Das geheime Journal der Miss Beaumont

Diese Serie: Was ist sie? Historischer Thriller? Historischer Spannungsroman? Abenteuer? Kriminalroman? Tagebuch? Entwicklungsroman? Schwierig und ich weiß leider, wie sehr Shops solche Bücher hassen, die sie als genreübergreifend verstehen. Was sie eigentlich nicht sind.
Romane sind und waren immer schon vielfältig und das ist auch die Serie rund um Alice Beaumont, denn wie sollte ich trennen, was nicht trennbar ist? Die Welt war und ist für Frauen selten einfach nur das Eine oder das Andere. Gilt für Männer natürlich auch, aber die Anforderungen und Erwartungen an das weibliche Geschlecht waren eben immer schon sehr viel vielfältiger.
Wer ist Alice Beaumont?
Alice ist eine Frau von Mitte zwanzig, was man 1845 schon nicht mehr als jung im Sinne von noch nicht erwachsen bezeichnet hätte. Ihre Vergangenheit oder vielmehr diejenige ihrer Familie ist düster. Aus Gründen, die sich ihr selbst erst im Laufe der Serie erschließen werden. Sie ist eine kühle Frau, die bedacht handelt, eine schlechte Meinung von den Männern hat und eine ebenso schlechte von der Menschheit im Allgemeinen. Sie denkt an ihr Wohl zuerst, an den Nutzen für ihr Unternehmen – sie ist Schneiderin, jedoch eine der wenigen, die es an die Spitze der englischen Hauptstadt geschafft und das in kürzester Zeit. Was sie ihrer harten Arbeit, ihrem Geschmack und Geschick und ihrer unbedingten Diskretion verdankt. Und einigen anderen Zutaten, von denen sie selbst kaum etwas ahnt. Sie ist beliebt bei ihren Kundinnen, die freimütig vor und mit ihr sprechen.
Beliebt? Wie kann eine solche Frau beliebt sein?
Sie weiß genau, wie sie ihre Kundin so einkleidet, dass sie sowohl der gesellschaftlichen Norm entspricht und zugleich das Beste und Schönste an und in ihr zutage fördert. Sie weiß, was sie wann sagen muss, weiß auch, was sie nicht tun darf und sollte. Das Vertrauen, das man ihr schenkt, enttäuscht sie nie. Aber vor allem ist Alice ein sehr viel besserer Mensch, als sie selbst es sich zutraut – das merkt manch andere Frau rascher und instinktiver als diese junge Frau, die vom Erlebten viele Wunden davongetragen hat. Wunden, die sie vor sich verbirgt, die sie nicht wahrhaben will.
Die Wandlung der Serie und der Heldin
Es beginnt wie eine nette Krimireihe: Alice ist auf dem Weg nach Wiltshire, um dort die Garderobe für eine junge Braut anzupassen und fertigzustellen. Begleitet wird sie von Elsie, ihrer jungen Gehilfin, und Phips, ihrem Kutscher. Sie selbst erzählt uns davon und sehr schnell wird deutlich, dass sie mehr ist als die fleißige Schneiderin, die andere in ihr sehen. Denn so sie ihrer Vergangenheit entfliehen möchte, so dicht ist sie stets bei ihr. Und Alice ergeht es wie vielen Menschen, die damit beginnen, über das eigene Leben und Erleben zu schreiben: Man erzählt mehr, als man eigentlich wollte. Binnen weniger Seiten verrät sie schon, welch dunkle Flecken in ihrer Geschichte sie der Kundschaft verbirgt.
Um zu verstehen, weshalb sie das für nötig hält, müssen wir uns zwei Dinge vor Augen führen:
In der viktorianischen Gesellschaft galt es als ausgemacht, dass ein Mensch, der arm und krank ist, eine Schuld auf sich geladen haben musste, ansonsten hätte Gott ihn nicht mit diesem Schicksal bestraft. Das enthob den Lord davon, dem Bettler beizustehen, das verhinderte, dass eine Lady Mitleid mit ihrem Küchenmädchen haben musste. Dass es genug Damen und Herren gab, die sich dessen sehr bewusst waren, davon dürfen wir ausgehen – dennoch blieb es bestehen: Armut bedeutet einen Fehler im Charakter, ein verworfenes Wesen. Obwohl man auch wusste, wie leicht man selbst tief absteigen konnte, dazu brauchte es nicht vieles.
Das andere ist das weibliche Ideal: Eine Frau sollte zart sein in jeder Hinsicht – ja, sie durfte sogar kränklich aussehen, das erhöhte ihren Wert sogar. Bescheiden, unterwürfig, sanftmütig, liebenswürdig, hilfsbereit, so sollte sie sein. Eine eigene Meinung war das letzte, was man von ihr hören wollte. Auch hier gab es natürlich genügend Gegenbeispiele; stand eine Frau allein, so war sie gezwungen, all diese Eigenschaften über Bord zu werfen. Es war nicht leicht, in einer Stadt wie London zu überleben.
Mit Alice Beaumont wirst du ein London erleben, das so prachtvoll wie schäbig ist; du wirst durch die miteinander verbundenen Kellerirrgänge von Seven Dials rennen und bei Hofe tanzen. Und du wirst mit Alice in gefährliche Situationen kommen und ihre Vertraute in allem werden, ihre düstersten Gedanken teilen ebenso wie ihre wärmsten Gefühle. Und sie, die für sich geschrieben hat, wird sich immer wieder eine Freundin vorstellen, die in ferner Zukunft ihre Tagebücher findet – an dich wird sie sich wenden, wenn sie ihre Liebsten um sich herum nicht belasten möchte.
Wenn du glaubst, dem gewachsen zu sein, dann öffne das Journal der Miss Beaumont.




















