Das vergiftete Manuskript


Ein schöner Tag zum Sterben

James Stuart Beresford eilte in seiner Rolle als – mehr oder weniger – aufstrebender Verleger eines kleinen Sortiments – mehr oder weniger – anspruchsvoller Unterhaltungsromane durch die Kaiserstraße. Um elf Uhr, somit in einer halben Stunde, traf er sich mit einem Herrn, der ihm von einem bereits unter Vertrag stehenden Schriftsteller als zuverlässiger Verfasser aufregender Geschichten voller Realität und Sarkasmus angepriesen worden war.
Nun waren Realität und Sarkasmus nicht unbedingt das, wonach James suchte; die Zeiten waren bitter genug auch ohne die beißenden Spitzfindigkeiten selbstverliebter Schreiberlinge, die sich einbildeten, den Durchblick zu haben. Doch Maximilian Schneider hatte so begeistert vom Stil des Kollegen gesprochen, dass James sich verpflichtet fühlte, einen Gang zu gehen, den er sich gerne gespart hätte.
Andererseits: Dieser Mittwoch war ein goldener Herbsstag Mitte Oktober, nicht zu warm, nicht zu frisch und somit bestens geeignet für einen solchen Ausflug. Wenn er alles mit dem Herrn besprochen haben würde, wollte sich James mit Emma zum Mittagessen im Zehrgarten treffen – länger als bis ein Uhr würden Unterredung und Rückweg sicherlich nicht benötigen.
»James, ein Glück, dass ich dich sehe. Sei ein Engel, Darling, und nimm Bello mit dir; ich habe einfach zu viel zu tun. Hier, stecke dir die Papiertüten ein.«
Aus den Gedanken geschreckt wandte James sich um und blickte in Sybils nach wie vor strahlend hübsches Antlitz, das weder das Fortschreiten der Zeit noch ihre eben nun leicht ungeduldige Miene entstellen konnten. Bevor James sich hatte fassen oder gar antworten können, streckte sie ihm bereits Leine und Beutel entgegen, beugte sich vor, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, lief die Stufen hinauf und verschwand im Haus.
»Gosh, Sybil! Ich habe geschäftliche Termine, ich kann nicht -«
Das Fenster neben der Tür öffnete sich und Sybils tüchtige Sekretärin, Fräulein Willems, streckte den Kopf hinaus. »Bester Herr Beresford, seien Sie so gut, wir wissen nicht, wo oben und unten sind zurzeit. Bello muss dringend hinaus und Ihnen steht er doch so hervorragend – ein Herr und sein bester Freund, ein Bild, das erfreut.«
»Fräulein Willems, ich -«
Das Fenster schloss sich. James seufzte und blickte auf den kleinen Hund, der artig vor ihm saß und mit schräggelegtem Köpfchen zu ihm aufsah. »Ja, dann …«
Freudig tänzelte Bello neben ihm und zeigte sich von seiner bester Seite. Er zog nicht, blieb nicht zurück und interessierte sich nicht im Geringsten für den großen Schäferhund, der auf der anderen Straßenseite eine sichtlich überforderte Frau hinter sich herzerrte.
Well, so dachte James, es mag sein Gutes haben, dass Bello bei mir ist; so kann ich das Gespräch womöglich rascher zum Ende bringen. Es hat doch jeder Verständnis für die dringlichen Bedürfnisse eines Hundes. Sicherlich mehr als für die Bedürfnisse eines Verlegers, der trotz der unvermuteten Finanzspritze des Staatsschutzes Mühe hatte, nicht unterzugehen.
Jetzt also zu zweite eilte James wieder voran und entschied sich spontan, nicht den Weg über den Münsterplatz zu gehen, sondern Bello über den Hofgarten zu führen, wo der vielleicht mit etwas Glück sein Geschäft unter einem Busch erledigen würde; es drängte James nicht danach, mit Bellos Hinterlassenschaften hantieren zu müssen.
Den Gefallen tat der kleine Hund ihm jedoch nicht. Viel zu begeistert war Bello davon, endlich wieder einmal auf einen längeren Spaziergang zu dürfen, nachdem er in den letzten Tagen immer nur ums Eck mitgenommen wurde, dass er gar nicht daran dachte, irgendwo lange genug zu verweilen, um zu erledigen, was er erledigen sollte. Er hob mal hier, mal dort das Bein und drängte weiter voran. Eichhörnchen, andere Hunde, fallende Blätter, begeisterte Kinder: Das alles kümmerte ihn heute nicht, er trabte, trabte, trabte und wedelte glücklich mit dem Schwanz, wenn er immer wieder einmal zu James aufsah, den er eh besonders mochte.
Und James war das nur recht. Er lobte ihn eifrig, nannte ihn ›a good boy‹ und ›the best little friend‹ und gönnte ihm und sich sogar den kleinen Umweg über die Rheinpromenade – das Wetter war wirklich zu schön, um es nicht zu nutzen. Die leichte Nervosität, die James stets befiel, wenn er neue Bekanntschaften zu machen hatte, war auf diese Weise ebenfalls auf ein annehmbares Maß abgesunken, und so bog er bester Laune in die Rathausgasse ein.

Er wunderte sich erneut darüber, wo sein zukünftiger Erfolgsautor wohnte. Die Rathausgasse war nicht unbedingt eine Adresse, an der man einen Herrn Leonhardus von Weilert zu finden erwartete. Hier lebten Zeitungsfrauen, Automonteure, Bierbrauer und eine stattliche Anzahl an Wachtmeistern in Dienstwohnungen der hier befindlichen Hauptwache. Andererseits ware die Atmosphäre durchaus nicht unkünstlerisch: Zwischen Zigarren-, Elektro- und Wäschehandlungen befanden sich auch Buchbindewerkstätten (mit einer arbeitete James seit einigen Monaten zusammen), ein Bilderrahmengeschäft, ein Kunstgewerbeladen und einer für plastische Kunst, dazu ein Dekorations- und Polsterhandel und diverse Handwerksläden vom Uhrmacher bis zum Friseur. Es ging also durchaus um die schönen Dinge im Leben, die mit viel Liebe und Lärm hier gefertigt wurden.
Ja, doch, je länger er darüber nachdachte, desto geeigneter erschien James die schmale Straße zwischen Universität und Marktplatz für einen Schriftsteller, der sich dem Realismus verschrieben hatte und den Leuten aufs Maul schauen wollte. Hier war mit Gemüsehandel, Kolonialwaren und einem reizenden kleinen Kaffeehaus auch fürs leibliche Wohl gesorgt und auch Seele und Geist fanden Nahrung: Ein Forschungsinstitut, ein katholisches Fürsorgeheim, die Blinden- und Versehrtenwerkstatt und das Archiv der Stadt Bonn hatten hier ebenfalls ihre Bleibe gefunden. Wenn es dem Herrn von Weilert also nicht auf vergeistigte Stille und aromatischen Wohlgeruch ankam, dann saß er hier am rechten Platz, da doch sämtliche Eigenarten und Bedürfnisse der Bürgerschaft in der Rathausgasse zusammentrafen. Es war allein der gar zu vornehme Name, der James störte. Einen Leonhardus erwartete man zumindest in einem der prachtvollen Villen am Rheinufer fort von all jenen Mitmenschen, die hart daran arbeiteten, die schlechten Zeiten einigermaßen zu überstehen.
Einen flüchtigen Blick nur warf James in die Schreibmaschinen-Zentrale, in der Emma ihre Maschinen warten ließ. Vor einem guten Jahr noch hatte der Laden gebrummt, wann immer die Gemahlin ihn hierher geschleppt hatte, um Farbbänder zu kaufen und von einen neuen, besseren und leichtgängigeren Gerät zu träumen. Jetzt war niemand im Geschäftsraum. Das bedrückte James und als gar der Eigentümer hoffnungsfroh zu ihm schaute, fühlte er sich fast schon schuldig, schneller vorbeizuhuschen.
Im Großen und Ganzen aber schienen die meisten Händler nicht unter der Wirtschaftskrise zu leiden; im Wäschesalon weiter vorne lagen wie gewohnt die feinsten französischen Dessous aus und gleich drei hübsche Fräulein hatten durch das Angebot gestöbert. Das wollte James gerne als gutes Zeichen für die Zukunft nehmen.
Ebenfalls als gutes Zeichen sah er es an, dass Herr von Weilert über einem Uhrmachergeschäft residierte, dessen Besitzer auf den Namen Schumacher hörte. Nicht nur, dass das auch der Geburtsname seiner geliebten Emma war, ließ James schmunzeln; er stellte sich lebhaft vor, wie oft dieser gute Mann neue Bekanntschaften verwirren mochte, wenn er darauf bestand, trotz des Namens Uhren herzustellen, zumal drei Häuser weiter ein echter Schuhmacher sein Handwerk betrieb.
Das war es dann aber schon mit den guten Zeichen, denn auf sein Klingeln antwortete niemand. Niemand außer Bello, der plötzlich auf die Idee kam, er müsse jetzt und hier erledigen, weshalb Sybil ihn fortgeschickt hatte. Ohne falsche Scham verrichtete Bello sein Geschäft und wedelte stolz mit dem Schwanz.
»Wie kann ein so kleiner Kerl wie du nur so widerlich stinken?«, murmelte James und ging in die Knie, um mit spitzen Fingern, einer widerborstigen Papiertüte und sichtlich angeekelter Grimasse Bellos Fäkalien vom Bürgersteig zu kratzen. Es half dabei überhaupt nicht, dass eine alte Dame bei ihm anhielt und lang und breit erklärte, es wäre die Rathausgasse ein anständiger Ort und es möge der Herr sich doch anstrengen, nichts vom Dreck seines Köters zu übersehen.
James nickte nur; das hatte er längst gelernt, dass mit manchen der alten Frauen nicht gut debattieren war. Mühsam hob er auf, was aufzuheben war, riss ein Fitzelchen der Tüte ab und wischte damit über den Boden, knüllte es vorsichtig zusammen und ließ es in den Beutel fallen, dessen Öffnung er sorgfältig zusammenfaltete.
Die Passantin immerhin schien zufrieden genug mit seinem Werk zu sein, um sich von dannen zu trollen, während James durchaus verzweifelt nach einem Abfalleimer Ausschau hielt. Vergeblich leider. Was nun? Die Zeit drängte; es war bereits zwei Minuten nach elf und wer konnte schon sagen, wie genau es Herr von Weilert mit der Pünktlichkeit nahm? Bei den Deutschen wusste man nie, so dachte James, worüber sie sich mehr ärgern würden: über die Verspätung eines Gastes oder über irgendetwas, was der sagte. Oder mitbrachte.
James schnupperte vorsichtig an der zusammengerollten Tüte. Grauenvoll. Aber noch mehr Zeit verlieren? Er klingelte ein zweites Mal. Und wieder meldete sich niemand. Vielleicht war die Haustür nicht abgesperrt? Immerhin befand sich ein Ladenlokal im Erdgeschoss, da schloss man oft nicht ab für den Fall, dass ein Lieferant erwartet wurde.
Er tippte gegen die Tür und wirklich schwang sie langsam und quietschend auf. James klemmte die Tüte unter die Achsel, nahm Bello auf den Arm und machte sich auf den Weg nach oben. Am oberen Absatz angelangt rief er nach Herrn von Weilert. Auch nun erhielt er keine Reaktion. Außer von Bello. Der kleine Hund nämlich wurde unruhig und wand sich dermaßen hektisch in seinen Armen, dass er ihn zu Boden setzen musste. Er konnte eben noch die Leine ergreifen, bevor Bello die Treppen runtersprang.
»Na also, kleiner Freund, was soll denn das? Hier geht es lang.« Er zog ihn an der Leine zurück und wandte sich zur Wohnungstür, klopfte auch dort an. Und fuhr zurück, als auch diese Tür sich öffnete. Bello bellte.
»Herr von Weilert? Wir haben einen Termin. Jetzt um elf. Herr Schneider hat mich angekündigt. Hoffe ich. Herr von Weilert?«
Unschlüssig stand James vor dem dämmrigen Flur. Er sah einen goldenen Spiegel auf der linken Seite, darunter ein Telefontischchen samt Sitz, gegenüber eine Mahagonigarderobe, an der drei Mäntel für Sommer, Winter und die Zeit dazwischen hingen. Auch drei Hüte lagen darüber, farblich passend. Ein Spazierstock und zwei Regenschirme warteten in einem hohen Bronzeständer auf ihren Einsatz; fünf Paar sehr elegante Schuhe für jeden Anlass standen exakt im selben Winkel auf einer länglichen Matte gleich hinter der Tür. Die Wände waren mit einer moosgrünen Tapete verkleidet, darauf hingen Landschaftsbilder und historische Stiche in vermutlich sehr teueren Rahmen, die mit Blattgold überzogen waren.
Erstaunlich, was man so alles in einer Sekunde aufnehmen kann, überlegte James. Bello kläffte immer aufgeregter und wollte offenbar fort von hier. James rührte sich nicht. Obwohl er Bellos Wunsch verstand, brauchte er ein Weilchen, bis er wirklich begriff, was er neben all dem unerwarteten Luxus sah. Einen einzelnen Schuh nämlich nach Budapester Machart. Rotbraunes Leder, auf Glanz poliert, schmal geschnitten und handgenäht. Sehr teuer, sehr elegant. Und sehr blutig. Was gar nicht anders sein konnte, lag er doch in einer tiefroten Lache, deren Ränder sich bereits braun färbten. Der Teppich, ein edler Orientteppich in verschiedenen Tönen, war sicherlich auf ewig ruiniert. Oder würde eine professionelle Reinigung seinen Wert doch erhalten können?
Bello winselte. Ohne recht darüber nachzudenken, was er tat oder was er vor sich sah, nahm James das Tier erneut auf, trat in den Flur und schloss die Tür hinter sich.
»Herr von Weilert, benötigen Sie Hilfe? Einen Arzt?«
Noch während er diese Fragen stellte, wurde James endlich klar, was er vor sich sah und was er befürchtete. Er setzte Bello auf den Sitz am Telefontisch, befahl ihm, sich nicht zu rühren, und machte einen langen Schritt auf Schuh und Blut zu, bemerkte, dass er noch immer die stinkende Papiertüte in der Hand hielt, und stellte auch diese auf dem Tischchen ab. Er schluckte, dann öffnete er die Tür zur rechten Seite, blickte in ein blau-grün gekacheltes Bad, das zwar nicht groß, aber dennoch luxuriös genannt werden musste. Abgesehen von der wertvollen Ausstattung, einigen flauschigen Badetüchern und Toiletteartikeln, die ebenfalls vom erlesenen und verwöhnten Geschmack des Bewohners Auskunft gaben, war in diesem Raum nichts, was James’ Misstrauen erregte.
Dunkel ahnte er, dass es klüger wäre, die Wohnung zu verlassen und die paar Schritte bis zum Rathaus zu laufen, wo das Kriminalkommissariat residierte. Ja wirklich, er sollte zu Emma und Wertheim und Siegfried gehen und ihnen mitteilen, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Vermutlich würde Siegfried begeistert aufspringen und sich hier umsehen wollen. Ja wirklich, das sollte er tun.
Trotzdem öffnete James auch die gegenüberliegende Tür; vage war ihm bewusst, dass er unvorsichtig und dumm handelte, aber zum Einen stand er unter dem Eindruck des vielen Bluts und zum Anderen brannte eine Neugierde in ihm, der er nicht widerstehen konnte. Und hatte er nicht ein Anrecht hier zu sein? Er war doch immerhin mit Weilert verabredet, nicht wahr?
Es ging ihm ganz ähnlich, wie es Emma oft gegangen war, wenn sie in einen Kriminalfall geriet. Sie hatte mehrfach versucht, es ihm verständlich zu machen, und obwohl er davon nichts hatte hören wollen (weil ihre Erklärungen gar zu sehr nach Ausrede und zu wenig nach Entschuldigung klangen), hatte er eine gewisse Vorstellung davon, wie sie sich in solcher Situation fühlen mochte. Hätte er in seiner entsetzen Verwirrung klar denken können, so hätte er zugeben müssen, dass er sie jetzt bestens verstand. Ja, wenn er in einem Roman las, dass die Hauptperson voranschritt, obwohl der gesunde Menschenverstand empfahl, schnellstens den Rückweg anzutreten, dann stöhnte er und schimpfte wegen dieser Dummheit.
Doch dann wieder galt das mit Vorsicht und Flucht eher für Leute, die gänzlich unerfahren waren, nicht wahr? Nach den Ereignissen auf Norderney war James geneigt, sich für nicht untalentiert auf dem Gebiet der Verbrechensbekämpfung zu halten, und auch vorher hatte er bereits, wenn es grummelnd, mehr als einmal dazu beigetragen, einen Fall aufzuklären.
All diese Dinge kamen ihm in den Sinn und so flüchtete er nicht, sondern handelte, wenn auch eher automatisch als bedacht. Er schaute also nun in die Küche, die nicht weniger kostbar und geschmackvoll eingerichtet war. Auf einem weiß lackierten Küchentisch befand sich ein Tablett, auf dem zwei Tassen, zwei Gläser und zwei kleine Teller standen, dazu eine Karaffe mit Limonade und ein größerer Teller mit Sandwiches und süßen Küchlein. Hatte Weilert das für ihn als seinem Besucher vorbereitet? Wieder überließ sich James seiner Eingebung: Er trat ein und nahm eines der Törtchen, das eben groß genug war, um mit einem Bissen verschlungen zu werden. Es schmeckte köstlich.
Bello winselte wieder, ganz leise nur. James verließ die Küche, streichelte das Tier, das sich an ihn schmiegte. »Don’t you worry, little boy, everything is just fine.«
Ernsthaft dachte James darüber nach, dem Hündchen ein Sandwich zu geben, entschied sich dann aber doch, erst einmal in das nächste Zimmer zu schauen. Auch das Schlafzimmer war zwar klein, doch elegant und teuer ausgestattet. Das Doppelbett stach James ins Auge. Erhielt Herr von Weilert oft amourösen Besuch? Oder war er ein Mann von stattlichem Format und wünschte daher mehr Platz?
Wahrhaftig grübelte James darüber nach, müßig und nachlässig, als wäre er nicht zutiefst beunruhigt. Mit der Hand strich er über das glatt polierte Holz des Bettpfostens, ging weiter zum auf Kipp stehenden Fenster und schaute von dort in den Hof zwischen den Nachbarhäusern. Es roch nicht eben lieblich – ein Fischhändler betrieb sein Geschäft nebenan. Nicht eben ideal für das Schlafzimmer eines anspruchsvollen Mannes. James kicherte unwillkürlich und erst jetzt, als er sich umdrehte, fiel ihm auf, dass die Schranktür offen stand und auch eine Schublade der Kommode herausragte.
Und jetzt endlich kam James in der Wirklichkeit an. Zum Odin aber auch – das ging nicht mit rechten Dingen zu!
»Herr von Weilert? Ist hier jemand?« Leise stöhnte er; noch dämlicher konnte er sich wirklich nicht verhalten. Er räusperte sich. »Ich warne Sie: Ich bin bewaffnet.«
James rollte mit den Augen. Am besten drohte er noch mit Bello, dem reißenden Wolf! Er schluckte, riss sich zusammen, dachte, jetzt müsse er auch zu Ende führen, was er in seiner Dummheit begonnen habe.
Zurück im Flur nickte er Bello zu, der sich auf dem gepolsterten Sitz zusammengerollt hatte, dabei aber äußerste Wachsamkeit bezeigte. Dann riss er die vierte und letzte Tür auf und stand im Wohnzimmer, das zugleich als Büro diente. Bücherregale zogen sich über drei Wände und sparten dabei nur das Fenster aus. Ein wuchtiger Schreibtisch stand linker Hand, rechter Hand eine breite Couch im Bauhaus-Stil samt passendem Beistelltisch, zwei Sesseln und einem gut bestückten Bartisch. Über der Sitzecke hingen allerlei Degen, Säbel und Dolche an der Wand. Der Eindruck war auch hier edel, vornehm, teuer und geschmackvoll.
Was nicht unbedingt für den Herrn galt, der in der Mitte des Raum bäuchlings auf dem roten Teppich lag. Er war nackt. Nahezu nackt, denn an seinem linken Fuß befand sich das Gegenstück zum Schuh im Flur. Was James über Gebühr verwirrte und beschäftigte. Mehr noch als die Tatsache, dass das Messer, das aus dem Rücken des Herrn ragte, vermutlich antik war und womöglich römischer Herkunft war. Unwillkürlich schaute James zur Waffensammlung und machte auch gleich einen leeren Haken aus, an dem der Dolch vermutlich gehangen hatte.
»Herr von Weilert?«
Vorsichtig näherte er sich dem Mann, fühlte – was ihn einiges an Überwindung kostete – den Puls in dessen Halsbeuge. Rasch zog er die Hand wieder fort. Er schüttelte sich. Dem Tod mochte er nicht begegnen und konnte das auch nicht ohne Schaudern. Dazu war es ihm viel zu intim, einen unbekleideten Mann zu berühren; dass dessen Haut noch warm und weich war, trug nun gar nicht zu James’ Wohlbefinden bei.
Aus dem Hausflur klang eine männliche Stimme. James fuhr zusammen, hastete an die Wohnungstür und lauschte, was draußen vor sich ging. Und atmete erleichtert auf: Uhrmacher Schumacher verabschiedete offenbar einen Botenjungen, der nicht durch die Ladentür hatte gehen dürfen oder wollen.
Nichtsdestotrotz hatte James es nun eilig. Nicht nur, dass er befürchtete, es tauche der Mörder jeden Augenblick wieder auf, er war sich endlich auch seiner Pflicht als guter Bürger bewusst. Die Polizei musste her, auf der Stelle. Er nahm Bello auf, drückte ihn fest auf sich und beruhigte vermutlich mehr sich selbst als den Hund, als er ihm wieder und wieder zuwisperte, alles wäre in Ordnung.
Was es nun absolut nicht war.