Was ich nun schon verraten kann: Es wird dieses Mal in zumindest einer Hinsicht etwas traurig werden. Das hatte ich natürlich nicht geplant – wie auch, wenn ich nicht plotte? Aber wie das immer so ist, wenn ich voller Vertrauen sowohl in Emma wie auch in meine Fantasie starte, dann ergibt sich immer etwas für mich Unerwartetes.
(Weshalb ich heute noch grinsen muss, wenn ich an die zwei oder drei Rezis zu dem einen oder anderen Krimi denke, in denen gesagt wurde, es wäre auch deshalb so langatmig und öde gewesen, weil man von Anfang gewusst habe, wie es ausgeht – und das bei Geschichten, in denen ich mit allen Regeln breche und einen Mörder mehr oder weniger aus dem Hut zaubere. Ich kann solche Hellsicht nur bewundern und rate dringend zu einer Karriere in Zirkus, Kaberett oder Varieté)
Nun, dieser dritte Roman, der Emma bei ihren Ermittlungen in London begleitet, beginnt ruhig. Also langatmig. Total öde. Emma würde widersprechen, sie empfindet ihren Wochenstart als sehr hektisch und stressig und zwar so sehr, dass sie dankbar dafür ist, sich um Lohntüten und Buchhaltung kümmern zu müssen, da hat sie für drei Stündchen ihren Frieden und ihre Freude. Nicht unbedingt eine Ansicht, die ich mit meiner Heldin teile.
Ja, das wollte ich nur mal kurz mitteilen. Und hey, bestellt vor – bei Amazon oder über einen der Läden der Tolino-Allianz (ich finde Hugendubel irgendwie am sympathischsten). Schubst mich, drängelt mich und unterstützt mich gerne. Sehr wahrscheinlich wird das Buch Anfang Juni erscheinen. Also los jetzt, kauft mich! Oder ähm, nein, das Buch, kauft das Buch, sorgt dafür, dass ich mir Brot leisten kann. :D
Wie ist es, mit Emma, ihrer Familie und Freunden aus den Goldenen Zwanzigern hineinzugehen in die Dreißiger? Die Dreißiger, die schnell grauer und kälter wurden, bis endlich die Nazis ihr Ziel erreicht hatten und aus der doch eher bunten und hoffnungsfrohen Weimarer Republik (mit all ihren vielen, vielen Fehlern und Schwächen) das Dritte Reich erschufen, das für viele Bürger zur tödlichen Gefahr wurde. Da ist mein lieber Simon Wertheim, Kriminalkommissar und Bönnscher Jung mit einer Vorliebe für Gerechtigkeit und Rosinenschnecken, der stets menschlich integer handelt, wenn auch nicht immer nach den Buchstaben des Gesetzes. Wieso muss ich ihn in diesen Horror stürzen? Nun, gerade seinetwegen habe ich schon früh in der Serie entschieden, nicht auf ewig in den Zwanzigern zu bleiben, obwohl doch einige Serien (vor allem im englischsprachigen Raum) sehr erfolgreich genau das tun. Ewig fließt der Champagner, die Kapelle hört nie auf, den Charleston zu spielen, immerzu sausen mutige Frauen mit Bob und Perlenkette im schicken Zweisitzer über die Landstraßen und ewig dürfen wir uns wohlfühlen.
Oder eben nicht. Denn wir wissen ja doch, was kommt, und irgendwie wird man beim Lesen immer im Hinterkopf die Sorge haben, was wohl mit dem lieben Wertheim geschehen wird. Oder ob Siegfried am Ende zur SS geht. Oder wie Sybil ihre Tanzschule erhalten will. Oder ob Emma der Ideologie anheimfällt und nichts anderes mehr tun wird, als Kinder zu bekommen. Vor allem möchte man doch aber wissen, ob sie die moralische Prüfung dieser Zeit bestehen und überleben. Anständig, ohne schuldig zu werden. Oder wie sie mit dieser Schuld umgehen werden.
Alle Fragen will und kann ich nicht beantworten, schon gar nicht in diesem Beitrag. Was ich verraten kann: Ich habe bis ins Jahr 1936 geplant; darüber hinaus ist es mir unmöglich, Emma weiterhin in ihrem geliebten Bonn ermitteln zu lassen. Weil es nicht mehr ihr geliebtes Bonn sein wird. Aus verschiedenen Gründen. Ob es darüber hinaus weitergeht, weiß ich nicht. Dauert ja auch noch.
Um was es mir jetzt geht, ist die Frage, wie ich überhaupt mit den Dreißigern umgehen kann und werde und wie es für dich als Leserin sein mag. Wie lustig und locker darf ein Roman überhaupt sein, wenn er in Zeiten der Wirtschaftskrise und dem schleichenden Ende der Demokratie spielt? Ist da nicht jedes Lachen fehl am Platz? Gerate ich am Ende in die Falle, eine unmenschliche Diktatur mit ihren tödlichen Gesetzen zum gewaltherrlichen Hintergrundrauschen zu machen? Es gibt solche Geschichten, in denen das Leid der Verfolgten zu nichts anderem dient, als den Hauptpersonen – die nicht verfolgt sind und bestenfalls darüber jammern, dass es so gar nicht hübsch ist, wenn die SA durch die Stadt marschiert – Gelegenheit zu bieten, sich als bessere Menschen zu beweisen. Was ihnen dann das Recht geben soll, über den verlorenen Krieg und den toten Neffen zu weinen, weil sie das ja alles gar nicht gewollt hätten.
Ganz ehrlich, natürlich habe ich Angst davor, meine Serie in diese Zeiten hinein weiterzuschreiben. Ich fürchte mich sehr davor, da etwas falsch zu machen. Einen blöden Eindruck zu erwecken. Dem Pathos zu erliegen. Meine Figuren unglaubwürdig handeln zu lassen. Aber was muss, das muss – und das muss.
Aber dann leben wir auch in schlechten Zeiten, wenn es uns auch noch recht gut geht. Irgendwie. Man kann ja vieles ausblenden, es schönreden, wegschieben, nicht glauben: Ob es der Krieg in der Ukraine ist, der doch eigentlich nichts mit uns zu tun hat. Oder die Frauen im Iran, die sich wegen eines kleinen Stückchen Stoff aufregen. Das Klima, das doch nichts weiter als nur Wetter ist. Der massive Rechtsruck überall in der Welt, der doch halt nur Ausdruck gelebter Demokratie ist. Die gleichzeitige Einschränkung von Frauenrechten, die … Nun ja, da fällt mir gar nichts mehr ein, womit ich das zudecken und wegschieben könnte. All diese Dinge sind sehr real und sehr gefährlich und spätere Generationen – so es sie noch geben wird – schauen vielleicht auf diese 2020er und sagen, da hat man es gleich gesehen, was kommt. Und vielleicht würden sie nicht glauben, wenn wir sagen, dass wir es nicht gewusst haben. Weil wir es nicht hätten ertragen können, es sicher zu wissen. Weil wir uns das von Tag zu Tag leben angewöhnt haben, ohne es zu merken. Weil wir jedes kleine schöne Ereignis als Zeichen dafür nehmen wollten, es wird alles wieder gut.
Und dann gucken wir auf die 1930er und denken: Ja, da hat man es schon sehen können, da war doch schon klar, was kommen würde. Deshalb schrecken wir auch schon zurück, wenn eine Geschichte 1930 spielt – das ist ja so nah dran, das ist ja fast schon Drittes Reich, das kann ja nur schrecklich werden. Aber nein. Es ist ein schlimmes Jahr gewesen, in dem wohl einige Weichen gestellt wurden. Aber es ist auch das Jahr, in dem ‚Die Drei von der Tankstelle‘ gedreht wurde – ein Film, in dem man sich über die Wirtschaftskrise und ihre Folgen für drei Lebemänner lustig machte. Bestimmt war auch dieser Film für viele ein Zeichen, dass alles gut werden würde.
Emma und James geht es in diesen Zeiten bis zur Wahl 1933 wie vielen: Sie krebsen herum, wenn es ihnen dank der reichen Verwandten und dem eigenen Haus auch besser geht als vielen anderen. Sie schuften und sparen und teilen den Haushalt mit den lieben Voellers. Aber sie suchen auch nach dem kleinen Schönen, das sie zum Lachen bringt und sie davon überzeugt, die Welt ist großartig. Irgendwann werden sie aufwachen müssen, irgendwann werden sie sich entscheiden müssen. Sie werden es hinauszögern, bis es nicht mehr geht. Wie Wertheim übrigens, der seine Heimat nicht verlassen will. Und das ist kein Spoilern, sondern ein Versprechen, wenn ich sage: Simon Wertheim wird 1950 in Bonn auf dem Markplatz stehen und an seine Zeit bei der Kriminalpolizei zurückdenken.
Als ich irgendwann im Frühjahr 2007 das erste Mal darüber nachdachte, einen Kriminalroman zu schreiben, der im Bonn der 1920er spielen sollte, hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass
ich das wirklich nicht nur ein Mal, sondern nun schon zum fünfzehnten Mal tun würde,
meine Heldin zu Beginn sich als schüchtern erweisen sollte und
ich immer wieder feststellen muss, wie viele reale Ereignisse der Geschichte zu dem passen, was zum Zeitpunkt des Schreibens vor sich geht.
Ja und nun habe ich langsam das Gefühl, dass ich diese Serie vielleicht gar nie wirklich werde beenden können oder nicht so, wie ich es mir dachte. Jetzt, im aktuellen Projekt Emma Nr. 15, ist es Oktober 1930 und in wenigen Tagen werden NSDAP, KPD und DNVP im Parlament Misstrauensanträge gegen Reichskanzler Brüning. Der gehörte der Partei Zentrum an und hatte, nachdem die Nazis bei der Wahl im September enorm an Stimmen hinzugewonnen hatte, Anfang Oktober erste Gespräche mit der NSDAP geführt – zwecks Regierungsbeteiligung. Was die nicht daran hinderte, gegen Brüning zu intrigieren. Es ist lachhaft, vor allem aber tragisch, dass Brüning nur deshalb im Amt bleiben konnte, weil die SPD diesen Anträgen nicht zugestimmt hat – ausgerechnet den Linken musste er dafür danken, obwohl er ganz klar weiter nach rechts rücken wollte.
Vor einigen Jahren noch habe ich fest geglaubt, wir hätten es kapiert. Dass man keine Nazis wählt. Dass man nicht mit ihnen paktiert. Dass man nicht annehmen sollte, man könne sie unter Kontrolle haben, weil man mit ihnen koaliert. Eine Glaube, der mir in den letzten Jahren schon vergangen ist. Und nun haben wir Hessen erlebt und Bayern – es werden Antidemokraten demokratisch gewählt, die faschistisches Gedankengut erneut zur alltäglichen und gelebten Realität machen wollen. Wem das keine Angst macht, macht mir Angst. Das gebe ich gerne zu. Wie sollte ich auch keine Angst vor Menschen haben, die gegen ihre eigenen Interessen wählen, nur weil sie wollen, es soll anderen schlecht gehen? Oder welchen Grund sonst kann es geben?
ABER das Ganze hat doch auch etwas halbwegs Gutes: Wir können unsere Vorfahren vielleicht etwas besser verstehen. Wie viel Furcht viele von ihnen gehabt haben müssen, weil sie nicht in einem Land leben wollen, dass Menschen willkürlich in wertvoll und entbehrlich einteilen. Wie sehr manche versucht haben, zu warnen, und irgendwann resigniert aufgegeben haben. Wie diejenigen, die am stärksten bedroht waren, die Hoffnung nicht aufgeben wollten, es würde nicht so schlimm werden – weil man doch hier daheim war und Freunde hatte. Wie viele sich ins eigene Heim oder ins innere Ich zurückgezogen haben, um nur nicht aufzufallen. Wie sie versucht haben, noch schnell so viel Glück herauszuschinden, wie es nur ging, bevor das, was man fürchtete, wahrhaftig eintraf.
Von denen, die gar nicht genug jubeln konnten im Herbst 1930 und ungeduldig auf den Umsturz warteten, möchte ich nicht zu viel sprechen. Nicht hier und auch nicht in den Fräulein-Schumacher-Krimis. Ja, natürlich finden sie statt, ich werde sie zeigen und vielleicht versuchen, die Motivation des einen oder anderen zu begreifen und sie nicht zu eindimensionalen Böswichtern zu machen. Ebenso wenig will ich das Märchen spinnen, die meisten Deutschen hätten nichts gewusst oder wären entsetzt gewesen. Blind und taub war man schon mit Absicht, damals wie heute, aber Furcht ist leider ein stärkerer Trieb als Nächstenliebe.
Aber jetzt, heute, hier, schaue ich mich um und erkenne, es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass wir erneut in eine sehr dunkle Zeit gehen. Eine, die wir dumm und willig herbeiführen. Und da liegt der Vorteil des Romans: Ich habe es in der Hand, meine Figuren zur Einsicht zu bringen, sie zu retten und sie anderen helfen zu lassen. Und ich kann nun viel zu gut nachvollziehen, wie sich Emma und James und mein geliebter Wertheim gefühlt haben, wenn sie die Zeitung aufschlugen oder den Nachrichten im Radio lauschten. Sehe ich zu pessimistisch in die Zukunft? Ich hoffe es sehr. Für mich selbst wäre es mir gar nicht so wichtig, aber für meine Söhne …
Sorry, dass ich wieder einmal nichts Positiv-Lustiges beizutragen habe. Doch zwischen Klimakatastrophen, Kriegen und den letzten Wahlen blieb mir heute nichts, als meine Gefühle aufzuschreiben. Für Emma hingegen lasse ich diese Sorgen noch in den Hintergrund treten – ich meine: James ist verhaftet worden. Was bedeuten ihr da irgendwelche Politiker im fernen Berlin?
Das Bonn, durch das Emma und Kommissar Wertheim laufen, unterscheidet sich in vielem von dem Bonn, das wir heute kennen. Nicht nur, weil ein komplettes Viertel den Kriegsgelüsten eines Führers zum Opfer gefallen ist und manch anderes dem Geschmack der nachfolgenden Jahrzehnten, sondern auch deshalb, weil ich mir gelegentlich Freiheiten genommen habe darin, wo und wie ich Handlungsorte angelegt habe.
In den allermeisten Fällen verwende ich Geschäfte, Lokale und Hotels, die im betreffenden Jahr des Romans existierten. Eine Ausnahme habe ich vielen Tatorten gemacht: Den Salon von Madame Mirabeau beispielsweise gab es so wenig wie das Modeatelier Dezière. Im letzten Tanz habe ich einige Tanzlokale erfunden, da ich in dieser Hinsicht nicht viel finden konnte in dem Recherchematerial, das mir zur Verfügung stand.
Dann gibt es die Orte, von denen ich wohl weiß, wo sie waren – das Kommissariat der Kriminalpolizei befand sich in der Tat im Alten Rathaus -, aber nicht, wie sie aussahen. Hier habe ich mir also eine Wache überlegt, wie sie zu Wertheim und Siegfried passen könnte.
Andere Orte wiederum habe ich entweder verlegt oder darauf verzichtet, sie umzuziehen, auch wenn das in der Realität der Fall war. Deshalb befindet sich die Rechtsmedizin in der Universität, in der sie kurz einmal untergeschlüpft war; mir gefällt die Idee, dass Wertheim nur wenige Schritte gehen musste, um dorthin zu gelangen, und dass er sein Unbehagen mit einem Blick auf den Hofgarten lindern kann.
Auch was die Personen angeht, habe ich mich oft von echten Namen im Telefonbuch inspirieren lassen. Manchmal habe ich die Namen leicht abgeändert, wie ich es gerade jetzt im 13. Band der Reihe mit einer Schuldirektorin getan habe. Die Schule existierte wirklich, hatte aber natürlich nichts mit dem Mordfall zu tun.
Insgesamt ist es also so, dass die damalige Realität meine Fiktion überwiegt, wobei keine/r von uns das alte Bonn wirklich erlebt hat und somit eigentlich jede historische Geschichte immer Fiktion bleiben muss.
Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer aus adliger Familie stammenden Engländerin das Bonn der Kaiserzeit, einer reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und jeder Menge Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.
Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte. Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.
Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach die Spanische Grippe aus, die viele Opfer forderte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod.
Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte, und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas Geburtstags- und Genesungskuchen eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte, und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.
Wieder einmal ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die ersten und einzigen Bomben auf Bonn. Einunddreißig Menschen starben und Emmas Geburtstag ist ab nun auch der Todestag ihrer Mutter.Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei.
So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte unsere Heldin, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher. Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte – ganz so, wie es wohl den meisten jungen Mädchen ergeht. Still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war, oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß.
Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zu Ungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quält Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, anstatt aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso.
Aber der Wunsch nach Veränderung und Unabhängigkeit wird stärker und als sie befürchtet, etwas sei mit dem geliebten Papa geschehen, da endlich bricht sie auf …
Ausgerechnet Bananen, Bananen verlang ich von ihm! Nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen , klang es durch die Arndtstraße 13a früh am Mittwochmorgen. Sybils Sopran schwang sich zu immer erstaunlicheren Höhen auf, während sie in der Wanne plätscherte.
Emma drückte sich ihr Kissen auf die Ohren. Oh bitte! Schlafen wollte sie. In Ruhe! Sybil war mittlerweile von den Bananen abgerückt und forderte ein unbekanntes Du auf, sie doch in Hawaii zu besuchen, da ihr Herzchen frei sei. Emma warf das Kissen durch den Raum und griff sich den Wecker. Gerade einmal sieben Uhr, die Sonne drang noch nicht durch die Dämmerung.
Fritz Löhner-Beda
Dass Sybil dieses Lied heraus schmettert, liegt natürlich an seiner unglaublichen Beliebtheit, die sich über Jahre hielt: Aus der Refrainzeile ist längst ein geflügeltes Wort geworden. Sybil tanzt sich also in der ersten Zeit in Bonn durch alle Säle, Hallen und Cafés und mit Sicherheit lief dieses Lied wenigstens dreimal am Abend. Die Melodie stammt ursprünglich aus den USA, wo es allerdings mit einem Text gesungen wurde, der uns heute zu Recht rassistisch anmutet und am besten vergessen wird. Somit stehen die „Bananen“ auch für den wachsenden Einfluss Amerikas auf die alte Welt; immer öfter schwappen Moden, Melodien und Marotten von dort nach hier.
Aber es steckt mehr hinter meiner Liedwahl als diese beiden Gründe. Der Schlagerdichter Fritz Löhner, von dem der Text stammt, ist ein österreicher Jude. Noch sind die Ressentiments den Juden gegenüber in England und Polen beispielsweise deutlich größer als in Deutschland, wo die Wandlung vom Fremden zum Mitbürger weiter fortgeschritten war, dafür sorgten im 19. Jahrhundert unter anderem Frauen wie Rahel von Varnhagen und Fanny Lewald, in deren Salons die Geistesgrößen der deutschen Länder sich trafen, aber auch einige Gesetzesreformen, die viele Beschränkungen aufhoben, denen die Juden hier unterworfen waren. Und für deutsche Männer jüdischen Glaubens war es genauso selbstverständlich wie für Katholiken oder Protestanten, Kaiser und Vaterland im Krieg zu dienen. Was sicherlich zu dem trügerischen Gefühl der Gleichheit beitrug, das in den Zwanzigern erstarkte.
Als einige Jahre später Hitler es endlich geschafft hat, auf scheinbar legalem Wege an die Macht zu gelangen, jubelten ihm viele zu, die sich endlich eine klare Linie erhofften. Die meisten dürften geglaubt haben, die ständige Hetzerei gegen die jüdischen Deutschen nähme dann ein Ende, sei gar nicht ernst zu nehmen – auch viel zu viele Juden glaubten das, denn war es nicht mit jedem Jahrzehnt aufwärts gegangen? Und so blieben sie hier, besorgt zwar, aber zuversichtlich. Wie mochte es erst einem Juden im Wien gehen? Sicherlich hat Löhner mit Sorge die Entwicklungen im benachbarten Deutschland betrachtet, aber sich nicht betroffen gefühlt, bis auch in Österreich die Stimmung kippte.
Zweimal war er verheiratet, einmal geschieden. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, mit seiner zweiten Frau zwei Töchter. Einen Tag nur nach dem Anschluss Österreichs wurde er verhaftet und zunächst nach Dachau transportiert. Ein halbes Jahr später nach Buchenwald, wo er bis 1942 blieb. Er hoffte auf Fürsprache der Leute, mit denen er gearbeitet hatte, doch nichts geschah. Dann folgte der Transport nach Auschwitz, wo er starb – erschlagen, weil er mit fast sechzig Jahren und ruinierter Gesundheit nicht ausreichend arbeitsfähig war für den Geschmack einiger IG-Farben-Direktoren. Während man den Mann vernichtete, spielte man seine Lieder – natürlich, ohne seinen Namen zu nennen. Ob Donna Clara oder Liebe Hans, der etwas mit einem Knie macht oder eben die Bananen – seine Texte sang fast jeder mit.
Auch seine Frau und die beiden Töchter überlebten die Naziherrschaft nicht: Noch vor Löhners Tod wurden sie nach Minsk in das Lager Maly Traszjanez verschleppt, wo sie gemeinsam ermordet wurden. Ob Löhner von dem Schicksal seiner Familie erfahren hat? Man möchte hoffen, dass ihm das erspart geblieben ist.
Wenn Sybil nun also sein fröhliches Lied trällert, dann sind wir ganz in dieser hoffnungsfrohen Zeit, die Freiheiten gewährte, die es seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Doch es weist auch auf die Schrecken, die noch folgen werden.