern von Kitsch und Tratsch herrlich tränenumflorte Augenblicke unendlicher Romantik bietet – gleich neben einem triefnassen Mr. Darcy und einer photogeshoppten Sophie Scholl? Die Originalbarbie gar, die sich ihre Welt rosarot malte, bis sie dem wahren Leben ins Gesicht schauen musste? Oder aber eine Frau, deren Lebensweg sich kaum eine von uns wünscht und die durch ihre Persönlichkeit nicht für die Umwälzungen gemacht war, die auf die Gesellschaft des Rokoko zukam?

Maria Theresia im Kreise ihrer Familie

Am 2. November 1755 wurde in Wien wieder einmal eine kleine Erzherzogin geboren; Maria Theresia und Franz Stephan von Lothringen hatten aus Liebe geheiratet und sich diese auch über 16 Kinder hinweg erhalten. Nicht nur das war ungewöhnlich in dieser Zeit, sondern auch die klare Rollenverteilung der Familie: während Mama sich um einen großen Teil Europas kümmerte und Königsbräute und -gatten für dessen Höfe bereitstellte, besorgte Papa den Haushalt und war für Kind und Katz zuständig. Trotz der königlichen Herkunft war das Leben der Habsburger Kinderschar frei und unbeschwert: was Mama nicht erlaubte, ließ Papa doch zu. Zwar hatte die Kaiserin für all ihre Kinder einen strengen Bildungsplan entworfen, doch gelang es gerade der kleinen Maria Antonia Josepha Johanna, allzu viel Lernerei aus dem Weg zu gehen und sich mit Musik, Tanz und Theater zu amüsieren – auch dies waren Beschäftigungen, die von den Eltern gerne gesehen wurden, war doch die ganze Familie musikbesessen. So kam es auch zu der viel berichteten Anekdote, in der das Wunderkind Wolfgang Amadeus kundtat, Maria Antonia heiraten zu wollen – gar zu neckisch waren die beiden Kinder in ihrer Tändelei anzusehen; niemand ahnte, dass beiden kein langes und glückliches Leben gegönnt sein würde.

Als sie zehn Jahre alt war, starb der geliebte Vater, der für seine Kinder der Mittelpunkt der Familie war; ihre Trauer war sicher groß, doch spielten die Gefühle von Kindern keine Rolle, wenn es um Politik ging. Nachdem die Kaiserin das jahrhundertealte Motto des Hauses Habsburg „Tu, felix Austria, nube“ – „Du, glückliches Österreich, heirate“ (im Gegensatz zur gewaltsamen Gebietsübernahme anderer Häuser, so weit die Theorie) – besser umsetzte als alle ihre Vorgänger, sollte nun ihr ehrgeizigstes Projekt Realität werden: der endgültige Frieden mit dem Erbfeind Frankreich. Mit Bourbonen aller Linien waren schon viele ihrer älteren Kinder verheiratet worden, nun sollte der Hauptgewinn errungen werden: der Dauphin, Thronfolger Frankreichs.
Übrig blieb Maria Antonia, die nun erst von ihrer Mutter genau betrachtet wurde. Zwar hatte auch dieses Kind sich fügen und seit frühester Kindheit ein Korsett tragen müssen, um königliche Haltung zu erlangen und zu bewahren, doch ansonsten erschien sie der Kaiserin noch seltsam kindlich und unperfekt. Maria Antonia war 11 Jahre alt, neigte zum Träumen, konzentrierte sich schlecht und selten, trällerte und tanzte den Großteil des Tages vor sich hin und galt als freundliches und munteres Mädchen, das keinerlei Interesse an hochgeistiger Literatur oder tiefsinnigen Gesprächen hatte. Da lag einiges an Arbeit vor beiden, Mutter wie Tochter.
Es wurden französische Lehrmeister bestellt, die sie mit Sprache, Tanz, Kleidung und vor allem der Etikette des französischen Hofes vertraut machen sollten. Von nun an wurde jeder Schritt und jedes Wort der jungen Erzherzogin wahrgenommen und weiter getragen, sowohl zur Kaiserin wie auch zum französischen König. Kein Vater war mehr da, der mit ihr scherzte und spielte, dafür gab es Regeln, Regeln, Regeln. Sie fügte sich – oberflächlich. Und nahm doch keine der Vorschriften und Vorhaltungen ernst. Sie spielte und tändelte und sonnte sich in der Aufmerksamkeit, die bislang niemals ihr gegolten hatte. Bei einem Stall voller Geschwister und einem Weltreich als Konkurrenz kein Wunder.

Die 16jährige Marie Antoinette

Und dann kam der große Augenblick, auf den ihre Mutter hingearbeitet hatte: Ludwig XV. bat für seinen Enkel, den Dauphin, um die Hand Maria Antonias. Ihre Mutter sei ambivalent gewesen, so schimmert es durch die Quellen. Endlich hat sie ihr Ziel erreicht, doch bei einem Blick auf ihre (trotz allem) geliebte Tochter wird es ihr anders: ihre Ausbildung lässt so sehr zu wünschen übrig wie ihre Einsicht und ihr Verständnis für das, was um sie vorgeht und was es bedeuten wird, die Dauphine und eines Tages die Königin Frankreichs zu sein. Immer wieder führt sie ernste Gespräche mit diesem gutmütigen und offenem Mädchen, aber ihre Aufmerksamkeit kann sie nur selten erringen und sie zweifelt, ob ausgerechnet dieses Spielkind der Aufgabe gewachsen sein wird, Frankreich mit ihrem Mann zu regieren, der als mundfaul, unsicher und ungelenk gilt. Auch ist ihr der französische Hof mit seinen Maitressen, seiner Dekadenz und Verschwendungssucht nicht angenehm – ein größerer Gegensatz zu dem sittenstrengen und eher kargen Haushalt der Habsburger ist kaum vorstellbar. Ja, Maria Theresia macht sich große Sorgen um ihre Tochter. Doch das Ziel ist erreicht und so findet die Hochzeit zwischen den beiden Jugendlichen statt.

Unsere kleine Erzherzogin ist 14 Jahre alt, als sie am 19. April 1770 in Wien verheiratet wird. Der Bräutigam ist nicht anwesend, denn die eigentliche Hochzeit soll in Frankreich stattfinden. Ein von Frankreich entsandter Diplomat füllt den Platz des Dauphins stellvertretend aus. Noch ist sie zu Hause, noch hat ihre Mutter Zeit, ihr alles Wichtige mitzugeben – in den letzten Wochen schlafen Mutter und Tochter im gleichen Gemach und sicherlich wird Maria Theresia auch Aufklärung über das Wesen des Ehebettes gegeben haben; auch in ihren späteren Briefen an die Tochter wird sie immer wieder nachfragen, nachhaken und drängen: verschaffe dir den Thronfolger!
Zwei Tage nach der Stellvertreterhochzeit verlässt Maria Antonia Österreich für immer und macht sich auf den Weg in ihre Zukunft. Doch vor der Ankunft in Paris steht noch ein mittelalterlicher Brauch, der ihr nicht erspart wird, trotzdem wir uns im Zeitalter der Aufklärung befinden. Die Franzosen schätzen ihre ausländischen Bräute nicht besonders und wünschen entweder eine möglichst rasche Anpassung oder aber eine Königin, die in ihrer Seltsamkeit zurückgezogen und unsichtbar im Palast lebt. Die beiden letzten Königinnen, aus Spanien und Polen stammend, wurden von niemandem beachtet und konnten sich so in Ruhe ihren Stoßgebeten, Stickereien und Schokoladen widmen; politisch und gesellschaftlich spielten sie keine Rolle und das wurde auch nicht von ihnen erwartet. Für den Glanz den Hofes, seine Mode und seinen Esprit war die Maîtresse en tître, die offizielle Geliebte des Königs, zuständig. Madame de Montespan für Louis XIV. und Madame de Pompadour für Louis XV. waren die perfekte Besetzung für dieses Amt. Und hier dürfen wir einmal spekulieren, wie Antonias Leben verlaufen wäre, hätte sie noch Madame de Pompadour treffen dürfen anstatt ihrer Nachfolgerin Madame Dubarry. Aber das führt uns heute doch zu weit (wobei, ich muss das jetzt sagen: hätte ich jemanden treffen dürfen aus der Geschichte, es wäre Jeanne-Antoinette Poisson gewesen).

Nun, Maria Antonia sollte und musste zu Marie Antoinette werden und nichts österreichisches sollte an ihr verbleiben und das war ernst gemeint. Am 7. Mai trifft sie mitsamt ihrem Gefolge auf einer unbewohnten Rheininsel vor Straßburg ein, wo sie dem französischen Volke übergeben wird. Dem voraus gingen unendliche Streitereien zwischen den Diplomaten beider Länder – statt eines Bündnisses fand hier ein Wettbewerb statt um Einfluß, Rechthaberei und Vormachtstellung. Es wurde ein Pavillon errichtet mit drei Räumen. In den ersten trat Maria Antonia als Österreicherin, die sich dort all ihrer Kleidung und all ihrer Gefährten entledigen musste. In den zweiten Raum kam sie als Braut, die um die Aufnahme in Frankreich bittet. Eine Vierzehnjährige, die beim Abschied von ihrer Mutter bitterlich weinte und nun nackt und bloß vor fremden Menschen stand, die ihr diese Prozedur um ihrer eigenen Wichtigkeit wegen zumuteten. Schnell wurde sie in das dritte Räumchen geführt, in dem sie mit den prachtvollsten Kleidern und Preziosen ausgestattet wurde, die Frankreich zu bieten hatte – ein komplettes Makeover sozusagen, das aus ihr Marie Antoinette, Dauphine von Frankreich, machte. Das ist Stoff, aus dem Märchen gemacht werden.

Marie Antoinette und Louis Auguste – Liebe kann warten

Die Reise ging über Straßburg nach Paris, es gab Feste über Feste und schon leicht erschöpft traf Marie Antoinette auf den König und den Dauphin. Während Ludwig XV. strahlend auf sie zueilte, sie herzte und drückte, mit ihr lachte und scherzte (wobei der Hof bemerkte, dass der Frauenheld ihre Reize durchaus mehr zu schätzen wußte, als es ihm als ihrem „lieben Großvater“ zugekommen wäre), stand der Dauphin mißmutig daneben und reichte ihr nur widerwillig Hand und Wange zu Gruß und Kuß. Schwerfällig, mit hängenden Schultern und schweigend war er der Einzige, der in diese tagelangen Festlichkeiten nicht passte. Von Feier zu Feier wurden die beiden geschleppt, jubelnde Menschenmassen allerortens. Marie Antoinette war überwältigt, erfreut, müde. Ihre Frische, ihre Schönheit, ihre Jugend, ihre entzückende Art, sich überschwenglich zu freuen, wurden gelobt; Millionen Franzosen hätten sich heute in sie verliebt, so bekommt sie von einem Mitglied des Hofes zu hören. Mit ihrem Mann, den sie am 14. Mai offiziell heiratet, hatte sie kaum eine Sekunde alleine. Aber sie wird das kaum bemerkt haben, zu aufregend ist alles um sie herum. Sie mag in diesen ersten Tagen das Gefühl gehabt haben, endlich angekommen zu sein: diese ständige Musik, die Schauspiele, die opulenten Feste: sie sind, was sie in Wien vermisste, ohne es zu kennen. Tändeln, Tanzen und Spielen den ganzen Tag lang. Doch zum Ende der Feierlichkeiten am 30. Mai fällt ein erster Schatten auf ihr neues Leben: während eines Feuerwerkes bricht eine Massenpanik aus und über hundert Menschen sterben, hunderte werden verletzt. Einige Jahre später wird man die Königin auch hierfür verantwortlich machen.